Die Kurzgeschichte "Ein Mensch, den man nicht vergißt" von Stefan Zweig

Erzähltheoretische Analyse


Seminararbeit, 2003
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse der Kurzgeschichte unter dem Aspekt der Zeit
2.1 Ordnung
2.2 Dauer
2.3 Frequenz

3. Stimme
3.1 Zeitpunkt des Erzählens
3.2 Ort des Erzählens
3.3 Stellung des Erzählers zum Geschehen

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich eine Kurzgeschichte nach erzähltheoretischen Aspekten analysieren und so versuchen mehr über die Geschichte zu erfahren, als es nur durch oberflächliches Lesen möglich ist. Als Grundlage für diese erzähltheoretische Analyse stütze ich mich auf die schon im Seminar genutzte Literatur „Einführung in die Erzähltheorie“ von Martinez und Scheffel.

Bei der von mir ausgewählten Kurzgeschichte handelt es sich um die Erzählung „Ein Mensch, den man nicht vergißt“ von Stefan Zweig, die in einem Sammelband mit seinen Erzählungen mit dem Titel „Brennendes Geheimnis“ erschienen ist.

Meine Wahl fiel auf diese Erzählung, weil ich im Allgemeinen die Erzählungen von Stefan Zweig sehr interessant finde, und weil gerade diese Kurzgeschichte vom Inhalt her sehr schön und gut zu lesen ist. Zudem handelt es sich um eine relativ kompakte Erzählung, die mir für den Zweck einer solchen Analyse gut geeignet erscheint.

Wie bereits aus dem Inhalt ersichtlich ist, habe ich die einzelnen Aspekte gemäß Martinez und Scheffel in eben der Reihenfolge analysiert, wie sie auch in dem Buch zu finden ist. Einige Punkte auslassend habe ich mich auf die mir für diese Erzählung interessant erscheinenden Punkte konzentriert. Angefangen mit der Analyse unter dem Aspekt der Zeit und den dazugehörigen Fragen nach der Ordnung, der Dauer und der Frequenz dieser Kurzgeschichte, habe ich mich dann mit der näheren Analyse unter dem Aspekt Stimme befasst.

2. Analyse der Kurzgeschichte unter dem Aspekt der Zeit

Untersucht man den Aspekt der Zeit, ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass es immer zwei verschiedene Ansätze gibt: die Zeit des Geschehens und die Zeit der Erzählung. Die dafür noch heute gültigen Begriffe sind die der erzählten Zeit, also der Zeit der „Dauer der erzählten Geschichte“[1] und die der Erzählzeit, d.h. der Zeit, die „ein Erzähler für das Erzählen seiner Geschichte benötigt“[2].

Für die Analyse und das Verstehen einer Erzählung ist es unerlässlich, sich über das Verhältnis dieser beiden Zeitformen bewusst zu werden. Der Literaturwissenschaftler Genette entwarf zu dieser näheren Untersuchung drei Aspekte die dabei helfen sollen. Hierbei handelt es sich um die Fragen nach der Ordnung, der Dauer und der Frequenz eines Geschehens.[3]

In den folgenden Abschnitten werde ich mich immer jeweils mit einem der drei Aspekte beschäftigen, und dann versuchen diese auf die von mir ausgewählte Kurzgeschichte zu übertragen.

2.1 Ordnung

Mit dem Begriff Ordnung meint Genette die Reihenfolge, in der das Geschehen einer Erzählung vermittelt wird.

Grundsätzlich gilt für Erzählungen, dass diese in einem zeitlichen Nacheinander erzählt werden sollten, dennoch gibt es oft verschiedene Arten narrative Texte zu erzählen und bei der Betrachtung vieler Erzählungen wird deutlich, „dass die Abfolge eines Geschehens in der Zeit und die Abfolge seiner Darstellung im Rahmen der Erzählung durchaus nicht immer übereinstimmen“[4].

Das zeitliche Nacheinander des Geschehens muss also nicht immer chronologisch erzählt werden. Dieser Fall der Umstellung der chronologischen Ordnung von Ereignissen nennt man Anachronie. Auch hier gibt es wieder mehrere Möglichkeiten der Darstellung. Zum Einen der Gebrauch von Analepsen, d.h. Rückblenden, bei denen ein Ereignis erst im Nachhinein beschrieben wird, und zum Anderen die Nutzung von Prolepsen, d.h. Vorausdeutungen, die zukünftige Ereignisse bereits erzählen, obwohl diese noch gar nicht stattgefunden haben.[5]

Im Fall von Stefan Zweigs „Ein Mensch, den man nicht vergisst“, beginnt die Erzählung in medias res, d.h . unmittelbar ohne vorherige Erklärungen oder Einweisungen. Der fiktive Erzähler berichtet von den zwei wichtigen Dingen, die er von einem für ihn unvergesslichen Menschen gelernt hat, nämlich sich der Macht des Geldes nicht zu unterwerfen und zu leben, ohne sich Feinde zu machen.

Außer der Tatsache, dass diese beiden Dinge gelernt wurden, weiß der Leser nicht, wie es dazu kam oder von wem das Gelehrte stammt.

Erst im Folgenden, ab Zeile 8, beginnt die eigentliche Geschichte, in der dies aufgelöst wird. Der Leser erfährt was dem fiktiven Erzähler passiert ist, und auch die Person von der er so viel gelernt hat bleibt nicht mehr nur ein Mensch, sondern erhält in Zeile 51 endlich auch einen Namen, nämlich Anton. Zudem bekommt der Leser diverse Eindrücke vom fiktiven Erzähler selbst, denn dieser erzählt nicht nur das Ereignis an sich, sondern äußert auch seine Gedanken und Empfindungen.

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich also um eine Erzählung des Geschehens in nicht chronologischer Reihenfolge, denn die Erkenntnis, die rein logisch eigentlich erst am Schluss des Erlebten steht, eröffnet hier die Erzählung und steht somit am Anfang.

Mit dem Beginn der eigentlichen Geschichte in Zeile 8 beginnt auch die Analepse, denn hier wird ein Ereignis nachträglich dargestellt. Erfährt der Leser zunächst nur von der Erkenntnis bzw. dem Ergebnis des Erlebten, wird das vorangegangene aufklärende Erlebnis jetzt sozusagen nachgereicht.

Dieser Aufbau der Erzählung führt dazu, dass schon zu Beginn der Geschichte beim Leser die Spannung und die Neugier auf das noch Kommende steigen. Man will unbedingt erfahren, wie es dazu gekommen ist, was dazu beigetragen hat, dass, laut dem fiktiven Erzähler, zwei der schwierigsten Dinge des Lebens gelernt wurden, und vor allem wer dies bewirkt hat. Ein derartiger Beginn stellt also sicher, dass der Leser die Geschichte auch zu Ende liest. Durch Spannungsaufbau und Neugier wird der Leser sozusagen an die Geschichte gefesselt.

Die Funktion der hier genutzten Analepse besteht darin, die Zunächst unklaren Hintergründe aufzudecken. Der unmittelbare Anfang und auch die danach folgenden Sätze geben alleine keine Anhaltspunkte, wie es zu den genannten Erkenntnissen gekommen ist. Erst das Erzählen des bereits geschehenen Ereignisses in Form einer Analepse gibt Aufschluss darüber.

Während die Gesamtgeschichte nicht chronologisch verläuft, ist der Ablauf in der Analepse selbst hingegen chronologisch erzählt. Angefangen mit dem ersten Treffen des fiktiven Erzählers und dem bis da noch namenlosen Mann, erzählt er weiter von den Gesprächen mit seiner Köchin, die ihn über Anton aufklärt und über weitere darauf folgende Erfahrungen und Erlebnisse mit Anton. Am Ende dann berichtet der fiktive Leser von seinem vorerst letzten Treffen mit dem Bettler, das er selbst herbeigeführt hat. Die dabei zwischendurch immer wieder eingebrachten Gedankengänge des Erzählers unterbrechend den chronologisch erscheinenden Fluss des Erzählens dabei nicht.

2.2. Dauer

Beschäftigt man sich mit der Frage nach der Dauer einer Erzählung, geht es darum herauszufinden, inwieweit Erzählzeit und erzählte Zeit übereinstimmen bzw. voneinander abweichen. Martinez und Scheffel geben dazu „fünf Grundformen der Erzählgeschwindigkeit“[6] an, die für eine derartige Untersuchung hilfreich sind.

Ist die Erzählzeit mit der erzählten Zeit identisch, d.h. dauert die Zeit des Geschehens genauso lange wie die Zeit des Erzählens, dann spricht man von zeitdeckendem oder auch szenischem Erzählen. Dies ist der Fall, wenn Erzählungen nur durch wörtliche Rede und ganz ohne Kommentare oder begleitende Erzählinstanzen dargestellt werden. Diese Art der Erzählform kommt meist nur im Wechsel mit anderen Formen vor, denn als alleinige Erzählform in einer Erzählung ist dies kaum durchführbar.[7]

Häufig werden wenig oder gar nicht relevante Ereignisse verkürzt dargestellt oder sogar ausgelassen. Bei einer Zusammenfassung, spricht man von zeitraffendem bzw. summarischem Erzählen, auch Raffung genannt. Werden ganze Geschehnisse komplett ausgelassen, nennt man dies Ellipse.[8]

Im Gegensatz dazu können Ereignisse auch wesentlich länger dargestellt werden, als sie in Wirklichkeit gedauert haben. Diesen eher selten vorkommenden Fall bezeichnet man als zeitdehnendes Erzählen oder einfach als Dehnung.[9]

[...]


[1] Martinez und Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie: S. 31

[2] Ebd. S. 31

[3] Vgl. ebd. S. 32

[4] Ebd. S. 32

[5] Vgl. Martinez und Scheffel: S. 33

[6] Martinez und Scheffel: S.40

[7] Vgl. ebd. S. 39

[8] Martinez und Scheffel: S.44

[9] Ebd. S.43

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Kurzgeschichte "Ein Mensch, den man nicht vergißt" von Stefan Zweig
Untertitel
Erzähltheoretische Analyse
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Einführung in die Erzähltheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V56569
ISBN (eBook)
9783638512206
ISBN (Buch)
9783656448365
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Kurzgeschichte wurde analysiert an Hand des Buches von Martinez und Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie
Schlagworte
Erzähltheoretische, Analyse, Kurzgeschichte, Mensch, Stefan, Zweig, Einführung, Erzähltheorie
Arbeit zitieren
Carola Gerdes (Autor), 2003, Die Kurzgeschichte "Ein Mensch, den man nicht vergißt" von Stefan Zweig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56569

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