Bedürfnis Schlaf - Konzeption eines Objektes für den strategischen Kurzschlaf


Diplomarbeit, 2006

80 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Wesen des Schlafs
1.1 Physiologische Grundlagen
Im Takt der inneren Uhr
Natürliche Müdigkeitsphasen
1.2 Was uns sonst noch müde macht 1
Fehlende psychische Beanspruchung
Psychische und körperliche Beanspruchung
Einflüsse aus der Natur

2. Schlafkulturen
2.1 Monophasen-Schlafkultur
2.2 Siesta-Kultur
2.3 Nickerchen-Kultur
2.4 Schlafen im Stundenrhythmus
2.5 Zusammenfassung

3. Tagesschlaf in unserer Gesellschaft
3.1 Vorindustrielle Zeit
3.2 Beginn einer neuen „Zeitrechnung“
3.3 Zeit ist Geld
3.4 Freiraum im Arbeitsraum
3.5 Im Halbschlaf zum Erfolg
3.6 Der Leistungskonflikt
3.7 Das Design knüpft an

4. Gestaltungsfaktoren
4.1 Schlafpositionen
Gibt es die optimale Position?
4.2 Umgebung
Schläfer und Raum
Ebenen
4.3 Einfluss der Wahrnehmung
Geräusche
Licht
Strahlungen 44 Temperatur
4.4 Der Schläfer persönlich
Intimität und Privatsphäre 46 Hygiene
Individualität 49 Sicherheit
4.5 Zwischen Wachen und Schlafen
Einschlafen und Rituale
Aufwecken
4.6 Nutzung
Stationär oder mobil?
Kommt Zeit, kommt Schlaf

5. Gestaltungsansätze
5.1 Orte für die Napping-Kultur

6. Zusammenfassung
6.1 Fazit
6.2 Zielsetzung für den praktischen Teil

Quellen

Literaturverzeichnis

Internetressourcen

Abbildungsverzeichnis

Quellenangaben

Einleitung

Wenn jemand weit über den Schreibtisch gebeugt, zwischen Kaffeetasse, Maus und Tastatur beim Schlafen ertappt wird, sind spottende Kollegen und verärgerte Chefs nicht weit. Viele sehen im Tagesschlaf ein Sinnbild für Faulheit, Müßiggang oder Respektlosigkeit. Zu einem geregelten Lebens- und Arbeitsrhythmus passt so etwas in den Augen der meisten Menschen nicht. Fleiß, Effizienz und Ordnung sind schließlich die wichtigen Tugenden der heutigen Zeit.

Doch nicht immer ist Faulheit der Grund für das Schlafen am Tag. Vielmehr sorgt ein grundlegendes gesellschaftliches Problem für immer häufigeres Gähnen: fehlende Zeit. Schlaf ist in unserer mo- dernen „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ zu einem knappen Gut geworden. Das Natürliche wird zum Luxus, jeder zweite Deutsche sehnt sich heute nach mehr Schlaf, wie repräsentative Umfragen zeigen.1 Wachsender Leistungsdruck und eine schwindende Abtrennung zwischen Arbeit und Freizeit rauben immer mehr Menschen die Zeit für nötige geistige und körperliche Erholung. Ein Phänomen, das sich in Zukunft häufen wird, wenn die Globalisierung in Wirtschaft und Produktion weiter so schnell voran- schreitet wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten.2 Die biologische Uhr, die unseren Schlaf-Wach-Rhyth- mus steuert und für natürliche Leistungstiefs und -hochs verantwortlich ist, wird heute mehr beein- trächtigt denn je.

Zunehmend wird der Tagesschlaf deshalb auch zum Thema für Firmen und Betriebe, die sich aufgrund von unkonzentrierten und ermüdeten Mitarbeitern die Frage stellen, wie diesem Problem beizukommen ist. In diesem beruflichen Kontext ist man deshalb vielerorts dazu übergegangen, Tagesschlaf den An- gestellten in Form von gezielt eingesetzten Ruhe- phasen zu gewähren.

Welchen Einfluss dies auf die Arbeitswelt hat, und welche Möglichkeiten dabei für das Design bestehen, möchte ich in der folgenden theoretischen Arbeit erläutern. Während im ersten Teil physiolo- gische Grundlagen, soziokulturelle und historische Aspekte untersucht werden, nehme ich anschließend näheren Bezug auf die Charakteristik und Einfluss- faktoren des Tagesschlafes und gebe einen Ausblick zum gestalterischen Teil.

1 Das Wesen des Schlafs

1.1 Physiologische Grundlagen

Das Schlafen hat die Menschheit seit ihren Anfängen beschäftigt, fasziniert und gab ihr Rätsel auf. Rund 30 Prozent unseres Lebens verbringen wir damit und das ist in der Tat nicht wenig. Erreichen wir unser sechzigstes Lebensjahr, so können wir sicher sein, 20 Jahre davon geschlafen zu haben.3

Es ist erstaunlich, dass der allgemeine Kennt- nisstand über die nächtlichen Vorgänge vielfach recht dürftig ist. Im Mittelalter bezeichnete man den Schlaf sogar als den „Bruder des Todes“4, denn die unheimliche Ruhe eines Schlafenden konnte auf den ersten Blick leicht mit dem Tod verwechselt werden. Der Schlaf galt als etwas Unheimliches, das man nicht erklären konnte. Außerdem war man schutzlos den gefahren der Umwelt ausgeliefert. Wird man aus diesem geheimnisvollen Zustand wieder erwachen? Angesichts dieser bangen Frage ist es nicht erstaunlich, dass viele auch heute noch, trotz unserer modernen Erkenntnisse, vor dem Ein- schlafen ein Gebet sprechen.5

Dank der Wissenschaft gehören heute die vielen Mythen und Vermutungen, die Jahrtausende lang um den Schlaf kreisten zur Geschichte, obgleich es immer noch vieles näher zu erforschen gibt. Für die meisten Menschen ist das Schlafen so selbstver- ständlich, dass sie über seine Entstehung und seinen

Abb. 1 | Die Schlafphasen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sinn kaum nachdenken. Erst wenn er gestört ist, rückt er ins Bewusstsein und wird zum „Problem“. Gerade in der heutigen Zeit, wo Stress und Erfolgsdruck zum Alltag gehören, erlangt die Schlafforschung zunehmend an Bedeutung.

Unser modernes Wissen über Schlaf und seine physiologischen Ursachen, das auf experimentellen Grundlagen beruht, ist noch sehr jung. Erst die Ent- wicklung der Elektroenzephalographie (EEG), die die Gehirnaktivität durch am Kopf angebrachte Elektro- den misst, führte als methodisches Werkzeug in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem Auf- schwung der wissenschaftlichen Schlafforschung.

Es zeigte sich, dass das Schlafen ein dynami- sches Geschehen und nicht, wie früher angenom- men, mit genereller Ruhe des Körpers verbunden ist. Das Gehirn ist dabei hochaktiv und wird von komplizierten und präzise arbeitenden Mechanis- men kontrolliert.

Im Allgemeinen lassen sich drei Schlafphasen feststellen, die sich durch unterschiedlich ausgepräg- te Hirnströme unterscheiden: Leichtschlaf, Tiefschlaf (Non REM-Phasen) und die so genannten REM-Pha- sen. „REM“ steht für Rapid Eye Movement (schnelle Augenbewegungen). Etwa alle neunzig Minuten beginnt ein neuer Schlafzyklus, in dem diese drei Schlafphasen in unterschiedlicher Länge durch- laufen werden. Charakterisiert werden die Stadien durch physiologische Veränderungen verbunden mit unterschiedlichem Empfinden. Das EEG macht diese Phasen durch sich veränderte Wellencharak- teristika deutlich. Diese werden als Schlafprofil oder Hypnogramm bezeichnet.6

Der Körper benötigt den Schlaf zur Regeneration. Es erfolgt vor allem die Verarbeitung von Erlebnissen, eine Umstrukturierung des Gedächtnisses und die Zellerneuerung. Eine weitere wichtige Funktion des Schlafens ist die Stärkung des Immunsystems.

Im Takt der inneren Uhr

Doch was ist der Grund für den ständigen Wechsel der Schlafzyklen? Der Mensch ist, wie alle Lebewesen, in die belebte Natur eingebunden und somit den periodischen Veränderungen, vor allem durch den Tag-Nacht-Wechsel ausgesetzt. Der 24-Stunden-Tag, der durch die Erdrotation vorgegeben ist, setzt die Lebewesen ständig rhythmischen Veränderungen aus.7 Deswegen sind die meisten Lebensfunktionen des Menschen ebenfalls durch einen rhythmischen 24-Stunden-Takt - die „innere Uhr“ - gekennzeich- net. Typische Beispiele hierfür sind der Pulsschlag, die Ausschüttung bestimmter Hormone und der Schlaf-Wach-Rhythmus. Auch die Körpertemperatur schwankt im Laufe eines Tages um ca. plus/minus 1 Grad Celsius. Wenn wir morgens aufwachen, ist sie noch relativ niedrig. Im Laufe des Tages steigt sie an und erreicht am Nachmittag ihren Höhepunkt. Unmittelbar danach beginnt sie allmählich wieder zu sinken und hat in den frühen Morgenstunden ihren tiefsten Punkt. Immer dann, wenn die Tempe- raturkurve am Abend zu sinken beginnt, werden wir müde. Steigt sie am Morgen an, wird der Organismus wieder aktiviert und wir erwachen.

Die Regelmäßigkeit ist entscheidend dafür, dass sich die verschiedenen biologischen Rhyth- men überhaupt aufeinander abstimmen können. Ihr harmonisches Zusammenspiel steuert in entschei- dendem Maße unsere verschiedenen körperlichen und psychischen Funktionen. Schichtarbeit und eine unregelmäßige Lebensweise können die innere Uhr schnell „aus dem Takt” bringen. Schlafstörungen, Verdauungsstörungen und Auswirkungen auf unser Befinden können die Folge sein.8

Abb. 2 | Der ständige Kampf mit der inneren Uhr

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Natürliche Müdigkeitsphasen

Doch es gibt nicht nur eine „Uhr“, sondern mehrere parallel laufende Taktgeber. Neben den 90-Minu- ten-Zyklen beim Nachtschlaf, gibt es auch welche, die einen kürzeren Takt aufweisen. Wieder andere Rhythmen weisen einen Vier-Stunden-Takt auf.

So ist über den Tag hinweg nicht nur ein einheitlicher Verlauf mit einem Maximal- und einem Minimal- wert zu erkennen, sondern es gibt mehrere kleinere Schwankungen. In den 90-Minuten-Rhythmen am Tage schwankt vor allem unsere Leistungsfähigkeit. „Die verschiedenen Müdigkeitsanfälle, die man am Vormittag, nach dem Mittagessen und am späten Nachmittag erlebt, sind Ausdruck solcher kürzeren biologischen Rhythmen.“9

Bauen wir ein Schlafdefizit auf, werden diese Müdigkeitsschwankungen aufgrund des erhöhten Schlafdruckes wesentlich stärker wahrgenommen. Diese momentane Müdigkeit und Erschöpfung hält aber nicht den Rest des Tages an, sondern nimmt bereits nach ca. einer Stunde von selber wieder ab. Typische Anzeichen für diesen Zustand sind eine Verringerung der Leistungsfähigkeit, eine größere Fehlerrate sowie die Absenkung der Körpertempe- ratur, unabhängig von einer Mahlzeiteneinnahme. Die Gewährung eines kurzen Schlafs, ein kurzer Spaziergang an frischer Luft, aber auch gymnastische Übungen können zusätzlich helfen, das „Müdigkeits- loch” zu überwinden.10

Die „mittägliche“ Schlafphase ist weniger stark ausgeprägt als die nächtliche. Interessant ist aber, dass der physiologische Zustand, in dem sich der Organismus zur Mittagszeit befindet, jenem in der zweiten Nachthälfte entspricht. Die Existenz die- ser Leistungsschwankungen spricht zudem dafür, dass die Kapazität des Gesamtorganismus nicht grundsätzlich auf eine lange Aktivitätsdauer und eine einzige Ruhephase innerhalb eines Tages ein- gestellt ist.11

Abb. 3 |

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2 Was uns sonst noch müde macht

Nicht nur das biologische Tief des Körpers wirkt be- günstigend auf das Eintreten von Müdigkeit. Hinzu kommen die äußeren Umstände und die Umgebung, in der wir uns befinden, sowie unsere Tätigkeiten. Laut Definition ist die Ermüdung im täglichen Leben „eine durch fortgesetzte Tätigkeit im Verlaufe von Stunden bis zu einem Tag entstehende Schutzhem- mung der Leistungsbereitschaft, die durch Tätigkeits- wechsel, Umwelteinflüsse oder Anregungsmittel vorübergehend und durch Schlaf vollständig be- seitigbar ist.“12 Tritt sie nach körperlicher Beanspru- chung auf, ist dies anhand des stammesgeschichtlich entwickelten Warnsystems erkennbar, (Schwitzen, verringerte Muskelkraft usw.) Geht es jedoch um geistige Beanspruchung, so gibt es im Körper kein Warnsystem. Man bemerkt eine Überanspruchung erst, wenn es zu „Schäden“ gekommen ist, wie zum Beispiel Stress oder psychische Erschöpfung.13

Abb. 4 |

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 |

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand folgender Situationen habe ich Faktoren der Tagesmüdigkeit in Gruppen zusammengefasst:

Fehlende psychische Beanspruchung

Die fehlende psychische Beanspruchung kann in drei Zustände gegliedert werden.

Das ist zum einen Passivität, also das Nichtinvol- viertsein in eine Situation, die beim Betreffenden Schläfrigkeit erzeugt. Ein typisches Beispiel ist ein Großvater, der den Gesprächen seiner Enkel nicht mehr folgen und deren „Geheimsprache“ nicht mehr verstehen kann. Schließlich kann er nicht mitreden, wenn es um die Playstation oder den neuesten 64- Bit-Prozessor geht. Eine Beteiligung fällt ihm schwer - so nickt er einfach ein. Weiterhin hat das Zug- oder U-Bahnfahren auf viele eine ermüdende Wirkung. Als Passagier ist man dem Fortbewegungsmittel „ausgeliefert“ und hat keinen Einfluss auf den Ver- lauf der Strecke.

Auch das Warten oder die Langeweile in Situationen, wo keine Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben sind, können schnell ermüden. Hier versucht man oft, diese eher unangenehme Zeitspanne durch Schlafen zu überbrücken. Sogar in der eigenen Woh- nung, vermehrt an Nachmittagen oder Abenden, an denen einfach nichts „los“ ist und nicht einmal das TV-Programm aufmuntert, findet man die Lan- geweile-Schläfer. Schließlich sind keine dringlichen Aufgaben zu erledigen, warum soll man sich also nicht für „einpaar Stündchen aufs Ohr legen“?

Monotone Tätigkeiten oder Einflüsse, denen es an Dynamik fehlt, verleiten leicht zum Abschweifen und Träumen. Wissenschaftlich „als Folge einer Aufgabenzuwendung bei eingeengtem Beachtens- umfang“14 beschrieben, gehen eintönige Arbeiten, bei welchen kein konkretes Ziel besteht bzw. kein Erfolgserlebnis zu erwarten ist, daher oft mit Moti- vationslosigkeit einher. Ein Schlüssel dafür wäre eine zwischenzeitliche Entspannungsphase, Ablenkung oder eine Veränderung der Tätigkeitsstruktur.

Abb. 6 |

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7 | Überbrückendes Schlafen auf dem Flugfahen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Oft werden solche eintönigen Tätigkeiten auch von einer Monotonie der Reize, also der unveränderten Einwirkung äußerer Umstände wie Temperatur, Ge- räuschen und Lichtverhältnisse begleitet.

Ein Beispiel ist eine Vorlesung im Hörsaal - für potentielle Tagesschläfer ein optimaler Ort. Die Ja- lousien sind zum Zwecke einer Beamerpräsentation abgesenkt. Der Professor beginnt mit seiner Vorle- sung in langsamer, monotoner Sprache. Sitzt man in den hinteren Rängen, kann man schon nach kurzer Zeit die eingeschlafenen Studenten sehen, die es sich auf ihrer Bank bequem gemacht haben. Und das, obwohl das Thema der Vorlesung eigentlich sehr interessant ist. Vielen Studenten ist diese Situation peinlich, besonders wenn sie öfter eintritt. Meistens ist es zu warm, zu finster und die Luft verbraucht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8 | Gutes gespielt - gut geschlafen

Psychische und körperliche Beanspruchung

Anstrengungen körperlicher und geistiger Natur sind wohl die einflussreichsten Müdigkeitsfaktoren am Tage. Durch sie fühlen wir uns entweder angenehm ausgepowert oder unangenehm ausgelaugt, haben Erfolgserlebnisse oder sind depressiv.

Als körperliche Anstrengung im negativen Sinne kann man ein „Durch-die-Stadt-Hetzen“, die nö- tige Renovierung der Wohnung oder das Tragen schwerer Gegenstände als Anstrengung bezeichnen. Andererseits bieten Gartenarbeit oder Sport einen willkommenen Ausgleich zum stressigen Arbeitstag. Hier findet man vor allem in psychischer Hinsicht Ablenkung und Entspannung.

In Phasen starker psychischer Belastung im ne- gativen Sinne (zum Beispiel Stress am Arbeitsplatz, Beziehungsprobleme, Ängste) haben viele nur den Wunsch, einfach abzuschalten, nichts zu tun und zu schlafen. Oft gehen diese unangenehmen Zustände mit Unmotiviertheit einher. Sie können sehr kurz- fristig sein, aber auch bis zu Monaten andauern. Leichten persönlichen Krisen versuchen viele, sofern es möglich ist, durch „überbrückendes Schlafen“ aus dem Weg zu gehen. Am besten spiegelt sich dies im Sprichwort „Schlaf mal drüber, dann sieht die Welt ganz anders aus!“ wider.

Jedoch kann geistige Anstrengung auch er- wünscht sein. Knifflige Rätsel, Denkspiele oder Vi- deospiele, in welchen eine schnelle Reaktion gefragt ist, werden für viele nur dann interessant, wenn der Kopf auch richtig „raucht“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9 | Abb. 10 |

Einflüsse aus der Natur

Auch die natürliche Umgebung und das Wetter können einen spürbaren Einfluss auf unsere Akti- vität und unseren Wachzustand haben. Ein warmer Frühlingstag mit strahlend blauem Himmel kann ebenso aktivierend wie auch entspannend sein. Im Gegensatz dazu wirken Tiefdruckgebiete oder zuneh- mende Dunkelheit im Herbst und Winter auf viele Menschen ermüdend.Ungeachtet dessen, auf

2 | Schlafkulturen

Ungeachtet dessen, auf welchem Kontinent ein Mensch lebt bzw. welcher ethnischen Gruppe er zugehörig ist, unterliegt er denselben periodischen Veränderungen der Natur. Ganz gleich ob Geschäfts- mann in Frankfurt am Main, brasilianischer Planta- genarbeiter oder Taxifahrer in Tokio - jeder erlebt einen Wechsel von Tag und Nacht, den Lauf der Gestirne und der Gezeiten. Dennoch findet man zum Teil gravierende Unterschiede in Schlaforgani- sation und -verhalten zwischen diesen kulturellen Gruppen.

Die Schlafforscher Wilse Webb und David Dinges haben sich mit dem Thema des Tagesschlafes im in- ternationalen Vergleich auseinandergesetzt. „Dabei sind sie im ersten Sinne der Frage nachgegangen, ob bestimmte klimatische Gegebenheiten und Gesell- schaftsformen bestimmte Arten des Tagesschlafes bedingen. Sie sind zum Ergebnis gekommen, dass dies nicht zwingend der Fall ist, glauben aber, dass gewisse Umstände das Schlafen untertags fördern.“15 Die Studien der beiden Wissenschaftler basieren zum großen Teil auf einem 1937 an der Yale University (USA) begonnenen Projekt, welches das Ziel hatte, Informationen über das Leben von Ethnien auf der ganzen Welt zu sammeln und zu klassifizieren. Bis heute hat man Informationen zu mehr als 1700 Kul- turgruppen zusammengetragen. Die Ergebnisse der Erkundungen zum Thema Schlafen lassen erkennen, dass es grundsätzlich vier verschiedene Organisati- onsformen von Schlafenszeit gibt.16

2.1 Monophasen-Schlafkultur

Typisch für diese Schlafkultur, zu der ein Großteil der Bevölkerung Nordamerikas, West- und Nordeuro- pas sowie die europäischstämmigen Australier und Neuseeländer gehören, ist eine einzige Schlafphase, und zwar während der Nacht. Als ideal gilt eine Schlafdauer von etwa acht Stunden. Tagesschlaf wird hier in der Regel nur gesellschaftlichen Randgruppen und bestimmten Berufsgruppen zugestanden. Für den Schweizer Mediziner Alexander Borbély gilt der Einphasenschlaf als so sehr verständlich, dass er diesen sogar zur physiologischen Norm erhebt.17 (Quasi das Gegenteil behaupten die japanischen Wissenschaftler und Autoren Kenko Fujimoto und Eita Matsubara. Sie erachten den Polyphasenschlaf als die höchste Entwicklungsstufe.18 )

Dennoch ist der Monophasenschlaf nicht einmal in den Ländern voll verwirklicht, in denen er als Ideal gilt: Obwohl es heißt, man hätte nur nachts zu schlafen, ziehen sich die Menschen nach dem Mittagessen zurück, um sich auszuruhen. Besonders in ländlichen Regionen muss während der festgeleg- ten Mittagszeit in vielen Gegenden per Verordnung Lärm vermieden werden.

Allerdings scheint ein weitgehend monopha- sisches Schlafverhalten den Erfordernissen einer industriell geprägten Arbeitsstruktur in Großstädten am besten angepasst. An Maschinen ausgerichtete, vorwiegend physische Arbeitsleistungen führen zu einer Arbeitsorganisation, die sich an festgelegten Zeitplänen orientiert. Um die Maschinen optimal auszunutzen, müssen diese ohne Unterbrechung bedient werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11 | Die Schlafdauer im europäischen Vergleich

2.2 Siesta-Kultur

Siesta-Kulturen sind durch den Biphasenschlaf ge- kennzeichnet. Das bedeutet, dass es zusätzlich zur Nachtruhe, die allerdings kürzer als acht Stunden ist, eine gesellschaftlich institutionalisierte Mit- tagsruhe gibt. Das lateinische sexta hora, also die sechste Stunde, die die Mitte des Tages bezeichnet, wurde in Spanien zu Siesta. In der Regel sind etwa zwei bis drei Stunden zwischen 11.30 Uhr und 17 Uhr für die Mittagsruhe vorgesehen, wobei nicht immer durchgängig geschlafen wird. Ursprünglich ist die spanische Siesta eine Tradition des Machismo:Der Mann kam mittags nach Hause und legte sich nach dem Essen schlafen. Die Frau machte inzwischen den Abwasch und räumte die Küche auf. Heute folgt vor allem die ältere Bevölkerung diesem Brauch.19 Doch immer noch ist es für viele berufstätige Männer die einzige Gelegenheit, Frau und Kinder zu sehen. Schließlich kommen sie erst am sehr späten Abend nach Hause.

Siesta-Kulturen finden sich auf allen Kontinenten außer Australien. 89 Prozent der Siesta-Kulturen treten in Äquatornähe auf; das beweist, dass die Ge- wohnheit des institutionalisierten Mittagsschlafes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12 | Chinesische Näherinnen beim „XiuXi“

kein universelles Phänomen der tropischen Länder ist, wenngleich sich die hohen Temperaturen begüns- tigend auf die Herausbildung einer Siesta auswirken. Andererseits ist es in Ländern, wie China und Taiwan, die sich zum größten Teil nördlich des Äquatorbrei- tengrades befinden, ein jahrhundertealter Brauch, Mittagsruhe zu halten. Der Nachmittagsschlaf, auf Chinesisch XiuXi genannt, war im maoistischen China sogar gesetzlich vorgeschrieben und gilt noch bis heute in weiten Teilen der Bevölkerung als selbst- verständlich - in vielen ländlichen Betrieben werden nach wie vor die Maschinen abgeschaltet.

Abb. 13 | Mexikanische Mittagspause

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Nickerchen-Kultur

Ein dritter Typus unter den Schlaforganisationsfor- men ist der Polyphasenschlaf, der in so genannten „Nickerchen-Kulturen“ auftritt. Hier findet neben einer Nacht-Schlafphase zusätzlich der Tagesschlaf spontan und zu beliebigen Zeiten statt. Genau wie die Siesta-Kulturen sind sie weltweit verbreitet. Interessant dabei ist, dass keinerlei klarer Einfluss klimatischer Bedingungen oder Gesellschaftsformen zu beobachten ist. Auch lässt sich keine Beschrän- kung auf bestimmte historische Epochen feststellen. Die Kategorie dieser polyphasischen Kultur vereint so unterschiedliche Ethnien wie die Einwohner Alas- kas, Ozeaniens oder Nigerias. Ebenfalls schlafen die australischen Aborigenes und Bevölkerungsteile Indiens, Indonesiens und einiger Länder Westafrikas, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet und Schläfrigkeit eintritt.20

In Japan ist diese Tagesschlafform - das Inemuri - sehr bemerkenswert, da dort normalerweise ein hoher Grad an Formalisierung des privaten und öffentlichen Lebens vorherrscht. Hinzu kommt, dass Frauen, Männer und sogar Kinder selbst in formeller Kleidung in Verkehrsmitteln, im Unterricht oder während Vorträgen wenige Hemmungen haben und immer wieder einschlummern. „Da es in Bezug auf das Inemuri kaum feststellbare Verhaltensregeln gibt, ist der Interpretationsrahmen dafür sehr weit und die Analyse schwierig. Es kann daher Faulheit, Fleiß, Langeweile, Protest, Rückzug ins Private, Selbst- bewusstsein, ein Gefühl des Vertrauens und vieles mehr signalisieren.“21

Das zentrale Charakteristikum einer Inemuri- Kultur wie Japan ist, dass vor allem dann am Tage geschlafen wird, wenn keine aktive Teilnahme an ei- ner Situation gefordert ist. Voraussetzung ist die Kon- trolle über die Haltung und den Körperausdruck.

Der Hauptgrund für die gelegentlichen Schläf- chen scheinen die von japanischen Arbeitgebern organisierten und bis in die späten Abendstunden hinein reichenden Freizeitaktivitäten zu sein.

Aber auch das Schlafend-Stellen als eine Art „innere Emigration“ wird hin und wieder angewandt, um unangenehmen Situationen und Problemen aus dem Weg zu gehen oder um einfach„sozial un- sichtbar“ zu sein.22

Abb. 14 | „Inemuri“ im japanischen Parlament

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Schlafen im Stundenrhythmus

„Als Prototyp eines Menschen mit einer ultradianen Schlaforganisationsform, das heißt, einem über 24 Stunden verteilten Schlaf, gilt Leonardo da Vinci. Er soll alle vier Stunden fünfzehn Minuten lang, täglich also insgesamt 90 Minuten geschlafen haben“23, um mehr Zeit für seine Forschung zur Verfügung zu haben. Zwar gibt es keine stichhaltigen Quellen darüber, wie lange dieses Multitalent einen solchen Lebensstil gepflegt hat, es ist aber durchaus denkbar und glaubwürdig, dass er zumindest periodisch versucht hat, die Schlafenszeit zu verkürzen.

Medizinische Versuche in der heutigen Zeit haben gezeigt, dass eine Gewöhnung an diesen Schlafrhythmus durchaus möglich ist und es trotz der verkürzten Gesamtschlafdauer offenbar kaum zu physiologischen Leistungseinbußen führt. Aller- dings vermissten die Probanden ihre Träume und beklagten eine Kreativitätsminderung, außerdem ist unter solchen Umständen ein normales Familien-, Arbeits- und Gesellschaftsleben unmöglich. Außer in einigen buddhistischen Klöstern, die nach einem vierstündigen Schlafrhythmus organisiert sind, oder bei Einzelpersonen, die diesen Schlaftypus auch nur über einen beschränkten Zeitraum ausüben, findet man heute so gut wie keine Hinweise auf Kulturen, die aktiv dem ultradianen Schlafrhythmus nachge- hen. Im Übrigen scheint er gesamtgesellschaftlich weder sinnvoll noch durchführbar.24

Abb. 15 | Leornardo da Vinci (1452 - 1519)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 vgl. Stadler, SZ Wissen, S.22

2 vgl. Stadler, SZ Wissen, S.22

3 vgl. Borbély, www.unizh.ch

4 Borbély, www.unizh.ch

5 vgl. Borbély, www.unizh.ch

6 vgl. Borbély, www.unizh.ch

7 vgl. Zulley, www.medbo.de

8 vgl. www.schlafgestoert.de

9 www.schlafgestoert.de

10 vgl. www.schlafgestoert.de

11 vgl. Zulley, www.medbo.de

12 Rau, www.psylux.psych.tu-dresden.de

13 Rau, www.psylux.psych.tu-dresden.de

14 Rau, www.psylux.psych.tu-dresden.de

15 Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen?, S. 124

16 vgl. Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 124

17 vgl. Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 125

18 vgl. Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 125

19 vgl. www.br-online.de

20 vgl. Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 132

21 Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 271

22 vgl Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 410

23 Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 138

24 vgl. Steeger, (Keine) Zeit zum Schlafen? S. 138

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Bedürfnis Schlaf - Konzeption eines Objektes für den strategischen Kurzschlaf
Hochschule
Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle  (Industriedesign)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
80
Katalognummer
V56929
ISBN (eBook)
9783638514880
Dateigröße
3100 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedürfnis, Schlaf, Konzeption, Objektes, Kurzschlaf
Arbeit zitieren
Diplom Designer Frank Ehnes (Autor), 2006, Bedürfnis Schlaf - Konzeption eines Objektes für den strategischen Kurzschlaf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56929

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