Interaktion der Geschlechter


Seminararbeit, 2004

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Studien zur Interaktion der Geschlechter in der Schule
2.1. Studie: Helga Jungwirth (1990/ 91)
2.2. Studie: Astrid Kaiser (1992)
2.3. Studie: Thies/ Röhner (2000)
2.4. Studie: Albert Ziegler u.a. (1995 und 1996)
2.5. Studie: Heidi Frasch und Angelika Wagner (1976)
2.6. Studie: Dale Spender (80er Jahre)
2.7. Studie: Uta Enders-Dragässer (1989)
2.8. Studie: Uta Enders-Dragässer und Claudia Fuchs (1985-87)
2.9. Studie: Lothar Krappmann und Hans Oswald (1980-1985)

3. Eigene Erfahrungen aus dem Schulpraktikum
3.1. Fragestellungen im Kontext des Beobachtungsschwerpunktes
3.2. Methoden und Durchführung
3.3. Ergebnisse der eigenen Beobachtungen und Vergleich

4. Konsequenzen für den Schulalltag

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Im Rahmen unseres Seminars „Geschlechterdifferenzierung im Grundschulalter“ behandelten wir die verschiedensten Studien über die Sozialisation von Jungen und Mädchen innerhalb und außerhalb der Schule.

Im Folgenden möchte ich speziell auf das Thema der zwischengeschlechtlichen Interaktion eingehen, mit der sich Monika Stürzer (2003) beschäftigt. Sie setzt sich auf Grundlage von Forschungen insbesondere mit dem Zusammenhang zwischen Unterrichtsformen und Interaktionsprozessen auseinander.

Hierbei wäre zu beachten, dass Lernen in unterschiedlichen Konstellationen stattfindet. Als Ursache kommen mehrere Punkte in Betracht: Zum einen die individuellen Lernzugänge des jeweiligen Geschlechts, zum anderen die verschiedenen Unterrichtsformen (Frontalunterricht, fragend-entwickelnder Unterricht, Gruppenarbeit, Freiarbeit, Projektarbeit, etc.), die die Rahmenbedingungen für schulisches Lernen schaffen.

Interaktionsprozesse laufen zudem nicht nur zwischen den Schülern untereinander, sondern ebenso auf Schüler-Lehrer-Ebene ab. 1

Gerade die Lehrer-Schüler-Interaktionen sind es, die laut Carmen Keller (1998) asymmetrisch vonstatten gehen, da das Verhalten weitgehend vom Lehrer abhängig ist. Heute ist jedoch die Ansicht weiter verbreitet, die Manfred Hofer (1997) entwickelte. Er sieht die Interaktionen zwischen Lehrer und Schülern als rezibrok an, d.h, dass das jeweilige Verhalten voneinander abhängig ist. 2

Die folgenden Untersuchungen werden belegen, dass sich zwischen Unterrichtsformen, Lernkonstellationen und Interaktionsformen, die verbal als auch nonverbal ablaufen, Zusammenhänge feststellen lassen.

2. Studien zur Interaktion der Geschlechter in der Schule (zusammengestellt von Monika Stürzer)

2.1. Studie: Helga Jungwirth (1990/ 91)

Welchen Einfluss Unterrichtsformen auf die Interaktionen im Schulunterricht haben, beschreibt Helga Jungwirth in ihrer Studie, die sie 1990/ 91 durchführte. Sie zeichnete während ihrer Feldforschungsarbeit 38 Mathematikstunden in 11 Klassen aller Jahrgangsstufen an allgemein bildenden höheren Schulen mit Hilfe von Video- und Tonbandgeräten auf. Des Weiteren interviewte sie Lehrkräfte.

Die Untersuchungen ergaben, dass der Mathematikunterricht überwiegend als fragend-entwickelnder Unterricht stattfand, der sich als eine Art Frage-Antwort-Spiel gestaltet. Die Schüler werden dabei aktiv in den Erarbeitungsprozess mit einbezogen.

Jungwirth stellte hierbei geschlechtsspezifische Handlungsmuster fest: Bei vieldeutigen offenen Fragen, bei denen die Schüler eigentlich hauptsächlich raten müssen, stellte man fest, dass diese von den Mädchen abgeblockt wurden. Ihre häufigste Reaktion auf nicht eindeutig beantwortbare Fragen war ein abwartendes Schweigen. Die Jungen beteiligten sich bei dieser Unterrichtsform dagegen weitaus mehr.

Lehrer deuten dieses abblockende Schweigeverhalten der Mädchen jedoch dahingehend, dass sie unfähig wären mathematische Zusammenhänge schnell zu erfassen. Somit wurde ihnen weniger Kompetenz zugesprochen. „Den Buben [sind die Schülerhandlungsweisen] im fragend-entwickelnden Unterricht mehr zur Routine geworden als den Mädchen“ (Jungwirth 1990: S. 57).

Helga Jungwirth interpretiert diese Forschungsergebnisse so, dass Mädchen beim fragend-entwickelnden Unterricht ihre Kompetenzen nicht voll entfalten können, weil sie in uneindeutigen Situationen leichter verunsichert sind als die Jungen. Aber auch die Lehrkräfte spielen für das Schülerverhalten eine entscheidende Rolle: Jungwirths Untersuchungen ergaben, dass mit fehlerhaften oder unvollständigen Beiträgen von Mädchen und Jungen unterschiedlich umgegangen wurde. Entsprach eine Jungenantwort nicht den Erwartungen, so ließ sich die Lehrkraft eher auf einen argumentativen Einigungsprozess ein. Der Schüler hatte so die Möglichkeit seine Antwort zu überdenken und gegebenenfalls zu revidieren. Bei den Mädchen ließ sich der Lehrer meist gar nicht auf eine Diskussion ein und die richtige Lösung wurde ihnen einfach ohne Einbindung in den Entscheidungsprozess vorgesetzt. Folglich erschienen die Mädchen weniger kompetent. 3

2.2. Studie: Astrid Kaiser (1992)

Eine weitere Studie über den Zusammenhang zwischen Unterrichtform und Schülerinteraktion führte Astrid Kaiser durch. Sie stellte in Beobachtungen von 45 Freiarbeitsstunden an einer Grundschule fest, dass auch bei dieser Unterrichtsform wiederum die Jungen mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Lehrkräfte forderten. („80% der Zeit der Lehrer kam den Jungen zugute“, Kaiser 1992: S. 44). Dass die Mädchen weniger Aufmerksamkeit erhielten, lag daran, dass die Jungen mehr Zuwendung und Hilfestellungen seitens der Lehrkraft verlangten.

Dieses Konkurrenzverhalten um die meiste Aufmerksamkeit wird durch das dominierende Jungenverhalten konstituiert und hat einen Rückzug der Mädchen aus dem schulischen Geschehen zur Folge. 4

2.3. Studie: Thies/ Röhner (2000)

Zum Kommunikationsverhalten sechs- bis achtjähriger Mädchen und Jungen im Morgenkreis betrieben Thies und Röhner unter der Fragestellung „Findet der

sprachliche Umgang von Mädchen und Jungen auf einer gleichberechtigten

Ebene statt?“ Forschungen an Grundschulen.

Generell gilt, dass Interaktionen im Unterricht auf zwei Ebenen ablaufen, nämlich auf der Inhaltsebene, bei der die im Lehrplan festgelegten Inhalte vermittelt werden, und auf der Beziehungsebene, die Interaktionen meint, die wenig mit dem Unterrichtsgegenstand zu tun haben.

Eine Analyse der Redebeiträge ergab, dass die Jungen häufiger redeten als die Mädchen. Sie kamen mit einem Anteil von 39% gegenüber ihren Klassenkameradinnen (30%) öfters zu Wort. Die restlichen 31% entfielen auf die Lehrkraft. Es fiel auf, dass die Mädchen mehr „offizielle“ Gespräche, also Gespräche, die mit dem Unterrichtsgeschehen zu tun hatten, führten. Bei den Jungen traten dagegen mehr parallele Seitengespräche auf, so dass diese auch erheblich mehr das Unterrichtsgeschehen störten. Die weibliche Geschlechtergruppe kommunizierte somit eher auf der Inhaltsebene, welche produktive Beiträge zum Thema beinhaltet und die männliche Seite eher auf der Beziehungsebene. Man sollte anmerken, dass die Beziehungsebene neben Gesprächen, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben, auch Ermahnungen und Zurechtweisungen einschließt. Von den 20 Malen, bei denen die Lehrkraft einen Jungen dran nahm, äußerte dieser sich nur 5 Mal auf der Inhaltsebene, die restlichen 15 Male musste der Lehrer einen Schüler ermahnen. Dem gegenüber wurden 15 Mal Mädchen dran genommen, die sich fast ausschließlich auf der Inhaltsebene äußerten.

Folglich kann man sagen, dass die größere Aufmerksamkeit der Jungen also der Beziehungs- und nicht der Inhaltsebene gilt.

Dass inhaltliche Beiträge hauptsächlich von den Mädchen stammen, hat eventuell zur Folge, dass Lehrkräfte die subjektive Wahrnehmung haben weibliche Schüler zu bevorzugen, obwohl der größte Teil ihrer Aufmerksamkeit, wenn auch im negativen Sinn, den Jungen gilt.

Es wurde deutlich, dass Mädchen während sie redeten häufiger unterbrochen wurden und während ihrer Beiträge häufiger Nebengespräche von Seiten der Jungen stattfanden als umgekehrt. Kam ein Junge zum Reden, erhielt dieser mehr Aufmerksamkeit, sowohl von den Mädchen als auch von den Jungen.

Die Pädagoginnen Uta Enders-Dragässer und Claudia Fuchs, auf deren Studien ich später noch eingehen werde, kamen 1989 zu dem Schluss, dass das Unterrichtsklima im koedukativen Unterricht häufig von den Verhaltensweisen der Jungengruppe bestimmt wird.

Thies und Röhner schlagen in Hinblick auf diese Problematik die Einführung von sogenannten Mädchen- und Jungenkonferenzen vor. Beide Geschlechter könnten so in getrennten Gesprächsphasen ihre kommunikativen Bedürfnisse befriedigen. Meiner Ansicht nach bleiben dann aber das nötige Aufeinandereingehen und die Rücksichtnahme auf andersgeschlechtliche Klassenkameraden aus, was an koedukativen Schulen ebenso zum Problem werden könnte. 5

[...]


1 Stürzer, Monika (2003): Unterrichtsformen und die Interaktion der Geschlechter in der Schule. S. 151.

2 ebd., S. 158.

3 ebd., S. 152f.

4 ebd., S. 153f.

5 ebd., S. 155f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Interaktion der Geschlechter
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Allgemeine Grundschuldidaktik)
Veranstaltung
Geschlechterdifferenz
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V56611
ISBN (eBook)
9783638512503
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktion, Geschlechter, Geschlechterdifferenz
Arbeit zitieren
Sandra Schweiker (Autor), 2004, Interaktion der Geschlechter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56611

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