Der fantastische Abenteuerroman. Exemplarische Analyse anhand des Kinderbuches 'Ronja Räubertochter' von Astrid Lindgren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Abenteuer?
2.1 Definition Abenteuerliteratur
2.2 Der Abenteuerheld
2.3 Die Abenteuerheldin

3. Fantastik versus Realismus
3.1 Merkmale fantastischer Kinder- und Jugendliteratur
3.2 Unterschiede zur realistischen Kinder- und Jugendliteratur

4. Analyse von „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren
4.1 Inhalt
4.2 Zur Autorin Astrid Lindgren
4.3 Die Protagonisten
4.3.1 Ronja
4.3.2 Birk
4.3.3 Lovis
4.3.4 Mattis
4.4 Ist die Erzählung „Ronja Räubertochter“ ein Abenteuerroman?
4.4.1 Momente des Aufbruchs
4.4.2 Das Wagnis
4.4.3 Außergewöhnliche Momente
4.4.4 Die Bewährung
4.4.5 Spannungssteigerung
4.4.6 Dynamik des Handlungsverlaufs
4.5 Ronja als AbenteuerheldIn
4.6 Gehört die Erzählung „Ronja Räubertochter“ zur fantastischen
Kinder- und Jugendliteratur?

5. Fantastik und Abenteuer: Der fantastische Abenteuerroman?

6. Zusammenfassung

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit befasse ich mich mit Astrid Lindgrens Kinder- bzw. Jugendbuch „Ronja Räubertochter“. Mit einem Gesamtwerk von weit über 100 Titeln ist Astrid Lindgren eine der weltweit bekanntesten Kinderbuchautorinnen. Zu ihren bekanntesten Figuren gehört neben „Michel aus Lönneberga“ und „Pippi Langstrumpf“ auch „Ronja Räubertochter“. Sich dem großen medialen Angebot an Büchern und Filmen von Astrid Lindgrens Werken zu entziehen, ist kaum möglich.

Für Ronja Räubertochter habe ich mich entschieden, da dieses Buch für mich als Kind unverzichtbar war. Die aufregende, naturbelassene und wilde Welt der Ronja Räubertochter konnte ich mir anhand von Text und Bild zu meiner eigenen machen. Auf die Frage hin, ob Kinder Astrid Lindgren brauchen, hat die Schriftstellerin selbst geantwortet: „Ja, wenn man dem glaubt, was sie schreiben, sieht es so aus.“ (Surmatz 2001, 837). Ich für meinen Teil brauchte sie als Kind und brauchte besonders ihre Ronja Räubertochter.

Dieses letzte große Werk der bekannten Schriftstellerin fesselt nicht nur die jungen Leser, sondern auch Erwachsenen haben, durch die Perfektion der Schreibkunst Astrid Lindgrens, Freude beim (Vor-)Lesen.

Junge Leser würden den Roman „Ronja Räubertochter“ zweifelsohne zu den Abenteuerromanen zählen, doch wie kann es sein, dass die Geschichte fantastische Elemente aufweist, wo doch ein wesentliches Kennzeichen der Abenteuerlektüre die Realistik ist? „Fantastik“ und „Abenteuerroman“ stehen sich kontrovers gegenüber.

Die Gattung der Abenteuererzählungen zeichnet sich durch das Kennzeichen durchgehenden Realismus aus. Der fantastischen Abenteuergeschichte hingegen fehlt die durchgängige Realistik und löst sich so vom herkömmlichen Abenteuerroman ab.

In dieser Hausarbeit möchte ich darauf eingehen, wie es trotzdem möglich ist, den realistischen Abenteuerroman mit fantastischen Elementen zu verbinden, ohne dass der Abenteuercharakter verloren geht. Dazu werde ich zunächst Abenteuerliteratur, fantastische Kinder- und Jugendliteratur und realistische Kinder- und Jugendliteratur kennzeichnen. Zudem werde ich die Person des Abenteuerhelden und die der Abenteuerheldin näher erläutern.

Im zweiten Teil werde ich die erworbenen Kenntnisse auf Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ anwenden und erarbeiten, inwiefern diese Erzählung Kennzeichen des Abenteuerromans und der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur aufweist.

Ermittelt werden soll, ob die Geschichte der Ronja Räubertochter beiden Genres zugewiesen werden kann. Ist dieses der Fall, so wäre die mögliche Kombination von fantastischen Elementen und Abenteuerliteratur anhand eines Beispiels belegt und diente als ein Beweis für die Existenz fantastischer Abenteuerliteratur in Abgrenzung zur realistischen Abenteuerliteratur. Abschließend wird diese Fragestellung nochmals kurz für die Kinder- und Jugendliteratur allgemein beleuchtet.

In einer Zusammenfassung werden die wichtigsten Erkenntnisse abschließend in Kürze dargestellt.

2. Was ist Abenteuer?

Wie Erhebungen ergeben haben, wird die Abenteuerliteratur in der Lektüre der Heranwachsenden zunehmend bedeutender. Besonders die Altersgruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen gehört zu der Spitzengruppe der Rezipienten. (Vgl. Baumgärtner 2000, 429) Worin der besondere Reiz dieser literarischen Gattung liegt, soll in diesem Kapitel durch ihre spezielle Kennzeichnung geschildert werden.

2.1 Definition Abenteuerliteratur

Etymologisch betrachtet ist das mittelhochdeutsche „aventiure“ der Vorläufer des Wortes „Abenteuer“. Allerdings wurde die Wortbedeutung auf dem Weg zum heute gebräuchlichen „Abenteuer“ verengt. Das Abenteuer ist als Fortsetzung des Märchens zu verstehen, allerdings ohne das Wunder als solches, welches mit „aventiure“ aber unwiderruflich verbunden ist. An Stelle des Wunders steht beim heutigen „Abenteuer“ die Naturgesetzlichkeit aller Vorgänge. Das Abenteuer ist vielmehr realistischer als „aventiure“, welches sich in mythologischen, geschichtlich-sagenhaften Bereichen bewegt. Alle Vorgänge müssen im Bereich des Möglichen oder der wahrnehmbaren Wirklichkeit liegen. (Vgl. Hölder 1967, 75)

„Adventiure“ stammt ursprünglich von dem vulgärlateinischen „advenire“. Übernimmt man seine Wortbedeutung ins Deutsche, so kann man damit „etwas, das geschieht, sich ereignet“ beschreiben. „Demnach ist ein Abenteuer etwas, das dem Menschen zustößt und nicht von ihm selbst, etwa auf Grund zielbewussten, planmäßigen Handelns herbeigeführt wird.“ (Vgl. Baumgärtner 2000, 415) Eng verknüpft ist der Begriff des Abenteuers mit Glück, Los und Schicksal. In den Grimmschen Märchen wird das „adventura“ als „stets ungewöhnliches, seltsames, unsicheres Ereignis oder Wagnis“ charakterisiert. (Vgl. Hölder 1967, 78)

Über die tatsächliche, typische Kennzeichnung von Abenteuerliteratur gibt es in der Sekundärliteratur unterschiedliche Ansichten. Unbezweifelt ist allerdings, dass das Hauptmerkmal dieses Genres in der auf Spannung angelegten Erzählstruktur liegt. (Vgl. Baumgärtner 2000, 417)

Diese Spannung wird durch die gesteigerte Dynamik des Handlungsverlaufes erreicht. (Vgl. Marquardt 1988, 125) In wechselvoller Buntheit reihen sich Geschehnisse aneinander, die den Leser in seinen Bann ziehen und somit als spannend empfunden werden. Über Umwege kommt es zu einem befriedigenden Schluss, wobei sich Held und Gegenspieler, Freund und Feind, Aufgabe und Hindernis, Chance und Gefahr gegenüber stehen. Auf und Ab der Steigerungen, Höhepunkte, Wendungen, Bedrohungen, ein Wagnis, die Rettung und das letztendliche Glück führen zu dieser erregten Bewegtheit. (Vgl. Maier 1993, 160)

Dabei kommt es darauf an, dass nicht die billige Sensation in den Vordergrund gerät und die Abenteuerlektüre zum trivialen Schundroman verkommt. (Vgl. Pleticha 1976, 313) Nach Baumgärtner macht aber nicht nur der große Spannungsbogen die Abenteuerliteratur aus, sondern auch die weiteren, kleineren Spannungsmomente. Diese sind auf Episoden beschränkt und führen somit zu raschen Lösungen eines Handlungsabschnittes. (Vgl. Baumgärtner 2000, 417)

Neben der gesteigerten Dynamik ist als zweites Merkmal der Einbruch des Ungewöhnlichen und Fremden zu nennen. (Vgl. Maier 1993, 160) Dabei kann das Ungewöhnliche gleichermaßen als wunderbar, fremdartig und unerwartet eintreffen. Besondere, nicht alltägliche, Ereignisse stellen die „Kehrseite des Alltäglichen“ dar. (Vgl. Pleticha 1976, 312) Diese außergewöhnlichen Ereignisse, die die Umgebung des Helden als fremdartige, exotische Welt erscheinen lassen, erfordern vom Helden Mut, Härte, Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin, Geistesgegenwart, Einfallsreichtum und unerschöpflichen Einsatz. (Vgl. Baumgärtner 2000, 417) Dabei bleibt die Handlung, außer in fantastischen Abenteuerromanen, im Bereich des Möglichen. Auch die Leistung des Helden bewegt sich in einem Rahmen, der nicht von höheren Mächten oder gar durch Magie, unterstützt wird. (Vgl. Maier 1993, 160) Der Inhalt eines Abenteuerromans wird potenziell realistisch dargestellt und auch vom Leser derart aufgenommen. Trotz des fremdartigen Milieus und der außergewöhnlichen Ereignisse muss der durchgängige Bezug zur Realität gewährleistet sein. (Vgl. Baumgärtner 2000, 417)

Als letztes zentrales Merkmal ist die wiederkehrende Handlungsgrundlinie zu nennen. Die regelhafte Ordnung und Sicherheit wird von der Hauptperson oder/und einem, diese umgebenden, Personenkreis, aus freiem Entschluss aufgegeben und verlassen. Ein Aufbruch in die Fremde und Ungewissheit findet statt, der Überraschungen, Gefahren und Anstrengungen in sich birgt. Der Held muss sich durch das Überstehen dieser Aufgabe bewähren. (Vgl. Baumgärtner 2000, 417)

Laut Pleticha gehört dieses Wagnis unmittelbar zum Abenteuer und ist als eines der wichtigsten Momente zu verzeichnen. Dabei kann das Wagnis sowohl positiver als auch negativer Natur sein. (Vgl. Pleticha 1976, 312) Dieses ungewöhnliche, seltsame Wagnis versetzt den Helden in eine Unsicherheit. Das Wagnis und die damit verbundenen Erlebnisse sind von persönlicher Angelegenheit und erregen somit die Gefühlswelt. Es beansprucht alle Kräfte und besitzt und erzeugt Spannung, womit sich der Kreis der Kennzeichen der Abenteuerliteratur wieder schließen lässt. (Vgl. Marquardt 1988, 120)

Abenteuerliteratur kann in unterschiedlichen Formen bestehen. Hölder unterteilt dazu die Abenteuerliteratur in sieben, nach Erlebnissen unterschiedene, Kategorien. Sie spaltet die Abenteuerliteratur in Jagdabenteuer, See-Abenteuer, Indianer-Abenteuer, Kriegs-Abenteuer, Forscher- und Reiseabenteuer, Detektivabenteuer und technisch-utopische Abenteuer. (Vgl. Hölder 1967, 74) Karl Ernst Maier hingegen teilt die Abenteuerlektüre aufgrund inhaltlicher Aspekte in acht Kategorien, die sich in einigen Aspekten von der Systematisierung Hölders unterscheiden. Maier nennt völkerkundlich-geographisch orientierte Abenteuerbücher, Robinsonaden, Seegeschichten, historisch orientierte Abenteuergeschichten, Indianergeschichten, abenteuerliche Erzählungen mit Tieren, Detektivgeschichten und utopische Abenteuergeschichten (Science Fiction). (Vgl. Marquardt 1988, 120) Nicht alle Werke der Abenteuerliteratur lassen sich aber durch diese Kategorisierungsmöglichkeiten erfassen. Die Kategorien können nur als grobe Richtlinie dienen, da sonst Werke, die von ihren Lesern als Abenteuerliteratur verstanden werden, nicht inbegriffen wären. (Vgl. Hölder 1967, 73)

„Richard Bamberger bezeichnet bei der „verwirrenden Fülle der Einteilungsmöglichkeiten“ in bewusst vereinfachter Form den Großteil der Bücher, die ihrer spannenden und erlebnisreichen Handlungen nach für zehn- bis fünfzehnjährige Jungen bestimmt sind, als Abenteuerbücher.“ (Pleticha 1976, 315)

Abenteuerromane sind gleichzeitig auch Heldenromane. In ihnen werden machtvolle Individuen vorgeführt. Diese erforschen unbekannte Welten, sind permanenter Gefahr ausgesetzt, verfügen über gewaltige Kraft und Intelligenz, trotzen ihrer feindlich gesonnenen Umwelt und erleben ständig neue Triumphe. (Vgl. Carpenter 1984, 112)

2.2 Der Abenteuerheld

Das heutige Wort „Held“ stammt ursprünglich aus dem Nordgermanischen und war bereits im Mittelhochdeutschen als „Helt“ gebräuchlich. Als Held bezeichnet man die Hauptgestalt bzw. den Protagonisten eines zumeist dichterischen Werkes. Das Wort dient zur Charakterisierung eines außergewöhnlichen, im engeren Sinne besonders tapferen, Menschen. (Vgl. Doderer 1986, 7)

„Der Begriff des Helden wurde zu dem des säbelrasselnden, fürs Vaterland blindlings in den Tod gehenden, mit Nibelungentreue ausgestatteten Kriegers. Held gleich Krieger so lautet in unzähligen Beispielen die schlichte Formel.“ (Doderer 1986, 8)

In heutiger Zeit muss der Held sich in militanter Art mit seinem Feind herumschlagen. Längst ist der Heldenbegriff nicht mehr derart eng zu fassen. Seit den späten sechziger Jahren ist der Heldenbegriff verstärkt in Bewegung und Diskussion geraten. Der Begriff des Helden beinhaltet nicht mehr nur den großen Helfer, die starken Männer und Frauen, sondern umfasst nun auch den Personenkreis derjenigen, „die im Stillen, im Alltag ihren Weg gehen.“ (Vgl. Doderer 1986, 9) Mit neuem Blickwinkel werden auch Schwächen, Fehler, unerfüllte Sehnsüchte und Wünsche des Helden gezeigt. Nach Doderer kann man festhalten:

„Die Botschaften, die diese Texte aussenden, sind dementsprechend auch nicht mehr die der Stärke und des Glanzes, nicht mehr die des Adaptierens von Vorbildern und Leitbildern, vielmehr die des Erkennens einer beschädigten Umwelt und zerbrechlicher Individualitäten und der Vermittlung von Hoffnungen auf ein humaneres Leben, eines auch, in dem der aufrechte Gang erlaubt ist und die Hilfsbereitschaft bewiesen wird.“ (Doderer 1986, 9)

Der Held steht im Mittelpunkt des abenteuerlichen Geschehens. Er setzt sich über alle Gefahren hinweg und engagiert sich für eine bestimmte, häufig sittlich-moralische Idee. Der Held sorgt für den Fortgang der spannungsgeladenen, bewegten Handlung. (Vgl. Hölder 1967, 77) Als eines der wichtigsten Kennzeichen des Abenteuerhelden gelten Tapferkeit und Großmut. (Vgl. Pleticha 1976, 312) Zusammen mit den Eigenschaften Mut, Härte, Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin, Geistesgegenwart, Einfallsreichtum und Einsatz ergibt sich ein Gesamtbild mit zum Teil stark „asozialen anmutenden Zügen“, (Vgl. Baumgärtner 2000, 417) welches durch den Großmut gegenüber dem Gegner wiederum geschmälert wird. (Vgl. Hölder 1967, 79)

Der Held hebt sich vom Alltag und somit auch von anderen Personen ab. (Vgl. Maier 1993, 160) Die Protagonisten der Abenteuerromane versuchen sich in der Wildnis Freiräume zur Selbstverwirklichung zu verschaffen. Dieses dient zur Gestaltung eines nicht fremdbestimmten, nicht durch soziale Disposition von vornherein in allen Einzelheiten festgelegten, deprimierenden Lebens, wie es die Wirklichkeit für sie bereithält. (Vgl. Carpenter 1984, 111)

Die Annahme um den guten Ausgang des Abenteuers und das außergewöhnliche Selbstbewusstsein verleiten den Helden zum Aufbruch. (Vgl. Kehlenbeck 1996, 15ff) Der Held sucht das Abenteuer, die Gefahr jedoch nicht um sich daran zu messen und Stärke zu beweisen. Er stürzt sich ins Unbekannte, lässt es darauf ankommen und setzt dabei sein Leben, welches untergehen kann, dafür ein. (Vgl. Hölder 1967, 79) Dabei können die Helden zwar überdurchschnittlich gute Leistungen erbringen, diese gehen aber niemals - ausgenommen in fantastischen Abenteuererzählungen - über die Möglichkeiten der menschlichen Natur hinaus. (Vgl. Maier 1993, 160) Auf sich allein gestellt ist der Held fähig alle Gefahren zu besiegen. Obwohl ihm zeitweilig Gefährten zur Seite stehen, macht er sich niemals von diesen abhängig. (Vgl. Kehlenbeck 1996, 50f) Um die existentielle Bedrohung zu bewältigen, muss der Held all seine Kraft einsetzen. Er nimmt das Geschehen in die Hand und versucht es so zu lenken, dass am Ende die Sicherheit wieder hergestellt wird. (Vgl. Maier 1993, 160)

Abschließend kann festgehalten werden: Je geringer der Einsatz ist, den der Held zu erbringen hat, desto weniger verdient das Erlebnis die Bezeichnung Abenteuer (Vgl. Hölder 1967, 78)

2.3 Die Abenteuerheldin

Schaut man sich die Entwicklung und Geschichte der Abenteuerliteratur genauer an, so kann festgestellt werden, dass die literarische Gestaltung des Abenteuermotivs vorwiegend von männlichen Protagonisten bestimmt wird. (Vgl. Baumgärtner 2000, 433) Auch wenn nach Kehlenbecks Meinung noch immer ein Defizit an mutigen Protagonistinnen, die für Mädchen in der Adoleszenzphase als Identifikationsfiguren fungieren, besteht, (Vgl. Kehlenbeck 1996, 237ff) gibt es seit Ende der siebziger Jahre einen Aufschwung an abenteuerlichen Heldinnen. (Vgl. Baumgärtner 2000, 433)

Dem männlichen Helden der Jugendliteratur steht häufig eine authentische Lebensgeschichte zur Seite. Im Gegensatz dazu ist die weibliche Heldin der Mädchenliteratur fast ausschließlich als fiktive Figur wahrzunehmen. (Vgl. Kehlenbeck 1996, 95) Durch diese fiktionale Verankerung werden der Abenteuerheldin häufig fantastische Eigenschaften angedacht. Durch Fähigkeiten wie beispielsweise Hellsehen, Heilen, Kommunikation mit Tieren, Empathie und Visionen zeichnet sie sich gegenüber Normalsterblichen aus. (Vgl. ebenda, 150)

Kehlenbeck unterscheidet vier Typen der in Abenteuerliteratur vorkommenden weiblichen Heldin: 1. „die Opferheldin“, 2. „die Heldin als Retterin“, 3. „die herausragende Einzelkämpferin“ und 4. „die Rebellin“. (Vgl. ebenda, 147) Die Romane in denen diese unterschiedlichen Heldinnentypen in Erscheinung treten, unterscheiden sich zumeist nur in ihrer Aufbruchssituation. Anders als bei den Abenteuerhelden, ist der Aufbruch der Abenteuerheldin oft unfreiwillig und zufällig. Durch diese Begebenheit bricht die Heldin nur selten in vergnügter Erwartungsspannung in die unbekannte Welt auf. (Vgl. ebenda, 173)

„Häufig sind die Anfangssituationen eher durch Züge der Verzweiflung und der Ausweglosigkeit gekennzeichnet. Der Zufall oder der Mut der Verzweiflung katapultieren die jungen Frauen häufig in die Welt außerhalb des Elternhauses.“ (Kehlenbeck 1996, 173)

Im Gegensatz zu dem Abenteuerheld ist die Heldin auf das Abenteuer schlechter vorbereitet, handelt weniger zielorientiert, wirkt ängstlicher, verzweifelter und ungeplanter. Zudem existieren für die Abenteuerheldin kaum vorbereitende Begleitfiguren in Vorbildfunktionen zur Orientierung. Der Aufbruch wird eher als mutvoller Sprung in eine feindliche Außenwelt und weniger als ein lustvolles Heraustreten wahrgenommen. (Vgl. ebenda, 176)

„Die Hoffnung auf ein Einwirken auf die Außenwelt, eine für den abenteuerlichen Helden typische Bestätigungsstruktur, reduziert sich bei der abenteuerlichen Heldin auf den Wunsch der Einflussnahme im Privaten. Statt auf [sic] ein stärkeres gesellschaftliches Mitbestimmen und -gestalten anzustreben, reduzieren die Leitfiguren ihre Hoffnungen meist auf ihren Einfluß auf die Lebensentwürfe des Partners bzw. auf das Schicksal der Kinder.“ (Kehlenbeck 1996, 176)

3. Fantastik versus Realismus

Durchgängige Realistik ist ein Zeichen der Abenteuerliteratur. Im folgenden Kapitel werden Elemente der fantastischen denen der realistischen Kinder- und Jugendliteratur gegenübergestellt. In Aussicht auf die weitere Thematik wird die realistische Literatur gezielt in Hinsicht auf Unterschiede zur fantastischen Literatur betrachtet. Im Vordergrund der Betrachtung soll die fantastische Literatur stehen.

3.1 Merkmale fantastischer Kinder- und Jugendliteratur

In der modernen Literatur gibt es einerseits die Tendenz zum Realismus, auf der anderen Seite aber auch den Hang zum Wunderbaren, Unsinnigen, Surrealistischen und Fantastischen. (Vgl. Klingberg 1976, 220)

Zwar wird der Ursprung der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur schon bei den Kunstmärchen E.T.A. Hoffmanns gesehen, (Vgl. Nix 2000, 19) den Aufschwung erlebte sie aber erst 1945 mit den ersten Werken der Autorin Astrid Lindgren. (Vgl. Marquardt 1988, 91) Dieses neue, selbstständige Genre lässt sich zwischen Märchen und realistischer Abenteuerliteratur ansiedeln. (Vgl. Nix 2000, 19f) Todorow hingegen bezeichnet die fantastische Literatur als Grenzphänomen zwischen der Darstellung des unvermischt Wunderbaren aus der Märchengattung und dem unvermischt Unheimlichen der Horrorgeschichte. Der Einfluss des Märchens auf die fantastische Literatur ist unverkennbar. (Vgl. Tabbert 2000, 187)

In der fantastischen Literatur werden nicht nur Träume und Fantasien zum Gegenstand der Erzählung, sondern das gewissermaßen reale Ineinander zweier Welten oder Wirklichkeitsbereiche. (Vgl. Klingenberg, 222) Die Thematik bedient sich aus einem tradierten Fundus märchenhafter und mythischer Elemente. (Vgl. Tabbert 2000, 189)

Während sich die Erzählung des Kunstmärchens jedoch allein in der Wunderwelt bewegt, wird die fantastische Kinder- und Jugendliteratur durch die „Zweiweltenerzählung“ gekennzeichnet. (Vgl. Nix 2000, 19)

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der fantastische Abenteuerroman. Exemplarische Analyse anhand des Kinderbuches 'Ronja Räubertochter' von Astrid Lindgren
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Abenteuerromane der Kinder- und Jugendliteratur
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V56744
ISBN (eBook)
9783638513524
ISBN (Buch)
9783638598705
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abenteuerroman, Exemplarische, Analyse, Kennzeichnung, Kinderbuches, Ronja, Räubertochter, Astrid, Lindgren, Abenteuerromane, Kinder-, Jugendliteratur, Thema Ronja Räubertochter
Arbeit zitieren
Judith Anschütz (Autor), 2006, Der fantastische Abenteuerroman. Exemplarische Analyse anhand des Kinderbuches 'Ronja Räubertochter' von Astrid Lindgren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56744

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