Albert Schweitzer - überholte Moral-Ikone oder Wegbereiter einer neuen Menschlichkeit?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003

19 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Zu Schweitzers Lebensweg und Lebenswerk

2. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
2.1 Denknotwendigkeit
2.2 Universelle Geltung
2.3 Absolutheitsanspruch

3. Zukunftsoffene Menschlichkeit in globaler

Verantwortung

Einleitung

Es ist immer ein gewisses Wagnis, Leben und Leistung einer bedeutenden Persönlichkeit zu würdigen, erst recht dann, wenn es sich um eine so herausragende wie Albert Schweitzer handelt. Als Wissenschaftler hatte er sich auf dem Gebiet der Theologie, der Philosophie und der Musikwissenschaft ein hohes Renomee erworben und wurde so ein unsere Zeit nachhaltig prägender Denker. Aber er war nicht nur Denker, sondern auch ein exzellenter und hochbegehrter Musiker und Organist, der durch viele Konzertreisen insbesondere als Bachinterpret internationale Anerkennung fand. Zudem war er nicht nur Denker und Musiker, sondern und vor allem hatte er als praktizierender Christ mit dem Nachfolgeaufruf Christi in einer Weise Ernst gemacht wie nur wenige seiner Zeitgenossen: Den Meisten ist Schweitzer am ehesten als der berühmte „Urwalddoktor“ bekannt, der 1913 in Äquatorialafrika ein Spital aufbaute, das bis zum heutigen Tage besteht.

Es gibt also viele Gründe, an Albert Schweitzer zu erinnern. Nicht zuletzt auch, weil er vor 75 Jahren hier ein Bachkonzert an der Orgel der Christuskirche gegeben hat oder weil ihm 1953, also vor genau 50 Jahren, der Friedensnobelpreis rückwirkend für das Jahr 1952 zugedacht und ein Jahr später in Oslo verliehen wurde. Aber nicht sentimentale Jubiläumsfeierstimmung oder wehmütige Denkmals-Verehrung im Andenken an eine Persönlichkeit, die in unerreichbare Moralsphären entrückt scheint, sind angesagt oder auch nur angebracht. Sich mit Schweitzers Denken und Tun heute zu befassen, ist angesichts der immer bedrängender werdenden Probleme – ob national oder international, ob lokal oder global – zu einer, ja vielleicht zu der Existenzfrage unserer Zukunft geworden.

Schweitzers Lebenswerk in einem Referat umfassend gerecht werden zu wollen, wäre eine Anmaßung. Blickverengungen und Ausblendungen sind daher unvermeidlich. Von der Philosophie herkommend, möchte ich daher mein Augenmerk im Folgenden auf seine im Denken begründete Ethik richten.

Dies möchte ich in drei Schritten tun: 1. in einer biographischen Skizze, die einen kurzen Überblick über Albert Schweitzers Lebensweg geben will, 2. – und darin liegt der Schwerpunkt meiner Ausführungen – mit einem systematisierenden Einblick in seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, die im Zentrum seines Denkens und Tuns stand, und schließlich 3. möchte ich einen kurzen Ausblick auf deren Zukunftsbedeutung angesichts der Gegenwartssituation geben.

1. Zu Schweitzers Lebensweg und Lebenswerk

Der berühmte Denker Martin Heidegger eröffnete seine Vorlesung über Aristoteles mit den Worten: ‚Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb. Wenden wir uns also seinem Denken zu.’ – Mag das Leben des Aristoteles wenig oder nichts zur Sache seines Denkens hinzuzufügen, so gehen bei Schweitzer Leben und Denken auseinander hervor, ja bilden eine unlösbare Einheit. Er war nicht nur epochaler Wegbereiter einer neuen „Kultur und Ethik“, sondern – und das macht die entscheidende Authentizität und Glaubwürdigkeit seiner Ethik aus – er ist diesen Weg der Erneuerung auch selbst gegangen. Er war nicht dozierender Wegweiser und moralisierender Mahner, damit man seinem edlen Vorbild folgen möge, sondern er war einer, der mit persönlicher Konsequenz, ja „innerer Notwendigkeit“ diesen seinen Weg hat gehen müssen.

Albert Schweitzer ist am 14.1.1875 im elsässischen Kaysersberg geboren und mit vier weiteren Geschwistern in der ländlichen Idylle Günsbachs, Nähe Colmar, aufgewachsen, wo sein Vater Pfarrer war. Als ein sehr verträumtes Kind lernte er eher mühsam das Lesen und Schreiben. Seinen schulischen Arbeitseifer weckte im Mülhausener Gymnasium erst sein Lehrer Dr. Wehmann, dessen „tiefes und bis ins kleinste gehende Pflichtbewußtsein“[1] ihm lebenslang ein Vorbild war.

Aus seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen möchte ich hier vor allem zwei Grunderfahrungen erwähnen, die für sein Leben und Denken bestimmend werden sollten: Schweitzer spricht zum einen immer wieder in Dankbarkeit von seiner „sonnigen“, ja „einzigartig glücklichen Jugend“.[2] Zum anderen sah er seine kindliche Lebensfreude durch ein tief empfundenes Mitleid getrübt, das er mit den Tieren empfand, deren Schmerz und Not ihm im bäuerlichen Dorfleben begegnete.

„Die Art, wie das Gebot, daß wir nicht töten und quälen sollen, an mir arbeitete, ist das große Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Neben ihm verblassen alle anderen.“[3]

Die außergewöhnliche Sensibilität Schweitzers für das Elend und Leid seiner Mitwelt, die er sich bis ins hohe Alter bewahrte, wurde entscheidendes Leitthema seiner Ethik.

Sodann wurde er im musisch geprägten Elternhaus schon früh ans Klavierspiel herangeführt, bei dem er bald sein improvisatorisches Talent bewies. Die große Faszination seines Lebens aber galt dem Orgelspiel und der Orgel, das er bei dem großen Pariser Orgelmeister Charles Marie Widor zu großer Virtuosität brachte. Dieser war es auch, der ihm das musikalische Werk Johann Sebastian Bachs tiefer erschließen half, das eine lebenslange Leidenschaft Schweitzers werden sollte. Es folgten später neben Studium und Beruf viele Orgelkonzerte, die ihn während der Unterbrechungen seines Afrikaaufenthalts durch ganz Europa führten – und nicht zuletzt auch an die Orgel der Mainzer Christuskirche. Aus seinem Bemühen, die Bachsche Musik in ihrem tieferen Sinn und Wesen zu verstehen und an der Orgel „ästhetisch-praktisch“ zum Leben zu erwecken, entstand sein umfangreiches Bachbuch, das auch heute noch als kirchenmusikalisches Standardwerk gilt. Bach war für ihn „der Dichter und Maler in Musik“, seine Musik „Klang gewordene Gotik“[4] und ein aus tiefem Glauben erwachsender Gottesdienst.

Neben dem Orgelspiel übten auch die biblischen Geschichten, insbesondere die neutestamentlichen Texte, bereits früh einen prägenden Einfluss auf ihn aus. Schon seit seiner Vorschulzeit besuchte er regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst, auf den er sich nach eigenem Bekunden die ganze Woche über freute.

Nach dem Abitur 1893 bezog er die Straßburger Universität und studierte Theologie, Philosophie und Musik. Es folgten bis 1900 die beiden theologischen Examen, zwischen denen er mit einer Arbeit über die Religionsphilosophie Kants zusätzlich in Philosophie promovierte – dank seiner robusten Gesundheit überwiegend in Nachtarbeit. Damit nicht genug, habilitierte er sich danach (1902) in Theologie. Als junger Theologiedozent machte er sich bald mit seiner umfassend angelegten „Leben-Jesu-Forschung“ einen Namen. Einer Doppelkarriere als Universitätsprofessor und Konzertorganist konnte nun als gesichert gelten, wenn nicht ein persönliches Gelübde ihn ganz andere Wege gewiesen hätte.

Es führt zurück auf das Jahr 1896, einen strahlenden Sommermorgen in Günsbach, an dem Schweitzer einmal mehr sich seines begnadeten Schicksals bewusst wurde, und daraus die Konsequenz zog:

„Es kam mir unfaßlich vor, dass ich, wo ich so viele Menschen um mich herum mit Leid und Sorge ringen sah, ein glückliches Leben führen durfte ... (Es) überfiel mich der Gedanke, dass ich dieses Glück nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse ... (So) wurde ich ... mit mir selber dahin eins, dass ich mich bis zu meinem dreißigsten Jahr für berechtigt halten wollte, der Wissenschaft und Kunst zu leben, um mich von da an einem unmittelbaren menschlichen Dienen zu weihen.“[5]

Dieses Dienen verstand er ganz im Sinne des Nachfolgeaufrufs unseres Herrn Jesus.

Und so geriet er über einige Umwege und Zufälle an die Kongomission, die ihn jedoch als Missionar nicht haben wollte, weil es vor allem an Ärzten mangelte. Schon als Kind hatte ihn das Antlitz des Negers vom Colmarer Denkmal tief berührt, das ihm „von dem Elend des dunkle Erdteils“ sprach, und das für ihn richtungsweisend werden sollte.

Also fasste Schweitzer nach reiflicher Überlegung im Herbst 1905 den Entschluss, im fortgeschrittenen Alter noch ein Medizinstudium in Angriff zu nehmen, – natürlich nicht ohne dass ihn seine Familie und Kollegen zunächst für verrückt erklärten. Das zog er denn auch mit aller Härte gegen sich selbst durch, bei gleichzeitiger Weiterführung von Dozententätigkeit, Predigtamt, Konfirmandenunterricht und Konzertreisen.

Was danach folgte, ist weitgehend bekannt: der zum Dr. med. avancierte, inzwischen achtunddreißigjährige Schweitzer zog nach einer tropenmedizinischen Zusatzausbildung zusammen mit seiner Frau Helene, seiner treuen Helferin, in die französische Afrikakolonie Gabun – man schrieb inzwischen das Jahr 1913 –, um in Lambarene, mitten im äquatorialen Urwald, ein Hospital aufzubauen.

[...]


[1] Zit. n. Steffahn, Harald: Schweitzer. Hamburg 1979 (Rowohltmonographie), S. 33.

[2] Zit. n. Ebd., S. 31.

[3] Zit. n. Ebd., S. 32.

[4] Zit. n. Steffahn: Schweitzer, S. 52.

[5] Zit. n. ebd., S. 65.

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Details

Titel
Albert Schweitzer - überholte Moral-Ikone oder Wegbereiter einer neuen Menschlichkeit?
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V56857
ISBN (eBook)
9783638514392
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit geht auf einen Jubiläumsvortrag des Autors in der Ev. Christuskirche in Mainz 2003 zurück, der die Ethik Albert Schweitzers und deren biographischen wie denkgeschichtlichen Hintergrund beleuchtet. Dabei wird Schweitzers Ethikprinzip der "Ehrfurcht vor dem Leben" in seinem denknotwendigen, universellen und absoluten Anspruch systematisch dargestellt. Schließlich werden daraus erwachsende Perspektiven für eine grenzenlose Zukunftsverantwortung aufgezeigt.
Schlagworte
Albert, Schweitzer, Moral-Ikone, Wegbereiter, Menschlichkeit
Arbeit zitieren
Dr. phil. Gottfried Schüz (Autor), 2003, Albert Schweitzer - überholte Moral-Ikone oder Wegbereiter einer neuen Menschlichkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56857

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