Darstellung der Restaurationsgesellschaft in Stendhals "Le Rouge et Le Noir"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Vorstellung des Romans

II. Die Noblesse, eine bedeutende Gesellschaftsschicht in Stendhals Roman
II.1 Der Adel – ein heterogener Stand
II.2 Die Angst vor einer neuen Revolution
II.3 Langeweile und Etikette als Folge der Angst
II.4 Starre Verhaltensregeln
II.5 Symbiose von Adel und Klerus

III. Das korrupte Bürgertum, das geldgierige Volk und die intriganten Priester
III.1 Das Bürgertum und das Volk
III. 2 Der Priesterstand
III.3 Der Konflikt zwischen Jansenisten und Jesuiten

IV. Die Starre der gesellschaftlichen Schranken

V. Zeitgenössische Reaktionen und Stendhals Intention

Literaturangaben

Einleitung

Stendhal wollte mit seinem Roman Le Rouge et Le Noir die französische Gesellschaft seiner Zeit spiegeln. Nach Auerbach ist ihm dies auch gelungen. „Die Charaktere, Haltungen und Verhältnisse der handelnden Personen sind also aufs engste mit den zeitgeschichtlichen Umständen verknüpft; zeitgeschichtliche politische und soziale Bindungen sind auf eine so genaue und reale Weise in die Handlung verwoben, wie dies in keinem früheren Roman […] der Fall war.“[1] Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, herauszufinden, wie die französische Restaurationsgesellschaft von Stendhal im Roman dargestellt wird. Dabei muss neben der gerühmten Zuverlässigkeit in der Darstellung der Gesellschaft berücksichtigt werden, dass Stendhal aus subjektiver Sicht mit ironisierenden Kommentaren und Leseranreden schreibt.[2]

In der Arbeit sollen die vier folgenden Fragen beantwortet werden: Wie verhält sich die französische Adelsgesellschaft nach der endgültigen Trennung vom Absolutismus? Welche Bedeutung hat der Adel für die übrigen Gesellschaftsschichten? Welche Tugenden verschaffen in dieser Zeit gesellschaftliche Anerkennung und wie bewertet Stendhal die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse? Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Arbeit richtet sich auf die soziologischen Gesichtspunkte. Aus diesem Grund werden die politischen Geschehnisse nur als Rahmen berücksichtigt.

Das erste Kapitel führt in kurzer Form in die Entstehungsgeschichte des Romans und in seine wesentlichen Inhalte ein. Im zweiten Kapitel wird anhand von Juliens Erfahrungen die Adelsgesellschaft, wie Stendhal sie in seinem Roman beschreibt, analysiert. Das dritte Kapitel behandelt Stendhals Sicht auf den Stand des Priestertums, des Volkes und der Bourgeoisie. Im vierten Kapitel wird die Dimension der Standesschranken der Restaurationsgesellschaft dargestellt.

Das fünfte Kapitel stellt die Reaktionen der Zeitgenossen Stendhals auf Le Rouge et Le Noir heraus und seine wirkliche Intention.

I Vorstellung des Romans.

Le Rouge et Le Noir wurde am Ende der Restaurationszeit kurz vor der Julirevolution in den Jahren 1829/1830 verfasst. Der französische Adelsstand war bemüht, die vorrevolutionären Verhältnisse, das heißt die Verhältnisse vor 1789, wiederherzustellen. Nach der zweiten Abdankung Napoleons regierte Louis XVIII für etwa 10 Jahre.

Seit 1824 war, nach dem Tod seines Bruders Louis XVIII, Charles X an der Macht. Louis XVIII hatte eingesehen, dass der einzige Weg, die Monarchie zu erhalten über die Billigung einer Verfassung, der Charte Constitutionelle, führte. Charles X beabsichtigte nach seiner Krönung die Regierung unauffällig wieder komplett zu übernehmen und die Rechte des Volkes und die Mitbestimmungsrechte der Kammern möglichst gering zu halten. Die Auswirkungen der Französischen Revolution waren aber nicht auszulöschen. Die vorrevolutionären Zustände waren endgültig überholt und ließen sich nicht mehr restaurieren.

Der Autor Stendhal heißt mit bürgerlichem Namen Marie Henri Beyle (1783-1842). Er verlässt als Halbwaise seine Heimatstadt Grenoble und gelangt 1799 nach Paris und dort über Umwege zu seinem entfernten Cousin Daru, der Napoleon sehr nahe steht. Er schließt sich dem Heer Napoleons an und nimmt als Offizier an mehreren Feldzügen teil. Nach der Abdankung Napoleons hat er als Liberaler einen schweren Stand in dem Restaurationsregime Louis XVIII. Er zieht sich nach Mailand zurück, wird aber als Verschwörer wieder ausgewiesen. Er muss Mailand verlassen und geht nach Paris. Nach der Julirevolution 1830 hofft er auf einen guten Posten in der Politik, wird aber nur Konsul in einer kleinen italienischen Stadt.

Stendhal ist also Zeuge der Verarbeitung der Ereignisse der Französischen Revolution im Bewusstsein der Restaurationszeit. Er erfährt die Abschottung und die irrationale Abwehrreaktion der Restaurationsgesellschaft gegen alles aus der Revolution und der Napoleonzeit stammende.[3] Seine Eindrücke verarbeitet er in Le Rouge et le Noir.

Seine Karriere als Autor begann Stendhal schon 1814, aber seine Werke stießen nur bei einer kleinen Leserschaft auf Interesse. Zu der Entstehungsgeschichte von Le Rouge et Le Noir ist zu sagen, dass Stendhal eine wahre Begebenheit als Romanvorlage hatte. Es handelt sich um die Affäre Berthet, in der ein Priesterschüler während eines Gottesdienstes auf seine ehemalige Geliebte schoss, in deren Haus er Erzieher gewesen war. Er wurde zum Tod verurteilt und enthauptet. Die Rahmengeschichte von Le Rouge et le Noir ist ähnlich. Julien, ein intelligenter, aber handwerklich unbegabter Bauerssohn, versucht seinen gesellschaftlichen Aufstieg über den einzig möglichen Weg, den Priesterstand. Zunächst als Hauslehrer in der Familie des Bürgermeisters angestellt, wechselt er zum Priesterseminar in die nächst größere Stadt. Von dort gelangt er durch Beziehungen und Zufall nach Paris, wo er Sekretär eines Pairs von Frankreich wird. Sein Eintritt in den Adelsstand wird durch ein Schreiben verhindert, in dem er als skrupelloser Verführer und Emporkömmling beschrieben wird. Er gerät außer sich, schießt auf die Verfasserin des Briefes, seine ehemalige Geliebte, wird verhaftet, verurteilt und schließlich hingerichtet.

Stendhal möchte mit diesem Roman auf die gesellschaftlichen Missstände Frankreichs aufmerksam machen. Dabei beschränkt er sich nicht auf den adligen Sumpf, die Korruption in den höheren Schichten, sondern beschreibt auch die Missstände in den anderen Gesellschaftsschichten, insbesondere die Gegensätze zwischen Paris und der Campagne, sowie die Heuchelei, die in sämtlichen Gesellschaftsschichten anzutreffen ist. Außerdem widmet er sich dem Zwist im Priestertum zwischen Jansenisten und Jesuiten. Interessant ist hier auch, dass in dem Buch einige Stellen zu finden sind, die auf eine bevorstehende Revolution hindeuten. Stendhal hatte das Buch jedoch bereits vor dem tatsächlichen Ausbruch der Julirevolution fertig gestellt.

II. Die Noblesse, eine bedeutende Gesellschaftsschicht in Stendhals Roman

Die Französische Gesellschaft in Le Rouge et Le Noir lässt vier Schichten unterscheiden: Die Noblesse, das Bürgertum, den Priesterstand und das Volk. Julien, heimlicher Bewunderer Napoleons, hätte zur Zeit seines Idols geradlinig durch das Militär aufsteigen können. „Dans le temps de l’autre, à la bonne heure! Un maçon y devenait officier, y devenait général, on a vu ça. “[4] Da die Militärskarriere seit dem Beginn der Restauration jedoch dem Adel vorbehalten ist, beginnt er seinen Aufstieg im Priesterrock, ohne wirklich fromm zu sein. „Je sais choisir l’uniforme de mon siècle.“[5] Auf seinem Karriereweg passiert er alle vier oben genannten Schichten. Bei diesen Etappen gewährt Stendhal dem Leser einen tiefen Einblick in die Schwächen der Stände. Eine soziale Mobilität ist eigentlich nicht gegeben. Der Aufstieg Juliens stellt eine seltene Ausnahme dar. „Qui est né misérable, reste misérable, et v’là.“[6] Dennoch ist für Julien das Eintreten in den Adelsstand, seitdem er ein junger Mann ist, das angestrebte Ziel. Aus diesem Grund nimmt der Adel in Stendhals Roman einen herausragenden Platz ein. Der Stellung und Bedeutung des Adels in der damaligen französischen Gesellschaft soll deshalb auch in der vorliegenden Arbeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

II.1 Der Adel – ein heterogener Stand

Die Adelsgesellschaft ist in der Restaurationszeit keine homogene Gruppe mehr wie vor der Französischen Revolution, sie besteht aus Royalisten, Liberalen und Bonapartisten. Zu den Royalisten zählten auch die zurückgekehrten Emigranten. Sie hatten damals bei der Französischen Revolution ins Ausland flüchten müssen, um der Guillotinierung zu entgehen. Während ihrer Abwesenheit gingen ihre Güter an den Staat und wurden verkauft. Nach ihrer Rückkehr verlangten sie diese zurück, bzw. eine angemessene Entschädigung. Einen anderen Teil der höheren Gesellschaft machten die neuen Besitzer der ehemaligen Güter der Emigranten aus, das reich gewordene Bürgertum. Ebenso gab es noch die Adeligen wie den Herzog von Orléans, den späteren König Frankreichs, dessen Vater 1793 für die Hinrichtung von Louis XVI gestimmt hatte. Eben diese befürworteten zumindest die konstitutionelle Monarchie. Republikaner waren auch unter den Adeligen, aber natürlich waren sie eher rar gestreut.

II.2 Die Angst vor einer neuen Revolution

Die Anhänger der Restaurationsbewegung waren sich der Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens teils bewusst, wollten aber keine Alternativen andenken, die Machtverlust ihrerseits, wenn nicht gar Liquidierung zur Folge haben konnten. Die Angst vor ausufernden Gesprächen über solche brisanten Themen ließ sie bei gesellschaftlichen Anlässen gezwungen über Belangloses sprechen.[7] Dies spürt der Leser bei der Lektüre des Romans. Als Julien, als Stadtadel-Unerfahrener das erste Mal den Salon des Marquis de La Mole betritt, fühlt er die Beklommenheit der Anwesenden. „Les hommes réunis dans ce salon semblèrent à Julien avoir quelque chose de triste et de contraint ; on parle bas à Paris, et l’on n’exagère pas les petites choses. “[8] Die Furcht der Adligen vor einer neuen Revolution wird spürbar. „Le trône, l’autel, la noblesse peuvent périr demain, Messieurs, tant que vous n’aurez pas créé dans chaque département une force de cinq cents hommes dévoués. […] non pas un petit bourgeois bavard, prêt à arborer la cocarde tricolore si 1815 se présente de nouveau […]“[9] Man bleibt höflich, steif und inhaltlich stumm und vermeidet, Ideen oder Tatkraft zu zeigen. „Prenez bien garde à ce jeune homme qui a tant d’énergie, s’écria son frère ; si la révolution recommence, il nous fera tous guillotiner. “[10] Am Beispiel Monsieur de La Moles wird später deutlich gezeigt, worin diese gezwungene, ängstliche Atmosphäre ihren Ursprung hat. „Après avoir joui pendant deux ans d’une fortune immense et de toutes les distinctions de la cour, 1790 l’avait jeté dans les affreuses misères de l’émigration. Cette dure école avait changé une âme de vingt-deux ans. “[11] Stendhal fasst zusammen:

Pourvu qu’on ne plaisantât ni de Dieu, ni des prêtres, ni du roi, ni des gens en place, ni des artistes protégés par la cour, ni de tout ce qui est établi; pourvu qu’on ne dît du bien ni de Béranger, ni des journaux de l’opposition, ni de Voltaire, ni de Rousseau, ni de tout ce qui permet un peu de franc parler ; pourvu surtout qu’on ne parlât jamais politique, on pouvait librement raisonner de tout.[12]

[...]


[1] Auerbach, Erich: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur. S. 425. Im Folgenden Auerbach genannt

[2] vgl. Kindlers Neues Literatur Lexikon, Band 15, S. 959.

[3] vgl. Gersmann/ Kohle: Frankreich 1815-1830. S. 125

[4] Stendhal: Le Rouge et Le Noir. I, 29. Im Folgenden Le Rouge et Le Noir genannt.

[5] Ebd .: II, 13.

[6] Ebd.: I, 29.

[7] Auerbach: S. 423.

[8] Le Rouge et Le Noir: II, 2.

[9] Ebd.: II, 22.

[10] Ebd.: II, 12.

[11] Ebd.: II, 34.

[12] Le Rouge et Le Noir: II, 4.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Darstellung der Restaurationsgesellschaft in Stendhals "Le Rouge et Le Noir"
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanistik)
Veranstaltung
Der Tod des Königs. Die Ermordung Ludwigs XVI. und ihre literarische Bearbeitung
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V56329
ISBN (eBook)
9783638510356
ISBN (Buch)
9783638765909
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Restaurationsgesellschaft, Stendhals, Rouge, Noir, Königs, Ermordung, Ludwigs, Bearbeitung
Arbeit zitieren
Dorothee Korspeter (Autor), 2005, Darstellung der Restaurationsgesellschaft in Stendhals "Le Rouge et Le Noir", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56329

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