Viele Rezensionen des Films ‚Der Blaue Engel’ rücken Lola Lola als Femme Fatale in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Zeichnen sie als kalte, berechnende und laszive Frau, der die Männer erliegen. Mit dieser Anziehungskraft soll sie auch Professor Rath in den sozialen Abstieg aus Leid und Demütigung gerissen haben. Die vorliegende Arbeit möchte eine Gegenposition zu diesen Charakterisierungen einnehmen - Professor Rath nicht als Opfer der Femme Fatale, sondern als Schuldner des eigenen Leidens betrachten, nach seiner Verantwortlichkeit für den sozialen Abstieg bis hin zum Tod fragen und ihn als bewussten Akteur, als Masochist beleuchten. Grundlage der Arbeit ist Gilles Deleuzes Literaturanalyse der Romane Sacher-Masochs. Diese theoretische Definition der Merkmale des Masochismus wird auf den Film übertragen. Ziel dieses Vergleichs ist die Beantwortung der Frage, ob Professor Rath ein Masochist und somit selbst für seinen sozialen Abstieg und Tod verantwortlich ist.
Der folgende Interpretationsansatz ist dabei aber nicht als absolut zu verstehen. Andere Ansätze sollen durch ihn nicht verneint werden. Vielmehr soll er diese ergänzen, denn nicht alle Merkmale und Eigenschaften des Films können mit dem Ansatz des Masochismus erklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
2. Definition des Masochismus nach Gilles Deleuze
2.1 Die Grundlagen des Masochismus: Fantasie, Fetischismus und Verneinung
2.2 Die Rolle der Frau im Masochismus
2.3 Vertrag und Gesetz – Schmerz und Lust
2.4 Ästhetik und Zeit
3. Der Masochismus im Film ‚Der Blaue Engel’
3.1 Die Mutter-Kind-Beziehung zwischen Lola Lola und Professor Rath
3.2 Die Verneinung der Phalluslosigkeit Lola Lolas und der Fetisch im Film
3.3 Die Verneinung des Vaters als Macht- und Gesetzesinstanz
3.4 Der Vertrag und die Eigenverantwortlichkeit Professor Raths
3.5 Lola Lola, das masochistische Frauenideal
3.6 Die Verneinung der sexuellen Lust und die Befriedigung durch Schmerz
3.7 Das Ziel: Die Symbiose mit der Mutter
4. Der Abschluss
4.1 Das Filmende: Ende der masochistischen Fantasie
4.2 Zusammenfassung der masochistischen Merkmale des Films
5. Filmographie
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Film ‚Der Blaue Engel’ durch die theoretische Brille von Gilles Deleuzes Literaturanalyse zu Sacher-Masoch, um zu klären, ob Professor Rath als bewusster Akteur und Masochist für seinen sozialen Abstieg bis hin zum Tod selbst verantwortlich ist.
- Analyse masochistischer Strukturen im Film ‚Der Blaue Engel’
- Deleuzes Definition des Masochismus als theoretischer Rahmen
- Die Rolle der Femme Fatale als orale Mutterfigur
- Bedeutung von Fetisch, Vertrag und Verneinung im Film
- Psychologische Untersuchung der Eigenverantwortung von Professor Rath
Auszug aus dem Buch
3.1 DIE MUTTER-KIND-BEZIEHUNG ZWISCHEN LOLA LOLA UND PROFESSOR RATH
Der Hauptinhalt des Films, die Beziehung zwischen dem Gymnasiallehrer und der Varieté-Künstlerin, spiegelt den Kern des Masochismus, die Mutter-Kind-Fantasie, wider. Denn das Verhältnis zwischen beiden Protagonisten zeichnet sich nicht durch Attribute einer gewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau aus. So nimmt Lola Lola die Position der Mutter, Professor Rath die Rolle des Kindes ein.
Die mütterliche Fürsorge und Strenge Lola Lolas bestimmen die ganze Beziehung. Sie ist die Dominante, kümmert sich um Professor Rath, weist ihn zurecht, belehrt und erzieht ihn. Zwei Szenen des Filmes belegen die Kongruenz des Verhältnisses mit der Mutter-Kind-Fantasie des Masochismus.
Während des zweiten Treffens von Lola Lola und Professor Rath im ‚Blauen Engel’, beide sitzen in der Garderobe am Schminktisch (ab 0:38:26), werden die Rollen der Protagonisten klar ersichtlich. Lola Lolas Dominanz wird bereits durch ihre Sitzhöhe versinnbildlicht. In mütterlicher Fürsorge und einer Intimität, die einer sexuellen Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau untypisch ist, lässt sie sich von Professor Rath beim Schminken helfen. Sie ist die Akteurin, reicht ihm die Dosen, Flaschen und Schminkutensilien.
Besonders deutlich wird die Fürsorglichkeit von Lola Lola beim Kämmen der Haare von Professor Rath (0:39:50) und dem Trösten, nachdem er des Puders wegen husten musste (0:40:36). Mit Liebkosungen, wie Streicheln des Kinns (0:40:42) und Kopfs (0:48:53) und Äußerungen, wie „Tut’s weh, ja?“ (0:40:55), „Ist es so schlimm“ (0:40:41) und „Ist er wieder gut?“ (0:41:02), manifestiert Lola Lola ihre Position als Mutter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Einführung in die Forschungsfrage, ob Professor Rath ein bewusst handelnder Masochist ist und somit selbst für seinen Untergang verantwortlich zeichnet.
2. Definition des Masochismus nach Gilles Deleuze: Theoretische Herleitung der zentralen Begriffe wie Fantasie, Fetischismus, Verneinung und der Rolle der oralen Mutter.
3. Der Masochismus im Film ‚Der Blaue Engel’: Anwendung der Deleuze-Theorie auf die Charakterkonstellationen und den Handlungsverlauf des Films.
4. Der Abschluss: Kritische Würdigung des Filmendes und Fazit zur Eigenverantwortung von Professor Rath innerhalb der masochistischen Fantasie.
5. Filmographie: Auflistung der filmischen Eckdaten zum untersuchten Werk.
6. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten theoretischen Literatur und Online-Quellen.
Schlüsselwörter
Masochismus, Gilles Deleuze, Der Blaue Engel, Lola Lola, Professor Rath, Mutter-Kind-Fantasie, Fetischismus, Verneinung, soziale Abstieg, filmische Ästhetik, Eigenverantwortlichkeit, orale Mutter, patriarchale Ordnung, Macht, Unterhose.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Film ‚Der Blaue Engel’ unter dem Aspekt des Masochismus und untersucht die soziale Degradierung des Protagonisten Professor Rath.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die psychoanalytische Deutung nach Gilles Deleuze, die Machtdynamiken zwischen den Protagonisten sowie die Symbolik von Fetisch und Gesetz im Film.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Professor Rath als aktiver Masochist die Verantwortung für seinen sozialen Abstieg und seinen Tod trägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und theoretische Definition des Masochismus nach Gilles Deleuze als methodisches Werkzeug zur Interpretation der Filmszenen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Übertragung von Deleuzes Merkmalen des Masochismus auf konkrete Szenen des Films, wie die Mutter-Kind-Beziehung und die symbolische Bedeutung des Hutes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Masochismus, Fetischismus, orale Mutter, Eigenverantwortlichkeit, Machtinstanz und die symbolische Verneinung.
Warum spielt der „Hut“ eine so wichtige Rolle in der Analyse?
Der Hut dient als Symbol für männliche Macht und Gesetz. Der Verlust oder Wechsel des Hutes markiert im Film den Übergang von Professor Rath in die mütterliche Ordnung.
Ist Lola Lola im Sinne der Arbeit eine reine „Femme Fatale“?
Die Arbeit nimmt eine Gegenposition ein und interpretiert Lola Lola nicht als die alleinige Verführerin, sondern als eine vom masochistischen Protagonisten selbst gewählte „orale Mutter“.
- Quote paper
- Judith Biedermann (Author), 2005, Der Masochismus im Film 'Der Blaue Engel' - Ist Professor Rath für seinen sozialen Abstieg bis hin zum Tod selbst verantwortlich?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56358