Die Darstellung von Heilwissen in höfischer Epik an Beispielen: "Parzival" und "Tristan"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
40 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Die Entwicklung der Medizingeschichte von der Antike bis zum Spätmittelalter

2 Erklärungsansätze zur Krankheitsgenese im Mittelalter

3 Darstellung von Krankheit und Leiden in höfischer Literatur
3.1 Im Parzival: Anfortas´ Siechtum und Urjahns Verletzung
3.2 Im Tristan: Tristans Verwundung

4 Art der Heilungsversuche
4.1 Im Parzival
4.2 Im Tristan

5 Charakterisierung der eingesetzten Heilmittel und Methoden
5. 1 Im Parzival
5.1.1 Schlangengifte
5.1.2 Wasser der Paradiesflüsse
5.1.3 Zweig der Sibylle
5.1.4 Pelikanblut
5.1.5 Herz und Karfunkelstein des Einhorns
5.1.6 trachontê
5.1.7 Nardensalbe
5.1.8 Theriak
5.1.9 Giftspeer
5.1.10 Gewürze und Dufthölzer
5.1.11 Bettlager
5.2 Im Tristan
5.2.1 Einstich in den Brustraum
5.2.2 Wundsegen
5.2.3 Aderlass

6 Die Quellen der beschriebenen Heilungsversuche
6.1 Der Lucidarius
6.2 Die Physica der Hildegard von Bingen
6.3 Das Circa instans
6.4 Die Chirurgia des Abu l´Quasim
6.5 Aderlassregeln

7 Schlussbetrachtung

8 Bibliografie

0 Einleitung

Die Vermittlung medizinischen Wissens im Mittelalter erschließt sich einem in ungemein vielfältiger Form, und zwar gleichermaßen textsortenspezifisch als auch thematisch. So sind uns bereits seit althochdeutscher Zeit entsprechende Belege in Form von Arzneibüchern, Rezeptsammlungen und Traktaten überliefert.[1] In einem Großteil höfischer Literatur lässt sich die Rezeption dieses Wissens bei der Behandlung von Krankheit und Leiden wieder erkennen. So ist der arme Heinrich in Hartmann von Aues gleichnamiger Versnovelle mit Aussatz behaftet und erhofft sich von „der wîsen arzâte list“[2] im berühmten Salerno Heilung. Auch im Eneasroman des Heinrich von Veldeke wird Eneas im Kampf von einem vergifteten Pfeil am Arm verletzt.[3] Die Eisenspitze bleibt im Knochen stecken und lässt den Arm anschwellen.[4] Erst ein herbeigerufener kundiger Arzt entfernt mittels einer Zange den vergifteten Splitter und behandelt die Wunde mit Theriak und Diptam.[5]

Im Iwein des Hartmann von Aue wird der gleichnamige Held von der melancholia ergriffen und - wahnsinnig und schwarz am ganzen Körper - nur durch Anwendung einer Zaubersalbe geheilt.

Im Folgenden soll anhand zwei der bekanntesten Werke der höfischen Literatur - Wolfram von Eschenbachs Parzival und Gottfried von Straßburgs Tristan - sowohl Verletzung und Leiden der jeweiligen Protagonisten dargestellt als auch die unternommenen Heilungsversuche vor dem Hintergrund der damaligen medizinischen Wissensrezeption beleuchtet werden.[6]

Zu Beginn zeichnet ein historischer Abriss die Entwicklung der Medizingeschichte von der Antike bis zum Spätmittelalter nach. Besondere Berücksichtigung findet in diesem Zusammenhang die Überlieferung antiker Traditionen, wobei das Augenmerk besonders auf das Wirken von Hippokrates und Galen gelegt wird.

Nach einem kurzen Überblick über die im Mittelalter vorherrschenden Erklärungen zur Krankheitsentstehung werden die in den beiden Werken behandelten Verwundungen und Krankheiten anhand von Textbeispielen ausführlich dargestellt. Es folgt eine nähere Beschreibung hinsichtlich der Differenzierung der angewandten Heilungsversuche und Therapien. Im weiteren Verlauf werde ich die in den beiden Werken eingesetzten Heilmittel und Methoden detaillierter betrachten und im Anschluss daran die Quellen der geschilderten Heilungsversuche darlegen.

Abschließend sollen in Bezug auf die Darstellung medizinischer Sachverhalte Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den beiden Werken aufgezeigt werden.

1 Die Entwicklung der Medizingeschichte von der Antike bis zum Spätmittelalter

Die abendländische Medizin hat ihren Ursprung in der griechisch-römischen Antike, wo bereits Hippokrates von Kos (ca. 460-377) der Medizin einen eigenen Stellenwert im Sinne einer „ars“ zuwies und sie von der Philosophie trennte. Sie fußte auf „Beobachtung und Erfahrung“ und nicht auf „Aberglauben und Zauberei“[7] wie jener Traditionsstrang, „von dem viel über Plinius d.Ä. (24/ 24-79) ins Mittelalter gelangte.“[8]

Als Begründer der humoralpathologischen Krankheitslehre ging Hippokrates davon aus, dass die Ursache von Krankheit in einem unausgewogenen Verhältnis der Körpersäfte zu finden sei. Diese Säfte - Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle - stellen im menschlichen Organismus das Universum dar, indem sie die vier elementaren Eigenschaften Wärme, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit repräsentieren. Diese Säfte entsprechen den vier Grundelementen, aus denen die Welt geschaffen wurde: So wird Blut der Luft zugeordnet, Schleim repräsentiert das Wasser, gelbe Galle ist dem Element Feuer zugewiesen und schwarze Galle der Erde.

Jedem Saft werden bestimmte Qualitäten zugewiesen. So gilt Blut (sanguis) als warm und feucht, Schleim (phlegma) hingegen als kalt und feucht. Gelbe Galle (cholera) ist charakterisiert als warm und trocken, schwarze Galle (melancholia) jedoch kalt und trocken. Diesen vier Qualitäten werden wiederum gewisse Temperamente zugeschrieben: Befinden sich die vier Säfte in einem ausgewogenem Verhältnis, herrscht Gesundheit, wobei diese Harmonie bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sein kann: Je nach Säftekonzentration ergeben sich die Charaktere Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Ein Ungleichgewicht führt zur Krankheit, wobei diese durch die Qualität des jeweiligen Saftes bestimmt ist. BEIN (1989: 13) ergänzt, dass „diesen Eigenschaften wiederum die vier Jahreszeiten entsprechen.“ Diese Auffassung wurde im Laufe der Zeit vor allem durch Galen (ca. 130-201/ 210)[9] weiterentwickelt, indem „vorsokratische, platonische und aristotelische Anschauungen über die Zusammensetzung der Welt aus den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft“[10] Eingang fanden.

Nach hippokratischer Auffassung ist der Mensch gesund bei einem harmonischen Gleichgewicht der Körpersäfte. Störungen durch äußere Einflüsse wie Klima, Jahreszeit etc. können jedoch zu Krankheit führen.[11] Gemäß der Viersäftelehre kann dieses Ungleichgewicht durch Zuführung von Heilmitteln mit gegensätzlicher Wirkung wieder ausgeglichen werden. Das humoralpathologische Prinzip lautet contraria contrariis curantur: Das Krankmachende wird mit dessen Gegensatz geheilt. Das bedeutet, je nachdem, welches „humorale Ungleichgewicht“ für die Genese einer Krankheit verantwortlich ist, „wird als Remedium ein Mittel entgegengesetzter Qualität verabreicht.“[12] So werden z. B. gegen eine kalte und feuchte Krankheit, in der zuviel Schleim produziert wird, wärmende und trocknende Mittel gegeben.

Stark beeinflusst zeigte sich die frühmittelalterliche Medizinliteratur von diesen klassisch-antiken Vorbildern und „außerklassischen Kulturen des Altertums“.[13] Im Hochmittelalter kamen salernische und arabische Einflüsse hinzu, im Spätmittelalter zusätzlich französische.

Der hippokratische Ansatz wurde von Galen als „System der Viersäftelehre der Humoralpathologie“[14] weitergeführt, im Mittelalter durch die Scholastik aufgegriffen und hinsichtlich der Temperamentenlehre erweitert. Die antiken medizinischen Schriften wurden bis ins 15./ 16. Jahrhundert tradiert, kommentiert und übersetzt. Nach BEIN (1989: 17ff.) lassen sich drei „Hauptwege der Überlieferung“ unterscheiden: Antike Schriften wurden in Klöstern aufbewahrt, wo sie uns u. a. als Aderlassrezepte, chirurgische und magische volksmedizinische Werke in Bibliotheken erhalten geblieben sind. Auch sind byzantinische Kompendien der antiken Medizin überliefert. Den Großteil bilden sicherlich die Übersetzungen und Kommentare der antiken Medizin durch die Araber.[15] Hier ist im Besonderen Abu l´Quasim hervorzuheben, dessen Werk Chirurgia zur „Grundlage der Chirurgie des lateinischen Mittelalters“[16] wurde.

In der Epoche der Klostermedizin - im Wesentlichen vom 8. bis zum 12. Jahrhundert - bestanden deren Quellen aus Lehrbriefen und Kurztraktaten, die seit dem 4. und 5. Jahrhundert unter dem Namen berühmter Ärzte und Gelehrter wie Hippokrates, Galen und Demokrit im Umlauf waren, und in der arabischen Medizin - in besonderer Weise von Avicenna[17] (um 979-1037) - ausgeformt und weiterentwickelt wurden.

In Westeuropa erhielt die Medizin durch die Gründung der Schule von Salerno neue Impulse. Salerno entwickelte sich zur ersten medizinischen Universität, in der nicht nur Mönche bzw. allgemein Kleriker, sondern vorwiegend Laien wirkten. Es bildete sich eine europäische Ärzteschaft heraus, welche die Vormachtstellung der Klöster im medizinischen Bereich langsam verdrängte.

Arabische Literatur wurde in den Übersetzerschulen von Monte Cassino und Toledo bearbeitet, wo im 11. Jahrhundert Konstantin von Afrika (1020-1087) wirkte und im 12. Jahrhundert Gerhard von Cremona (1114-1187). Diese Bearbeitungen gelangten dann - ebenso wie medizinisches Schrifttum aus Salerno - in den deutschen Sprachraum. So übersetzte Konstantin von Afrika, der „Begründer von Rezeption und Assimilation antiker griechischer Medizin in arabischer Tradierung“,[18] im Kloster Monte Cassino medizinische Texte aus dem Griechischen[19] und Arabischen ins Lateinische. Das aus diesen Erkenntnissen resultierende Liber graduum behandelt mehr als 200 Pflanzen und Mineralien in ihren qualitativen Wirkungsgraden, sein Liber pantegni verschafft einen Überblick über das griechisch-arabische Heilwissen.[20]

Die Viersäftelehre wurde von Salerno aus weiterverbreitet. Da die Ursache von Krankheit in einem Ungleichgewicht der Säfte vermutet wurde, zielte die Therapie auf eine Wiederherstellung des Gleichgewichtes ab. Durch Aderlass, Brech- und Abführmitteln, Blutegel, Schröpfen etc. sollte der Körper von den krankmachenden Säften gereinigt werden.[21]

Nach Bein (1989: 114) existierten neben der Schulmedizin „Formen abergläubischer Medizin,“ die allgemein mit „Volksmedizin“, aber auch mit konkreten Begriffen wie „Iathromathematik“ und „Iathromagie“ - abgeleitet vom griechischen iathros für ´Arzt´ - bezeichnet wurden. Ausgehend von der Vorstellung, dass „Krankheit etwas von außen kommendes, durch dämonischen Einfluß Wirkendes ist“,[22] muss die Heilung ebenfalls durch übernatürliche Behandlung erfolgen. Dazu eignen sich neben Zaubersprüchen, Amuletten etc. auch Stoffe tierischer, pflanzlicher und mineralischer Art, die nach dem „simile -Prinzip“[23] ihre Wirkung ausüben sollten: Je mehr sie einem Krankheitsbild glichen oder ähnelten, desto bessere Heilungschancen wurden diesen Stoffen zugesprochen.

Die Iathromathematik - auch astrologische Medizin genannt - beinhaltete neben medizinischen Kenntnissen gleichermaßen mathematische und astrologische. Ausgehend von der Überzeugung, dass die Gestirne sowohl den Menschen als auch dessen Geschick leiten bzw. beeinflussen, wurde für Diagnose, Therapie und Prognose die Position eines Mondes, Sternes oder Planeten zu Rate gezogen bzw. allgemein die Himmelskonstellation beobachtet und gedeutet. Die wichtigste Behandlung in Bezug auf bestimmte kosmische Konstellationen war der Aderlass, weshalb sich auf vielen Aderlasstraktaten neben den Aderlassstellen die entsprechenden Tierkreiszeichen finden.[24]

Die Iathromathematik zählte im Mittelalter zu den höchsten Künsten und wurde bis zur Renaissance an den Universitäten gelehrt. Auch fand sie Eingang in die Schulmedizin, was sich am gemeinsamen Aufführen „wissenschaftlicher und abergläubischer Rezepte“ in Medizinbüchern zeigt, wie beispielsweise in der Heilkunst Hildegard von Bingens.

Doch auch die Alchemie und ihre Auffassung von der Zusammensetzung der Materie spielten eine wesentliche Rolle für das Verständnis bestimmter Behandlungsmethoden.[25]

Der Ursprung der Alchemie liegt im Dunkeln. Vermutlich ist ihr Ausgangspunkt im griechisch-hellenistischen Raum anzusiedeln. Von dort aus wurde sie mit den Arabern in Europa verbreitet. Die Alchemie sah sich „als philosophisch-naturwissenschaftliches System“[26] und zeichnete sich durch die Anwendung technologisch-metallurgischen Erfahrungswissens aus. Durch alchemische Prozesse sollten die „naturgegebenen ‘unedlen’ Stoffe“ wie Kupfer, Quarz, Ton etc. in „reine ‘edle’“[27] verwandelt werden. Das höchste Ziel war die Gewinnung des Steins der Weisen, mit dessen Hilfe Gold, das reinste Metall überhaupt, in einem Läuterungsprozess hergestellt werden könne. Aber auch das Allheilmittel, die Panazee, welches nicht nur kranke und leidende Menschen heilen konnte, sondern auch unedle und somit „kranke“ Metalle, glaubte man auf diesem Weg produzieren zu können. Da nach Auffassung der Alchemisten die Materie nach Vollkommenheit strebt, sollte die Alchemie durch entsprechende Prozesse und Arbeitsvorgänge den Lauf der Dinge der Natur beschleunigen. Die Quellen der Alchemisten speisten sich aus der Vierelementenlehre des Aristoteles´, nach der die „richtige“ Mischung „niederer Materie“, also Wasser, Feuer, Erde und Luft, in einem Transmutationsprozess die „höchste Existenzform“[28] Gold ergeben muss.

2 Erklärungsansätze zur Krankheitsgenese im Mittelalter

In zwei Episoden des Parzival fallen dem Rezipienten umfangreiche Kenntnisse des Autors aus dem Bereich der damaligen Heilkunde auf. Sie zeugen sowohl von Wolframs gelehrigem medizinischem Wissen als auch von seinen astronomischen und astrologischen Kenntnissen. Auch im Tristan lassen sich bestimmte Heilungsmethoden erkennen, die medizinisches Wissen der damaligen Zeit reflektieren. Die in beiden Werken auftauchenden Behandlungsmethoden resultieren aus der Verbreitung bestimmten Therapiewissens der damaligen Zeit, dem jeweils ein bestimmter Ansatz zu Grunde liegt.

Im Mittelalter existierten mehrere Erklärungsansätze zur Entstehung von Krankheiten. Demnach liegt das Wesen der Krankheit im Körper selbst begründet – eine Auffassung, die hippokratisches Denken widerspiegelt. Bereits in der Antike wird in medizinischen Werken des 5. Jahrhunderts v. C. bis zum 6. Jahrhundert n. C.[29] Krankheit und Behandlung nicht mehr mit den Göttern in Verbindung gebracht, sondern die Auffassung vertreten, dass „das Wesen der Krankheit in mechanischen Verhältnissen des Körpers“[30] liege. Diese Annahme setzt sich bis ins Mittelalter fort und findet auch Eingang in deutsche Arzneibücher wie beispielsweise den Bartholomäus.[31]

Auch der Aberglaube spielt in dem Zusammenhang eine wesentliche Rolle – existierte doch die Vorstellung eines „teuflischen Krankheitsdämons“, der für das Entstehen von Krankheiten verantwortlich ist, wie beispielsweise der Wurm Nesso im althochdeutschen Zauberspruch.[32] Eine weitere Erklärung war die Auffassung von Krankheit „als Mittel der Prüfung und der zunehmenden Läuterung“,[33] die - von Gott gesandt - den Menschen auf die Probe stellen sollten, und die von den Betroffenen ergeben ertragen wurde, wie z. B. vom eingangs erwähnten aussätzigen „armen Heinrich.“

Schließlich existierte die weit verbreitete Annahme, dass Krankheit die Folge von Sünde sei.[34] Darunter lässt sich Anfortas´ Leiden einordnen. Er brach das Keuschheitsgebot des Grals,[35] indem er sich wegen der schönen Orgeluse auf Minnefahrt begab und zur Strafe am Oberschenkel schwer verletzt wurde.

3 Darstellung von Krankheit und Leiden in höfischer Literatur

Im Folgenden sollen Anfortas´ Leiden und die verzweifelten Heilungsversuche ebenso wie Urjahns Verletzung und deren Behandlung ausführlich beschrieben werden.

3.1 Im Parzival : Anfortas´ Siechtum und Urjahns Verletzung

Im Parzival begegnet dem Rezipienten eine sehr umfassende und ausführlich geschilderte Leidensdarstellung des siechenden Gralkönigs Anfortas. Beim Kampf mit einem Kontrahenten wird er durch dessen vergifteten Speer so schwer verletzt, dass eine Genesung aussichtslos erscheint:

…mit einem gelupten sper

wart er ze tjostieren wunt,

sô daz er nimmer mêr gesunt (…) (Pz 479, 8ff.)

Infolge des Kampfes verbleiben ein Stück des Speereisens sowie ein Bambussplitter vom Speerschaft in der Wunde, die ein Arzt dem entkräfteten König entfernt:

dô uns der künec kom sô bleich,

unt im sîn kraft gar gesweich,

in de wunden greif eins arztes hant,

unz er des spers îsen vant:

der trunzûn was rœrîn,

ein teil in der wunden sîn:

diu gewan der arzet beidiu wider. (Pz 480, 3-9)

Die Verletzung ist derart bedrohlich, dass die Gralsritter um das Leben ihres Königs bangen müssen. Da der Anblick des Grals den Menschen nicht sterben lässt, wird Anfortas vor den Gral[36] getragen, um so - auch gegen seinen Willen - am Leben gehalten zu werden:

si truogenn künec sunder twâl

durch die gotes helfe für den grâl.

dô der künec den grâl gesach,

daz was sîn ander ungemach,

daz er niht sterben mohte,

wand im sterben dô niht tohte, (Pz 480, 25-30)

HAAGE (1985b: 109) betont in dem Zusammenhang, dass „das Schwären von Anfortas` Wunde“ und damit verbunden „das lange Siechtum“ in einem „schleichenden Gift“ begründet liegt, welches eigentlich tödlich wirkt, würde der Gral nicht seine lebenserhaltende Wirkung ausüben.

Die Verletzung eitert unaufhörlich. Alles Nachschlagen in medizinischen Büchern auf der Suche nach einem entsprechenden Mittel bleibt erfolglos. Auch das „heiße Gift“ von Schlangen, das sonst bei giftigen Würmern wirkt, schafft keine Abhilfe:

des küneges wunde geitert was.

swaz man der arzetbuoche las,

diene gâben keiner helfe lôn.

gein aspîs, ecidemon,

ehcontîus unt lisîs,

jêcîs unt mêatris.

(die argen slangenz eiter heiz

tragent), swaz iemen dâ für weiz,

unt für ander würm diez eiter tragent,

swaz die wîsen arzt dâ für bejagent …(Pz 481, 5-14)

Es wird sich von der Verabreichung der vier Wasser der Paradiesflüsse Hilfe versprochen, die an der Stelle entnommen wurden, „wo die Flüsse aus dem Paradies austreten und ihr lieblicher Duft noch nicht verflogen ist“:[37]

wir gewunnen Gêôn

ze helfe unde Fîsôn,

Eufrâtes unde Tigrîs,

diu vier wazzer ûzem pardîs,

sô nâhn hin zuo ir süezer smac

dennoch niht sîn verrochen mac, (Pz 481, 19-24)

[...]


[1] Als ältestes Werk im deutschsprachigen Raum gilt das Lorscher Arzneibuch, eine medizinische Handschrift, die im letzten Jahrzehnt des 8. Jahrhunderts im Kloster Lorsch bei Worms niedergeschrieben wurde. Bei der ältesten bekanntesten Darstellung handelt es sich um die Basler Rezepte, die nach Ansicht von EIS (1962: 36) „um 800 von einem in Deutschland tätigem Angelsachsen aufgezeichnet wurden“ und Fieber und Hautgeschwüre behandeln.

[2] Ebd., V 182.

[3] Ebd., V 11869-11873.

[4] Ebd., V 11884f.

[5] Ebd., V 11893-11906. Bei Diptam - auch Dictam, nach HAAGE (1985a: 365) „angeblich nach dem Berge Dipte auf Kreta benannt“ - handelt es sich ein Rautengewächs (Dictamnus albus L.), dessen hoher Gehalt an ätherischen Ölen die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers stärken sollen. Zu Theriak siehe Abschnitt 5.1.8.

[6] Nach HAAGE (1985a: 359) enthält „kein Werk der höfischen mittelhochdeutschen Dichtung soviel an medizinisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen wie der Parzival Wolframs von Eschenbach.“

[7] HAAGE (1987: 186).

[8] HAAGE (1996: 1070).

[9] Andere Quellen geben als Lebensdaten 129-199 an. Vgl. HAAGE (1996: 1070).

[10] Ebd.

[11] Vgl. HAAGE (1996: 1070-1077).

[12] BEIN (1989: 86).

[13] EIS (1962: 36).

[14] HAAGE (1987: 188).

[15] BEIN (1989: 19f.) nimmt eine zeitliche Dreiteilung vor, wonach zwischen 700 und 900 griechische Schriften ins Arabische übersetzt und diese bis ca. 1150 auf Grundlage griechischer Überlieferung eigenständig weiterentwickelt wurden. Ab diesem Zeitpunkt ist allmählich ein Verlust an Bedeutung und Einfluss der Araber festzustellen ‑ ein Prozess, der sich bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts nachvollziehen lässt.

[16] Ebd. Ausführlichere Informationen im Abschnitt 6.4.

[17] Eigentlich Abu Ali al-Hussein Ibn Abdallah Ibn Sina, der als Arzt und Philosoph in Persien wirkte. Sein Hauptwerk Canon medicinae, um 1030 entstanden, löste die Klostermedizin ab, die nach HAAGE (1987: 186) in hohem Maße „Abergäubisches aus der Volksmedizin aufnahm.“

[18] HAAGE (1987: 187).

[19] Griechische Fachliteratur wird „im Zuge der Rezeption römischer Kultur“ lateinisch bearbeitet. Klöster vermittelten dieses Schriftgut „seit dem 14. Jahrhundert auch an die Universitäten.“ Zit. nach EIS (1962: 78f.).

[20] Vgl. SCHIPPERGES (1986: Sp. 171).

[21] HAAGE (1987: 190) ergänzt, dass im Hochmittelalter zusätzlich Heilfieber angewandt wurde.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Siehe Abbildung in BECKER/ OVERGAAUW (2003: 343).

[25] Vgl. BECKER/ OVERGAAUW (2003: 386f.).

[26] ASSION (1973: 86).

[27] BECKER/ OVERGAAUW (2003: 386).

[28] ASSION (1973: 86f.).

[29] Zum Beispiel im Corpus Hippocraticum. Zit. nach HAAGE (1985b: 101). Es enthält ca. 60 medizinische Schriften, die nicht nur von Hippokrates allein verfasst wurden, „sondern auch von seinen Schülern und anderen Medizinern.“ Vgl. BEIN (1989: 13).

[30] Ebd. HAAGE (1985b: 102). verweist auf Hugo Magnus´ Werk „Der Aberglauben in der Medizin“ (1903).

[31] Dieses Arzneibuch stammt aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert, wurde vermutlich von einem Mönchsarzt aus Thüringen verfasst und enthält Rezepttexte und Traktate. Seine Quellen speisen sich aus salernitanischer Literatur und antiken Vorlagen.

[32] HAAGE (1985b: 102).

[33] Ebd.

[34] HAAGE (1985b: 103) verweist in dem Zusammenhang auf Wolf von Siebenthals „Krankheit als Folge der Sünde“ (1950: 54), in dem der Autor auch „außerhalb des christlich-abendländischen Kulturkreises“ diese Auffassung „als vorherrschende Krankheitserklärung“ vorfand.

[35] Dieses besagt, dass der Gralkönig im Gegensatz zu den –rittern zwar heiraten darf, jedoch nur die Frau, die im Epitaphium (Pz 470, 24), der verlöschenden Schrift des Grals, angegeben wird. Vgl. HAAGE (1985b: 103).

[36] Zur Wunderkraft des Grals siehe BUMKE (1981: 80).

[37] HAAGE (1985b: 105).

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Heilwissen in höfischer Epik an Beispielen: "Parzival" und "Tristan"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Deutsche Sachprosa des späten Mittellters
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
40
Katalognummer
V56207
ISBN (eBook)
9783638509572
ISBN (Buch)
9783638664431
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Heilwissen, Epik, Beispielen, Parzival, Tristan, Deutsche, Sachprosa, Mittellters
Arbeit zitieren
Stefanie Vauteck (Autor), 2005, Die Darstellung von Heilwissen in höfischer Epik an Beispielen: "Parzival" und "Tristan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56207

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