Die Aufgabe der Schule ist es, den Schülerinnen und Schülern1 Kompetenzen zu vermitteln, mit Hilfe derer sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können und die ihnen ein lebenslanges Lernen ermöglichen. Dazu gehören neben den Fachkompetenzen auch Sachverständigkeiten wie beispielsweise Verantwortungsbewusstsein, Lern- und Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit, Problemlösungsfertigkeiten sowie Kommunikationsgeschick. Vielen Schülern mangelt es jedoch an diesen Schlüsselqualifikationen, so dass in den letzten Jahren immer häufiger Kritik am lehrerzentrierten Unterricht geäußert wurde. Mehrheitlich wird argumentiert, dass durch die Fremdsteuerung des Lernens, die Schüler ohne weitere äußere Einflüsse meist wenig Interesse am Lernprozess zeigen. Die eigene Beteiligung und Mitgestaltung der schulischen Abläufe erscheint ihnen anstrengend und beschwerlich, sodass der lehrerzentrierte Unterricht sie immer stärker zum Passivum des Unterrichtsgeschehens erzieht. Des Weiteren mangelt es den Lernenden durch den zahlreichen Einsatz des Frontalunterrichtes an methodischen Kompetenzen, die ein eigenständiges Lernen ermöglichen. Als Lösungsmöglichkeit wird vielfach der handlungs- und produktionsorientierte Unterricht2 genannt, der die Selbstständigkeit, die intrinsische Motivation und die methodischen Kompetenzen der Schüler fördert und damit die angesprochenen Defizite ausgleicht.
Im weiteren Verlauf dieser Seminararbeit wird zunächst näher auf die Geschichte des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts eingegangen, um im Anschluss daran Definitionen und Grundlagen zu nennen. Dabei werden diese zunächst allgemein behandelt, um im Weiteren speziell auf die Anwendung im Literaturunterricht einzugehen. Daran anknüpfend werden die Vor- und Nachteile dieses Unterrichtskonzeptes dargestellt und seine wichtigsten Ziele genannt. Nachfolgend wird der theoretische Abschnitt dieser Arbeit verlassen und es folgen einige zweckmäßige Anwendungsbeispiele. Als thematische Grundlage dient hierbei das Werk „Irrungen, Wirrungen“ von Theodor Fontane aus dem Jahre 1887. In diesem Bereich ist der Schwerpunkt auf die Entwicklung und Durchführung von handlungs- und produktionsorientierten Aufgaben gelegt. Der zuvor beschriebene Theorieteil wird dazu in den Praxisbereich mit eingebunden und es wird des Öfteren auf die entwickelten Grundlagen Bezug genommen.
Struktur des Unterrichtskonzepts
I. Zur Theorie des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
1. Einleitung
2. Der geschichtliche Hintergrund des handlungsorientierten Unterrichts
2.1 Die Entwicklung des HPU im Literaturunterricht
3. Definitionen und Grundlagen des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
3.1 Definitionen und Grundlagen des HPU für den Literaturunterricht
4. Begründungsansätze des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
5. Ziele, Vor- und Nachteile des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
5.1 Ziele, Vor- und Nachteile des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
II. Zur Praxis des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
6. Sachanalyse
7. Handlungsorientierte Aufgaben zu Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“
7.1 Vorbereitungen und Grundlagen
7.2 Einstiegsphase
7.3 Erarbeitungsphase
8. Schluss und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts (HPU) mit dem primären Ziel, theoretische Grundlagen zu beleuchten und deren praktische Anwendung anhand von Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ aufzuzeigen, um Schüler durch aktive Partizipation aus der Passivität des Frontalunterrichts zu lösen.
- Historische Herleitung und pädagogische Fundierung des HPU.
- Differenzierung zwischen handlungsorientierten Prozessen und konkreten Handlungsprodukten.
- Analyse der motivierenden Wirkung und Kompetenzförderung im Literaturunterricht.
- Konkrete Umsetzungsvorschläge für verschiedene Phasen einer Unterrichtseinheit.
- Kritische Reflexion von Chancen und Risiken dieses Unterrichtskonzeptes.
Auszug aus dem Buch
3. Definitionen und Grundlagen des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
Die Vertreter dieser Richtung erheben, wie bereits erwähnt wurde, die Forderung nach einem konsequenten Wirken und Schaffen der Lernenden mit Kopf, Herz und Hand. Als Ergebnisse dieser Tätigkeiten sind sogenannte Handlungsprodukte gewünscht. Diese werden von H. Meyer als veröffentlichungsfähige, materielle und geistige Ergebnisse des Unterrichts definiert (Vgl. Meyer, H. (1997 II); S. 158 ff.). Sie entstehen beispielsweise durch das gemeinsame Erzeugen und Gestalten der Schüler bei Inszenierungen (z. B. Rollenspiel, Aufführung) oder bei der Entwicklung von Collagen und Modellen. Des Weiteren können sich diese Handlungsprodukte zu größeren Vorhaben und Projekten (z. B. Feste, Ausstellungen) entwickeln (Vgl. Meyer, H. (1997 II); S. 158). Die Auswahl der Lerngegenstände zur Erzielung dieser Ergebnisse sollte sich dabei konsequent an der Lebens- und Erfahrungswelt der Schüler orientieren (Vgl. Meier, Klaus-Ulrich; Vaupel. Dieter, (1997), S. 26). Zudem ist bei dem Prozess der Themenauswahl die Einbeziehung der Schüler unabdingbar. Es handelt sich also nicht ausschließlich um deduktive Zielvorgaben für den Unterricht, sondern eine schülerorientierte Konkretisierung ist gefordert. Dies fördert die Selbstverantwortung der Schüler und trägt zu einer steigenden Motivation bei (Vgl. Meier, Klaus-Ulrich; Vaupel. Dieter, (1997), S. 26).
Für die erzielten Handlungsprodukte gilt jedoch vordergründig, dass sie einen Gebrauchswert für die Schüler aufweisen sollten, denn damit stellen sie eine Verbindung zwischen der inner- und außerschulischen Umwelt her. Die Schüler empfinden somit ihre Ergebnisse nicht mehr als abstrakt und charakterlos, sondern das Erarbeitete besitzt für sie einen relevanten Praxisbezug (Vgl. Meyer, H. (1993); S. 205). Des Weiteren besteht der Anspruch, dass die Handlungsprodukte veröffentlichungsfähig sein sollten. Das heißt, dass die nähere Umgebung der Lernenden, beispielsweise die Eltern oder Geschwister an den Erfolgen der Jugendlichen teilhaben können und dass damit das Ergebnis der ausdauernden Arbeit wahrnehmbar und evident ist. Neben dem Handlungsprodukt als Ergebnis des HPU spielt allerdings der Handlungsprozess eine ebenso wichtige Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die Notwendigkeit, durch schülerzentrierte Konzepte methodische Defizite des Frontalunterrichts auszugleichen und die Motivation der Lernenden zu steigern.
2. Der geschichtliche Hintergrund des handlungsorientierten Unterrichts: Dieses Kapitel zeigt auf, dass der HPU auf einer langen Tradition von Pädagogen wie Comenius, Rousseau und Pestalozzi basiert, die ganzheitliches Lernen propagierten.
2.1 Die Entwicklung des HPU im Literaturunterricht: Hier wird die fachspezifische Entwicklung nachgezeichnet, die erst 1952 durch Robert Ulshöfer und ab den 1980er Jahren durch Gerhard Haas systematisch in den Deutschunterricht integriert wurde.
3. Definitionen und Grundlagen des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts: Das Kapitel definiert Handlungsprodukte als materielle oder geistige Ergebnisse, die einen Gebrauchs- und Veröffentlichungswert für die Schüler besitzen müssen.
3.1 Definitionen und Grundlagen des HPU für den Literaturunterricht: Es wird erläutert, dass der HPU im Literaturunterricht primär das Ziel verfolgt, persönliche Leseeindrücke durch produktive Umsetzungen zu konkretisieren.
4. Begründungsansätze des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts: Hier werden die veränderte kindliche Erlebniswelt, Reizüberflutung und unterschiedliche Lerncharaktere als Gründe für die notwendige Abkehr vom rein kognitiven Frontalunterricht angeführt.
5. Ziele, Vor- und Nachteile des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts: Der Abschnitt diskutiert die Förderung von Schlüsselqualifikationen und warnt gleichzeitig vor Zeitverlust und der Gefahr einer pädagogischen Beliebigkeit.
5.1 Ziele, Vor- und Nachteile des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts: Das Kapitel fokussiert auf die Ausbildung von literarischer, emotiver und kritischer Kompetenz durch die kreative Auseinandersetzung mit Texten.
6. Sachanalyse: Die Sachanalyse bietet eine theoretische Einbettung von Theodor Fontanes Werk „Irrungen, Wirrungen“ in den Kontext der Jahrhundertwende und des Realismus.
7. Handlungsorientierte Aufgaben zu Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“: Dieses Kapitel präsentiert konkrete Anwendungsbeispiele wie die Arbeit mit Lesetagebüchern, Standbildern und Textproduktionen, um den Roman handlungsorientiert zu erschließen.
7.1 Vorbereitungen und Grundlagen: Fokus liegt hier auf der Partizipation der Schüler bei der Themenwahl und der Schaffung einer motivierenden Ausgangslage.
7.2 Einstiegsphase: Vorstellung von Methoden zur ersten Aktivierung der Schüler, wie etwa durch Mindmaps oder kreative Kurzgeschichten zu den Themen des Romans.
7.3 Erarbeitungsphase: Detaillierte Darstellung von Aufgabenformaten, die eine vertiefende Textarbeit und die Identifikation mit den Charakteren ermöglichen.
8. Schluss und Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz, die den HPU als wertvolle Ergänzung des Unterrichts betont, jedoch ein ausgewogenes Verhältnis zu klassischen analytischen Methoden fordert.
Schlüsselwörter
Handlungsorientierter Unterricht, Produktionsorientierung, Literaturunterricht, Theodor Fontane, Irrungen Wirrungen, Handlungsprodukte, Schüleraktivierung, Lesemotivation, Kompetenzförderung, Frontalunterricht, Schülerselbstständigkeit, Rezeptionsästhetik, Lernprozess, Unterrichtsmethoden, Ganzheitliches Lernen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Kern des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts?
Der HPU ist ein ganzheitliches Unterrichtskonzept, bei dem der Lehrer gemeinsam mit den Schülern Lernwege und Handlungsprodukte vereinbart, um Kopf- und Handarbeit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen und so die Selbstaktivität der Lernenden zu fördern.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Die Arbeit umfasst die historische Einordnung des HPU, dessen theoretische Definition, die spezifische Anwendung im Literaturunterricht sowie eine detaillierte praktische Veranschaulichung anhand eines literarischen Werkes.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel besteht darin, den handlungs- und produktionsorientierten Unterricht als Mittel zur Motivationssteigerung und Kompetenzentwicklung vorzustellen und aufzuzeigen, wie Schüler durch aktives Handeln eine tiefere Beziehung zu Literatur aufbauen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär zur Untersuchung herangezogen?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorieanalyse der fachdidaktischen Grundlagen des HPU sowie einer anschließenden exemplarischen Unterrichtsplanung für den Literaturunterricht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen Theorieteil, der Begründungsansätze und Ziele des HPU beleuchtet, sowie einen Praxisteil, der konkrete Aufgabenstellungen für den Unterricht zum Roman „Irrungen, Wirrungen“ von Fontane entwickelt.
Welche Keywords charakterisieren diese wissenschaftliche Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Handlungsprodukte, Schülerselbstständigkeit, literarische Kompetenz, Motivationssteigerung und die methodische Abkehr vom Frontalunterricht.
Warum wählt die Autorin ausgerechnet den Roman „Irrungen, Wirrungen“ als Praxisbeispiel?
Die thematische Problematik der Mesalliance in Fontanes Roman eignet sich besonders gut, um mit dem Leitgedanken der „Grenzüberschreitung“ zu arbeiten und die Schüler zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen zu bewegen.
Sollte jede Handlungsorientierte Aufgabe in der Praxis benotet werden?
Die Arbeit empfiehlt, nicht jede Aufgabe zu benoten, da dies den Entdeckungsprozess und die kreative Freiheit der Schüler hemmen kann. Nur bei größeren, ausgereiften Handlungsprodukten, deren Kriterien vorab besprochen wurden, hält die Autorin eine Benotung für sinnvoll.
Wie soll laut Arbeit mit schwächeren Schülern umgegangen werden?
Der HPU bietet gerade schwächeren Schülern die Chance, durch verschiedene methodische Ansätze (z.B. Gruppenarbeit, bildhafte Darstellung) ihre Stärken einzubringen, wobei der Lehrer hier eine beratende Rolle einnimmt, um individuelle Unterstützung zu leisten.
- Quote paper
- Marlies Franzen (Author), 2005, Der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56786