Sozialpsychologische Überlegungen zu Elias´ und Scotsons Thesen über den Klatsch


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Winston Parva überall

2 Sozialpsychologische Überlegungen zum Klatsch
2.1 Eigenart
2.2 Funktion

3 Macht und Moral

1 Winston Parva überall

Sie heißen „Wonkette“, „Fleshbot“ oder „Defamer“, kommen aus New York und sind der neueste Trend in Sachen Internetmedien[1]. In Windeseile verbreiten diese Weblogs[2] den angesagtesten Klatsch und Tratsch. Stündlich aktualisierte Skandale für junge Großstädter, die sich von klassischen Medien nicht mehr angesprochen fühlen. Im anonymen Winston Parva reichten vor gut 40 Jahren noch wöchentliche Klatschmeldungen in der beliebten Sonntagszeitung. Ob im heutigen New York oder im damaligen Winston Parva, die Menschen kommen offenbar ohne Klatsch nicht aus. Darunter sind Informationen über Dritte zu verstehen, die zwei oder mehr Personen einander mitteilen. Bewertet nach positiven oder negativen Kommunikationsinhalten können diese in die beiden Kategorien Lob- und Schimpfklatsch weiter unterteilt werden.[3]

In dieser Arbeit werden die Thesen „Über den Klatsch“ von Elias und Scotson aufgegriffen und mit den Erkenntnissen der Sozialpsychologie über dieses Phänomen verglichen. Dazu wird vor allem auf die Arbeiten von Zimbardo, Asch, Festinger, Sherif, Heider, Newcomb und Rosenthal eingegangen. Allen ist das Erkenntnisinteresse gemein, welche Einflüsse Menschen aufeinander ausüben. Die Erkenntnisse zentraler Theorien und Experimente der Sozialpsychologie werden mit der Arbeit von Elias und Scotson skizziert und verglichen. Ein Vorhaben, das Elias´ Forderung nach einer fachübergreifenden Forschung nachkommt[4]. Zu Beginn werden Überlegungen zu Eigenart und Funktion des Klatsches angestellt. Was Macht und Moral mit Klatsch zu tun haben, wird abschließend verdeutlicht.

2 Sozialpsychologische Überlegungen zum Klatsch

2.1 Eigenart

Klatsch enthält Neuigkeiten und Glaubensvorstellungen. Erstgenannte beinhalten eine kuriose Mischung aus Informationen, welche dem Kommunikator als berichtenswert erscheinen. Skandale, Gerüchte, Ereignisse mit human touch[5] erzeugen Interesse und Aufmerksamkeit beim Rezipienten. Elias und Scotson beobachteten, dass die Kommunikatoren ihre Neuigkeiten im Stile der Medien auswählen und weiterverbreiten[6]. Die Nachrichtenwerttheorie aus dem Bereich der Kommunikationsforschung beinhaltet Kriterien, wie Aktualität, Betroffenheit oder lokaler Bezug, welche sowohl von Medienprofis, als auch von der Bevölkerung zur Selektion von Informationen angewandt werden. Wie sich Medien- und Klatschthemen wechselseitig beeinflussen, untersucht die Agenda-Setting-Forschung[7]. Elias und Scotson betrachten die Sonntagszeitung nur am Rande und reduzieren ihren Einfluss auf den Klatsch in Winston Parva als „zusätzliche Quelle“[8].

Sie erkennen aber, dass bei der Themenwahl neben den Nachrichtenwertkriterien auch die zugrundeliegenden Glaubensvorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Klatsch habe einen bipolaren Charakter, er könne sowohl positiv als auch negativ sein. Lobklatsch beinhaltet schmeichelnde Geschichten voller Mitgefühl und Empathie. Musterbeispiele der Normentreue, wie jene der Mrs. Crouch, die persönliche Schicksalsschläge überwand und sich vorbildlich in die Gruppe integrierte. Der Erzähler sieht dadurch sein eigenes Verhalten bestätigt und ist befriedigt. Unterhaltsamer und daher häufiger verteilt ist jedoch der Schimpfklatsch. Nach dem Motto „only bad news are good news“ wird dabei am liebsten über gemeinsame Bekannte vom Leder gezogen. Untersucht man die Inhalte der verbreiteten Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt, wird eine Verzerrung der Wirklichkeit deutlich, welche dadurch entsteht, dass die Informationsselektion und –vermittlung von Vorurteilen und Ideologien beeinflusst ist. Klatsch wird des weiteren maßgeblich durch die Gruppenstruktur beeinflusst. Darunter verstehen Elias und Scotson alle Normen, Figurationen, Beziehungen und gemeinsamen Interessen, welche die Gruppe prägen. Figurationen sind Verflechtungszusammenhänge und Netzwerke zwischen Menschen[9].

Klatsch ist demnach keine „unabhängige Gegebenheit“[10] sondern hängt von der Gruppe ab. Grundsätzlich funktioniert ein Klatschsystem, indem ein steter Klatschfluss durch Klatschkanäle und -mühlen befördert wird. Während aber im „Dorf“, einer von drei Zonen in Winston Parva, der Klatsch fließt, tröpfelt er in der „Siedlung“ eher spärlich vor sich hin. Als Gründe führen Elias und Scotson fehlende Netzwerke, Vereinigungen und Versammlungsorte an[11]. Klatsch bedarf zudem einer gewissen Vertrautheit, die vor allem durch lange Bekannschaften – wie sie im „Dorf“ häufig vorkommen- entsteht. Des weiteren ist Konkurrenzdruck förderlich für die Entwicklung einer funktionsfähigen Klatschstruktur. Dieser Druck kann deshalb gruppendynamische Prozesse in Bewegung setzen, weil die einzelnen Gruppenmitglieder um Aufmerksamkeit ringen. Sie überbieten sich gegenseitig mit immer extremeren Klatschgeschichten, um noch mehr Anerkennung und Beifall zu bekommen. Diese Konkurrenzdynamik hat verzerrenden Einfluss auf die kollektiven Überzeugungen[12]. Diese Dynamik führt dazu, dass „die günstigste, schmeichelhafteste Ansicht über sich selbst und die ungünstigste, abträglichste Ansicht über widerspenstige Außenseiter“[13] verbreitet wird. Die Sozialpsychologie bezeichnet diese Dynamik als fundamentalen Attributionsfehler. Ross und andere zeigten 1977 in einem Experiment, dass Menschen die Tendenz haben persönliche Anteile zu überschätzen und den situativen Kontext zu unterschätzen. Quizsituation und die soziale Rollenverteilung in Quizmaster und Kandidat führte zu der verzerrten Überzeugung, die zufällig ausgewählten „Quizmaster“ seien viel gebildeter als die „Kandidaten“[14]. Diese Überlegungen gehen auf die Attributionstheorie zurück, welche mit den Arbeiten von Fritz Haider begründet wurde. Sie besagt im Wesentlichen, dass die Menschen fortwährend herauszufinden versuchen, was ihr Verhalten verursacht. Die Frage nach dem Warum führt zu Ursachenzuschreibungen, den sogenannten Kausalattributionen[15].

[...]


[1] S. Internet: www.wonkette.com, www.fleshbot.com, www.defamer.com (alle aufgerufen am 25.01.2005)

[2] Weblogs sind Internetseiten, die eine Melange aus Tagebuch, Forum, Newsticker und Linksammlung bieten. Weltweit soll es bereits 10 Millionen geben. Vgl. Mrazek, Thomas: „Subjektive Sichtweise“.in: journalist 11/2004: 45

[3] Vgl. Elias/Scotson (1990): 166

[4] vgl. Elias (1987)

[5] Informationen, die Rührung und Betroffenheit erzeugen

[6] Vgl. Elias/Scotson (1990): 169

[7] vgl. Dearing / Rogers (1992)

[8] Elias/Scotson (1990): 169

[9] vgl. Elias (2004): 40ff

[10] Elias/Scotson (1990): 169

[11] Vgl. Elias/Scotson (1990): 179

[12] Vgl. Elias/Scotson (1990): 173

[13] Elias/Scotson (1990): 173

[14] vgl. Ross u.a. (1977)

[15] vgl. Heider (1958)

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Sozialpsychologische Überlegungen zu Elias´ und Scotsons Thesen über den Klatsch
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
PS Einführung in die Soziologie Norbert Elias´
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
9
Katalognummer
V56967
ISBN (eBook)
9783638515191
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpsychologische, Elias´, Scotsons, Thesen, Klatsch, Einführung, Soziologie, Norbert, Elias´
Arbeit zitieren
Christian Freiburg (Autor), 2005, Sozialpsychologische Überlegungen zu Elias´ und Scotsons Thesen über den Klatsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56967

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