Grammatik- oder Stilnormfehler? Kritische Betrachtung typischer Grammatikfehler mit Schwerpunkt auf Kasusfehlern


Seminararbeit, 2005

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ein Grammatikfehler?
2.1 Systemfehler
2.2 Stilnormfehler

3. Typische Fehler genau betrachtet
3.1 Schülerfehler
3.2 Fehler in Medien und im Alltag

4. Sprache im Wandel: Beispiel Kasus
4.1 Der Dativ – „Feind“ von Genitiv und Akkusativ?
4.2 Natürliche Veränderung oder Verfall?

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das ist Peter sein neues Auto! Seine alte Karre hat er wegen dem Motorschaden verschrotten lassen.“ Dies sind zwei im täglichen Leben aufgeschnappte Sätze, ohne Zweifel für jedermann verständlich. Dem Sprachwissenschaftler treiben sie jedoch Sorgenfalten auf die Stirn: Schließlich enthält jeder Satz einen grammatischen Fehler. Diese beiden Fehler haben eine Gemeinsamkeit – sie hängen beide mit der (in)korrekten Verwendung der Kasus zusammen. Während die Wendung „wegen dem“ bzw. „wegen den“ mittlerweile fast vollständig in den Sprachgebrauch übergegangen ist, vom Duden als „umgangssprachlich korrekt“ bezeichnet wird und selbst so manchem Nachrichtensprecher korrekt erscheint, lässt der Fehler im ersten Satz („Peter sein Auto“) noch etwas mehr aufhorchen. „Hätte es nicht ,Peters Auto’ heißen müssen?“, fragt man sich insgeheim. Aber letztendlich sieht man darüber hinweg, man hat den Satz ja inhaltlich verstanden, und stolpert irgendwann einmal selbst über diese ungrammatische Wendung...

Diese Hausarbeit im Rahmen des Hauptseminars „Textgrammatische Arbeit in der Schule“ soll insbesondere der Frage nachgehen, aus welchen Gründen die inkorrekte Verwendung des Kasus, im Speziellen des Genitivs, in der deutschen (Alltags-)Sprache so stark Einzug gehalten hat und der Genitiv immer mehr dem Dativ weichen muss. Dieses Phänomen tritt schließlich nicht nur bei den oben genannten Exempeln auf – auch „statt dem“, „das Auto von Peter“ und vieles weiteres mehr stellen Beispiele für die Umgehung des Genitivs und die (falsche) Heranziehung des Dativs dar. Liegt es daran, dass die Bildung des Genitivs als so kompliziert angesehen wird? Klingt der Genitiv („wegen des Motorschadens“) vielleicht mittlerweile zu hochgestochen? Außerdem möchte ich diskutieren, ob es – auch im Hinblick auf den Schulunterricht – sinnvoll ist, diese Fehler strikt zu korrigieren und den Schülern abzugewöhnen: Wird dadurch vielleicht sogar ein ganz natürlicher Sprachveränderungsprozess gestört oder ist es eventuell schon zu spät, diesen zu stoppen? Ist jeder Fehler auch wirklich ein Grammatikfehler, oder gilt es hier zu differenzieren? Inspiriert wurde ich zu dieser Hausarbeit neben meinem persönlichen Interesse von Bastian Sicks „Wegweiser durch den Irrgarten der deutsche Sprache“, der treffenderweise „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ heißt und ebenfalls, auf sehr amüsante Weise, folgender Frage nachgeht: „Hat der Genitiv noch eine Chance – trotz des Dativs und dem Dativ zum Trotz?“[1] Wenn es darum geht, die korrekte Grammatik zu beschreiben, werde ich mich auf die Weinrich-Grammatik und den Duden, Band 4, stützen.

Um in dieser Arbeit möglichst „authentische“ Fehler zu verwenden, werde ich unter anderem auf Schüleraufsätze zurückgreifen, die so in dieser Form tatsächlich formuliert wurden und diverse zu diskutierende Grammatikfehler aufweisen. So weit wie möglich wird mein Hauptaugenmerk auf Kasusfehlern liegen, aber auch andere interessante grammatische Fehler werden nicht unbeachtet bleiben. Auch Grammatikfehler in Medien wie z.B. im Fernsehen und in Zeitungen möchte ich mit einbeziehen, da Medien bekanntermaßen einen großen Einfluss auf Schüler und auch deren Sprache haben. In der hiesigen Tageszeitung, der Braunschweiger Zeitung (BZ), ist vor einigen Wochen auf der Leserbriefseite eine kontroverse Diskussion über die angeblich „so hohe Anzahl von Grammatikfehlern“ in der BZ entstanden – mehr dazu folgt ebenso im Verlaufe dieser Hausarbeit.

Beginnen werde ich jedoch mit einer theoretischen Einführung, um hierin den Fragen nachgehen: Wie definiert sich überhaupt ein Grammatikfehler? Und: Gibt es verschiedene Grammatikfehlerarten?

2. Was ist ein Grammatikfehler?

Liest ein Deutschlehrer einen Schüleraufsatz, so sieht er in der Regel sofort, was er als Grammatikfehler anstreichen muss und meistens weiß er auch, wo der jeweilige Fehler seinen Ursprung hat: Der Schüler hat von einer sprachlichen Regularität abgewichen. Oftmals wiederholen sich die Fehler oder sie „sind charakteristisch für ein bestimmtes Alter, andere zeigen unzweifelhaft eine bestimmte soziale Herkunft an oder häufen sich bei Sprechern bestimmter Dialekte.“[2] Diese Fehler lassen sich dann unter der Kategorie „Systemfehler“ zusammenfassen. Allerdings ist es für eine Lehrkraft nicht immer so eindeutig, sodass „er bei bestimmten Formulierungen seiner Schüler mit dem Anstreichen zögert.“[3] Im Folgenden sollen verschiedene Fehlerarten und auch das eben angedeutete Phänomen genauer beleuchtet werden.

2.1 Systemfehler

Als Systemfehler bezeichnet man allgemein alle eindeutigen Fehler, die aus dem Verstoßen gegen eine grammatische Regel resultieren. Korrigiert werden diese Fehler, weil die Schüler lernen sollen, „eine Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen, die wir das Standarddeutsche, das Hochdeutsche oder auch die deutsche Literatursprache nennen.“[4] Sehen wir uns ein konkretes Beispiel an. Im Satz „Das Vibrieren der Motoren sollten jemandem, der viel fliegt, bekannt sein.“ liegt beispielsweise eindeutig ein Kongruenzfehler in Bezug auf den Numerus vor. Auch der Grund, wegen dessen der Schüler die Pluralform von „sollten“ gewählt hat, liegt auf der Hand: Offenbar hat ihn der Plural von „der Motoren“ irritiert. Etwas schwieriger für den Lehrer wird es bei zusammengesetzten Substantiven, die ein adjektivisches Attribut mit sich führen: „erhöhtes Spannungsverhältnis“ oder „staatlicher Funktionsträger“. Wo liegt der Systemfehler? Er rührt daher, „daß sich das adjektivische Attribut grammatisch nur auf den zweiten Bestandteil eines zusammengesetzten Substantivs beziehen kann, daß in den Beispielen von der Bedeutung her aber nur ein Bezug auf den ersten Bestandteil möglich ist.“[5] So bezieht sich im ersten Ausdruck „erhöhtes“ eigentlich auf das „Verhältnis“, während man es hier jedoch auf die „Spannung“ bezieht. An diesem Beispiel wird sehr gut deutlich, was unter anderem der Grund für einen Systemfehler sein kann: „Überforderung durch die Komplexität einer Konstruktion“[6]. Zudem kann der Fehler die Konsequenz aus schlichter Unachtsamkeit sein. Charakteristisch für den Systemfehler ist, dass ihn „ein kompetenter Sprecher als Fehler akzeptieren [wird]“ und dass „die grammatische Regularität erkannt wird, gegen die verstoßen wurde“[7].

2.2 Stilnormfehler

Wie bereits oben angedeutet, macht wohl jeder Lehrer irgendwann beim Korrigieren die Erfahrung, dass er eine Stelle intuitiv in einem Schüleraufsatz anstreichen möchte, hierbei allerdings zögert. Man fragt sich: „Hat der Schüler gegen eine Stilnorm verstoßen, etwa verschiedene sprachliche Register vermischt ... oder liegt ein wirklicher grammatischer Fehler vor?“[8] Da der Lehrer ob 30 oder mehr Aufsätzen schon aus Zeitmangel nicht jeden einzelnen Fehler genau überprüfen kann, wird er meistens ein „A“ für Ausdrucksfehler oder ein „St“ für einen Stilfehler an den Rand schreiben – „schon um der Gefahr einer Fehlkorrektur zu entgehen“.[9] Nur Lehrer, die sich ihrer Grammatikkenntnisse sehr sicher sind, werden gegebenenfalls den Fehler als Grammatikfehler kennzeichnen.

Dieses „Ausweichen“ auf andere Fehlerarten hat durchaus seine Begründung. Untersuchungen zum Normverhalten von Studierenden und Lehrern haben gezeigt, dass diese in Beispielsätzen dreimal so viele Grammatikfehler fanden, als sie nach der Duden-Norm hätten finden sollen. Folgende „Fehler“ wurden den Teilnehmern der Untersuchung gezeigt: mit drei Litern – mit drei Liter, Er lehrt mich die französische Sprache – Er lehrt mir die französische Sprache, die Atlanten – die Atlasse, Ich brauche nicht zu kommen – Ich brauche nicht kommen, die Balkone – die Balkons. Für die Mehrheit der Befragten, also auch für die Deutschlehrer, galt die jeweils zweite Variante als grammatisch falsch, für sie lag also ein Systemfehler vor. Der Duden lässt jedoch die zweite Version – z.T. mit einigen Einschränkungen – zu.

Wir stellen also fest, dass es außer den Systemfehlern, die eindeutig zu bestimmen sind, eine weitere Fehlerart gibt. „Offenbar liegen verschiedene Systeme vor, die miteinander konkurrieren.“[10] Auf der einen Seite haben wir klare grammatische Fehler (Systemfehler); auf der anderen Seite spricht man von (Stil-)Normfehlern, die durchaus diskussionswürdig sind. Einige Menschen halten das „zu“ beim Ausdruck „brauchen“ für unverzichtbar, während es andere nicht verwenden. Aber: „Man kann nicht einfach sagen, (...) brauchen ohne zu [sei] ... systemwidrig.“[11]. Deshalb ist es auch nicht richtig, diese Fehlerart als Grammatikfehler zu bezeichnen. Insbesondere Lehrer neigen trotzdem dazu, sofort den Rotstift zu zücken, weil sie meinen, so viele Regeln zu kennen: „Vielfach passen sich Sprecher [die Lehrer – J.S.] bei Urteilen über grammatische Richtigkeit an eine äußere, gesetzten Norm an, von der sie wissen oder glauben zu wissen, daß etwas gilt.“[12] Die Konsequenz hieraus ist letztendlich sogar, „daß Lehrer Grammatikfehler anstreichen, die sie selbst genauso machen wie ihre Schüler.“[13] Ebenso bedeutet dies, dass sie Stilnormfehler, über die zweifelsohne zu diskutieren wäre, als Grammatik-, also als Systemfehler anstreichen. Andersherum führt das häufige Anstreichen von Stilnormfehlern dazu, dass klare Grammatikfehler nicht als solche deklariert werden. Dies kann zu einem Dilemma bei der Bewertung des Aufsatzes führen: „Grammatikfehler wiegen bei der Bewertung schwerer als alle anderen Fehlertypen. Man bewertet Stil- und Ausdrucksfehler als Anzeichen für einen Mangel an sprachlicher Flexibilität und entwickeltem Sprachgefühl (...), Grammatikfehler gelten dagegen als Anzeichen für mangelhafte Denkfähigkeit.“[14] Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen System- und Normfehlern zu differenzieren, um den Aufsatz nicht falsch zu beurteilen.

[...]


[1] Sick 2004, Buchrücken

[2] Eisenberg/Voigt 1990, S. 10

[3] Eisenberg/Voigt 1990, S. 10

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] Eisenberg/Voigt 1990, S. 10

[9] ebd.

[10] Eisenberg/Voigt 1990, S. 11

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] Eisenberg/Voigt 1990, S. 11

[14] ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Grammatik- oder Stilnormfehler? Kritische Betrachtung typischer Grammatikfehler mit Schwerpunkt auf Kasusfehlern
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Textgrammatische Arbeit in der Schule
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V56184
ISBN (eBook)
9783638509404
ISBN (Buch)
9783656453901
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
-
Schlagworte
Grammatikfehler, Stilnormfehler, Betrachtung, Schwerpunkt, Kasusfehlern, Textgrammatische, Arbeit, Schule
Arbeit zitieren
Jonas Swelim (Autor), 2005, Grammatik- oder Stilnormfehler? Kritische Betrachtung typischer Grammatikfehler mit Schwerpunkt auf Kasusfehlern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56184

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