Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft - Ausbruchversuche in der Literatur um die Jahrhundertwende


Seminararbeit, 2000

27 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung - Flucht aus gesellschaftlicher Determiniertheit

2. Zwei Fluchtmotive

3. Beispiele aus der skandinavischen Literatur um die Jahrhundertwende
3.1 August Strindberg
3.2 Henrik Ibsen
3.3 Jens Peter Jacobsen
3.4 Herman Bang

4. Beispiele aus der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende
4.1 Gerhart Hauptmann
4.2 Thomas Mann

5. Versteckte Kontinuität

6. Finden von Wahrheit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - Flucht aus gesellschaftlicher Determiniertheit

Da war doch endlich einmal einer aus jener Welt da draußen, einer, der in den großen, fernen Städten gelebt hatte, [...] wo der Rauch von den Lagerfeuern der Zigeuner sich lang über Baumkronen der Wälder hinzog, während rote Ruinen von den weinumkränzten Höhen in ein lachendes Tal hinabschauten...[1]

In sowohl der skandinavischen als auch der unter skandinavischem Einfluß stehen-den Literatur um die Jahrhundertwende, welche die Beziehung zwischen dem nach Selbstverwirklichung strebenden Individuum und der in ihrer Determiniertheit gefangenen Gesellschaft beschreibt, tritt besonders häufig ein Motiv des „Dem-Ort-Entfliehens“ auf. Dieser Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen vollzieht sich in den Werken der Autoren in unterschiedlichster Weise. Häufig scheint eine wie oben zitierte Sehnsucht nach dem ganz Unbekannten (aber erwartet Sinngebenden) Ursprung dieses Ausbruchs zu sein.

Womöglich nicht immer ist dieses Motiv jedoch unter dem hier zu untersuchenden Aspekt ein bewußt gewähltes zu sein, vielmehr gewinnt man den Eindruck der aus anderen Intentionen heraus gewählten „Flucht“, bzw. der Wahl dieser Lösung als bei-nahe unbewußte (und damit den zeitlichen Umständen um die Jahrhundertwende Rechnung tragende) Entscheidung der Autoren.

Gerade deshalb ist das Ziel der vorliegenden Arbeit eine etwaige Stringenz in der Beibehaltung dieses Motivs als Ultimativlösung festzustellen und zu untersuchen, wobei ausschließlich dieses auf gesellschaftlichen Zwängen basierende Fluchtmotiv analysiert wird, während andere Lösungen menschlicher Unzufriedenheit nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein sollen.

Die Texte der deutschen Autoren Gerhart Hauptmann und Thomas Mann, aber auch die ihrer skandinavischen Vorläufer August Strindberg, Henrik Ibsen, Jens Peter Ja-cobsen und Herman Bang dienen nicht nur wegen ihrer überragenden (und damit beispielhaften) Position in der Literatur des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, sondern insbesondere auch wegen der in ihnen auftretenden Vielfältigkeit des zu erwartenden Motivs, als textliche Grundlage dieser Analyse.

2. Zwei Fluchtmotive

In der sich mit gesellschaftlicher Determiniertheit auseinandersetzenden Literatur tauchen im wesentlichen zwei Typen des Ausbruchs auf, welche - vorab definiert - die Kategorien des zu untersuchenden Fluchtmotivs darstellen sollen.

Am auffälligsten erscheint der Weggang von einem Ort als Flucht aus den gegebenen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen. Dieses soll hier als e r s t e r T y p bezeichnet werden.

Die tatsächliche Unmöglichkeit oder nur erschwerte Gelegenheit der Weiterführung des eigenen Lebens an einem Ort, an dem die äußeren Umstände (=die Gesellschaft) gegen eine solche sprechen, führt hier zum Verlassen der den einzelnen Menschen bedrängenden Begebenheiten. Hierunter fallen alle von außen motivierten Ent-scheidungen der Protagonisten, beispielsweise das Verschwinden des Adligen mit (und eben nicht Heiraten) einer ihm zugeneigten Magd.

Diverse Variationen dieses Typs in der Literatur der Moderne verdecken trotzdem nicht die eigentlich schon vorhandene Etablierung eines solchen Motivs in der ge-samten Literaturgeschichte.

Neu hingegen scheint die Sehnsucht zu fernen Orten als Motiv in der Literatur der Moderne; nicht nur die Sehnsucht nach einem (- individuell gestaltbarem -) Ort, (wie es die Literatur durchaus bereits kennt), sondern nach einem, an dem die Erweiter-ung des Horizonts (und die damit implizierte Loslösung von persönlichen Lebensbe-drückungen) möglich scheint, also einem bedeutenem, weltoffenen Ort geistigen Klimas. Dieses stellt den z w e i t e n T y p der hier feststellbaren Ausbruchmotive dar. Die von innen motivierte Entscheidung des Protagonisten zur Flucht aus bspw. seinem ihm beengenden Heimatdorf gehört hier zu den häufigsten Motiven.

Um der Frage nach dem tatsächlichen Vorhandensein dieser Typen in der Literatur der Jahrhundertwende (sowie der bewußten Setzung durch die Autoren) näher zu kommen, werden im folgenden zunächst Beispiele von Fluchtmodellen in den Wer-ken einiger Autoren der skandinavischen und deutschen Moderne geschildert und da-rauf möglichst einem der beiden Typen zugeordnet.

3. Beispiele aus der skandinavischen Literatur um die Jahrhundertwende

Die hier relevanten skandinavischen Autoren des ausgehenden neunzehnten Jahrhun-derts nutzen die geschilderten Fluchtmotive in diversen Variationen unterschied-lichster Motivation. Besonders auffällig, noch mehr als wenig später bei ihren deutschen Kollegen, scheint persönlicher Reisewillen und damit die Vermittlung eigener Lebensauffassungen und -erwartungen, ihre literarischen Darstellungen zu beeinflußen.

Die Texte Fräulein Julie (August Strindberg), Gespenster (Henrik Ibsen) und Niels Lyhne (Jens Peter Jacobsen), aber auch Herman Bangs Kurzgeschichte Irene Holm, lassen nicht nur eine Analyse dieses Ausbruchsmotivs zu, sondern geben zudem einen Eindruck ihres Einflusses auf die deutsche Literatur der Jahrhundertwende.

Die nachfolgende Analyse beschränkt sich im wesentlichen auf eine Betrachtung der Hauptfiguren vorstehender Werke, was auch als Zeichen der Bedeutsamkeit des Mo-tivs gewertet werden kann.

3.1 August Strindberg

August Strindbergs Fräulein Julie, die Determiniertheit der Menschen durch die Gesellschaft erfassend, beschreibt den mißlungenen Fluchtversuch der Fräulein Julie und ihres Dieners Jean. Beide sehen sich nicht in der Lage, sich ihrer Situation - dem Zugeständnis einer gemeinsamen Nacht und deren Folgen - zu stellen, sondern fürchten Sanktionen ihrer Umgebung.[2] Verkörpert wird diese gesellschaftliche Bedrohung durch die gräfliche Vaterfigur Julies, wie u.a. Jeans Aussage kurz vor der Rückkehr des Grafen verdeutlicht:

...und nachdem ich eben die Stimme des Grafen gehört habe, da - ich kann es nicht so richtig erklären, aber - ah, das ist der verdammte Lakai, der mir im Genick sitzt! Ich glaube, wenn jetzt der Graf herunterkäme und sagte, daß ich mir die Gurgel durchschneiden soll - ich täte es auf der Stelle![3]

Selbst die Lösung einer (demnach v o n a u ß e n m o t i v i e r t e n) Flucht können sie nicht wahrnehmen. Zwar ist sich zumindest Julie durchaus einer Verantwortung bewußt: „Wer trägt die Schuld? Ach, was kümmert es mich, wer die Schuld trägt! So oder so, jedenfalls muß ich die Folgen tragen“[4] ; diese entsteht allerdings im wesent-lichen durch ein Schuldbewußtsein aufgrund iher Handlung und kann damit auch nicht zu einer Befreiung ihrer Person führen, wie Julie selbst bemerkt:

Wer trägt die Schuld an dem, was geschah? Mein Vater, meine Mutter, oder ich selbst? - Ich selbst? Und es wäre meine Schuld? Aber ich habe ja doch nichts Eigenes! ich habe keinen Gedanken, den ich nicht von meinem Vater, keine Passion, die ich nicht von meiner Mutter hätte“[5]

Die von Fräulein Julie ausgemachte Verantwortung gipfelt in ihrer ( - fast sogar eigenständigen - ) Entscheidung des Freitods, welche in ähnlicher Weise auch bei Hauptmanns Vor Sonnenaufgang als letzte Lösung einer Person, die sich in der sie beengenden sowie ihre Lebensauffassung verneinenden Umwelt nicht zurechtfindet.

Strindbergs ablehnende Einstellung gegenüber der, in seinen Augen, degenerierten Oberschicht läßt eigentlich keinen Zweifel an der Notwendigkeit dieses Schlusses zu. Damit würde die adlige Julie unfähig zu entscheiden aufgrund ihrer Herkunft, welche gleichzeitig „die Unlust zu leben, das Sehnen nach dem Ende des Geschlechts“[6] hervorruft. Gleichzeitig verhinderten Dienermentalität sowie zwiespältiger Charakter Jeans die tatsächliche Durchführung einer Flucht, die dergestalt von Strindberg also nicht gewollt sein kann.

Dennoch taucht der Ausbruchversuch e r s t e n T y p e s, wie bereits erwähnt, in Strindbergs Drama u.a. durch das Packen und Entwenden von Reisegeld[7] in sehr kon-kreter Planung auf, womit Julies Tod den Status eines mißglückten Fluchtversuchs erhält.[8]

Zudem stützt sich Strindbergs eigene Unzufriedenheit mit seinem Heimatland Schweden, wohl nicht nur verursacht durch die zeitweiligen Schwierigkeiten seine Stücke dort zur Aufführung zu bringen,[9] auf eine Weltanschauung, die er in seinen Werken zu vermitteln trachtet. Strindberg, als Wanderer und Wandeler schwersten seelischen Leidens,[10] sieht selbst, wie viele junge Dichter seiner Zeit, die Emigration als einzige Möglichkeit einer freien (künstlerischen) Selbstverwirklichung.

Dieses führt bei ihm aber nicht zwangsweise zur Umsetzung der Künstler-Bürger-Problematik in eine literarische Form, sondern, wie bei Fräulein Julie geschehen, durchaus in eine scheinbar fast unbewußte Darstellung von Flucht, motiviert durch die Verwirklichung gesellschafts-historisch ungewöhnlicher Lebensziele.[11] Damit ge-lingt August Strindberg in seinen Werken nicht nur die Verkörperung seiner eigenen Weltanschauung, sondern auch die (neue) seiner ganzen Generation, welche nach Auswegen, aus den „gigantischen Disharmonien [...](ihrer) Zeit“[12] sucht.

Mit dem einher geht auch Strindbergs Geschichtsbild, das die Lenkung aller durch einen allmächtigen Willen voraussetzt, damit aber trotzdem oben beschriebene Selbstbestimmung nicht nur nicht verneint, sondern sogar erhofft.[13] Diese rettungs-lose Verfallenheit der Strindbergschen Protagonisten erklärt sich also weniger durch gesellschaftliche Hindernisse als ducrh eine hemmende Überinstanz; dennoch bleibt Strindbergs, durch blaße Schilderung um so stärker und um so bewußtere Darstellung von Menschen, denen die Möglichkeit der Selbstentscheidung durch gesellschaftliche Zwänge verstellt, aber trotzdem nicht gänzlich verloren gegangen ist.

Auffällig ist, dass Strindberg hierbei durchaus andere Mittel der Selbstbefreiung (bspw. Liebe, Freundschaft, Lachen) als das der (räumlichen) Flucht erkennt, selbst aber von einer inneren Unrast ergriffen scheint.[14]

Dennoch bleibt festzuhalten, dass, unabhängig von jeglichen Alternativen sowie persönlicher Einstellung zu von ihm bereisten Ländern, Strindbergs persönliches Weggehen von Orten als Motiv in seinen Werken wiederzuerkennen ist. „Jedenfalls sonderbar, hm, wenn eine Komtesse lieber daheim bei den Leuten bleibt, was?“[15], läßt Strindberg seine Figur Jean gleich zu Beginn des Dramas feststellen und läßt damit, neben jeder - vielleicht gewagten - Interpretation einer früh angedeuteten Fluchtmotivation Julies, an dem vorhandenen Reisewillen seiner Zeit keinen Zweifel.[16]

3.2 Henrik Ibsen

Vielmehr als Strindberg folgt Henrik Ibsen mit seinem Drama Gespenster dem zwei-ten Fluchtmotiv, dem von i n n e n m o t i v i e r t e n Typ, indem er den Ausbruch in die Großstadt vorgibt. Strindberg scheint diese, wie bspw. sein Weggang aus Paris 1884 belegt,[17] zu hektisch, weshalb er in seinen Werken die Flucht durchweg mit un-bestimmten Ziel angibt.

Ibsen folgt mit seiner Schwerpunktsetzung einem häufig verfolgten Motiv der Litera-tur der Jahrhundertwende insgesamt: die Flucht aus dörflicher Determiniertheit in die Freiheit der sich entwickelnden Großstädte scheint zur Ultimativlösung menschlich-seelischer Eingesperrtheit zu werden.

Gerade die Gespenster, die diese (scheinbare?) Eingesperrtheit bewirken, schildert Henrik Ibsen in seinem gleichnamigen Werk. Handlungen, sowie auch gerade nicht Getanes, der auf einem in Westnorwegen gelegenen Landsitz lebenden Alvings, zeigen deutlich Ibsens Kritik an den Mitteln des Umgehens eigener Durchsetzungs-kraft, besonders im Hinblick auf die Verwirklichung persönlicher Lebensvor-stellungen.

Ibsen eröffnet sein Drama mit der Heimkehr Osvald Alvings, Sohn der Landgut-besitzerin Helene Alving, in sein Heimatort aus eben einer solchen Großstadt, die auch in den Augen anderer Dorfbewohner, zumindest für einen jungen Menschen, weitaus reizvoller als eben jener kleine norwegische Ort erscheint: „ ...es ist doch sicher sehr viel verlockender, in Rom oder Paris zu leben, könnte ich mir denken.“[18]

Dieser Hang zu nicht nur Groß- sondern auch Weltstädten, einhergehend mit einer tiefen Unzufriedenheit und dem Vermissen elementarer Eindrücke in der dörflichen oder auch kleinstädtischen Umgebung, prägen auch den Schriftsteller Henrik Ibsen. Schon seine Armut verstellt ihm den Blick auf dorfinterne Möglichkeiten der Selbstbefreiung. und verhindert so die Rückkehr in seine Heimat, nachdem der junge Ibsen Norwegen einmal verlassen hat.[19]

[...]


[1] J. P. Jacobsen: Niels Lyhne, Stuttgart 1995, S. 7.

[2] vgl. F. Paul: August Strindberg, (=Realien zur Literatur, Abt. D: Literaturgeschichte), Stuttgart 1979, S. 39.

[3] A. Strindberg, Fräulein Julie, Stuttgart 1983, S. 54.

[4] ebda, S. 54.

[5] ebda, S. 53.

[6] A. Strindberg zitiert nach F. Paul, a.a.O., S. 41.

[7] s. A. Strindberg, a.a.O., S. 40ff.

[8] vgl. F. Paul, a.a.O., S. 40.

[9] s. S. Delblanc, L. Lönnroth: Den Svenska Litteraturen, (Bd. 4: Den storsvenska generationen. 1890-1920), Göteborg 1989, S. 53f.

[10] s. A. Liebert: Strindberg, (=Sammlung Collignon, Bd. 5), Berlin 1920, S. 25-28.

[11] vgl. K. Naumann: Utopien von Frieheit. Die Schweiz im Spiegel Schwedischer Literatur, Frankfurt/ Main 1994, S. 85f.

[12] A. Liebert, a.a.O., S. 31.

[13] vgl. ebda, S. 28-37.

[14] s. ebda, S. 75ff u. S. 140.

[15] A. Strindberg, a.a.O., S. 6.

[16] s. auch K. Naumann, a.a.O., S. 91-95.

[17] vgl. ebda, S. 86.

[18] H. Ibsen: Gespenster, Stuttgart 1997, S. 15.

[19] G. Brandes: Henrik Ibsen, in: Georg Brandes und die deutsche Literatur. Eine Aufsatz- sammlung, Königstein 1980, S. 63-79, hier S. 63; im folgenden zitiert als: Brandes, Ibsen.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft - Ausbruchversuche in der Literatur um die Jahrhundertwende
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Von Ibsen zu Thomas Mann: Klassiker der deutschen und skandinavischen Moderne
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V5667
ISBN (eBook)
9783638134774
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
JEDER will nach Berlin, Seattle, ...?? Das gleiche Motiv findet sich bei Ibesen, Mann, Strindberg, was ist dran
Schlagworte
Literatur Skandinavien Jahrhundertwende Ausbruch
Arbeit zitieren
T. Niemsch (Autor), 2000, Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft - Ausbruchversuche in der Literatur um die Jahrhundertwende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5667

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