Obgleich der Schweizer Schriftsteller Robert Walser in den vergangenen Jahren verstärkt in der Forschungsliteratur behandelt wurde, gehört er doch bis heute zu den am wenigsten beachteten großen Schriftstellern der Moderne.
Walsers Protagonisten sind Vagabunden, Schelme und rebellische Dienerfiguren, die die entfremdeten Arbeitsverhältnisse und Identitätsprobleme um die Jahrhundertwende offenbaren und dadurch zu ‚sozialen Grenzgängern’ werden.
Auch das Motiv der Liebe - beeinflusst von den Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft - ist bei Robert Walser von Grenzüberschreitungen bestimmt. In den meisten anderen Romanen um die Jahrhundertwende werden traditionelle zwischengeschlechtliche Beziehungen thematisiert, die auf der Aufspaltung von männlichen und weiblichen Seinsbereichen beruhen.
Im Gegensatz dazu brechen Walsers Figuren jene scharfe Grenzziehung auf, lassen die Trennlinien verschwimmen und zeigen Möglichkeiten des flexiblen Rollenwechsels zwischen den Geschlechtern.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die bürgerliche Gesellschaft
2. Erzählperspektive
3. Figurenkonstellation
3.1 Joseph Marti
3.2 Herr Tobler
3.3 Frau Tobler
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Geschlechterverhältnis in Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ und analysiert dieses vor dem Hintergrund der bürgerlichen Gesellschaft der Jahrhundertwende. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie die Figuren durch ihre sozialen Rollen geprägt sind und wie die Erzählperspektive dazu beiträgt, das langsame Scheitern bürgerlicher Werte und Konventionen darzustellen.
- Analyse der bürgerlichen Gesellschaftsstruktur und ihrer Normen
- Untersuchung der komplexen, teils widersprüchlichen Erzählperspektive
- Detaillierte Analyse der Figurenkonstellation (Joseph Marti, Herr Tobler, Frau Tobler)
- Verbindung zwischen individueller Rollenwahrnehmung und gesellschaftlichem Verfall
- Deutung der Geschlechterbeziehungen unter dem Aspekt der Fremd- und Selbstbestimmung
Auszug aus dem Buch
2. Erzählperspektive:
Die problematische Erzählperspektive des Romans wurde von vielen Interpreten kontrovers diskutiert. Vordergründig scheint sie dem Begriff der personalen Erzählsituation zu entsprechen. Diese Annahme ist jedoch nur bedingt richtig, da im vorliegenden Roman eine erstaunliche Vielfalt an erzählerischen Einstellungen vorhanden ist. Abwechselnd und manchmal auch überschneidend treten auktoriale, monologische sowie reflexive Erzählpassagen auf.
Andreas Gößling zum Beispiel bezeichnet dies in seiner Interpretation als eine auktoriale Erzählerinstanz, die sich oberhalb der Figurenwelt etabliert, welche dann wiederum durch monologische und reflexive Erzählperspektiven dargestellt wird.
Allerdings scheint es plausibler zu sein, dass die verschiedenen Ebenen nicht hierarchisch voneinander zu trennen sind, sondern eher gleichberechtigt nebeneinander existieren, sozusagen eine Doppelheit der Erzählperspektive bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die Bedeutung Robert Walsers in der Moderne aufgezeigt und die Forschungsfrage nach der Darstellung von sozialen Grenzgängern und dem Motiv der Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft skizziert.
1. Die bürgerliche Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Jahrhundertwende, insbesondere die bürgerlichen Wertesysteme, Tugenden und die Bedeutung des Sozialprestiges.
2. Erzählperspektive: Die Untersuchung zeigt auf, dass der Roman durch eine komplexe Mischung aus auktorialem und personalem Erzählen geprägt ist, die eine einfache Zuordnung der Perspektive verhindert.
3. Figurenkonstellation: Hier werden die Hauptfiguren Joseph Marti, Herr Tobler und Frau Tobler in Bezug auf ihre Charaktereigenschaften, ihre sozialen Rollen und ihre wechselseitigen Beziehungen analysiert.
4. Schlussbemerkung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und es wird dargelegt, wie die Doppelheit der Erzählperspektive den literarhistorischen Kontext des Bürgertums und dessen Entfremdung widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Robert Walser, Der Gehülfe, bürgerliche Gesellschaft, Geschlechterverhältnis, Erzählperspektive, Figurenkonstellation, Joseph Marti, Herr Tobler, Frau Tobler, Jahrhundertwende, soziale Rollen, Identitätsprobleme, Entfremdung, bürgerliche Normen, Rollenwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Geschlechterverhältnis in Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft der Jahrhundertwende.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die bürgerlichen Gesellschaftsnormen, die erzählerische Struktur des Romans sowie die Psychologie und Interaktion der Hauptfiguren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Walser durch die Konstellation seiner Figuren und eine spezifische Erzählweise das Scheitern bürgerlicher Lebensideale thematisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die erzähltheoretische Aspekte mit kulturhistorischen Kontexten zur bürgerlichen Gesellschaft verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Erzählperspektive sowie die individuellen Figuren Joseph Marti, Herr Tobler und Frau Tobler intensiv untersucht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Charakteristische Begriffe sind Robert Walser, bürgerliche Gesellschaft, Erzählperspektive, Figurenkonstellation und Geschlechterverhältnis.
Inwiefern beeinflusst die Erzählperspektive die Interpretation der Frau Tobler?
Die Erzählperspektive ermöglicht es, Frau Tobler sowohl als Allegorie für bürgerliche Konventionen als auch als vielschichtige, unbegreifliche Figur darzustellen.
Welche Rolle spielt die Bootsfahrt für die Interpretation der Beziehung zwischen Joseph und Frau Tobler?
Die Bootsfahrt offenbart verborgene, nicht konforme Eigenschaften von Frau Tobler und zeigt eine Momente der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Verständnisses auf, die über das klassische Herr-Diener-Verhältnis hinausgehen.
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- Jana Marquardt (Author), 2003, Das Geschlechterverhältnis in Robert Walsers Roman 'Der Gehülfe' vor dem Hintergrund der bürgerlichen Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56175