Tugend und Laster. Gemischte Charaktere in Friedrich Schillers "Die Räuber"


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Welche Philosophen prägten den jungen Schiller und beeinflussten somit die Entstehung seines ersten Dramas und die Charakterisierung seiner Figuren?
1.2 Was ist ein gemischter Charakter?

2. „Die Räuber“ – Charakterisierung der Hauptfiguren
2.1 Franz Moor – ein Betrüger aus Verstand?
2.2 Karl Moor – ein Verbrecher aus Empfindung?

3. Fazit: Mögliche Intentionen Schillers
3.1 Franz Moor – Gefahren der Aufklärung
3.2 Karl Moor – Probleme des Sturm und Drang
3.3 Schlusswort

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur
4.3 Bildquellen

1. Einleitung

„Haben wir je einen teutschen Shakespeare zu erwarten, so ist es dieser.“ (Wiese 1937: 102) Mit diesen Worten beschrieb der Rezensent der Erfurthischen Gelehrten Zeitung am 24. Juli 1781 den damals noch unbekannten Dichter der „Räuber“. Das Erstlingswerk Schillers, das 1779/80 zu seiner Zeit an der Karlsschule entstand und das er zunächst selbstfinanziert und anonym veröffentlichte, zählt heute als das bedeutendste Drama des Sturm und Drang. An seiner Uraufführung in Mannheim nahm Schiller unerlaubter Weise teil. Schon damals galt das Drama als eine Sensation. „Himmel und Hölle kamen hier zusammen, hier drückte sich das Lebensgefühl einer jungen Generation aus.“ (Koopmann 1988: 11)

Heute gehören „Die Räuber“ einerseits zum festen Literaturkanon, andererseits ziehen sie als Theaterstück inszeniert auch nach wie vor Zuschauer in ihren Bann, die sich zuvor nicht mit Literatur auseinandergesetzt haben. Dies liegt nicht zuletzt an der herausragenden Charakterisierung der Hauptfiguren Karl und Franz Moor: „Die Helden seiner Jugenddramen sind Monstren an Tugend oder Laster, von einer ungeheuren Einmaligkeit und Eindrücklichkeit.“ (Frey 1966: 83)

Ich möchte in dieser Abhandlung herausfinden, was diese Charaktere so besonders macht und welche Wirkung Schiller mit ihnen erzielen wollte. Hierzu werde ich das Drama in Hinblick auf das Nebeneinander von Tugend und Laster, von Gut und Böse analysieren.

Meiner Annahme nach hat Schiller sich stark an dem von Lessing geprägten Begriff des „gemischten Charakters“ orientiert. In Anschluss an meine Analyse möchte ich daher Rückschlüsse auf die Wirkungsabsicht der gemischten Charaktere in den „Räubern“ ziehen.

1.1 Welche Philosophen prägten den jungen Schiller und beeinflussten somit die Entstehung seines ersten Dramas und die Charakterisierung seiner Figuren?

Um die Hintergründe der Entstehung des Dramas nachvollziehbar zu machen, gehe ich in diesem Abschnitt auf die Lehren von Ferguson, Garve, Mendelssohn, Abel und Lessing ein, an denen Schiller sich orientierte.

Mit Adam Ferguson kam Schiller bereits auf der Karlsschule in Berührung. Er galt als „Lieblingsphilosoph auf der Militär-Akademie“ (Iffert 1926: 58). Ferguson beschäftigte nicht das Individuum, sondern gesellschaftliche Phänomene. Seine „Grundsätze der Moralphilosophie“ waren Schiller aus der Übersetzung von Christian Garve bekannt. Er interessierte sich dabei vor allem für Garves Anmerkungen, was dadurch belegt ist, „daß er ganze Partien daraus auswendig zitieren konnte“ (Frey 1966: 9). Mit den Grundsätzen Fergusons Moralphilosophie, besonders der „Betonung des Willens“ (Iffert 1926: 58) des Menschen, stimmte Schiller in seinen eigenen Überlegungen überein, jedoch nicht damit, dass er „dem Menschen die Freiheit der Entscheidung zwischen Gut und Böse“ (Frey 1966: 9) nicht zugestand. Ferguson schreibt in seiner Moralphilosophie: „Vortrefflich zu seyn […] ist das höchste Ziel der menschlichen Begierden.“ (Frey 1966: 9) Danach kann der Mensch folglich nur das Gute und Tugendhafte anstreben. „Schiller dagegen erkannte (im Anschluss an Garve), daß auch der Verbrecher von „geistigen Vorstellungen“ geleitet sein kann; bei einem großen Bösewicht herrscht der „Erfindungsgeist“ über die Leidenschaften.“ (Frey 1966: 13)

Auch Moses Mendelssohn, „ein Vertreter der religiösen Richtung in der Philosophie der Aufklärung“ (Frey 1966: 12), war der Ansicht, dass der Mensch auf Vollkommenheit und somit auf das Gute aus war. „Der Gedanke, daß der Mensch sich auch zum Bösen entschließen könnte, ist Mendelssohn nie gekommen.“ (Frey 1966: 12) Nichtsdestotrotz hatte er starken Einfluss auf Schiller. Mendelssohn lehrte, dass die Vernunft über das Gefühl vorherrsche, einen Gedanken, den Schiller in seinen „Philosophischen Briefen“ übernahm, in denen er forderte: „Der Kopf muss das Herz bilden.“ (Frey 1966: 13)

Besonders geprägt wurde Schiller von Jakob Friedrich Abel, seinem Philosophielehrer an der Karlsschule, mit dem ihm eine tiefe Freundschaft verband. Wie Ferguson und Mendelssohn vertrat auch Abel die Ansicht, dass „alle menschlichen Anstrengungen sich auf die Erhaltung des Angenehmen und auf die Entfernung des Unangenehmen richten“ (Frey 1966: 15). Doch in einem für Schiller sehr entscheidenden Punkt widersprach Abel Ferguson und Mendelssohn, in seiner Betonung der „Freiheit des menschlichen Willens“ (Frey 1966: 15), der Willenskraft, welche den Menschen befähigt, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden, mit Abels Worten: „diese Fähigkeit macht ihn der Tugend und des Lasters … fähig, und setzt also Glück und Unglück in seine eigene Gewalt.“ (Frey 1966: 16) Von Abel übernahm Schiller also seine Idee von der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, einen Gedanken, der immer wieder in den „Räubern“ auftaucht.

1.2 Was ist ein gemischter Charakter?

Die Forderung nach einem gemischten Charakter stellte Gotthold E. Lessing, der bedeutendste Dichter der Aufklärung, der sich wie Schiller stark an Shakespeare orientierte. Nach seiner „Hamburgischen Dramaturgie“, einer Reihe von Theaterkritiken, die er als Dramaturg des ersten deutschen Nationaltheaters verfasste, ist es das Ziel der Tragödie, beim Zuschauer Mitleid und Furcht zu erregen.

Um dies zu erreichen, soll „der Held […] weder ein ganz tugendhafter Mann, noch ein völliger Bösewicht sein“ (Lessing 1958: 290), sondern eine realistisch gezeichnete Figur. Dies sieht Lessing dann gegeben, wenn die Figur so handelt und denkt, „als wir in seinen Umständen würden gedacht und gehandelt haben, […] kurz, wenn er [der Autor] ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne schildere.“ (Lessing 1958: 295f.) Daraus entstehe Furcht, dass es uns ebenso ergehen könne wie der Figur, was, wie Lessing herausstellt, wiederum zu Mitleid führt: „Mit einem Worte: diese Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid.“ (Lessing 1958: 294)

Es war Schillers Ziel, die Figuren in den „Räubern“ nach Lessings Vorbild als gemischte Charaktere zu gestalten, wie dieses Zitat aus seiner Selbstrezension der Räuber belegt:

„Außer dem sage ich, kann ich die Tugend selbst in keinem triumphierendern Glanze zeigen, als wenn ich sie in die Intrigen des Lasters verwickle und ihre Strahlen erhebe, denn es findet sich nichts Interessanteres in der moralisch ästhetischen Natur, als wenn Tugend und Laster an einander sich reiben.“ (Koopmann 1988: 19)

Bei seiner Charakterisierung der Hauptfiguren brachte Schiller seine an der Karlsschule erworbenen Erkenntnisse ein. „Kraft der Freiheit seines Willens kann der Mensch sich auch für das Böse entscheiden“ (Frey 1966: 15), lehrte Abel seinen Schülern; und diese Erkenntnis setzte Schiller in seinem Erstlingswerk in beiden Hauptfiguren um.

Inwiefern es sich bei den Hauptfiguren in den „Räubern“ genau um gemischte Charaktere handelt und welche Funktion ihre Darstellung hat werde ich in der folgenden Analyse des Dramas herausstellen.

2. „Die Räuber“ – Charakterisierung der Hauptfiguren

Um den Textfluss nicht zu sehr zu unterbrechen, kennzeichne ich die Zitate, die direkt aus dem Drama entnommen sind, mit hochgestellter Seitenzahl.

2.1 Franz Moor – ein Betrüger aus Verstand?

Das Drama beginnt im Saal des Schlosses der Familie Moor. Franz, der zweitgeborene Sohn, wird in dieser Szene vorgestellt. Er erweckt zunächst den Eindruck eines liebevollen Sohnes, der seinem Vater die traurige Nachricht überbringen muss, dass sein älterer Bruder Karl Verbrechen begangen habe und vor der Justiz auf der Flucht sei. Seinen Aussagen nach scheint er sowohl seinen Bruder als auch seinen Vater zu lieben: „Lasst mich vorerst […] eine Träne vergießen um meinen verlornen Bruder“11 „Euer Franz will sein Leben dran setzen, das Eurige zu verlängern. […] keine Pflicht ist mir so heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn’s um Euer kostbares Leben zu tun ist.“15

Daraufhin versucht Franz seinen Vater zu überreden, Karl zu verstoßen, ihn nicht mehr seinen Sohn zu nennen und ihm dies in einem Brief mitzuteilen. Nach anfänglichem Zweifel („Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!“17) lässt sich der alte Moor überreden und überlässt Franz sogar das Aufsetzen des Briefes.

In Franz’ anschließendem Monolog stellt sich sofort sein wahrer Charakter heraus: In Wirklichkeit hat er den Brief an den Vater selbst verfasst, um ihn dazuzubringen, seinen erstgeborenen und geliebteren Sohn Karl zu verstoßen, damit er zum Erben wird. Franz ist also ein Betrüger, jedoch ein intelligenter Betrüger, ein „Verbrecher aus Verstand“ (Wiese 1937: 103), was bedeutet, dass er „den Verstand, das Instrument zur Weltkenntnis und zur Tugendhaftigkeit, zum Üblen nutzt“ (Koopmann 1988: 20). Er behauptet sogar, dass er sich wünsche, der Inhalt des Briefes sei gelogen, um seine angebliche Liebe zu Karl zu unterstreichen: „Den Finger meiner rechten Hand wollt’ ich drum geben, dürft ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer, giftiger Lügner“12 – und dabei ist er selbst derjenige, der lügt. Im Monolog stellt Franz seine wahren Ziele heraus:

„da müsst ich ein erbärmlicher Stümper sein, wenn ich’s nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters loszulösen […]. […] Und Gram wird auch den Alten bald fortschaffen – und ihr [Amalia, Karls Geliebte] muss ich diesen Karl aus dem Herzen reißen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.“18f.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Tugend und Laster. Gemischte Charaktere in Friedrich Schillers "Die Räuber"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Einführung in die Analyse und Interpretation literarischer Texte
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V57066
ISBN (eBook)
9783638516051
ISBN (Buch)
9783638940481
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tugend, Laster, Gemischte, Charaktere, Friedrich, Schillers, Räuber, Einführung, Analyse, Interpretation, Texte
Arbeit zitieren
Ina Brauckhoff (Autor), 2006, Tugend und Laster. Gemischte Charaktere in Friedrich Schillers "Die Räuber", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57066

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