Die Geschichte von „Hair“, dem Bühnenwerk, das wie kein zweites das Lebensgefühl der Hippiebewegung der sechziger Jahre transportiert, ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Dabei rief es von Anfang an bei der Kritik sehr verschiedene Reaktionen hervor. Einerseits feierten Theaterkritiker der New York Times und der Saturday Review es als multisensual theater, das die authentische Stimme der Gegenwart wiedergebe. Andererseits aber gab und gibt es seit der Uraufführung 1967 immer wieder Stimmen, die es für „vulgär, billig und geschmacklos“ halten und von einer „banalen Handlung“ sprechen.
Möglicherweise deshalb, wahrscheinlicher aber, weil die Gattung Musical insgesamt immer noch dem reinen Unterhaltungstheater zugerechnet wird, gibt es in der Flut der Kritiken und Rezensionen, die zu Hair geschrieben wurden, kaum Sekundärliteratur, die sich analytisch mit diesem Werk beschäftigt. Dabei besteht in verschiedenen Punkten Klärungsbedarf, wie zum Beispiel in der Frage, ob es sich bei „Hair“ überhaupt um ein Musical handelt. Dieser Problematik wird die vorliegende Arbeit im zweiten Kapitel nachgehen.
Zunächst muß jedoch geklärt werden, über welches „Hair“ wir überhaupt reden; denn seit seiner Uraufführung am Public Theater 1967 veränderte sich häufig sein Gesicht, paßte sich sowohl der Zeit als auch regionalen Gegebenheiten an. Die Bearbeitung dieser Frage wird den Anfang der Arbeit bilden.
Wenn diese formalen Ansätze besprochen sind, wird endlich der Inhalt zu behandeln sein. Da sich dieser äußerst vielschichtig darstellt, ist es im begrenzten Rahmen dieser Arbeit unumgänglich, sich auf einen Aspekt zu beschränken. Neben den Themen Freiheit, Liebe, Antirassismus und Pazifismus, die explizit angesprochen das Bühnenstück prägen, zieht sich die Abkehr von der Vernunft wie ein roter Faden durch die ungefähr zweistündigen Aufführungen. Der Nachweis dieses Ansatzes soll den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bilden. Er wird auf zweierlei Arten verwirklicht. Einerseits werden in „Hair“ Grenzen negiert und damit einer Kategorisierung der Welt, die der Vernunft zu Grunde liegt, entgegengewirkt, andererseits wird der polare Dualismus, die Vorbedingung für jedes vernünftige Urteil über die Welt, aufgehoben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehungsgeschichte
3. Die Gattungseinordnung
3.1 Musical
3.2 Sprechtheater
3.21 Das klassische Drama
3.22 Die Geburt der Tragödie
3.23 Das epische Theater
3.3 Das Gesamtkunstwerk
4. Grenzüberschreitungen
4.1 Realität und Fiktion
4.2 Die Grenzen des Individuums
4.3 Kultureller Crossover
4.4 Die Grenzen des Sagbaren
5. Die Glorifikation des Irrationalen
5.1 Aquarius
5.2 Hair
5.3 My Conviction
5.4 Where Do I Go
5.5 Good Morning, Starshine
5.6 Let The Sunshine
6. Schluß
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Musical „Hair“ auf seine formale Gattungseinordnung sowie auf sein inhaltliches Motiv der „Überwindung der Vernunft“. Ziel ist es, die ästhetischen Ansätze des Werkes – insbesondere im Kontext von Nietzsche und dem Gesamtkunstwerk – zu analysieren und zu zeigen, wie das Stück durch die Abkehr von rationalen Denkmustern eine alternative Lebenswelt der Hippiebewegung erfahrbar macht.
- Formalanalyse von „Hair“ als Gesamtkunstwerk und erweitertes Sprechtheater
- Die Funktion des Chores im Kontext von Nietzsches „Geburt der Tragödie“
- Grenzüberschreitungen zwischen Realität, Fiktion und den Konventionen des Sagbaren
- Die Glorifikation des Irrationalen als Gegenentwurf zum vernunftbasierten Establishment
- Analyse zentraler Lieder wie „Aquarius“, „Where Do I Go“ und „Good Morning, Starshine“
Auszug aus dem Buch
Die Gattungseinordnung
Bei der Einordnung von „Hair“ in eine dramatische Gattung gibt es seit der Uraufführung wegen der experimentellen Neuigkeit der Form diverse Probleme. Mehr oder weniger stillschweigend hat man sich darauf geeinigt, es als Musical zu bezeichnen, obgleich schon 1967 einige Theaterkritiker es wie selbstverständlich vom Standpunkt des Sprechtheaters aus analysierten. Dies ist nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Die Gattung Musical zeichnet sich ja nicht nur dadurch aus, daß hier Musik, Gesang, Tanz und Show eine Einheit bilden, sondern „Songs, Tanznummern und die durchkomponierte Musik sind integrale Bestandteile der Handlung“. Dies aber setzt eine fortlaufende Handlung voraus, die in „Hair“ nur rudimentär vorhanden ist. Der „enge dramaturgische Zusammenhang“, der das Genre gegen andere Mischformen von Sprache, Gesang und Tanz abgrenzt, scheint vordergründig zu fehlen. Vielmehr erinnert das Stück in seiner träumerischen Verspieltheit, seiner unrealistischen, beinahe märchenhaften Präsentation einzelner Gegenstände (z.B. der organischen Demokratie innerhalb der Gruppe) und seiner nicht ausformulierten Skizzenhaftigkeit der Figuren, aus der sich keine psychologische Motivation der Geschehnisse ergeben kann, eher an eine Operette oder Revue. Eine diesbezügliche Einordnung verbietet sich aber nicht nur wegen der aktuellen Musik (Rock, elektronischer Blues, Psychodelic), sondern auch wegen des unübersehbaren Zeitbezugs des dargestellten Lebensgefühls.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Erfolg von „Hair“, die kontroversen Kritiken und die Begründung des Fokus auf die „Abkehr von der Vernunft“.
2. Die Entstehungsgeschichte: Darstellung der Entstehung durch Ragni, Rado und MacDermott sowie die verschiedenen Inszenierungsformen von Off-Broadway bis zur Verfilmung.
3. Die Gattungseinordnung: Untersuchung, ob „Hair“ als Musical, klassisches Drama, Sprechtheater oder Gesamtkunstwerk klassifiziert werden kann.
4. Grenzüberschreitungen: Analyse der Auflösung von Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Individuum und Gruppe sowie den Normen der Sprache.
5. Die Glorifikation des Irrationalen: Interpretation ausgewählter Lieder, die das Irrationale und Mystische als bewussten Gegenentwurf zur Ratio etablieren.
6. Schluß: Zusammenfassung der Ergebnisse und kritischer Ausblick auf die Gefahren und offenen Fragen der postulierten Irrationalität.
Schlüsselwörter
Hair, Musical, Gesamtkunstwerk, Hippiebewegung, Friedrich Nietzsche, Vernunft, Irrationalität, Sprechtheater, Dramaturgie, Musiktheater, Kulturgeschichte, Rebellion, soziale Utopie, Grenzaufhebung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Bühnenwerk „Hair“ sowohl hinsichtlich seiner formalen Einordnung in die Gattung des Musicals als auch inhaltlich als eine bewusste Abkehr von vernunftbasierten Weltbildern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Hippiebewegung der 1960er Jahre, die Überwindung des rationalen Denkens, die Transformation von Musik in eine soziale Ausdrucksform sowie die ästhetische Gestaltung von Grenzüberschreitungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie „Hair“ formale Gattungskonventionen sprengt und inhaltlich das Irrationale zur Lösung gesellschaftlicher Probleme bzw. zur Erneuerung der Menschlichkeit propagiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textimmanente Analyse der Libretti vorgenommen, die durch den Einbezug theaterwissenschaftlicher Theorien (z.B. Nietzsche, Brecht, Wagner) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Einordnung des Werkes als Gesamtkunstwerk, eine Untersuchung der Grenzüberschreitungen (Realität/Fiktion) und eine detaillierte Interpretation zentraler Lieder wie „Aquarius“ oder „Good Morning, Starshine“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem „Gesamtkunstwerk“, „Dionysisches“, „Hippie-Kultur“, „Sprachkritik“ und „Dualismus-Überwindung“.
Welche Bedeutung hat das Lied „Good Morning, Starshine“ für die Argumentation?
Dieses Lied dient als Beispiel für die gezielte Sinnentleerung der Sprache, um den Intellekt auszuschalten und den Zugang zu vorbewussten, emotionalen Bereichen der Seele zu erzwingen.
Wie bewertet die Arbeit die im Stück dargestellte „Irrationalität“?
Die Arbeit erkennt den Wunsch nach einer Alternative zur lebensfeindlichen Vernunft an, weist im Schlussteil aber kritisch auf die Gefahr hin, dass eine solche unreflektierte Abkehr von der Ratio in totalitäre Muster führen kann.
Warum wird der Begriff „Gesamtkunstwerk“ für „Hair“ als besonders passend erachtet?
Der Autor argumentiert, dass „Hair“ den Dualismus zwischen Sprechtheater und Musiktheater überwindet und somit den idealen Begriff für diese spezifische Form der theatralen Verschmelzung darstellt.
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- Magister Artium Norbert Krüßmann (Author), 2000, Die Überwindung der Vernunft im Gesamtkunstwerk "Hair", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56497