Die Mission des Deutschen Ordens in Preußen


Magisterarbeit, 2004

103 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Quellen und Literatur zur Preußenmission des Deutschen
Ordens
1.1. Die Quellen zur Preußenmission
1.2. Die Literatur zur Preußenmission

2. Ein kurzer Überblick über die preußische Mission
2.1. Die Zeit vor der Ankunft in Preußen (1191-1225)
2.2. Die Zeit der Preußenmission (1226-1283)

3. Orientierungspunkte in der Geschichte des Ordens selbst
3.1. Vom Wesen des Deutschen Ritterordens
3.2. Die Erfahrungen im Heiligen Land
3.3. Die ungarische Mission
3.4. Die innere Struktur des Deutschen Ordens

4. Die vorangegangenen Missionen in Preußen
4.1. Allgemeiner Überblick über die vorangegangenen Missionen..
4.2. Die Missionstätigkeit Bischof Christians.

5. Mögliche Einflußquellen von weltlicher und geistlicher
5.1. Friedrichs II Staat als Beispiel.
5.2. Die Bibel als mögliche Einflußquelle
5.3. Die Rolle des Papstes bei der Missionierung Preußens.
5.4. Der Christburger Friede.
5.5. Die preußischen Bistümer

6. Die Preußenmission im größeren geschichtlichen Rahmen
6.1. Die Preußenmission im Rahmen der Ostbewegung.
6.2. Vergleich Goldbulle von Rimini und Kulmer Handveste

7. Mögliche Einflußquellen von preußischer Seite
7.1. Das Volk der Prußen als Einflußfaktor
7.2. Das Land der Prußen als Einflußfaktor

8. Unvorhersehbare Faktoren und eine mögliche Wende
8.1. Die Pest von 1237.
8.2. Herzog Swantopolk.
8.3. Gab es eine Wende in der Vorgehensweise des Ordens?

9. Das preußische Unternehmen im Rahmen der Missions-
konzepte
9.1. Allgemeine Einteilung der Missionsmethoden.
9.2. Die Einordnung der Preußenmission.
9.3. Missionsmethoden, die erwogen wurden

Schlußwort

Anhang
1. Karten von Preußen
1.1. Karte Ostpreußen und seine Einteilung in die verschiedenen Gaue
1.2. Die Angriffslinie des Deutschen Ordens.
2. Einige chronologische und begriffliche Daten
2.1. Die Hochmeister des Deutschen Ordens von 1198 bis 1290
2.2. Die Päpste von 1198 bis 1285.
2.3. Die wichtigsten Burgenund Städtegründungen des Deutschen Ordens im Preußenland.
2.4. Konkordanz der Ortsnamen
3. Bilder zur Geschichte des Deutschen Ordens.
4. Die Struktur des Deutschen Ordens im Überblick
5. Die preußischen Bischöfe aus dem Deutschen Orden

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Bestrebungen des Mittelalters (...) bestanden in einem doppelten Kampfe,

nämlich im Kampfe um die Macht und in demjenigen um den Glauben,

oder, kurz gesagt, in Krieg und Theologie.

Daher waren denn auch die Kämpfer beider Arten des Streits,

die Kämpfer für den Glauben oder die Mönche,

und die Kämpfer für die Macht oder die Ritter,

die geachtetsten und einflußreichsten Stände des Mittelalters

.da erwuchs, als notwendige Spitze des mittelalterlichen Strebens,

die Vereinigung des Mönchtums und des Rittertums in den geistlichen Ritterorden,

deren Glieder zugleich das Schwert der Ritter schwangen

und das Kreuz der Mönche hoch hielten!“[1]

Diese, durch Otto Henne am Rhyn so treffend vorgebrachte Beschreibung des geistlichen Rittertums bildet den übergeordneten Rahmen dieser Arbeit, denn auch der Deutsche Orden[2] zählt, neben den Johannitern und Templern, zu den drei großen Vertretern dieser Kategorie. Somit muß auch das eigentliche Thema, „Die Mission des Deutschen Ordens in Preußen“, in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie ist in die Dualität zwischen Mönch und Ritter eingebettet – sie ist ein Produkt ihrer Zeit. Welche Bedeutung dieser Umstand mit sich bringt, wird die Darstellung der Ereignisse zeigen.

Die Frage, der dabei im Besonderen nachgegangen werden soll lautet, ob und inwieweit dem Unternehmen eine festgelegte Strategie zugrunde lag oder ob sich die Deutschritter nur den gegebenen Umständen anpaßten. Aufgrund der Aufgabenstellung der Arbeit wird sich diese im wesentlichen auf die Jahre von 1230 bis 1283 beschränken – also die Zeit bis zur endgültigen Eroberung Preußens.

Um darauf eine Antwort zu finden ist es unumgänglich, die für das 21.Jahrhundert typische Denkweise abzulegen. Genauer gesagt es gilt sich von der Vorstellung zu distanzieren, es würden eventuell so konkrete Dokumente wie beispielsweise die Genfer Konvention für den Umgang mit Kriegsgefangenen existieren, an denen man sich bei derartigen Vorhaben orientierte. Vielmehr muß die Suche nach Erfahrungen und Vorbildern im Vordergrund stehen.

Zu diesem Zweck scheint es zunächst notwendig das Wesen des Ordens selbst etwas genauer zu analysieren, wie auch dessen vor Preußen gewonnenen Erkenntnissen Aufmerksamkeit zu schenken, zum einen denjenigen aus dem Heiligen Land, der „Geburtsstätte“ des Ordens, zum anderen denjenigen aus Ungarn.

Des weiteren dürfte es sinnvoll sein, die Preußenmission nicht nur als separates Geschehen, sondern gleichfalls als Glied in einem weiteren Zusammenhang zu sehen, denn zumindest in bezug auf die Besiedelung des Landes stand sie in direkter Verbindung mit der schon wesentlich früher einsetzenden Ostexpansion.

Daneben sollen, unter anderem anhand der Darstellung vorhergehender Missionen im Preußenland, mögliche Vorbilder außerhalb des Deutschen Ordens herausgestellt werden. Von besonderer Prägnanz wird sich dabei die Rolle des Bischofs Christian als direkter Vorgänger erweisen.

Aber auch gewisse Einflußgrößen wie das Volk der Prußen selbst und die geographische Situation, die im Lande vorgefunden wurde, dazu das Papsttum und der Kaiser dürfen nicht unbeachtet bleiben. Gleiches gilt für mehr oder weniger verbreitete Vorstellungen vom Ablauf einer Mission, wie sie schon seit dem Frühmittelalter bestanden oder von Zeitgenossen vertreten wurden. Daneben sollen auch Faktoren genannt werden, die der Orden unmöglich einplanen konnte. Dazu zählen vor allem die Pest und der Verrat des Herzogs Swantopolk.

Nachdem all diese Punkte mit ihren differenten Facetten zufriedenstellend abgehandelt wurden, sollte es nicht nur möglich sein, die eingangs gestellte Frage nach einer möglichen Strategie zu beantworten, sondern auch die zweite Frage die sich im Laufe der Arbeit aufdrängen wird, nämlich ob es sich überhaupt um ein Missionsunternehmen gehandelt hat oder ob die Mission nicht vielmehr Deckmantel für ein anderes Ziel des Ordens – eventuell die Schaffung eines eigenen Staates – darstellte.

1. Quellen und Literatur zur Preußenmission des Deutschen Ordens

1.1. Die Quellen zur Preußenmission

Bevor die Mission des Deutschen Ordens in Preußen analysiert werden soll, scheint es ratsam, sich zunächst etwas intensiver mit den verwendeten Quellen zu befassen. Dabei soll weniger Wert auf eine lückenlose Auflistung, sondern vielmehr auf eine Darstellung der verschieden Entwicklungsstufen und Qualitäten gelegt werden. Dadurch fällt es anschließend leichter die Glaubhaftigkeit wie auch das Gewicht einzelner Texte objektiv zu beurteilen.

Primäre Quellen schriftlicher Art über die Zeit der Missionierung des Deutschen Ordens im Preußenland seit etwa 1231 lassen sich nach dem heutigen Stand der Forschung ausschließlich in Form von Urkunden finden. Die in diesem Bereich wohl zentralste und umfangreichste Sammlung befindet sich noch immer im Königsberger Archiv, deren Bestand an Akten und Urkunden beispielhaft ist. Bereits im Verlauf des 19.Jahrhunderts gingen die Verantwortlichen dazu über, einige Einzeleditionen zu veröffentlichen, wie das Preußische Urkundenbuch auf dessen Inhalt sich diese Arbeit in großem Maße stützt. Es beinhaltet sowohl Dokumente, in denen die Privilegien, die dem Deutschen Orden bestätigt wurden, festgehalten sind wie die „Goldbulle von Rimini“ (1226) oder die „Bulle von Rieti“ (1234) und Verordnungen des Ordens selbst, wie die „Kulmer Handveste“ (1233) als auch zahlreiche weitere für die Nachvollziehung der Ereignisse wertvolle Schriftstücke. In Verbindung mit weiteren urkundlichen Zusammenstellungen wie der Regesta pontificium Romanorum – um nur ein Beispiel zu nennen – läßt sich hier auf eine relativ große Materialfülle zurückgreifen.

Nach Chroniken oder ähnlichen Texten aus der Anfangszeit der preußischen Mission wird man jedoch vergeblich suchen. Die chronikalischen Quellen setzen erst im frühen 14.Jahrhundert ein, da die Ritterorden der literarischen Kultur weit ferner standen als die Mönchsorden, zumal es sich bei den Deutschordensrittern meist um Analphabeten handelte[3] ; die Priester aus den eigenen Reihen und aus den Reihen der Dominikaner, Franziskaner und Zisterziensern hatten darüber hinaus anscheinend das Hauptaugenmerk auf die Christianisierung, nicht aber auf die Dokumentation derselben gelegt.[4]

Aus dem Überwiegen dieser urkundlichen Überlieferungen für jene Zeitperiode bis 1283 und darüber hinaus resultiert bei näherer Betrachtung, daß die Eroberung Preußens mit Hilfe zeitgenössischer Zeugnisse fast nicht zu beschreiben ist, während die Besiedlung des Landes und die Neustrukturierung der Besitzverhältnisse in einer Vielzahl von Dokumenten aus derselben Zeit bezeugt wird.[5] Doch ist nicht zuletzt der schwer zu erfassende Teil von Bedeutung, will man rekonstruieren, ob der Orden bei dem preußischen Missionsunternehmen eine bestimmte Strategie verfolgte.

Daraus ergibt sich, daß man diesbezüglich hauptsächlich auf sekundäre Quellen angewiesen ist. Dabei muß in erster Linie die Chronik des Peter von Dusburg erwähnt werden, die weithin als Standardwerk gilt. Peter von Dusburg, dessen profunder Bericht von der Zeit vor 1230 bis ins Jahr 1326 reicht und als amtliche Sicht der Ordensgeschichte gesehen werden darf, stammte vermutlich aus Doesburg/Ijssel in der niederländischen Provinz Gelderland – nähere Angabe zu machen ist schwierig, da er sich weder selbst über seinen Namen hinaus vorstellt, noch in den Überlieferungen des Ordens etwas über ihn geschrieben steht.[6] Als relativ sicher darf angenommen werden, daß er seine Historie des Deutschen Ordens, die „Chronicon Prussiae“, wohl in den Jahren von 1324 bis 1331 verfaßte, das heißt etwa 100 Jahre nachdem der Orden in Preußen angelangte. Für mittelalterliche Verhältnisse stellt dies zwar eine immense Zeitspanne dar, im 14.Jahrhundert waren die preußischen Aktivitäten allerdings noch längst nicht abgeschlossen, deshalb ist sein Bericht vermutlich wenig verfälscht.

Mancher Historiker geht sogar so weit, zu sagen „Das meiste, was man von der früheren Zeit des Ordens in Preußen weiß, beruht auf dieser Chronik. Der Autor geht sogar noch ein Stück weiter zurück. Er berichtet auch vom Glauben und den Gewohnheiten der dort ansässigen Heiden. Hauptinhalt des Buches aber sind die Kämpfe des Ordens gegen die heidnischen Prußen und der Sieg des Christentums.“[7]

Als Informationsgrundlage gibt Dusburg in seinem Prolog selbst drei verschiedene Arten von Quellen an. Sie setzen sich aus Selbsterlebtem in geringem Umfang (pauca, que vidi), Berichten von Augenzeugen (alia, que audivi ab his, qui viderunt et interfuerunt) und anderen glaubwürdigen Berichten (cetera, que relacione veridica intellexi) zusammen.[8]

Zu letzterem zählt unter anderem der Prolog zur Ordensregel. Insgesamt jedoch dürfte die Chronik überwiegend aus „oral history“ entstanden sein. Bezüglich der Glaubwürdigkeit des Werkes und seines Verfassers äußert sich Hartmut Boockmann folgendermaßen:[9]

„Von moderner politischer Propaganda aus urteilend, könnte man vermuten, der Chronist habe alle jene Grausamkeiten, die sich nicht verheimlichen ließen, eben gerade zugegeben, die anderen aber verschwiegen. Ein solches Urteil würde jedoch die Absichten des Chronisten verkennen. Für ihn waren die blutigen Siege des Ordens nichts, was einer Entschuldigung bedurft hätte. Sie waren vielmehr ein Zeichen dafür, dass der Orden seine Aufgabe wahrnahm, und das wollte Peter von Duisburg, der in der eigenen Zeit einen Verfall der Ordensmoral zu beobachten meinte, für die Zukunft gesichert wissen.“

Setzt man diese Schlußfolgerung mit dem Grundcharakter der Ritterorden, der in der Dualität zwischen Priester und Streiter Christi besteht, in Verbindung, so darf man Boockmanns Annahme als zutreffend beurteilen.

Somit bildet Dusburg die chronikalische Quelle, die den geringsten zeitlichen Abstand von den Ereignissen ab 1231 aufweist, als die objektivste Schilderung in Erscheinung tritt und auf welche als solche zurückgegriffen werden kann. Zwar verfaßte beispielsweise ein Nikolaus Jeroschin ebenfalls ein ähnliches Werk, das im Unterschied zu Dusburgs Chonik in deutsch statt in Latein und in Versform gehalten ist, doch bezieht sich dessen Inhalt ausschließlich auf die Ergebnisse Dusburgs. Dementsprechend wird man daraus keine neuen Erkenntnisse erwarten dürfen, höchstens vielleicht eine hier und da etwas abgeänderte Gewichtung einzelner Fakten.

Der Sprung zur nächsten Gattung der Quellen ist enorm, denn er führt direkt in das 16.Jahrhundert. Diese müssen auch völlig anders betrachtet werden, denn ab jener Periode verschwimmen die Grenzen zwischen Quellen und wissenschaftlicher Literatur.[10]

An oberster Stelle steht hier zweifellos der Dominikaner Simon Grunau, der seit 1517 anerkennenswerte Bemühungen unternahm, die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen auf neue Weise darzustellen. Simon Grunau selbst beruft sich dabei in seiner Vorrede auf höchst eindrucksvolle Schreiber und ihre Texte, die ihm als Grundlage gedient haben sollen.

Von der Forschung wird aber angenommen, daß lediglich Peter von Dusburgs Chronik dabei der Realität entspricht – andere erwähnte Schriftstücke wie das des Dominus Christianus bischoff von Preussen oder sogar Personen selbst wie Jaroslaus thumbprobst zu Plotzaw („liber originis et furiarum gentis indomite Brutorum in sanguinem Christianum“) und Magister Alexius von Nizewitz pharrer zu Thorn sollen Simon Grunaus Fantasie entsprungen sein.[11]

Trotzdem wäre es übereilt Grunau vorschnell als unbrauchbar abzutun. „In der Tat ist nicht zu bestreiten, daß der Mönch dort, wo er nicht weiterwußte, spekulierte, Urkunden erfand und sich zudem von einer strikten Tendenz leiten ließ, nämlich von der Feindschaft gegenüber dem Deutschen Orden. [Doch] Auch was eine streng positivistische Quellenkritik als Fabeleien des Lügenmönches zurückwies, erscheint heute interessant, weil sich dahinter verlorene oder überhaupt niemals aus dem Bereich der Mündlichkeit herausgetretene Sachverhalte verbergen können.“[12]

Mit anderen Worten, nimmt man einmal an, Grunau habe die Existenz eines Alexius von Nizewitz nur deshalb frei erfunden, um ihm die vernommenen Worte eines gänzlich unbekannten Mannes in den Mund zu legen, weil er annahm, sie hätten durch einen wohlklingenden Namen als Urheber eine wesentlich größere Wirkung auf sein Publikum, so blieben die Worte immer noch wahr.

Derartige Aussagen bleiben aber nichts weiter als Vermutungen und deshalb muß man zwar nicht gänzlich auf Simon Grunau verzichten, allerdings müssen seine Aussagen mit Vorsicht genossen und überprüft werden.

Gleiches gilt verstärkt für die Schriftsteller die nach ihm kamen und sich oft blind auf dessen Grundlagen verließen. Allen voran ist hier der Königsberger Hofrat Lucas David anzuführen, der von 1573 bis 1583 eine preußische Chronik ausarbeitete. Er wand sich zwar ausdrücklich gegen Grunau, der seiner Meinung nach im polnischen Sinne schrieb, dennoch beruht sein Wissen – wie er selbst gesteht – größtenteils auf ihm, der noch die alten Bücher zur Verfügung gehabt habe, wobei Lucas David es unterließ die dortigen Aussagen anhand anderer Quellen nach ihrem Wahrheitsgehalt hin zu kontrollieren.[13]

Abschließend läßt sich also sagen, daß eine Erforschung der Mission des Deutschen Ordens im Preußenland, speziell in Bezug auf die Anfangsphase, anhand primärer Quellen nur durch Urkunden möglich ist. Die Arbeit mit sekundären Quellen – in diesem Fall Chroniken – stützt sich in enormen Umfang auf das Werk Peter von Dusburgs. Auch weitere Autoren erweisen sich als durchaus ergiebig, doch müssen sie mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, damit die Tatsachen nicht verfälscht werden.

Äquivalente Schwierigkeiten ergeben sich stellenweise auch im Bereich der Sekundär-literatur wie der nächste Abschnitt zeigen wird.

1.2. Die Literatur zur Preußenmission

Bezüglich der Literatur zur Geschichte des Deutschen Ordens und seiner Mission in Preußen ist – wie eigentlich fast permanent im Bereich der historischen Sekundärwerke – in erster Linie auf die Intension des Autors zu achten. Davon leitet sich zumeist automatisch auch die Qualität der verfaßten Werke ab.

Nach der Zwischenphase des 16.Jahrhunderts, in der Quellen und wissenschaftliche Schriften verschwammen, klaffte in gewissem Sinne ein Loch. Zwar wurde die Preußische Geschichte im 17. und 18. Jahrhundert nicht völlig vernachlässigt, doch treten hier nur wenige Namen hervor. Einer von ihnen ist der Thorner Professor Christoph Hartknoch, ein gebürtiger Preuße, dessen Buch Altund Neues Preußen 1684 erschien. Es versucht sich mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit der chronikalischen Quellen auseinanderzusetzen. Sein Beitrag zur Analyse der Missionstätigkeit des Ordens darf nicht unerschätzt werden, doch ist sein Buch in erster Linie aufgrund seiner Schilderungen über das Volk der Prußen und seiner Bräuche vor Ankunft des Deutschen Ordens interessant.

Ab dem 19.Jahrhundert beginnt die Forschung schließlich bedeutende Fortschritte zu machen. Es entsteht zum einen mit der 1819 gegründeten Monumenta Germaniae Historica eine umfassende Quellensammlung zur Deutschen Geschichte und zum anderen erfolgt eine immer fortschreitendere Offenlegung der Bestände des Königsberger Archivs.

Damit wurde es den damaligen Historikern – im Gegensatz zu denen der vorherigen beiden Jahrhunderte – ermöglicht, ihre Forschungen auf kritische Quellenstudien zu stützen und diese als Belege anzuführen.

An erster Stelle muß hier Johannes Voigt genannt werden, der lange Zeit als Direktor des Königsberger Archivs arbeitete, denn die von ihm zusammengetragenen Fakten sind beispielhaft an Quellenbelegen. „Voigt hat fast jedes Aktenstück, fast jede Urkunde des Königsberger Archivs in der Hand gehabt und gelesen. Man kann das heute noch sehen, weil den Archivalien damals Lesehilfen dergestalt beigegeben wurden, daß auf den Papierumschlag eines Aktenstücks dessen Inhalt notiert wurde. Tausende von Archivalien des Königsberger Archivs liegen in Umschlägen, die von Voigts etwas krakeliger Hand beschriftet sind.“[14] In Voigt findet man also einen Autor, wie man ihn sich nur wünschen kann. Einen Mann der sich, wenn auch hier und da die Überzeugungen seiner Zeit hindurchscheinen, beinahe ausschließlich von Fakten leiten läßt.

Auf der anderen Seite erwuchsen in dieser Zeit jedoch auch Autoren, die wenig Wert auf die Quellen legen, sondern die Ereignisse der Vergangenheit größtenteils so wiedergaben, daß sie als Zugpferd ihrer politischen bzw. gesellschaftlichen Überzeugung dienen konnten. Als ein Vertreter dieser Kategorie muß Heinrich von Treitschke (1834-1896), ein Berliner Geschichtsprofessor eingeschätzt werden. Seine radikal-nationalistische Einstellung überschattet großteils die eigentliche Geschichte des Deutschen Ordens im Preußenland.

Dies mag sich schon aus den Worten ergeben, die Treitschke über Voigt findet:[15]

„Leicht mögen wir heute die Mängel des Werkes tadeln: die reizlose Darstellung, die oft stumpfe Kritik der Quellen, den Mangel großer staatsmännischer Gesichtspunkte und vor allem jene sanguinische Schönseherei, welche sich aus der Freude des ersten Entdeckers und aus dem dünnen Idealismus der Tage der alten Romantik vollauf erklärt. Uns jüngeren Skeptikern wird oft gar lustig zumute unter all diesen edlen und biederen Rittern, deren Taten doch so laut verkünden: ein guter Teil ihrer Größe bestand in dem gänzlichen Mangel jener Gutmütigkeit, die man fälschlich als eine deutsche Tugend preist.“

Das soll natürlich nicht bedeuten, daß sein Aufsatz „Das Deutsche Ordensland Preußen“ keinen Wert für die Forschung besitzt, es muß nur unter dem richtigen Blickwinkel, nämlich als Propaganda für den Orden und das Deutsche Volk, gesehen werden.

Ebenfalls im 19.Jahrhundert setzte auch verstärkt die polnische Geschichtswissenschaft ein, die in der Erforschung der preußischen Geschichte wohl auch zum Teil einen Beitrag zur Ergründung der eigenen Identität sah. Es war ein fruchtbarer Boden, der auch in das Theater und andere schöne Künste einfloß. Dies endete jedoch jäh mit der Besetzung Polens durch die Wehrmacht. Zwar konnten einige Autoren, wie Henryk Lowmianski ihre Bemühungen fortsetzen, doch es veränderte alles.

Die Zeit zwischen dem Beginn des 20.Jahrhundert und dem Ende des Zweiten Weltkrieges führte allgemein zu einer stückweisen Instrumentalisierung der Forschungen und Veröffentlichungen in diesem Bereich. Sie dienten oftmals – ähnlich wie schon Treitschkes Stellungnahmen – als Untermauerungen des Nationalismus.

Exemplarisch soll hier ein Ausspruch aus dem Buch Der Zug nach Osten von Theodor Hampe aus dem Jahre 1934 mit dem bezeichnenden Untertitel Die kolonisatorische Großtat des deutschen Volkes im Mittelalter angeführt werden:[16]

“Dem panslawischen Haß und Vernichtungsdrang traten Bestrebungen auf Befreiung alter Außenposten des Reiches, auf neues Siedlungsland für überschüssige germanische Kräfte, auf ein weiteres Vorschieben deutschen Einflusses nach Osten entgegen. Sie erwiesen sich trotz unleugbarer Überspannung solange als die stärkeren, bis der Zusammenbruch gegenüber den Westfeinden und im Innern auch hier zum Rückzug zwang und abermals eine slawische Flutwelle emporhob, die seitdem an die durch den Schmachfrieden von Versailles ohnehin zurückgenommene und durchlöcherte deutsche Ostgrenze mit erneuter Wucht brandet. Diese Dinge erfordern also auch in Zukunft die gespannteste Aufmerksamkeit jedes Deutschen.“

Andere wurden insofern verfälscht, als die Autoren nicht in der Lage waren, frei ihre Gedanken zu äußern.

Parallel zu dieser Entwicklung profitierte man beispielsweise auf deutscher Seite von gewissen Förderungen, die verschiedene Historiker erst dazu veranlassten sich mit dem Thema Deutscher Orden zu befassen.

Zu ihnen zählt unter anderem Erich Caspar, der in seinem Werk Hermann von Salza und die Gründung des Deutschordensstaates in Preußen damals oft behandelte grundsätzliche Verfassungsprobleme anspricht und bis heute als der wohl beste Beitrag zu diesem Thema gilt.[17]

Es scheint also unvermeidlich, bei Werken aus dieser Periode zu ergründen, ob der Autor ungebunden schreiben konnte oder ob er einer gewissen Zensur unterlag und es somit nötig ist bei einigen Aussagen zwischen den Zeilen zu lesen, und es gilt zu fragen, ob die Hauptintension des Textes der politischen Propaganda oder der Darstellung der Fakten diente.

Nach Ende des Krieges wurde überall wieder dort angeknüpft, wo man unterbrochen wurde. Die Historiker widmeten sich dem Studium der Urkunden, von denen zahlreiche unbeschadet geblieben waren und Männer wie Walther Hubatsch brachten die Forschung wieder voran – allerdings nicht ungeprägt von den Jahren, die hinter ihnen lagen.

„Im ganzen kann sich die Erforschung des alten Preußen“ in den darauffolgenden vier Jahrzehnten „durchaus sehen lassen. Die großen Editionen wurden fortgeführt und neue wurden in Angriff genommen – von deutschen wie von polnischen Historikern, und das gleiche gilt für gelehrte Monographien.“[18]

Abschließend läßt sich also zusammenfassen, daß die Arbeit mit Sekundärliteratur im Bereich der Mission des Deutschen Ordens in Preußen gelegentlich äußerst schwierig ist. Sie gibt zwar Einblicke in die Ereignisse jener Zeit, muß aber in vielen Fällen vor dem Hintergrund der jeweiligen Entstehungsepoche gesehen und in manchen Fällen bezüglich ihrer Aussagen relativiert werden, beispielweise durch einen Vergleich mit dem Quellenmaterial oder durch die Erfassung des Kerngedankens unter Ausblendung des propagandistischen Slogans.

[...]


[1] Henne am Rhyn, Otto: Geschichte des Rittertums. Nachdruck des unter der Nummer 5883 h in der

Stadtbibliothek Lübeck katalogisierten Bandes. S.188

[2] Deutscher Ritterorden, Deutschherren, Deutschritter, Marienritter, Orden des Spitals S. Mariens vom

Deutschen Hause, Ordo Theutonicorum, Fratres domus S. Marie Theutonicorum, Ordo S. Mariae

Theutonicorum

[3] Der erste Ritter, dem eine literarische Bildung nachgesagt wird, ist Luther von Braunschweig, Hochmeister

seit 1331

[4] Vgl. Bookmann, Hartmut: Ostpreußen und Westpreußen. (Deutsche Geschichte im Osten Europas Bd.1).

Berlin 1992. S.21

[5] Vgl. Bookmann: Ostpreußen S.23

[6] Vgl. Dusburg, Peter von: Chronik des Preußenlandes. Ed. Klaus Scholz und Dieter Wojtecki.

Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters Band XXV. Darmstadt 1984

Einleitung: Verfasser und Werk. S.7-14

[7] Bookmann: Ostpreußen S.23

[8] Vgl. Dusburg. Chronik. Einleitung: Quellen S.14-18 siehe auch Prolog S.26-35

[9] Bookmann: Ostpreußen. S.23

[10] Vgl. Bookmann: Ostpreußen. S.27

[11] Vgl. Grunau, Simon : Simon Grunau´s Preußische Chronik Band I Tractat I-XIV. Hg. von Dr. M.Perlbach

Die preußischen Geschichtsschreiber des XVI. und XVII Jahrhunderts Band I. Herausgegeben von dem

Verein für die Geschichte der Provinz Preußen. Leipzig 1876. Einleitung S.5f.

[12] Bookmann: Ostpreußen. S.30

[13] Vgl. Bookmann: Ostpreußen. S.30

[14] Bookmann: Ostpreußen. S.39

[15] Treitschke, Heinrich von: Das Deutsche Ordensland Preußen. Göttingen 1955. S.9 f.

[16] Hampe, Prof. Dr. K: Der Zug nach dem Osten – Die kolonisatorische Großtat des deutschen Volkes im

Mittelalter (Aus Natur und Geisteswelt 731.Band). Leipzig und Berlin. 19342 . Einleitung S.9

[17] Vgl. Bookmann: Ostpreußen S. 60

[18] Bookmann: Ostpreußen. S.73

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Die Mission des Deutschen Ordens in Preußen
Hochschule
University of Sheffield
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
103
Katalognummer
V56513
ISBN (eBook)
9783638511711
ISBN (Buch)
9783638693110
Dateigröße
1114 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mission, Deutschen, Ordens, Preußen
Arbeit zitieren
Magistra Artium Daniela Herbst (Autor), 2004, Die Mission des Deutschen Ordens in Preußen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56513

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