Die Unterschiede auf dem Gebiet der Stiftungen und des Gemeinnützigkeitswesens zwischen Amerika und Deutschland und insbesondere zwischen England und Deutschland, die in dieser Hausarbeit näher beschrieben werden sollen, sind heute (angesichts der auswertbaren Daten) offenbar weniger im quantitativen Bereich zu finden. Sie sind eher zu suchen im Verhältnis zwischen Staat und Stiftungen, in den damit verbundenen juristischen Rahmenbedingungen, sowie im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern, und der Rollenverteilung bei der Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Münchs Definition der kulturellen Codes
3. Das unterschiedliche Verständnis von Rationalismus in England und Deutschland am Beispiel der Gemeinnützigkeitsreform
4. Die unterschiedliche Ausprägung des Aktivismus und Individualismus in der Entwicklung des Stiftungswesens in England und Deutschland
4.1 Die Abhängigkeit von staatlichen Geldern im Gemeinnützigkeitssektor und das bürgerschaftliche Engagement der Wirtschaft
4.2 Die Anfänge des Stiftungswesens in England und Deutschland
4.3 Der Einfluss der Reformation auf die Entwicklung des Stiftungswesens
4.4 Der Einfluss von Staat, Krone, Adel, Bürgertum und Großindustrie auf das Stiftungswesen und das bürgerschaftliche Engagement
5. Zusammenfassung und Entwicklungsausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die historisch gewachsenen, kulturspezifischen Unterschiede im Verständnis von Bürgergesellschaft, Stiftungswesen und bürgerschaftlichem Engagement in Deutschland und England unter Rückgriff auf die kulturwissenschaftlichen Ansätze von Richard Münch.
- Vergleich der staatlichen Rahmenbedingungen und der Rolle des Dritten Sektors
- Analyse des Einflusses religiöser Konzepte (Reformation/Puritanismus) auf das zivilgesellschaftliche Handeln
- Gegenüberstellung des deutschen und englischen Rationalitätsverständnisses
- Untersuchung der institutionellen Abhängigkeiten und Partizipationsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
4.3.2 Die Reformation in England
Die Prädestinationslehre des in der Schweiz lebenden Reformators Calvin wurde zur religiösen Richtschnur für die Calvinisten und der mit ihnen verwandten puritanischen Vereinigungen. Calvin ging davon aus, dass es grundsätzlich von Gott vorherbestimmt sei, ob ein Mensch zur Seligkeit auserwählt wurde oder zur Verdammnis verbannt. Dieses Gotteskonzept produziert jedoch nicht, wie man meinen könnte, Gläubige, die sich ihrem Schicksal ergeben und passiv ihr Leben fristen, sondern aktive Menschen, die ihr Leben und ihre Umwelt selbstbewusst gestalten. Der Grund dafür liegt darin, dass sie Gottes Willen und ihr endgültiges Schicksal nicht kennen. Nur in ihrem Handeln, ihrem gesellschaftlichen Stand, ihrer Moral und ihrer Integrität als Person in der Religionsgemeinschaft zeigt sich, ob sie zu den Auserwählten gehören.
Keine äußere Instanz, wie der Beichtvater im Katholizismus, kann ihnen Glaube und Rechtschaffenheit bescheinigen und Erlösung versprechen. Dies hat gravierende Auswirkungen auf das Alltagsleben, denn es führt zu einer permanenten Überprüfung des Gewissens und zur Korrektur der eigenen Lebensweise. Calvin erreichte mit seinem Gebot zur innerweltlichen Askese und zum innerweltlichen Aktivismus vor allem die bürgerlichen Schichten, deren Lebensinhalt durch rastlose Arbeit bestimmt wurde. Sie galt als einzige legitime Quelle für Reichtum. Die Zurschaustellung der Besitztümer, das Genießen des eigenen Wohlstandes war verpönt. Der Einsatz der eigenen Mittel zu wohltätigen Zwecken ließ sich allerdings sehr gut mit der puritanisch-calvinistischen Lebensweise vereinbaren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die aktuelle Diskussion über den Dritten Sektor und die Fragestellung, warum Deutschland trotz quantitativen Wachstums bei Stiftungen als Entwicklungsland gilt.
2. Münchs Definition der kulturellen Codes: Vorstellung der theoretischen Grundlagen nach Richard Münch, insbesondere der Bedeutung von Rationalismus, Aktivismus, Individualismus und Universalismus.
3. Das unterschiedliche Verständnis von Rationalismus in England und Deutschland am Beispiel der Gemeinnützigkeitsreform: Vergleich der praktischen Herangehensweisen an Reformprozesse anhand aktueller Berichte und Studien.
4. Die unterschiedliche Ausprägung des Aktivismus und Individualismus in der Entwicklung des Stiftungswesens in England und Deutschland: Detaillierte historische Untersuchung der Einflüsse von Religion, Staatsverständnis und ökonomischen Faktoren.
5. Zusammenfassung und Entwicklungsausblick: Resümee über die historisch begründeten Unterschiede und Reflexion über die zukünftige Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland.
Schlüsselwörter
Bürgergesellschaft, Stiftungswesen, Dritter Sektor, Gemeinnützigkeit, Kulturanthropologie, Richard Münch, Reformation, Puritanismus, Rationalismus, Aktivismus, Individualismus, bürgerschaftliches Engagement, Staat, Zivilgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede im Stiftungswesen und in der Bürgergesellschaft zwischen England und Deutschland vor dem Hintergrund historischer und kultureller Prägungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Rolle des Staates, das bürgerschaftliche Engagement, die Bedeutung der Reformation und die verschiedenen kulturellen Codes, die das gesellschaftliche Handeln bestimmen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu erklären, warum Deutschland im Bereich der Bürgergesellschaft und des Stiftungswesens im Vergleich zu anderen westlichen Staaten, insbesondere England, strukturelle Defizite aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt den kulturtheoretischen Ansatz von Richard Münch, um historische Entwicklungen und aktuelle politische Reformprozesse vergleichend zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem unterschiedlichen Rationalitätsverständnis, der Entwicklung des Stiftungswesens durch Reformation und kirchliche Einflüsse sowie der Rolle staatlicher Institutionen im Vergleich zum englischen Modell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Stiftungswesen, Bürgergesellschaft, Dritter Sektor, kulturelle Codes, Rationalismus und das Verhältnis zwischen Staat und Bürger.
Warum wird der englische "Common Law"-Ansatz als überlegen für Reformen angesehen?
Der Text argumentiert, dass das englische Rechtssystem auf praktischer Erfahrung und moralischer Gemeinschaft basiert, was eine flexiblere und pragmatischere Reformumsetzung ermöglicht als das deutsche, eher staatlich-theoretische System.
Welchen Einfluss hatte Luther auf die deutsche Entwicklung der Bürgergesellschaft?
Die Lehre Luthers und das darauf aufbauende Staatsverständnis (etwa nach Hegel) haben laut Autorin zu einem eher untergeordneten Bürgerstatus und einer starken Abhängigkeit von staatlichen Strukturen geführt.
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- Antje Hellmann (Author), 2003, Die Bürgergesellschaft in England und Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56889