Lawrence Kohlberg - Das Stufenmodell zur Entwicklung des moralischen Urteilens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Vorwort

2. Die kognitive Entwicklungstheorie von Lawrence Kohlberg

3. Die Stufen der Entwicklung des moralischen Urteils
3.1 Präkonventionelle Ebene
3.1.1 Stufe 1: Die Orientierung an Bestrafung und Gehorsam
3.1.2 Stufe 2: Die instrumentell-relativistische Orientierung
3.2 Konventionelle Ebene
3.2.1 Stufe 3: Die Orientierung an personengebundener Zustimmung
3.2.2 Stufe 4: Die Orientierung an Recht und Ordnung
3.3 Postkonventionelle Ebene
3.3.1 Stufe 5: Die legalistische Orientierung
3.3.2 Stufe 6: Die Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien

4. Die moralischen Dilemmata
4.1 Aufbau der moralischen Dilemmata
4.2 Die Messung der Entwicklung des moralischen Urteilens
4.2.1 Aspect Scoring
4.2.2 Issue Scoring

5. Kritiken an dem Stufenmodell Kohlbergs
5.1. Das Regressionsphänomen
5.2 Kulturelle Einflüsse auf die moralische Urteilsfähigkeit
5.3 Geschlechtsunterschiede beim moralischen Urteilen

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1.Vorwort

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Theorie der moralischen Entwicklung von Lawrence Kohlberg näher betrachtet werden. Zunächst werden die Grundlagen, die Kohlberg für sein Stufenmodell verwendet hat, untersucht. Er stützte sich u. a. auf Arbeiten von Piaget, Dewey aber auch auf Kants Theorien. Insbesondere sollen die Beobachtungen und daraus resultierenden Ergebnisse bezüglich der moralischen Urteile bei Kindern von Piaget detaillierter analysiert werden.

Anschließend werden die Stufen der Entwicklung des moralischen Urteils beschrieben. Dabei wird von auf die bekannteste Version von 1969 eingegangen. Spätere Ergänzungen und Änderungen, wie das Einführen der Stufe 0 und die spätere Reduzierung auf 5 Stufen werden nicht aufgezeigt.

Kohlberg verwendete zahlreiche moralische Dilemmata für sein Verfahren. Diese werden bezüglich ihres Aufbaus und den Unterschied zu realen Problemen untersucht.

Zur Messung der Fähigkeit des moralischen Urteilens haben Kohlberg und seine Mitarbeiter unterschiedliche Messmethoden genutzt. Zwei dieser Messmethoden werden auf ihre Arbeitsweise und Qualität hinsichtlich zuverlässiger Ergebnisse analysiert.

Zahlreiche Kritiker beurteilen das Stufenmodell der moralischen Entwicklung von Kohlberg als unzureichend und nicht anwendbar. Ihre Aussagen werden im letzten Abschnitt dieser Hausarbeit beleuchtet. Drei der größten Kritikpunkte, die Regression, der kulturelle Einfluss auf die moralische Urteilsfähigkeit und die Geschlechtsunterschiede beim moralischen Urteilen stehen dabei im Mittelpunkt der Betrachtung.

2. Die kognitive Entwicklungstheorie von Lawrence Kohlberg

Nachfolgend sollen die Grundlagen der kognitiven Entwicklungstheorie des moralischen Urteils von Lawrence Kohlberg (1927-1987) vorgestellt werden.

Kohlberg stützte sich auf die Arbeiten von John Dewey. Moral wird seiner Meinung nach nicht mehr durch das Auferlegen von Tugenden vermittelt, sondern durch Intelligenz und Moralbewusstsein, dass nach Dewey jedem Mensch genetisch vorgegeben ist. Dieses Moralbewusstsein sollte seiner Meinung nach in staatlichen und nicht mehr kirchlichen Schulen zur Entfaltung gebracht werden[1].

Kohlberg verwendete die Konzeption des moralischen Urteils beim Kind von Piaget als Grundlage für sein Stufenmodell.[2]

Piaget baute auf die Ergebnisse der Arbeiten von Durkheim, Fauconnet, Bovet, Baldwin und Kant auf. Er sah „…folgende Problemstellungen als zentral für seine theoretischen Analysen und empirischen Befragungen an:

1. Den Einfluss von Zwang durch die Erwachsenen auf das Kind
2. Die Auswirkung der sozialen Kooperation auf das moralische Urteil
3. Den Einfluss der intellektuellen Entwicklung auf die Prozesse des moralischen Denkens
4. Die Wechselwirkung dieser drei Faktoren.“[3]

Piagets Arbeit liegen Interviews und Verhaltensbeobachtungen von ca. 100 Schweizer Kindern, die meist im Vor- und Grundschulalter waren, zugrunde. Die Kinder wurden z.B. zu ihrem Verständnis der Regeln des Murmelspiels befragt und sie wurden beim tatsächlichen Spielen beobachtet. Weiterhin wurden den Kindern kleine Geschichten mit für sie alltäglichen Problemen erzählt. Zu denen sollten sie moralische Urteile abgeben. Aufgrund seiner Beobachtungen und Befragungen kam Piaget zu dem Schluss, dass es im Wesentlichen zwei unterschiedliche Moralitätstypen gibt: die heteronome und die autonome Moral.[4] Die heteronome Moral beruht auf dem moralischen Zwang der Erwachsenen auf die Kinder und bewirkt einen moralischen Realismus. Piaget bezeichnet damit die Neigung des Kindes, „… die Pflichten und die sich auf sie beziehenden Werte als unabhängig vom Bewusstsein existierend und sich gleichsam obligatorisch aufzwingend betrachten.“[5] Nach Auffassung von Piaget enthält der moralische Realismus drei Charakterzüge: Die Pflicht ist heteronom, jede Handlung ist gut, welche den Gehorsam der Regel oder den Erwachsenen gegenüber zeugt. Jede Handlung, die nicht den Regeln entspricht, ist schlecht. Weiterhin muss die Regel wörtlich und nicht dem Geiste nach befolgt werden. Drittens bringt der moralische Realismus eine objektive Auffassung von der Verantwortung mit sich.

Die autonome Moral beruht auf der Zusammenarbeit und Kooperation der Kinder untereinander. Die einseitige Achtung der Autorität wird durch gegenseitige Achtung abgelöst. Der Übergang zur autonomen Autorität gelingt erst, wenn die gegenseitige Achtung so groß ist, dass in dem Individuum das Bedürfnis entsteht, den anderen so zu behandeln, wie es selbst behandelt werden möchte.

Zwischen heteronomer und autonomer Moral herrscht ein Zwischenstadium. Kinder dieses Stadiums orientieren sich nicht mehr ausschließlich an der erwachsenen Autorität, sondern an der verallgemeinerten Regel. Die Autonomie ist aber erst zur Hälfte entwickelt, da die Regel immer noch als etwas von außen Aufgezwungenes angesehen wird.[6]

Sowohl Piaget als auch Kohlberg stützten ihre Theorie auf Kants Theorien. Kohlberg interpretiert Kant so, dass für diesen die moralischen Prinzipien über Intuitionen aus einem angeborenen Bewusstsein heraus erkennbar sind.

„Unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen der sozialen und außersozialen Wirklichkeit sind die Inhalte unseres Denkens, die Strukturen untergeordnet werden.“[7] Kohlbergs Interesse galt der Frage, wie Menschen beim Strukturieren ihrer Erfahrungen und Urteile über ihre soziale Welt auf jene Intuitionen stoßen. Diese Intuitionen können über moralische Prinzipien Auskunft geben.[8]

3. Die Stufen der Entwicklung des moralischen Urteils

Kohlbergs Theorie wurde immer wieder überarbeitet und revidiert, es existieren eine Reihe unterschiedlicher Varianten. Hier soll die Darstellung der bekanntesten Version (von 1969, deutsch 1974) betrachtet werden, das ursprüngliche Stufenmodell von Kohlberg.

Kohlberg geht bei der Konstruktion seiner Stufen der moralischen Urteilsentwicklung von einer Untersuchung aus, die er an 72 Chicagoer Jungen mit Hilfe von 10 hypothetischen Dilemmata durchführte. Die Jungen befanden sich in drei Altersgruppen (10, 13 und 16 Jahre).[9]

Aufgrund der Analyse der Antworten der Jungen auf die moralischen Dilemmata gelangte Kohlberg zu sechs Stufen des moralischen Urteils, die drei Ebenen zugeordnet sind: Die drei Ebenen des moralischen Urteils werden als präkonventionelle, konventionelle und postkonventionelle Ebene bezeichnet.

Die Unterschiede zwischen den Stufen des moralischen Urteils bestehen weniger in dem zunehmenden Wissen um moralische Normen, sondern in einer qualitativen anderen Denkweise über moralische Probleme. Die Individuen durchlaufen die Stufen immer nacheinander und in derselben Reihenfolge. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf und bereitet die nächst höhere vor. Die Entwicklung kann natürlich individuell unterschiedlich schnell verlaufen oder bei irgendeiner Stufe stehen bleiben. Kommt es aber zu einer Weiterentwicklung, entspricht diese der Stufenfolge. Befindet sich ein Individuum auf Stufe 3, so kann er nicht die Stufe 5 erreichen, ohne vorher Stufe 4 durchlaufen zu haben.[10] Der Übergang von einer Stufe zu einer anderen, bezeichnet Kohlberg als Lernen. Moralische Entwicklung bedeutet, dass ein Heranwachsender, die jeweils schon vorhandenen kognitiven Strukturen so umbaut und ausdifferenziert, dass er dieselbe Sorte von Problemen (die Beilegung von moralisch relevanten Handlungskonflikten) besser lösen kann als vorher.

Diese Reifungstheorie besagt, dass das moralische Urteil sich immer von der tieferen zur höheren Stufe entwickelt. Die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit verläuft invariant und es gibt keine Regression. Der Theorie nach kann es Regression nur in seltenen Fällen geben, z.B. bei starker Beeinträchtigung der geistigen Funktion.[11]

Man kann die drei Ebenen so erklären, dass man sie als drei unterschiedliche Typen von Beziehungen zwischen dem Selbst und den gesellschaftlichen Regeln und Erwartungen versteht[12]. Innerhalb jedes dieser drei Niveaus gibt es zwei Stufen, wobei die zweite Stufe jeweils eine fortgeschrittene und besser organisierte Variante der allgemeinen Perspektive des jeweiligen Hauptniveaus ist.[13]

3.1 Präkonventionelle Ebene

Die präkonventionelle Ebene ist die moralische Denkebene der meisten Kinder bis zum neunten Lebensjahr, einiger Jugendlicher und vieler jugendlicher und erwachsener Straftäter.[14] Ein Individuum dieser Ebene hat „ … ein Selbst, dem die sozialen Normen und Erwartungen äußerlich bleiben…“[15].

Die Dimension dieser Stufe kann wie folgt definiert werden: „Was gilt als richtig?“[16].

Die moralische Wertung beruht auf äußeren, quasi-physischen Geschehnissen, wie z.B. schlechten Handlungen oder quasi-physischen Bedürfnissen statt auf Personen und Normen.[17]

3.1.1 Stufe 1: Die Orientierung an Bestrafung und Gehorsam

Es ist rechtens Regeln einzuhalten, deren Übertretung mit Strafe belegt ist. Gehorsam wird als Selbstwert verstanden. Personen oder Sachen dürfen keine physischen Schäden zugefügt werden.[18] Das Individuum orientiert sich an Bestrafung und Gehorsam. Es ist ein egozentrischer Respekt vor überlegener Macht oder Prestigestellung vorhanden. Schwierigkeiten werden, wenn möglich, vermieden.

Der Handelnde berücksichtigt die Interessen anderer Personen nicht oder erkennt nicht, dass sie von den seinen verschieden sind, bzw. er setzt zwei Gesichtspunkte nicht miteinander in Beziehung. Seine Handlungen beurteilt er rein nach dem äußeren Erscheinungsbild und nicht nach den dahinter stehenden Intentionen.[19] Die eigene und die Perspektive der Autorität werden oft miteinander verwechselt.

3.1.2 Stufe 2: Die instrumentell-relativistische Orientierung

Regeln werden nur befolgt, wenn es irgendjemandes Interessen bedient. Das Individuum befriedigt seine eigenen Interessen und Bedürfnisse und lässt andere Menschen dasselbe tun. Als gerecht wird auch angesehen, was fair ist, was ein gleichwertiger Austausch, ein Handel oder ein Übereinkommen ist.[20]

Man spricht von einer naiv egoistischen Orientierung. Der Handelnde hat ein Bewusstsein für die Relativität des Wertes der Bedürfnisse und der Perspektive aller Beteiligten. Es ist eine konkret individualistische Perspektive vorhanden. Ein Individuum hat die Einsicht, dass die verschiedenen individuellen Interessen miteinander in Konflikt liegen, Gerechtigkeit kann also nur relativ sein.[21]

3.2 Konventionelle Ebene

In dieser Ebene beruht die moralische Wertung auf der Übernahme guter und richtiger Rollen. Es wird versucht die konventionelle Ordnung einzuhalten, die Erwartungen anderer Personen werden berücksichtigt. Die Dimension dieser Ebene wird auch so beschrieben: „Mit welchen Gründen wird das Richtige vertreten?“[22]

Die meisten Jugendlichen und Erwachsenen in unserer und in anderen Gesellschaften sind der konventionellen Ebene zuzurechnen. Der Begriff «konventionell» bedeutet, dass das Individuum den Regeln, Erwartungen und Konventionen der Gesellschaft oder einer Autorität deshalb entspricht und sie billigt, weil es die Regeln, Erwartungen und Konventionen der Gesellschaft sind.[23]

[...]


[1] Vgl. Gabriele Klappenecker, S. 90

[2] Vgl. Horst Heidbrink, S.22

[3] Horst Heidbrink, S.11

[4] Vgl. ebd. S.11

[5] Horst Heidbrink, S.19

[6] Vgl. ebd., S.19

[7] Gabriele Klappenecker, S. 91

[8] Vgl. ebd.. S.91

[9] Vgl. Horst Heidbrink, S.29

[10] Vgl. ebd., S.29

[11] Vgl. Georg Lind, S.95

[12] Vgl. Wolfgang Althof, S.127

[13] Vgl. ebd., S. 127

[14] Vgl. Wolfgang Althof, S.126

[15] ebd. S.127

[16] ebd. S.127

[17] Vgl. Horst Heidbrink, S.30

[18] Vgl. Wolfgang Althof, S.128

[19] Vgl. ebd. S.128

[20] Vgl. Wolfgang Althof, S.129

[21] Vgl. ebd., S.129

[22] ebd., S.127

[23] Vgl. ebd., S.127

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Lawrence Kohlberg - Das Stufenmodell zur Entwicklung des moralischen Urteilens
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Die 10 Gebote und ihre Entsprechungen in nichtjüdischen Religionen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V56235
ISBN (eBook)
9783638509749
ISBN (Buch)
9783638664455
Dateigröße
1589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lawrence, Kohlberg, Stufenmodell, Entwicklung, Urteilens, Gebote, Entsprechungen, Religionen
Arbeit zitieren
Susanne Fritsch (Autor), 2005, Lawrence Kohlberg - Das Stufenmodell zur Entwicklung des moralischen Urteilens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56235

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