Interkulturelles Lernen in der Grundschule


Examensarbeit, 2005
74 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Kultur
1.1. Der Kulturbegriff
1.2. Die Bedeutung von Kultur für Kinder und Erwachsene

2. Migration
2.1. Begriffliche Erläuterung von Migration
2.1.1. Migrationsgeschichte
2.1.2. Migration in Deutschland seit der Nachkriegszeit (seit 1960er Jahren)
2.2. Multikulturalität in unserer heutigen Gesellschaft
2.3. Der Integrationsbegriff
2.3.1. Die Bereitschaft von Ausländern zur Integration
2.4. Migration und ihre damaligen Folgen für die Schule
2.4.1. Zur heutigen Situation von Migrationskindern in deutschen Schulen

3. Deutsch als Zweitsprache für Ausländerkinder
3.1. Probleme der Zweisprachigkeit bei Ausländerkindern in Deutschland
3.2. Muttersprachlicher Unterricht

4. Ausländerfeindlichkeit – eine begriffliche Annäherung
4.1. Fremdverstehen und Perspektivwechsel
4.2. Ethnische Vorurteile und Rassismus
4.3. Ethnozentrismus

5. Von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Erziehung

6. „Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Erziehung“
6.1. Zur Begrifflichkeit der Interkulturalität
6.2. Gegenwärtige Ansätze von interkulturellem Lernen in der Grundschule
6.3. Was kann der Kindergarten im Bereich der interkulturellen Erziehung leisten?
6.4. Welche Möglichkeiten gibt es für interkulturelle Erziehung in den Grundschulen?
6.5. Spielend interkulturell Lernen
6.5.1. Zum Begriff „Spiel“
6.5.2. Argumente für den Einsatz von Spielen bei der interkulturellen Erziehung in der Grundschule

7. Interkulturelles Lernen am Beispiel des Projekts „Weihnachten überall auf der Welt“
7.1. Die Bedeutung von Festen und Feiern
7.2. Weihnachten gibt’s nicht überall
7.3. Der Projektunterricht
7.4. Bedingungsanalyse
7.5. Projektziele
7.6. Eine Möglichkeit der Projektdurchführung

8. Schlusswort

9. Literatur

0. Einleitung

Aufgrund der vielfältigen Begegnungen mit anderen Sprachen und Kulturen an den Schulen ist es von besonderer Bedeutung, Kindern und Jugendlichen eine Erziehung zu ermöglichen, welche Toleranz, Anerkennung, Verständnis und Mitgefühl gegenüber Menschen anderer Herkunft erzielen soll. Durch beispiels-weise verschiedene Religionen, andere Hautfarben, fremde Sprachen, andere Mentalitäten u.ä. können ungewollte Angstzustände hervorgerufen werden, die dann vermutlich zu Vorurteilen und Rassismus gegen Ausländer führen. Die Bildungseinrichtungen aber auch die Gesellschaft müssen dem entgegenwirken und versuchen, für ein friedliches Miteinander in diesem multikulturellen Land zu sorgen.

Da besonders Kinder im Grundschul- und Vorschulalter viel aufnahmefähiger sind als Erwachsene ist es wichtig, dass interkulturelle Erziehung so früh wie möglich, das heißt vor allem in den Grundschulen und auch in den Kindergärten, immer mehr Gewicht erhalten sollte.

Auf welchen Problemen und Begebenheiten die Konzepte der interkulturellen Pädagogik beruhen und wie das Bildungssystem versucht, allen Kindern eine Erziehung zu Toleranz und Humanität zu ermöglichen, soll in dieser Arbeit analysiert und dargelegt werden.

Bevor ich auf die wesentlichen Merkmale der interkulturellen Bildung und Erziehung eingehe, erscheint es notwendig, einige Begriffe und Tatsachen bezüglich der Interkulturalität näher zu erläutern.

Der Interkulturalität (ebenso wie der Multikulturalität) liegt der Begriff der Kultur zu Grunde. Deshalb ist es wichtig, diesen einleitend zu klären, bevor auf das Thema der interkulturellen Erziehung näher eingegangen wird. Aber nicht nur die Definition, auch die Bedeutung von Kultur für Kinder und Erwachsene werde ich versuchen darzustellen.

Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit beinhaltet die begriffliche Erläuterung und die Problematik von Migration in Deutschland mit einem kurzen historischen Rückblick. Die Notwendigkeit des interkulturellen Lernens in den deutschen aber auch internationalen Schulen entwickelte sich aus der Problematik der Immigration. Vor allem die Nachkriegszeit in der BRD ist temporal von großer Bedeutung für die heutige multikulturelle Situation in unserer Gesellschaft. Wichtig scheint mir hier auch das Problem der fehlenden Integration vor allem der ersten Migrantengeneration zu sein, das sich demzufolge negativ auf die Entwicklung der nächsten Generationen ausgewirkt hat. Nach der begrifflichen Erläuterung des Integrationsbegriffes werde ich auf die Problematik der Bereitschaft von Ausländern zur Integration eingehen.

Im Dritten Kapitel wird dann die multikulturelle Gesellschaft als Folge von Migration beschrieben. Die Politik, Gesellschaft und somit auch die Schulen müssen sich der Begebenheit stellen, dass eine beständige Heterogenität in den heutigen Schulklassen herrscht. Die Probleme und Nachteile der Multikulturalität, welche ich hier aufgreifen werde, sind entscheidend für die Entwicklung von Konzeptionen interkultureller Bildung und somit äußerst erwähnenswert.

Ein Problem von Migration und Multikulturalität ist das Sprachproblem der Ausländerkinder. „Deutsch als Zweitsprache“ ist noch immer ein gegenwärtiges Thema in unseren Schulen. Vom Kindergarten bis ins Erwachsenenalter machen sich unbehobene Sprachfehler negativ bemerkbar. Angefangen von den Verteilungen der ausländischen Schüler an die weiterführenden Schulen bis hin zu deren beruflichen Laufbahnen ist ihr Leben gekennzeichnet von Sprachdefiziten. Wie sie entstehen können und wie das Schulsystem versucht, diese zu beheben, wird in diesem Teil meiner Arbeit thematisiert. Zusätzlich werde ich auf die Fragen eingehen, welche Vor- oder Nachteile für das Erlernen der deutschen Sprache durch die Muttersprache entstehen können, und in einem weiteren Abschnitt die Bedeutsamkeit des muttersprachlichen Unterrichts für Migranten-kinder herausarbeiten.

Die multikulturelle Gesellschaft ist mit vielen Nachteilen und Problemen verbunden. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Vorurteile und Stigmatisierungen sind nichts Ungewöhnliches und kennzeichnen den heutigen Alltag. Die Frage, wie sich so etwas verfestigen kann und wie dies von der schulischen Seite verhindert werden könnte, wird in diesem Kapitel versucht zu klären.

Anschließend wird die „Ausländerpädagogik“ als Vorgänger der interkulturellen Erziehung näher erläutert. Denn die interkulturellen Konzeptionen sind anlässlich der großen Kritik an dem Vorläufer entstanden und haben sich so versucht weiter zu entwickeln.

Im Anschluss darauf gehe ich dann auf den bedeutenden Teil meiner Arbeit ein: Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Erziehung. Zuerst werde ich auf die Begrifflichkeit von interkulturellem Lernen und Erziehen eingehen, und darauf folgend gegenwärtige Ansätze und ihre Notwendigkeit aufzeigen. Bedeutend ist auch der Beitrag des Kindergartens im Hinblick auf eine gegenüber anderen Mitmenschen tolerante und verständnisvolle Erziehung.

Auch die Möglichkeiten (Arbeitstechniken, Sozialformen, Unterrichtsmethoden, usw.), wie Kinder am besten interkulturell erzogen werden können , ist ein sehr wichtiger Ansatz, der erwähnt werden sollte. Eine der vielen Möglichkeiten der interkulturellen Erziehung ist das spielerische Lernen. Nach der Begriffserläuterung von „Spiel“ werde ich einige Argumente bezüglich des Einsatzes von Spielen beim interkulturellen Lernen aufzeigen und näher erklären.

Das abschließende Projekt „Weihnachten überall“ soll einen kurzen und umfassenden Einblick darüber gewähren, wie eine interkulturell konzipierte Unterrichtseinheit aussehen könnte. Zudem ist es meiner Meinung nach eine gute Gelegenheit die gegenwärtigen Ansätze der interkulturellen Pädagogik nochmals aufzugreifen und eine Möglichkeit zu zeigen, wie diese im Grundschulunterricht umsetzbar sind. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass dieses von mir entworfene Projekt noch nicht in der Unterrichtspraxis eingesetzt worden ist, sondern lediglich eine Möglichkeit zum interkulturellen Lernen darstellen soll.

1. Begriffserklärung

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird der Kulturbegriff in Bezug auf das interkulturelle Lernen kurz erläutert. Anschließend erscheint es notwendig seine Bedeutung für die Menschen zu klären, um die Gründe für die Entwicklung und Notwendigkeit von interkulturellen Konzepten besser nachvollziehen zu können.

1.1. Der Kulturbegriff

Die Weltbevölkerung besteht aus einer Mischung verschiedener Sprachen, Rassen und Kulturen. Kulturen können als Organisationsformen bezeichnet werden, in denen die Menschen miteinander leben und auskommen müssen. Seit Beginn seiner Lebenszeit versucht der Mensch seine Umgebung und somit auch seine Kultur zu verändern und zu beeinflussen. Aufgrund seiner Mehrdeutigkeit scheint es problematisch, den Begriff eindeutig zu definieren und abzugrenzen. Laut zweier US-amerikanischer Kulturanthropologen[1] gäbe es über hundert Definitionsmöglichkeiten, wobei dennoch Ähnlichkeiten festzustellen seien (vgl. Auernheimer 2003, S.73).

Huber legt den Kulturbegriff folgendermaßen dar:

„Kultur ist die menschliche Gestaltung des Verhältnisses zu Natur und Geschichte. Die Lebensformen des Alltags gehören zu dieser Kultur ebenso wie die verschiedenen Ausprägungen der Kunst, die Religion ebenso wie Wissenschaft und Technik“ (Huber 1993, S.81f.).

Folglich kann gesagt werden, dass Kultur nichts mit den biologischen Eigenschaften zu tun hat, sondern den Lebensstil (z.B. Sitten, Bräuche, Traditionen, Sprache, Kunst, Wertvorstellungen, u.v.a.) der Menschen beschreibt. All die Veränderungen und Lebenseinstellungen sowie -vorstellungen der Individuen durch den Einfluss der Gesellschaft spiegeln sich in den einzelnen Kulturen wider, die ständig wandelbar sind. Nieke beschreibt im Hinblick auf die „interkulturelle Erziehung“ Kultur als „die Gesamtheit der kollektiven Deutungsmuster[2]“ eines Gesellschaftsverbandes (vgl. Nieke 1988, S.171). Kulturen drücken somit das gesellschaftliche Leben aus, an dem sich die Menschen in ihrem Handeln orientieren (vgl. Auernheimer 2003, S.75).

Wichtig ist, dass nicht die spezifische Eigenart eines Individuums bedeutend für die Kultur ist; vielmehr sind es die Gewohnheiten von gesellschaftlichen Gruppen in der Gesamtheit. Dies bedeutet, dass es nicht als kulturell angesehen wird, wenn z.B. eine Person morgens immer seine Suppe trinkt; aber im Gegensatz dazu das übliche Frühstück mit Marmelade, Brötchen und Kaffee ein Grundelement jener Kultur ausmachen kann (vgl. auch Hansen 1995, S.30).

Festzustellen ist, dass in der Literatur häufig die Bezeichnung „Kultur als Gegensatz zur Natur“ verwendet wird. Hansen begründet diese Begriffserklärung darin, dass die Natur etwas Vorgegebenes ist, und die Kultur vom Menschen erschaffen wird (vgl. ebd., S.17). Die vom Menschen erschaffene Kultur schließt nicht nur physische Dinge, wie beispielsweise Werkzeuge oder Artefakte ein, sondern ebenso die durch den Menschen veränderte Natur. Auernheimer erwähnt deshalb neben der Gegensätzlichkeit der beiden Begriffe auch die Bezeichnung Kultur als „zweite Natur“ (vgl. Auernheimer 2000, S.73).

Zusammengefasst kann Kultur als Orientierungssystem der Menschen im gesellschaftlichen Kontext oder auch als ein Ausdruck für die Gesamtheit des von Menschen Geschaffenen verstanden werden. Die Sprache, das Denken, Normen und Sitten und die Lebensart sind alles Strukturmerkmale von Kulturen und bilden den Basischarakter der Menschen (vgl. Kronig/Haeberlin/Eckhart 2000, S. 31). Auch Auernheimer unterscheidet die zwei unterschiedlichen Aspekte des Kulturbegriffs, die in vielen Auslegungen wiederzufinden sind, nämlich die Orientierungsfunktion und der symbolische Charakter von Kultur (vgl. Auernheimer 2000, S.73)

1.2. Die Bedeutung von Kultur für Kinder und Erwachsene

Die Kultur ist für die gesamte Menschheit ein unumgängliches und bedeutendes Phänomen. Sie ist ein wesentliches Kennzeichen jeden Individuums. Die Kultur beschreibt den Menschen, wie sein Name es auch tut. Es ist sein Wesenskennzeichen, sein Label, an dem er sich in allem, was er tut, orientiert.

Von Geburt an ist das Leben des Menschen in jeder Hinsicht relativiert. Das Elternhaus, die Nationalität, die Sprache, die Religion, das soziale und berufliche Umfeld der Eltern, die Lebensgrundsätze, all dies und vieles mehr gehören zu einem vorstrukturierten System, in das der Mensch hineingeboren wird (vgl. Hansen 1995, S.135).

Für die Aneignung und Übernahme von kulturellen Normen und Werten (Enkulturation) ist der Einfluss von Eltern und der Umgebung besonders wichtig. Rademacher begründet dies wie folgt:

„Eltern und Mitmenschen repräsentieren neben ihrer Individualität die Werte und Normen der Kultur, die sie im Laufe ihrer Sozialisation erworben haben und geben sie an ihre Kinder weiter“ (Rademacher 1991, S.22).

Beim Sozialisationsprozess wachsen Kinder in die Kulturen der Eltern hinein und verinnerlichen diese. Dadurch, dass ihre Kompetenzen und ihr Charakter bezüglich kultureller Maßstäbe gefördert und gebildet werden, passen sie sich aufgrund des angelernten kollektiven Wissens den kulturellen Einstellungen der Eltern an. Pandey bezeichnet Kultur auch als einen „Teil der Geschichte jeden Kindes“. Denn jedes Kind hat seine eigene Geschichte, wobei die kulturelle Abstammung des Kindes eine wichtige Funktion im Leben hat (vgl. Pandey 1996, S.16f.). Zudem werden die kulturspezifischen Eigenarten als etwas Selbstverständliches wahrgenommen. Der Mensch hat somit keinen Grund über seine Kultur nachzudenken, außer er trifft auf andere Kulturen, was in den heutigen heterogenen Gesellschaften unvermeidlich ist.

Die Kultur bestimmt aber nicht nur die Lebensgewohnheiten des Individuums, sondern auch seinen Umgang mit anderen. Dabei spielt das Verständnis der eigenen Kultur für die Begegnung mit der fremden eine bedeutende Rolle. Um jedoch andere Kulturen akzeptieren zu können, ist es notwendig, zunächst die eigene zu verstehen, zu hinterfragen und anzuerkennen. Wenn Menschen mit der eigenen Kultur nicht zufrieden sind, dann vergleichen sie die fremde Kultur mit der eigenen, was dann wiederum zu einer „kritischen Auseinandersetzung bzw. Hinterfragung der eigenen Kultur“ führen kann (vgl. Rademacher/Wilhelm 1991, S.11). Dabei können auch Handlungsmuster, Werte, Normen usw. anderer Kulturen übernommen werden. Wobei beachtet werden sollte, dass die eigene kulturelle Abstammung „die Basis der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen“ bildet (vgl. Sandfuchs 2000, S.55). Auernheimer betont in diesem Zusammenhang, dass wir Menschen nur die Teile anderer Kulturen übernehmen, wenn diese als Lösung für bestimmte vorhandene Probleme dienen können. Aufgrund dieser Umgestaltungen der sozialen und ökonomischen Strukturen ist die Kultur einem ständigen Wandel ausgesetzt (vgl. Auernheimer 2003, S.75).

Angesichts der Kulturenvielfalt und der enormen Differenzen zwischen den einzelnen Kulturen kommt es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Menschen. Diese Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Kulturen werden als „Kulturkonflikte“ bezeichnet. Meistens sind die Konfliktursachen politischen und ökonomischen Interessen zugeordnet, wobei die sozialpsychologischen Gründe auch erwähnt werden sollten, welche wiederum von den ersteren beeinflusst werden (vgl. auch Rademacher 1991, S.20). Die starke und meist auch ängstliche Reaktion von Ausländern auf eine plötzlich völlig fremde Kultur wird als „Kulturschock“ bezeichnet. Derartige Situationen treten ein, weil die meisten Menschen ihre eigene Kultur als die einzig „Richtige“ kennen und andere Kulturen aus einem kritischen Blickwinkel betrachten und nicht akzeptieren wollen. In der Fachsprache wird hierbei von „Ethnozentrismus[3]“ gesprochen. Um sogenannte Kulturkonflikte oder Kulturschocks vermeiden oder beheben zu können, sollten die Beziehungen zwischen den einzelnen Kulturen im Unterricht aufgegriffen und aufgezeigt werden.

Die Entwicklung zu einer kulturvielfältigen Gesellschaft aufgrund der großen Einwanderungszahlen in Deutschland und die Probleme, die sich daraus ergaben und noch immer gegenwärtigen Diskursen zu entnehmen sind, werden im nächsten Kapitel versucht zu klären.

2. Migration

Zu Beginn dieses Kapitels wird nach der begrifflichen Erläuterung von Migration auf die geschichtlichen Hintergründe vor der Industrialisierungszeit eingegangen. In den 1960er Jahren wurden aus wirtschaftlichen Gründen ausländische Arbeitnehmer nach Deutschland geholt. Das Ausmaß der Arbeitsmigration als Anlass für die Entwicklung von interkulturellen Konzepten wird anhand von Daten und Fakten belegt. Die multikulturelle Gesellschaft als Folge der hohen Einwanderungszahlen, der Integrationsbegriff und die Bereitschaft der Ausländer, sich zu integrieren, werden im Anschluss daran näher erläutert. Im letzten Teil dieses Kapitels werden die Folgen von Migration für die damalige Schulsituation und die heutige Lage ausländischer SchülerInnen dargestellt.

2.1. Begriffliche Erläuterung von Migration

Migration beschreibt die Situation, in der das Individuum aus bestimmten Gründen seinen gewohnten Wohnort verlässt (Emigration) und anderswo ansässig wird. Dabei wird zwischen der freiwilligen und der unfreiwilligen Ebene unterschieden. Auch die Migrationen innerhalb (Binnenmigration) und außerhalb des Heimatortes (Immigration) werden voneinander abgegrenzt. Für das interkulturelle Lernen ist jedoch Letzteres von größerer Bedeutung, da diese erheblichere kulturelle und religiöse Differenzen mit sich bringt.

Die Migrationsgründe sind im Wesentlichen sehr komplex und fallen sehr unterschiedlich aus. Menschen können auswandern aufgrund von Kriegen, Naturkatastrophen, Arbeitslosigkeit, Verletzung der Menschenrechte, Verfolgungen u.v.m. Diese Gründe können der unfreiwilligen Ebene zugeordnet werden. Anhand der einzelnen Ursachen für Migration werden Migranten verschiedenen Gruppen zugeordnet. Auernheimer teilt diese in drei verschiedene Kategorien ein, die wie folgt aussehen:

- Arbeitsmigranten[4] (welche nach Rechtsstatus zu unterscheiden sind):
EU-Angehörige, Nicht-EU-Angehörige, Werkvertragsarbeitnehmer, Saisonarbeitskräfte
- Flüchtlinge (welche ebenfalls nach Rechtsstatus zu unterscheiden sind):
Asylbewerber, Asylberechtigte, De-facto-Flüchtlinge[5], Kontingent-flüchtlinge[6]
· Aussiedler bzw. Spätaussiedler, Illegale ohne Dokumente.

(vgl. Auernheimer 2003, S.20)

Ein Migrant setzt bei einer Auswanderung aus dem Heimatgebiet nicht nur sich, sondern auch seine Familie unangenehmen Problemen aus. Sie befinden sich dann in einem „fremden Land unter fremden Menschen“ und sind dort selber Fremde[7] (vgl. Sandfuchs 1992, S.4). In den Einwanderungsgesellschaften wie Deutschland, Frankreich und anderen werden Migranten heute der Normalität des Alltags zugeordnet. Dennoch gelten sie als „Andere“, „Nicht-Normale“ oder „Fremde“ und weichen aufgrund der Andersartigkeit von dem gewünschten Idealtypus der Einheimischen ab (vgl. Holzbrecher 2004, S.8).

Da die ausländischen Bürger in Deutschland ausschlaggebend für die Entwicklung von interkulturellen Ansätzen gewesen sind, werde ich im Folgenden nur kurz auf die historischen Hintergründe von Migration eingehen und darauf folgend vor allem die Arbeitsmigration als Ursache für die Multikulturalität in Deutschland näher erläutern.

2.1.1. Migrationsgeschichte

Nach Köpf gibt es seit Beginn der Menschheit Migration (vgl. Köpf 1996, S.8). Auernheimer gibt sich jedoch mit derartigen Feststellungen nicht zufrieden, da diese seiner Meinung nach keine eindeutige Aussage „über die historisch unterschiedlichen Migrationsmotive, -ziele und -bedingungen“ geben können (vgl. Auernheimer 2003, S.16).

Blickt man zurück in die Vergangenheit, so sind viele Beweggründe der Menschen für die Einwanderung in fremde Länder zu entnehmen. Manche wanderten freiwillig aus, einige suchten nach besseren Lebensbedingungen durch wohlbezahlte Arbeit, wiederum andere waren gezwungen zu fliehen aufgrund religiöser Verfolgungen, Kriege oder Hungersnöte. Migrationen fanden damals in Form von Völkerwanderungen statt und waren meist die Folge von Kriegen. Holzbrecher erwähnt bei der historischen Betrachtung des Migrationsbegriffes Ereignisse wie die Judenverfolgungen seit dem Mittelalter, die Vertreibung von abertausenden Hugenotten[8] aus Frankreich und die Emigration von Irländern aufgrund von Hungersnöten in die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert (vgl. Holzbrecher 2004, S.48)[9]. Auch sollte nicht vergessen werden, dass Deutschland zeitweise (etwa im 19. Jahrhundert) ein Auswanderungsland war, und die Deutschen teilweise in die Nachbarstaaten oder nach Amerika ausgewandert sind.

Seit der industriellen Revolution[10] hat die Migration an Bedeutung gewonnen. Die Zeit bis zur Industrialisierung war gekennzeichnet von „Siedlungs- und Fluchtmigrationen“. Wobei äußerst erwähnenswert ist, dass die Letztere bis zur französischen Revolution[11] religiöse und ab dem Zeitabschnitt politische Verfolgungen als Ursache hatte (vgl. ebd., S.16ff.).

Wichtig bei einer historischen Analyse der Beweggründe für Migration im Vergleich zu heute ist, dass die damaligen Ursachen nicht vergleichbar sind mit den heutigen Migrationsmotiven (vgl. ebd., S.19). Denn die heutigen Lebensumstände der Menschen sind nicht zu verwechseln mit denen der damaligen Zeit, vor allem vor der Industrialisierung in den einzelnen Ländern.

Heute gibt es zahlreiche gesetzliche Regelungen (z.B. das Zuwanderungs-gesetz, das Aufenthaltsgesetz oder das Asylantenrecht u.v.m.), die das einfache Einreisen und den illegalen Aufenthalt von Migranten in Deutschland verhindern sollen.

2.1.2. Migration in Deutschland seit der Nachkriegszeit (seit den 1960er Jahren)

Nach der Kriegszeit, etwa in den 1950er Jahren, erreichte der Arbeiterbedarf in Deutschland, der anfangs mit DDR-Flüchtlingen abgedeckt wurde, aufgrund des raschen ökonomischen Aufschwungs seinen Höhepunkt. Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, musste die Bundesregierung eine plausible Lösung finden, um den Arbeitermangel zu beheben. Schließlich wurden Vereinbarungen mit bestimmten Ländern getroffen, die den dort lebenden Menschen ermöglichten, als „Gastarbeiter“ nach Deutschland einzureisen (Holzbrecher 2004, S.49). Diese Vereinbarungen oder „Anwerbeabkommen“, wie Auernheimer sie bezeichnet, wurden zeitlich folgendermaßen und mit folgenden Ländern vertraglich festgelegt:

- 1955 mit Italien
- 1960 mit Spanien und Griechenland
- 1961 mit der Türkei
- 1964 mit Portugal
- 1965 mit Tunesien und Marokko
- 1968 mit Jugoslawien

(vgl. Auernheimer 2003, S.18)

Die ausländischen Gastarbeiter, die aus weiten Teilen Europas und Asiens nach Deutschland kamen und für wenig Geld arbeiteten, wurden zu Beginn kaum als Konkurrenz gesehen. Sie galten eher als eine temporäre Erscheinung, was den Arbeits- oder Wohnungsmarkt betraf und sollten nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimat zurückkehren: daher die Bezeichnung „Gast“ -Arbeiter. Diese lebten in Wohnheimen, die von den jeweiligen Arbeitgebern zur Verfügung gestellt wurden, während ihre Familien in den Heimatländern blieben. Nach einiger Zeit entwickelten sich die Wohnsiedlungen zu einer Art „Ghettos“. Diese ghettoähnlichen Wohngebiete entstanden nicht nur aufgrund der eigenen Wünsche, unter Heimatleuten leben zu wollen, sondern waren auch die Folge der gesellschaftlichen Isolierung dieser Menschen. Die Aufnahmegesellschaft traf diese Segregationsmaßnahmen als eigenen Schutz vor den Fremden.

Aber nicht nur die isolierte Wohnsituation der Migranten kann den Benachteiligungen zugeordnet werden, auch die fehlenden Sprachkenntnisse stellten ein Problem dar. Diese aus ihrer Heimat entwurzelten Menschen brachten entweder keine oder sehr geringe Deutschkenntnisse mit. Auch ihre teils beruflichen Qualifikationen wurden missachtet, so dass sie sich erneuten Prüfungen und Tests unterziehen mussten, um qualitativ anerkannt zu werden.

Zwischen 1955 und 1975 stieg die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer auf über zwei Millionen (vgl. Mahler/Steindl 1983, S.13). Die Angst der deutschen Gesellschaft machte sich jedoch erst bemerkbar, als die Migranten ihre Familien nachholten, sesshaft wurden und ihre Existenz in Deutschland aufbauten. Auch aufgrund des sogenannten Anwerbestopps[12] von 1973 blieben sehr viele Migranten im Land, aus Angst, dass ihnen die nochmalige Rückkehr nicht mehr ermöglicht worden wäre (vgl. Köpf 1996, S.16). Aber nicht nur Arbeitsmigranten, sondern auch eine große Anzahl von Flüchtlingen, die nach Schutz suchten, und eine Vielzahl an Aussiedlern wanderten nach Deutschland ein.

Das Ausmaß der Einwanderungen in Deutschland wurde erst mit den Jahren zunehmend deutlicher. Im Jahr 2000 betrug die Anzahl der mit einem nicht-deutschen Pass lebenden Ausländer in der BRD ca. 7,3 Millionen, was aufgerundet etwa ein Zehntel der Gesamtbevölkerung ausmachte (vgl. Mecheril 2004, S.8). Aktuellen Zahlen kann entnommen werden, dass im Dezember 2004 der Anteil etwa 8,8 Prozent betrug (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2005). Hier ist zwar ein Abstieg von 1,5 Prozent zu verzeichnen, jedoch sollte nicht vergessen werden, dass derzeitig viele Ausländer einen deutschen Pass besitzen und deshalb wahrscheinlich nicht miteinkalkuliert wurden, da sie nicht mehr als Ausländer registriert sind. Laut Angaben vom Statistischen Bundesamt wurden seit Beginn des Einbürgerungsrechtes im Jahr 2000 bis zum Jahr 2003 etwa 660.000 Ausländer eingebürgert. Erwähnenswert ist, dass jedes Jahr die Anzahl der türkischen Bürger die Mehrheit bei der deutschen Einbürgerung ausgemacht hat. Im Jahre 2003 waren etwa 40 Prozent der Gesamtzahl der Eingebürgerten gebürtige Türken (vgl. Statistisches Bundesamt 2004).

Aufgrund der starken Globalisierung wird angenommen, dass Migration in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird (vgl. Holzbrecher 2004, S.50). Durch die Veränderung der Infrastruktur können immer wieder neue gesellschaftlich politische Probleme entstehen. Die Gesellschaft und die Politik müssen sich deshalb diesem ständigen Wandel anpassen. Vor allem die Bildungspolitik muss ihre Rahmen- und Lehrpläne bezüglich der Heterogenität ständig ändern.

2.2. Multikulturalität in unserer heutigen Gesellschaft

Der Ausdruck „multikulturelle Gesellschaft“ wird in Deutschland erst seit den späten 70er Jahren verwendet. Die multikulturelle Gesellschaft setzt sich aus Menschen verschiedener Herkunft, mit verschiedenen kulturellen Einstellungen, Lebens- und Verhaltensweisen zusammen.

Bei der Verwendung des Begriffs „Multikulturalität“ unterscheidet Auernheimer zwischen „deskriptiv“ und „normativ“ (Auernheimer 2003, S.58). Während Ersteres nur die Situation, typische Merkmale oder den Zustand der multikulturellen Gesellschaft beschreibt, erklärt der zweite Begriff die Ebene der Ausführung der Multikulturalität. Auernheimer spricht hier von einem normativen Konzept, „das zum Diskussionsgegenstand der Politikwissenschaft und der politischen Philosophie geworden ist“ (vgl. ebd.). Der normative Begriff fordert somit die Gesellschaft zu bestimmten Handlungen auf. Mit dem deskriptiven Begriff kann sich die Pädagogik also nicht zufrieden geben, da diese Fortschritte und Weiterentwicklungen anstrebt. Deshalb wird dem normativen multikulturellen Begriff eine größere Bedeutung zugeschrieben.

[...]


[1] Anthropologie ist die Wissenschaft des Menschen und der gesamten Menschheit. Die Kulturanthropologie befasst sich demnach mit dem Verhältnis der Menschen zu den Kulturen.

[2] Deutungsmuster sind „kognitive Strukturen“, die bestimmte „Orientierungsmuster“ beinhalten, an denen sich das Individuum orientiert (vgl. Nieke 1988, S.171).

[3] Der Begriff Ethnozentrismus wird in Kapitel 4.3. näher erläutert.

[4] Die Arbeitsmigranten werden zusätzlich noch in Gruppen der legalen oder illegalen Arbeiter eingeteilt.

[5] De-facto-Flüchtlinge sind Flüchtlinge, denen aus Gründen wie z.B. drohende Todesstrafe oder Folter im Heimatland die Rückkehr nicht zugemutet werden kann.

[6] Kontingentflüchtlinge sind Ausländer, die im Rahmen von humanitären Hilfsaktionen aufgenommen werden

[7] Die Kennzeichen und Probleme des Fremden werden in Kapitel 4.1. näher erläutert.

[8] Bezeichnung für französische Protestanten.

[9] Weitere wichtige Entwicklungsdaten der Migration führt auch Auernheimer in seinen Erklärungen an, die ich für diese Arbeit aber nicht für erwähnenswert halte (vgl. hierzu Auernheimer 2003, S.16ff).

[10] Die Industrielle Revolutionist „die durch techn. Erfindungen im letzten Drittel des 18. Jh. in England eingeleitete“ Durchsetzung der industriellen Produktionsform als Ablösung der bis dahin überwiegenden Kleingewerbe (vgl. auch Bertelsmann Lexikon in drei Bänden (Band 2) 2003).

[11] Die Französische Revolution (1798-1799) war „die politisch-geistig-soziale Freiheitsbewegung in Frankreich“ und „ schuf die Vorraussetzungen für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jh.“ (vgl. ebd. , (Band 1)).

[12] Der Anwerbestopp war eine politisch-gesellschaftliche Reaktion auf die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Land. Die Gründe hierfür lagen in der kontinuierlich steigenden Arbeitslosenzahl, der hohen Geburtenrate und dem zunehmenden Familiennachzug der Ausländer.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Interkulturelles Lernen in der Grundschule
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
74
Katalognummer
V56545
ISBN (eBook)
9783638511995
ISBN (Buch)
9783640676422
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelles, Lernen, Grundschule, Migration
Arbeit zitieren
Mehtap Özkaya (Autor), 2005, Interkulturelles Lernen in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56545

Kommentare

  • Gast am 29.6.2010

    Hallo!
    Würde mir das gerne kaufen, doch für den Preis hätte ich gerne ein wenig mehr Einsicht in die Arbeit,.bevor ich es kaufe. Kann ja nur die Einleitung lesen.
    Wäre echt lieb.

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