Wie international sind internationale Fernsehnachrichten?


Hausarbeit, 2005
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Vorwort

2. 24/7, weltweit - Die Bildlieferanten der Fernsehsender
2.1 Korrespondenten
2.2 Nachrichtenfilmagenturen
2.3 Eurovision News Exchange
2.4 Übertragung der Nachrichtenfilme

3. Domestizierung - Internationale Nachrichten auf nationalen Sendern
3.1. Kriterien der Nachrichtenauswahl
3.2 Struktur des Nachrichtenbulletins
3.3 Nationale Berichte von internationalen Geschehnissen

4. EuroNews - Many Voices, one Vision
4.1 Struktur und Arbeitsweise
4.2 Schwierigkeiten bei der Diffusion
4.3 Internationale Nachrichten - Eine neue Form der Berichterstattung

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Quellenverzeichnis

1. VORWORT

Der Terroranschlag auf das World Trade Center, der Tsunami in Südostasien, die Bilder des ersten Golfkriegs - die ganze Welt nimmt mittlerweile live Anteil an regionalen Geschehnissen. Kommunikation und Nachrichtenübermittlung in Echtzeit ist aus den entlegendsten Winkeln der Erde möglich; die Aufmacher der Nachrichten in fast jedem Land identisch.

Marshall McLuhans Vision des globalen Dorfs scheint sich verwirklicht zu haben: Modernen Medien lassen die Menschen zusammen wachsen. Globale Netzwerke organisieren grenz überschreitende Kommunikation. Informationen sind in kürzester Zeit von jedem Punkt der Erde abzurufen.1

Auch heimische Nachrichten werden zunehmend von internationalen Themen dominiert. Doch trotz fortschreitender Globalisierung hat die Charakterisierung des Dorfs in Bezug auf die nationale Nachrichtenberichterstattung bestand. Regionalstolz und Zugehörigkeitsgefühl sind in vielen Staaten heute ausgeprägter denn je. Lokalität und Heimatbezug der Nachrichten sind unerlässlich, um das Publikum zufrieden zustellen. Bulletins folgen in allen Themenbereichen nationalen Schwerpunkten.

Der diffizilen Konstellation von Internationalität und Nationalität von Fernsehnachrichten widmet sich die vorliegende Arbeit. Sie untersucht in welchem Verhältnis beide Kriterien in der Berichterstattung zueinander stehen und stellt die Frage, wie international Fernsehnachrichten überhaupt sind und sein können.

Grundlage für diese Auseinandersetzung ist die Kenntnis der Quellen, aus denen die Sender ihre Nachrichtenfilme beziehen (2.). Basierend auf diesem Wissen wird untersucht, wie einzelne Sendeanstalten das Bildmaterial in ihrer Berichterstattung umsetzen und die Nachrichten national prägen (3.). Abschließend sollen dann die Schwierigkeiten der internationalen Berichterstattung aber auch deren Möglichkeiten am Fallbeispiel des paneuropäischen Senders EuroNews konkretisiert werden (4.).

2. 24/7, WELTWEIT - DIE BILDLIEFERANTEN DER FERNSEHSENDER

Fernsehsender beziehen ihre Nachrichtenfilmen aus sechs verschiedene Quellen: direkt von eigenen Teams und Korrespondenten vom Ort des Geschehens, aus Kooperationen mit anderen Sendern, durch Amateuraufnahmen, aus Archivmaterial, von Nachrichtenfilmagenturen oder aus dem Eurovision News Exchange.2

Der Grad der Nutzung der einzelnen Bezugsquellen unterscheidet sich stark. Die drei meist genutzten Bildlieferanten werden im folgenden Kapitel erläutert. Auch ihre Übermittlung zu den einzelnen Fernsehstationen wird dabei betrachtet.

2.1 KORRESPONDENTEN

Korrespondenten sind Journalisten, die regelmäßig und aktuell aus dem Ausland für ihren Heimatsender berichten. Ihnen stehen ein festes Büro und ein EB-Team vor Ort zur ständigen Verfügung. Durch ihre dauernde Präsenz im jeweiligen Ausland besitzen sie fundierte Landes- und Hintergrundkenntnisse, haben Kontakte zu einheimischen Medien und sind mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen vertraut. Sie können schnell auf Anfragen und Aufträge reagieren. Im Gegenzug birgt ihr permanenter Aufenthalt im Ausland aber die Gefahr der Themen- und Heimatferne. Je länger ein Korrespondent außer Landes ist, desto schwieriger wird es für ihn, die Interessen der Zuschauer im Heimatland einzuschätzen.3

„Die Korrespondenten-Task force dagegen, die immer wieder neu ausrückt, wenn irgendwo ein Nachrichtengeschehnis dies verlangt, nimmt diese Sicht im Reisegepäck mit“4 Solche „Reisekorrespondenten“5 sind gegenüber ständigen Berichterstattern wesentlich kostengünstiger, da sie mit ihrem Team nur zur aktuellen Berichterstattung vor Ort sind. Die Fernsehsender müssen nicht fortwährend ein Auslandsstudio und einen Stab unterhalten. Der Hauptgrund, weshalb nur wenige Fernsehstationen ständige Korrespondenzen im Ausland haben. In Deutschland unterhalten nur die ARD und das ZDF Studios im Ausland6.

2.2 NACHRICHTENFILMAGENTUREN

Eine wesentlich einfachere und kostengünstigere Variante der Nachrichtenfilmbeschaffung sind News Packages von Agenturen. Diese beinhalten neben maximal drei Minuten Rohmaterial eine kurze Inhaltsübersicht des Beitrages. Das Offer setzt sich sowohl aus der Nachricht, der Beschreibung der Bildfolge und -länge als auch eines kurzen Nachrichtentextes zusammen.7 Die Agenturen bieten neben diesem unkommentierten, grobgeschnittenen Material8 auch Hintergrundberichte und Reportagen zu speziellen Themen an.9

Momentan gibt es zwei Markt führende Nachrichtenfilmagenturen10: APTN und Reuters Television. Beide agieren weltweit und bieten ihren Kunden hauptsächlich tagesbeziehungsweise stundenaktuelle Nachrichten an. Die in London ansässigen Agenturen haben über 276 internationale Büros.11 Ihre Teams drehen, bearbeiten und senden via Satellit das Material meist direkt vom Ort des Geschehens.

Private Sender sind die Hauptkunden der Nachrichtenfilmagenturen, da sie keine eigenen Korrespondenzstudios haben und nur assoziierte Mitglieder des Eurovision News Exchange (EVN) sind. Das heißt, sie dürfen Beitragswünsche im gemeinsamen Austausch erst nach allen anderen Rundfunkanstalten äußern. Diese Reihenfolge mindert die Chance, gewünschte Bilder im News Package zu erhalten (s. 2.3). Bei Nachrichtenfilmagenturen können die privaten Sender internationale Nachrichten jedoch sofort gegen Gebühren anfordern. Aber auch der EVN bezieht einen großen Teil seiner Nachrichtenbeiträge von den Agenturen.12

Die Agenturen unterbreiten ihren Kunden rund um die Uhr Nachrichtenangebote via Telefon und Fax.13 Im Gegensatz zum Eurovision News Exchange werden diese Angebote wesentlich schneller und unkomplizierter übermittelt werden, da die Agenturen keiner vorherigen Konferenz aller beteiligten Staaten bedürfen, um ein News Package zusammenzustellen, sondern sie können sofort über die Standleitungen senden.

2.3 EUROVISION NEWS EXCHANGE

Der Eurovision News Exchange ist der älteste und erfolgreichste Nachrichtenaustausch der Welt.14 Er wurde 1958 innerhalb der European Broadcasting Union, dem weltgrößten Zusammenschluss nationaler Rundfunkanstalten gegründet.15 Seitdem ist die Zahl der partizipierenden Mitglieder beständig gestiegen, auch über die Grenzen Europas hinaus: Die EBU hat mittlerweile 74 aktive Mitglieder in 54 Länder Europas, Nordafrikas und des Mittleren Ostens und 48 assoziierte Mitglieder in 28 Länder weltweit.16

Täglich übermittelt die EBU durch den EVN zirka 8017 tagesaktuelle Nachrichten.18 Die meisten Bilder speisen die teilnehmenden Fernsehsender in das Netzwerk ein.19 Ein großer Teil wird aber von den Nachrichtenfilmagenturen oder über Kooperationsverträge mit anderen Nachrichtennetzwerken angeboten.20 Welches Bildmaterial endgültig in die jeweiligen News Packages aufgenommen wird, entscheiden die Vollmitglieder der EBU in Eurokonferenzen.

Dreimal täglich21 werden auf diesen Telefonkonferenzen die Inhalte der Satellitenübertragungen festgelegt.22 Dabei wählt ein News Coordinator bereits im Vorhinein Nachrichten von allgemeinem Interesse aus dem Pool von Berichten aus und sendet den teilnehmenden Rundfunkanstalten eine Übersicht zu. Daraufhin melden die Nachrichtenredakteure der EBU-Mitglieder ihre Beitragswünsche beim News Coordinator an, die dann während der Konferenz mit anderen Mitgliedern abgestimmt werden. Um einen Nachrichtenfilm in die Übertragung aufzunehmen, müssen mindestens drei beziehungsweise fünf Sender, je nach Auslastung der Übertragung, Interesse am jeweiligen Beitrag signalisiert haben.

Neben den EBU-Mitgliedern nehmen auch Redakteure der Nachrichtenfilmagenturen an den Eurokonferenzen teil, um ihre Beiträge anzubieten. Während der Konferenz ist es auch möglich, direkt mit anderen Mitgliedern den Austausch von Nachrichten und Programminhalten zu organisieren, ohne über die News Packages der EVN zu gehen. Nachdem alle Anfragen und Wünsche der beteiligten Sender besprochen wurden und die Nachrichtenfilme ausgewählt sind, werden sie zu einem News Package zusammengestellt und übertragen. Die angeschlossenen Fernsehanstalten können die Übertragung in beliebiger Länge mitschneiden und aus dem gelieferten Material ihre Nachrichten zusammenstellen. Parallel zur Übermittlung versendet der News Coordinator das Final, in dem der Inhalt des News Packages detailliert aufgeschlüsselt ist, an alle Sendestationen.23

2.4 ÜBERTRAGUNG DER NACHRICHTENFILME

Durch die Etablierung Satelliten basierter Nachrichtenübertragung kann „mit hochmobilen Übertragungseinheiten am Boden […] heutzutage praktisch von jedem beliebigen Ort live reportiert werden, das heißt, die Nachrichtengeschehnisse erreichen ohne Verzug die TVZuschauer.“24 Sowohl der EVN als auch die Korrespondenten und die Agenturen nutzen diesen Übermittlungsweg für die schnelle Vertreibung ihrer Nachrichtenfilme.

In Europa werden Nachrichten via Eutelsat in über 50 digitalen Sattelitenkanälen übertragen.25 Dabei gibt es drei verschiedene Möglichkeiten der Übermittlung: die planmäßigen News Packages, die Blitzüberspielungen für Sofortmeldungen und die direkte Einspeisung aus einer laufenden Nachrichtensendung in die Satellitenübertragung.26

Gab es zu Beginn der Satellitenübertragung der EBU 1961 nur einen täglichen Nachrichtenaustausch, werden heute acht News Packages zu festen Zeiten überspielt. Und auch zwischen den fixen Übertragungen laufen permanent Sendungen zwischen den einzelnen Fernsehstationen oder von Nachrichtenfilmagenturen über den Satelliten der EBU.27

[...]


1 Vgl. Kamps, Klaus: Politik in Fernsehnachrichten: Struktur und Präsentation internationaler Ereignisse - Ein Vergleich. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. 1999. S. 101.

2 Vgl. Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: Nachrichtenfilmagenturen: Reuters Television und Worldwide Television News Corporation. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Agenturen im Nachrichtenmarkt: Reuters, AFP, VWD/dpa, dpa- fwt, KNA, epd, Reuters Television, Worldwide Television News, Dritte-Welt-Agenturen. Köln; Weimar; Wien: Böhlau. 1993. S. 244 und Baecker, Dagmar: Produktion von Nachrichtenfilmen: Eine Untersuchung der Fernsehnachrichtenagentur Worldwide Television News (WTN). In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Nachrichtenproduktion im Mediensystem: Von den Sport- und Bilderdiensten bis zum Internet. Köln; Weimar; Wien: Böhlau. 1998. S. 122.

3 Glotz, Peter: Professionalit ä t - Ein Interview mit Heinz Klaus Mertes. In: Glotz, Peter: Die Benachrichtigung der Deutschen: Aktuelle Fernsehberichterstattung zwischen Quoten- und Zeitzwang. Frankfurt am Main: IMK. 1998. S. 109.

4 Ebd.

5 Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 281.

6 Auslandkorrespondenzen: ARD: 26; ZDF: 19. [17. September 2005].

7 Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 262.

8 Vgl. Baecker, Dagmar: a.a.O. S. 140.

9 Vgl. www.aptn.com.

10 Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 244.

11 Vgl. www.aptn.com und www.reuters.com.

12 Ebd. S.275.

13 Vgl. Baecker, Dagmar: a.a.O. S. 186.

14 Cohen, Akiba A.: Global Newsrooms, Local Audiences: A Study of the Eurovision News Exchange. London: John Libbey. 1996. S. 1.

15 Vgl. www.ebu.ch

16 Vgl. ebd.

17 verschiedene Angaben: www.ebu.ch: 30000 Nachrichtenbeiträge im Jahr, Cohen, Akiba, A.: 22000 pro Jahr; zirka 61 Nachrichtenübertragungen täglich.

18 Vgl. Cohen, Akiba A.: a.a.O. S. 62.

19 Vgl. Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 275.

20 Vgl. Cohen, Akiba A.: a.a.O. S. 2.

21 Vgl. Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 264.

22 Vgl. ebd. S. 263/264.

23 Vgl. Ablauf einer Eurokonferenz mit Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 263-269.

24 Glotz, Peter: a.a.O. S. 107.

25 Vgl. www.ebu.ch.

26 Vgl. Kalisch, Oliver; Wilke, Jürgen: a.a.O. S. 264-265.

27 Vgl. ebd. S. 265.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie international sind internationale Fernsehnachrichten?
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Fallstudien zur Internationale Wirtschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V56357
ISBN (eBook)
9783638510547
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit widmet sich der diffizilen Konstellation von Internationalität und Nationalität von Fernsehnachrichten. Sie untersucht in welchem Verhältnis beide Kriterien in der Berichterstattung zueinander stehen und stellt die Frage, wie international Fernsehnachrichten überhaupt sind und sein können.
Schlagworte
Fernsehnachrichten, Fallstudien, Internationale, Wirtschaft
Arbeit zitieren
Judith Biedermann (Autor), 2005, Wie international sind internationale Fernsehnachrichten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56357

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