Die historische Entwicklung von Museen kann trotz der für die Besucher solcher Institutionen vorgestellten unabdingbaren Wahrheit eines Ausstellungsgegenstandes immer nur im Kontext der Zeit, der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Sammlungsgeschichte des ausgestellten Gegenstandes betrachtet und interpretiert werden. Die oftmals angenommene Authentizität eines Objektes kann immer nur als Konstrukt oder Interpretation des Ausstellers begriffen werden, welcher mit der Exposition von Gegenständen durchaus politische Ziele verfolgen mag oder selbst einfach gebunden ist an die gesellschaftlichen Bedingungen seiner Zeit und damit oftmals nur einen mehr oder minder starken Anspruch an Objektivität anzustreben versucht. Ein Ausstellungsgegens-tand ist immer als Teil der Geschichte des Erzählers, also des Ausstellers, zu sehen. Betrachtet man Museen nun im gesellschaftspolitischen Kontext, so wird deutlich, dass Museen - vor allem heute als Teil nationaler Bildungspolitik - politische Institutionen darstellen, welche eine bestimmte Botschaft zu vermitteln suchen. Im Folgenden will ich untersuchen, in welcher Weise die Samen, vormals auch Lappen genannt, im 19. Jahrhundert weltweit öffentlich dargestellt und präsentiert wurden. Ich möchte aufzeigen, welche Stereotype gebildet wurden und wen bzw. was diese repräsentieren sollten. Der Identitätsbildungsprozess von Minderheiten spielt hierbei eine große Rolle. Ebenfalls möchte ich die Veränderungen in der Darstellung der Samen in heutigen Museen aufzeigen und fragen, wie diese Entwicklung vonstatten ging. Nicht nur einzelne Ausstellungen, sondern auch die historische Entstehung von ethnographischen Museen sind eng verbunden mit Entwicklungslinien und Konflikten innerhalb einer Gesellschaft. Die Darbietung von indigenen Völkern im 19. Jahrhundert als exotische Vorstufen damaliger Vorstellungen von Zivilisation entsprang einem ideologischen, kolonialen Zeitgeist, welcher u. a. einen romantischen Kontrast zur technischen Fortentwicklung des 19. Jahrhunderts aufbauen wollte. Insbesondere der Prozess der Nationsbildung in Europa im 19. Jahrhundert und die Entstehung von politischen Interessenbewegungen indigener Völker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflussten die Entwicklung von Museen. In den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts wurden nicht nur den Samen zuzuordnende Objekte ausgestellt, sondern ebenso das Volk an sich. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1.1 DER BEGRIFF DER VOLKSKULTUR
1.2 DIE KULTURELLE BEDEUTUNG DER WELTAUSSTELLUNGEN IM 19. JAHRHUNDERT
II. MUSEALE PRÄSENTATION DER SAMEN IM 19. JAHRHUNDERT
2.1 EGYPTIAN HALL IN LONDON
2.2 PRÄSENTATION ETHNOGRAPHISCHER DÖRFER UND HISTORISCHER ENSEMBLES
2.3 DIE „HAGENBECKSCHEN VÖLKERSCHAUEN“
2.4 DIE WELTAUSSTELLUNG IN CHICAGO 1893
III. DIE WELTAUSSTELLUNGEN ALS MOTOR FÜR DIE ENTWICKLUNG DES VOLKSKUNDLICHEN MUSEUMSWESENS
3.1 DAS „SKANDINAVISCH-ETHNOGRAPHISCHE MUSEUM“ IN STOCKHOLM
3.2 DAS FREILICHTMUSEUM „SKANSEN“
IV. „DIE ANDEREN“ – FREMDBILD UND STEREOTYPISIERUNG DER SAMEN. WANDEL IN DER MUSEALEN PRÄSENTATION VON DEN WELTAUSSTELLUNGEN IM 19. JAHRHUNDERT BIS HEUTE.
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Konstruktion und museale Repräsentation der Samen als „die Anderen“ auf Weltausstellungen und in frühen ethnographischen Museen des 19. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie koloniale Vorstellungen und nationale Identitätsbildungsprozesse zu einer stereotypisierten Darstellung führten, die den Samen eine exotische Rolle zuschrieb, und wie sich dies in heutigen Museen zu einem differenzierteren Selbstverständnis gewandelt hat.
- Museale Repräsentation indigener Minderheiten im 19. Jahrhundert
- Weltausstellungen als Instrumente nationaler Identitätsstiftung
- Entwicklung des volkskundlichen Museumswesens und das „Stubenprinzip“
- Kritische Analyse von Fremdbildern und Stereotypisierung
- Wandel zur selbstverwalteten Repräsentation der Samen in der Gegenwart
Auszug aus dem Buch
2.1 Egyptian Hall in London
Die Vorführung lebender „Exoten“ aus Afrika und Asien in verschiedenen Privatunternehmungen und –museen hatte im 19. Jahrhundert großen Zulauf. Aber auch der europäische „edle Wilde“ wurde gerne vorgeführt.
Eine der ersten bekannten Zurschaustellungen der Samen fand 1822 in einem Ausstellungs- und Museumsgebäude des William Bullock am Piccadilly in London statt – auch geläufig unter dem Namen „Egyptian Hall“. Dort konnten Besucher eine norwegische Lappenfamilie aus der Røros-Umgebung, Jens und seine Frau Karlina mit ihrem kleinen Sohn aus Stavanger, bestaunen. Bullock engagierte hierzu eigens den Schriftsteller Thomas Dibdin, welcher ein Schauspiel mit dieser Gruppe verfassen sollte, in welchem auf die Wünsche oder Belange der Samen bzgl. des Inhalts der Darbietung keine Rücksicht genommen wurde. So wurde eine Vorführung veranstaltet, die vor allem publikumswirksam inszeniert war und als Kassenmagnet fungierte. Die Familie fuhr mit einem rentiergezogenen Schlitten durch den Museumssaal. Den Hintergrund bildete das Panoramagemälde einer nordischen Landschaft. Zwei Lappenzelte sowie verschiedene landestypische Gebrauchsgegenstände untermalten die Performance (Siehe Abb. 1).
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Rolle von Museen als politische Instrumente und führt in die Fragestellung zur Darstellung der Samen im 19. Jahrhundert ein.
II. MUSEALE PRÄSENTATION DER SAMEN IM 19. JAHRHUNDERT: Dieses Kapitel analysiert konkrete Ausstellungsformen wie die "Egyptian Hall", Völkerschauen und die Weltausstellung in Chicago als Orte der Konstruktion des "Fremden".
III. DIE WELTAUSSTELLUNGEN ALS MOTOR FÜR DIE ENTWICKLUNG DES VOLKSKUNDLICHEN MUSEUMSWESENS: Hier wird der wechselseitige Einfluss von Weltausstellungen und der Gründung bedeutender ethnographischer Museen, wie dem Skansen, dargestellt.
IV. „DIE ANDEREN“ – FREMDBILD UND STEREOTYPISIERUNG DER SAMEN. WANDEL IN DER MUSEALEN PRÄSENTATION VON DEN WELTAUSSTELLUNGEN IM 19. JAHRHUNDERT BIS HEUTE.: Das abschließende Kapitel reflektiert den Wandel von der exotisierenden Fremddarstellung hin zur modernen, samisch kontrollierten Identitätsvermittlung.
Schlüsselwörter
Samen, Weltausstellungen, Museumswesen, Volkskultur, Identitätsbildung, Stereotypisierung, Völkerschauen, Kolonialismus, Ethnographie, Skandinavien, Rentierzucht, Exotismus, Repräsentation, Nationalismus, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen musealen Darstellung der Samen im 19. Jahrhundert und dem daraus resultierenden Prozess der Identitätskonstruktion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Museumswesen, den Weltausstellungen, der Konstruktion von Volkskultur und dem Umgang mit indigenen Minderheiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie und warum die Samen als "Andere" stereotypisiert wurden und wie dieser Prozess die heutige Museumspraxis beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine kulturhistorische und ethnographische Analyse, die Ausstellungsgeschichte und zeitgenössische Konzepte der Repräsentation untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Ausstellungsformen, von der "Egyptian Hall" über "Hagenbecksche Völkerschauen" bis hin zur Gründung des Freilichtmuseums "Skansen".
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Identitätsbildung, Exotisierung, Ethnographie und der Wandel musealer Präsentationsformen beschreiben den Kern der Arbeit.
Welche Rolle spielt die Rentierzucht in der Darstellung?
Die Rentierzucht wurde im 19. Jahrhundert als statisches Merkmal einer "rückständigen" Zivilisation genutzt, um die Samen als exotisches Naturvolk zu konstruieren.
Wie hat sich die Rolle der Samen in Museen heute verändert?
Heute streben samisch verwaltete Museen danach, die Heterogenität der Kultur und das Selbstbekenntnis als Same in den Vordergrund zu stellen, anstatt sie durch externe Kategorien zu definieren.
- Quote paper
- Birgit George (Author), 2005, Konstruktion des anderen. Repräsentation der Samen in den Weltausstellungen und ersten skandinavisch-ethnographischen Museen im 19. Jahrhundert., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56918