Auf der Insel Helgoland schrieb der Literaturprofessor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Jahre 1841 das „Lied der Deutschen“, dessen dritte Strophe mit dem Wahlspruch „Einigkeit und Recht und Freiheit“, beginnt. Er zielte mit seinem Text auf die seinerzeit als Utopie anmutende Einheit einer deutschen Nation ab. Zu diesem Zeitpunkt bestand das Gebiet in dem weitgehend deutsch gesprochen wurde aus 39 Einzelstaaten. In den späteren Jahren sollte diese Hymne als Symbol deutscher Einheit zum Zweck eines gemeinsamen Nationalstaates dienen. Durch den späteren Zusammenschluss deutscher Kleinstaaten, entstand somit ein gemeinsamer Bundesstaat föderaler Prägung. Dies ist nicht zuletzt der Grund, weshalb die heutige Bundesrepublik Deutschland (BRD) als eines ihrer fünf Verfassungsorgane neben Bundestag, Bundesregierung, Bundesverfassungsgericht und Bundespräsidenten über ein weltweit einzigartiges ständiges Organ - den Bundesrat verfügt (vgl. Stüwe 2004: 25, Sturm 2001: 55). Hierbei wird im Bundesstaat den 16 Gliedstaaten (vgl. Bundesrat 2005: o. S.), welche die nahezu 82,5 Mio. Einwohner (vgl. Harenberg 2004: 494) repräsentieren, die Möglichkeit eingeräumt an der Willensbildung des Bundes mitzuwirken (vgl. König 1999: 24). Oftmals wurde in der Vergangenheit die Zweckmäßigkeit des Bundesrates kritisiert oder gar in Frage gestellt. Im Wesentlichen steht in Zentrum der Kritik der durch Blockadepolitik verursachte sog. Reformstau, welcher bei unterschiedlichen Mehrheitsverhältnissen zwischen Opposition und Regierung in Bundesrat und Bundestag möglich wird (vgl. Kilper und Lhotta 1996: 112). Nicht zuletzt deshalb und wegen seiner Einzigartigkeit (vgl. Kielmannsegg 1989: 43) steht dieses bundesdeutsche Verfassungsorgan unter dem Fokus des ständigen
politikwissenschaftlichen Interesses. Um ein Verständnis für die Problemsituation des Reformstaus erlangen zu können, sollen vorab die formalen Strukturen, Kompetenzen und Zuständigkeiten dieses Verfassungsorgans beschrieben werden. Weiterhin ist es Aufgabe die formal gegebenen Ursachen für eine Blockadepolitik, die in einen Reformstau münden kann, zu erörtern. Hierzu soll auf die Materie der Mitwirkung der Gesetzgebung sowie die Kompetenten bei Zustimmungs- und Einspruchsgesetzen mit dem Instrument des Vermittlungsausschusses eingegangen werden. Ob der Bundesrat tatsächlich die Möglichkeit besitzt einen Reformstau auszulösen und von diesem Mittel Gebrauch macht, steht hierbei im Zentrum der Erkenntnisfindung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Strukturen und Kompetenzen
2.1 Vollversammlung
2.2 Mitglieder des Bundesrates
3 Gesetzgebung
3.1 Mitwirkung bei der Gesetzgebung
3.1.1 Ausschließliche Gesetzgebung
3.1.2 Konkurrierenden Gesetzgebung
3.1.3 Rahmengesetzgebungskompetenz
3.2 Zustimmungsbedürftige Gesetze
3.3 Einspruchgesetze
3.4 Vermittlungsausschuss
3.4.1 Besetzung
3.4.2 Einberufungsmöglichkeiten
3.4.3 Funktion
3.5 Zustimmungspflichtige Gesetze versus Einspruchsgesetze
4 Blockadepolitik
4.1 Blockade aus landespolitischen Interessen
4.2 Blockade aus parteipolitischen Interessen
5 Fazit
6 Literatur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Bundesrates im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, mit einem besonderen Fokus auf dessen potenzielle Rolle als Verursacher von Reformstaus. Ziel der Analyse ist es, durch die Untersuchung formaler Strukturen, Kompetenzen und der Anwendung von Blockadepolitik zu ergründen, ob und inwieweit der Bundesrat Gesetzgebungsprozesse blockiert und welche Motive – landespolitische oder parteipolitische – hierbei leitend sind.
- Strukturelle und kompetenzielle Grundlagen des Bundesrates
- Prozesse der Gesetzgebung und die Funktion des Vermittlungsausschusses
- Differenzierung zwischen zustimmungsbedürftigen Gesetzen und Einspruchsgesetzen
- Analyse von Blockadepolitik und deren landespolitische versus parteipolitische Beweggründe
Auszug aus dem Buch
0.0 Blockade aus parteipolitischen Interessen
Wesentlich entscheidender mag die Blockadepolitik aus parteipolitischen Interessen sein. Hierbei stehen länderspezifischen Interessen im Hintergrund und sind meist objektiv nicht vorhanden. Vielmehr versagen die oppositionsgeführten Länder aus parteipolitischen Erwägungen ihre Zustimmung. Hierbei bilden sich sog. Länderrunden nach Gruppen getrennt. Zur Koordination finden dort Absprachen der A-Länder (SPD geführt) und B-Länder (CDU, CSU geführt) statt. Diese Einteilung in A und B stammt aus der Kultusministerkonferenz der 1970er Jahre und wird in anderen Bereichen fortgeführt (vgl. Sturm 2001: 54). Die parteipolitische Loyalität gibt hierbei eine Antwort auf anstehende Entscheidungen. Weiterhin werden sog. C Länder Klassifiziert. Bei diesen ist einer der Koalitionspartner im Bund in der Regierung und der andere in der Opposition. Als Beispiel soll hier das Bundesland Rheinland-Pfalz dienen (seit 1992 SPD/FDP Landesregierung).
Zudem werden hierbei Bundesratsklauseln in die Koalitionsverträge eingefügt, die das Abstimmungsverhalten der Vertreter des Landes im Falle von uneinheitlicher Auffassung klären (vgl. Sturm 2001: 54). Eine erfolgreiche Blockadepolitik aus parteipolitischen Motiven ist somit nur möglich wenn die Opposition im Bund die absolute Stimmenmehrheit im Bundesrat, von derzeit 35 Stimmen, hat oder den Regierungsparteien im Bund aufgrund von Bundesratsklauseln die absolute Stimmenmehrheit fehlt. Vorraussetzung hierfür ist allerdings, dass in den jeweiligen Koalitionsverträge geregelt ist, dass sich bei strittigen Entscheidungen der Stimmen enthalten wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entstehung und die verfassungsrechtliche Bedeutung des Bundesrates ein und erläutert die zentrale Fragestellung der Arbeit in Bezug auf die mögliche Blockadepolitik und den Reformstau.
2 Strukturen und Kompetenzen: Dieses Kapitel erläutert die verfassungsrechtliche Stellung des Bundesrates als ständiges Organ, dessen Zusammensetzung aus Mitgliedern der Landesregierungen und die Besonderheiten seines Mandats.
3 Gesetzgebung: Hier werden die formalen Mitwirkungsmöglichkeiten des Bundesrates am Gesetzgebungsprozess, insbesondere das Initiativrecht sowie die Unterscheidung zwischen zustimmungsbedürftigen Gesetzen und Einspruchsgesetzen, detailliert dargelegt.
4 Blockadepolitik: Dieses Kapitel analysiert die Motive hinter einer Blockadehaltung im Bundesrat, wobei explizit zwischen landespolitisch motivierten Sachkonflikten und parteipolitisch strategischem Vorgehen der Opposition unterschieden wird.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine theoretische Möglichkeit zur Blockade besteht, diese jedoch stark von den Mehrheitsverhältnissen abhängt und eine abschließende Bewertung der Blockadepolitik aufgrund der Vertraulichkeit des Vermittlungsausschusses schwierig bleibt.
6 Literatur: Das Literaturverzeichnis listet alle verwendeten Quellen, Fachpublikationen und amtlichen Dokumente auf, die für die Erstellung der Hausarbeit herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Bundesrat, Gesetzgebung, Blockadepolitik, Reformstau, Exekutivföderalismus, Vermittlungsausschuss, Zustimmungsbedürftige Gesetze, Einspruchsgesetze, Landesinteressen, Parteipolitik, Föderalismus, Grundgesetz, Koalitionsverträge, Verfassungsorgan, Politische Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verfassungsrechtliche Rolle des Bundesrates im politischen System der Bundesrepublik Deutschland und untersucht kritisch, inwieweit das Verfassungsorgan durch Blockadepolitik einen sogenannten Reformstau verursachen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die formalen Strukturen und Kompetenzen des Bundesrates, seine Mitwirkungsmöglichkeiten an der Gesetzgebung sowie die verschiedenen Motive – föderale Sachinteressen oder parteipolitische Erwägungen – hinter seinem Abstimmungsverhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob der Bundesrat tatsächlich Verursacher von Reformstaus sein kann und ob er dieses Mittel gezielt in der politischen Auseinandersetzung einsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur, verfassungsrechtlichen Grundlagen und statistischen Daten zur Arbeit des Bundesrates basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Strukturen des Bundesrates, seine Aufgaben in der Gesetzgebung, die Arbeitsweise des Vermittlungsausschusses sowie eine differenzierte Untersuchung der Blockadepolitik unter Berücksichtigung landes- und parteipolitischer Interessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Bundesrat, Blockadepolitik, Reformstau, Föderalismus, Gesetzgebungsverfahren, Vermittlungsausschuss und Zustimmungsbedürftigkeit.
Warum ist der Vermittlungsausschuss für die Analyse von Bedeutung?
Der Vermittlungsausschuss ist die zentrale Institution zur Klärung von Konflikten zwischen Bundestag und Bundesrat; seine Arbeitsweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit macht es jedoch schwierig, das Ausmaß konsequenter Blockadepolitik genau zu analysieren.
Welchen Unterschied macht es, ob ein Gesetz zustimmungspflichtig ist oder ein Einspruchsgesetz darstellt?
Bei zustimmungspflichtigen Gesetzen besitzt der Bundesrat ein absolutes Vetorecht, während bei Einspruchsgesetzen das Veto unter bestimmten Bedingungen vom Bundestag überstimmt werden kann, was die Machtposition des Bundesrates grundlegend beeinflusst.
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- Christian Kah (Author), 2005, Kann der Bundesrat Verursacher von Reformstaus sein?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56519