Der Islam zählt zu den drei mächtigsten und am weitesten verbreiteten Weltreligionen, er ist die religiöse Basis für viele Millionen Menschen und blickt auf eine lange Tradition zurück. Er stand einmal für Fortschritt und Abschaffung der Unterdrückung der Menschen, für ihn opferten- und opfern noch heute- zahlreiche Gläubige ihr Leben. Doch eben aus diesem Grund steht der Islam heute stärker denn je unter der kritischen Betrachtung der Außenwelt. Uns Außenstehenden stellt sich die Frage, wie das Leben “hinter den Kulissen” der mächtigen Religion aussieht, besonders für das gemeinhin “hinter Schleiern und gesellschaftlichen Zwängen verborgene” weibliche Geschlecht. Wie ist es möglich, dass gemeinhin behauptet wird, der Islam stehe für die Freiheit der Frauen, wo doch immer wieder von Themen wie “Zwangsheirat”, “Ehrenmord”, “Unterdrückung der Frau” und der “völligen Unterordnung dieser unter die Männer” gesprochen wird? Ist sie wirklich ein hinter vielen Schleiern verborgenes, in den eigenen vier Wänden eingeschlossenes Geschöpf, vom Mann unterdrückt und ohne jedes Recht auf eigene Meinung ohnmächtiger, niederer Bestandteil einer Gesellschaft, deren Religion Frauen verachtet und ihnen dieses menschenunwürdige Los diktiert? Und vor allem: Sind diese “westlichen Eindrücke” der Unterdrückung und Unterordnung Bestandteile des Religiösen, sind sie fest im Koran verankert und somit Ziele, nach denen jeder (männliche) Muslim gottgewollt streben sollte? Oder aber entstammen sie lediglich der jahrhundertealten Tradition? Dieser Fragestellung möchte ich im Rahmen meiner Hausarbeit nachgehen. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort
II. Das islamische Recht und die Sharia
2.1 Die Berücksichtigung der Frau im Koran
2.2 Die Sunna
2.3 Die Idschma und die Kiyas
III. Die Bedeutung der Sharia für das heutige, islamische Rechtssystem
IV. Exemplarische Rechte der Frauen in der Sharia
4.1 Die Mündigkeit
4.2 Die Ehe
V. Die Frau in der muslimischen Gesellschaft
5.1 Die Bedeutung, eine Tochter zu sein
5.2 Die Bedeutsamkeit der Jungfräulichkeit
5.3 Das Kopftuch: Religiöses Symbol oder Teil der Identität?
VI. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Spannungsfeld zwischen den ursprünglichen religiösen Lehren des Korans und der traditionell geprägten Anwendung der Sharia im Hinblick auf die Stellung der muslimischen Frau. Ziel ist es zu analysieren, inwieweit Unterdrückung und Ungleichheit religiös begründet sind oder aus historisch gewachsenen Traditionen und einseitigen Interpretationen männlicher Gelehrter hervorgehen.
- Historische und theologische Analyse des Frauenbildes im Islam.
- Die Entstehung und Funktion der Rechtsquellen (Koran, Sunna, Idschma, Kiyas).
- Rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau (Mündigkeit, Ehe, Polygamie).
- Soziologische Betrachtung der Geschlechterrollen und Traditionen (Jungfräulichkeit, Kopftuch).
- Unterscheidung zwischen religiösem Kern und gesellschaftlich-kultureller Tradition.
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung, eine Tochter zu sein
Bis in die Gegenwart gelten Söhne in einer muslimischen Familie als höheres Gut denn ihre Töchter. Dies ist vor allem auf die Tradition der muslimischen Familie hinauszuführen. Früher, zur Zeit der Beduinenstämme, war ein Sohn ein Garant für das Wachsen der Sippe, für deren Ruhm (in kriegerischen Auseinandersetzungen) und die Altersversorgung der Eltern. Ein Sohn blieb sein Leben lang bei der Familie, während eine Tochter stets bei ihrer Heirat in die Familie des Mannes überging.
Für ihre eigene Familie bedeutete sie lediglich sich nicht rentierende Kosten (schließlich konnte sie nichts zur Altersversorgung der Eltern beitragen, da sie die Familie verließ oder aber unverheiratet eine lebenslange finanzielle Belastung darstellte). Aus zweiterem Fall resultiert auch die Angst, die Töchter ihren Eltern machten. Denn verheiraten konnte man nur eine “Jungfrau“ - und diese Jungfräulichkeit der Töchter zu bewahren, gerade in einer Großfamilie (in der es immer wieder zu sexuellen Übergriffen naher Verwandter kam) und zu Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen, bedeutete für die Eltern eine stetig vorhandene Angst- und Stresssituation.
Diese “Benachteiligung” der Töchter in Bezug auf Gewünschtheit spiegelt sich auch in den rituellen pränatalen Geburtsriten wider. Wird zur Geburt eines Jungen Allah gepriesen und bejubelt, wird bei einer Tochter Stillschweigen bewahrt. Schlachtet man bei einem Jungen zur Feier seiner Geburt zwei Hammel, so reicht einer bei einer Tochter völlig aus. Nawal el Saadawi fasst das bis heute in sehr traditionell denkenden, konservativ streng muslimischen Familien vorherrschende Gefühl bei der Geburt einer Tochter mit traurigen Worten zusammen: “Alle Kinder, die gesund (…) auf die Welt kommen, werden sich auch als ganze Menschen fühlen- nur die weiblichen Kinder nicht. Vom Augenblick ihrer Geburt an (…) wird ein Mädchen bemerken, wie man es anschaut: den Blicken, dem Ausdruck in den Augen kann sie entnehmen, dass ihr “etwas fehlt”, dass sie “unvollständig” geboren sei. Und eine Frage wird sie verfolgen, von ihrer Geburt bis zum Tod: Warum?”
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorwort: Der Autor führt in die Thematik ein und formuliert die Forschungsfrage, ob die Unterdrückung der Frau im Islam religiös verankert ist oder traditionell-gesellschaftlich bedingt.
II. Das islamische Recht und die Sharia: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Sharia aus dem Koran sowie den ergänzenden Quellen Sunna, Idschma und Kiyas.
III. Die Bedeutung der Sharia für das heutige, islamische Rechtssystem: Es wird der Konflikt zwischen der Forderung nach Anpassung an moderne Gegebenheiten und dem Festhalten an einer als gottgewollt verstandenen Rechtsordnung in muslimischen Ländern thematisiert.
IV. Exemplarische Rechte der Frauen in der Sharia: Hier werden die Bereiche Mündigkeit und Ehe analysiert, wobei besonders die rechtliche Abhängigkeit der Frau kritisch betrachtet wird.
V. Die Frau in der muslimischen Gesellschaft: Dieses Kapitel beleuchtet den Stellenwert von Töchtern, die soziale Bedeutung der Jungfräulichkeit sowie die Rolle und Wahrnehmung des Kopftuchs.
VI. Abschlussbetrachtung: Der Autor resümiert, dass das ursprüngliche religiöse Ideal den Schutz beider Geschlechter vorsah und die heutige Problematik durch verfestigte, männlich geprägte Traditionen entstand.
Schlüsselwörter
Islam, Muslimische Frauen, Sharia, Koran, Tradition, Geschlechterrolle, Mündigkeit, Ehe, Polygamie, Jungfräulichkeit, Familienehre, Kopftuch, Emanzipation, Frauenrechte, Religion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation muslimischer Frauen im Spannungsfeld zwischen den ursprünglichen religiösen Texten (Koran) und der rechtlichen sowie gesellschaftlichen Realität, die durch die Sharia und Traditionen geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die rechtlichen Grundlagen des Islam, die Struktur der Sharia, die Rechte der Frau in der Ehe, die Bedeutung von Jungfräulichkeit und Ehre sowie der soziologische Wandel innerhalb der muslimischen Familie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, ob die oft kritisierte Unterdrückung der Frau tatsächlich religiös fundiert ist oder ob sie ein Resultat historischer, von Männern dominierter Interpretationen und kultureller Traditionen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der theologische, rechtliche und soziologische Fachliteratur sowie Koranverse und Hadithe herangezogen werden, um die historische Entwicklung des Frauenbildes im Islam zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die vier Rechtsquellen der Sharia, die rechtlichen Aspekte von Mündigkeit und Ehe, die ökonomische Ungleichheit, die Bedeutung des Kopftuchs und die soziale Rolle der Frau innerhalb der Familie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Islam, Sharia, Frauenrechte, Geschlechterhierarchie, Tradition, Familienehre und Emanzipation.
Wie unterscheidet sich die Stellung von Söhnen und Töchtern in traditionellen Familien?
Söhne gelten als Garant für den Erhalt der Sippe und die Altersversorgung, während Töchter oft als finanzielle Belastung wahrgenommen werden, deren Keuschheit (Jungfräulichkeit) aus Gründen der Familienehre unter strenger Kontrolle steht.
Welche Rolle spielt die Polygamie im heutigen rechtlichen Kontext?
Obwohl die Sharia die Polygamie in bestimmten Grenzen erlaubt, gibt es eine klare Tendenz, sie in vielen muslimischen Ländern rechtlich einzuschränken oder ganz zu verbieten, da sie als stressbelastend und ungerecht für Frauen empfunden wird.
Was ist die Kernbotschaft bezüglich der Rolle des Propheten Mohammed?
Der Autor argumentiert, dass Mohammed selbst den Frauen gegenüber positiv eingestellt war und sie respektierte, und dass viele heute praktizierte Unterdrückungsmechanismen spätere Entwicklungen einer patriarchalen Tradition sind.
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- Anonym (Author), 2006, Der Islam - Muslimische Frauen zwischen Koran und Sharia, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56698