Richard Wagner und Johann Wolfgang v. Goethe


Essay, 2006

22 Seiten


Leseprobe

Präambel

Der Komponist Hans Pfitzner - dem Dank Hans Jaskulsky hier in Bochum ein vorangegangenes Symposion zu einem Konzert des Musikdirektors galt - hat die „Sternenfreundschaft“ von Richard Wagner und Schumann beschworen. Jener Musikdramatiker, der auch in der Kammermusik zuhause war, projektierte über einige Jahre einen Aufsatz zum Thema Wagner-Schumann und hielt zu diesem Thema einen Vortrag in Detmold.

Bekanntlich hat Wagner in seiner Pariser Notzeit Berichte über die musikalischen Events der Seine-Metropole für die von Schumann herausgegebene Zeitschrift für Musik verfasst. Die Verwandtschaft des musikalischen Oeuvres dieser Zeitgenossen beschränkt sich jedoch greifbar primär darauf, dass beide Komponisten Heines „Zwei Grenadiere“ vertont und dabei - unabhängig voneinander - die Marseillaise zitiert haben.

Am 29. Dezember 1840 schreibt Wagner an Robert Schumann:

„Allervortrefflichster Herr Schumann, seit fast anderthalb Jahren bin ich in Paris. Es geht mir herrlich, da ich noch nicht verhungert bin. Nächstens werden Sie wichtige Dinge von mir hören, denn ich stehe im Begriff, gränzenlos berühmt zu werden. - Vorläufig - die Veranlassung dieser Zeilen. Ich höre daß Sie die Heineschen Grenadiere componirt haben, u. daß zum Schluß die MARSEILLAISE darin vorkommt. Vorigen Winter habe ich sie auch componirt, u. zum Schluß auch die MARSEILLAISE angebracht. Das hat etwas zu bedeuten! Meine Grenadiere habe ich sogleich auf eine französische Uebersetzung componirt, die ich mir hier machen ließ u. mit der Heine zufrieden war. Sie wurden hie u. da gesungen, u. haben mir den Orden der Ehrenlegion u. 20,000 fr. jährliche Pension eingebracht, die ich direkt aus LOUIS PHILIPPE'S Privat-Casse beziehe. - Diese Ehren machen mich nicht stolz, u. ich dedicire Ihnen hiermit ganz privatim meine Composition noch einmal, trotzdem sie schon Heine gewidmet ist. Sie werden diese Auszeichnung anzuerkennen wissen, u. davon die gehörige Anzeige machen. In Gleichem er kläre ich Ihnen, daß ich die Privat- Dedication Ihrer Grenadire herzlich gern annehme, u. das Widmungs- Exemplar erwarte.

Beginnen Sie gefälligst, mich ein ganz klein Wenig in Ihr Herz zu schließen u. seien Sie versichert, daß u.s.w.

Ihr Verehrer Richard Wagner,25, rue du Helder.

P.S. Lassen Sie doch Meyerbeer nicht mehr so herunterreißen; dem Manne verdank' ich Alles u. zumal meine sehr baldige Berühmtheit.

R.W.“

[Sämtliche Briefe: Bd. 1: Briefe bis März 1842, S. 452. Digitale Bibliothek Band 107: Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 7696 (vgl. Wagner-SB Bd. 1, S. 429)] -Lesen sich Wagners Briefe an Schumann opportun freundschaftlich und amüsant, so ist in Wagners Schriften zunehmend wenig Löbliches über den Komponisten Schumann zu lesen, der - nach Wagners Meinung - zusehends dem Einflusse jüdischer Musik erlegen sei.

In Wagners eigenwilliger Musikgeschichtsdarstellung heißt es:

„Es war daher aus dem großen Beethoven eine ganz neue Erkenntniß des Wesens der Musik zu gewinnen, die Wurzel, aus welcher sie gerade zu dieser Höhe und Bedeutung erwachsen, sinnvoll durch Bach auf Palestrina zu verfolgen, und somit ein ganz anderes System für ihre ästhetische Beurtheilung zu begründen, als dasjenige sein konnte, welches sich auf die Kenntnißnahme einer von diesen Meistern weit abliegenden Entwickelung der Musik stützte.

Das richtige Gefühl hiervon war ganz instinktiv in den deutschen Musikern dieser Periode lebendig, und ich nenne Ihnen hier Robert Schumann als den sinnvollsten und begabtesten dieser Musiker. An dem Verlaufe seiner Entwickelung als Komponist läßt sich recht ersichtlich der Einfluß nachweisen, welchen die von mir bezeichnete Einmischung des jüdischen Wesens auf unsere Kunst ausübte. Vergleichen Sie den Robert Schumann der ersten, und den der zweiten Hälfte seines Schaffens: dort plastischer Gestaltungstrieb, hier Verfließen in schwülstige Fläche bis zur geheimnißvoll sich ausnehmenden Seichtigkeit. Dem entspricht es, daß Schumann in dieser zweiten Periode misgünstig, mürrisch und verdrossen auf Diejenigen blickte, welchen er in seiner ersten Periode als Herausgeber der »Neuen Zeitschrift für Musik« so warm und deutsch liebenswürdig die Hand gereicht hatte. An der Haltung dieser Zeitschrift, in welcher Schumann (mit ebenfalls sehr richtigem Instinkte) auch schriftstellerisch für die große uns obliegende Aufgabe sich bethätigte, können Sie gleichfalls ersehen, mit welchem Geiste ich mich zu berathen gehabt hätte, wenn ich mit ihm allein über die mich anregenden Probleme mich verständigen sollte: hier treffen wir wahrlich auf eine andere Sprache, als den endlich in unsere neue Ästhetik hinübergeleiteten dialektischen Judenjargon, und - ich bleibe dabei! - in dieser Sprache wär es zu einem fördernden Einvernehmen gekommen. [Sämtliche Schriften und Dichtungen: Achter Band, S. 442. Digitale Bibliothek Band 107: Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 3971 (vgl. Wagner-SuD Bd. 8, S. 255)] Und etwas später ist in Wagners soeben zitiertem Aufsatz „Aufklärungen über das Judenthum in der Musik“ zu lesen:

„Dagegen wird heute Das, worin Schumann eben die Beschränktheit seiner Begabung aufdeckte, nämlich das auf größere, kühnere Konzeption Angelegte, sorgsam von ihnen hervorgezogen: wird es nämlich in Wahrheit vom Publikum nicht recht goutirt, so kommt es zu Statten, daran nachzuweisen, dass es eben schön sei, wenn etwas keinen »Effekt« mache, und endlich kommt ihnen sogar noch der Vergleich mit dem, namentlich bei ihrem Vortrage immer noch sehr unverständlich bleibenden Beethoven der letzten Periode zu Statten, mit welchem sie nun den schwülstig uninteressanten, aber von ihnen so leicht zu bewältigenden, (nämlich seiner ganzen Anforderung nach nur glatt herunterzuspielenden)R. Schumann sehr glücklich in einen Topf werfen können, um zu zeigen, wie ja, selbst in Übereinstimmung mit dem kühnsten Ungeheuerlichen, ihr Ideal eigentlich mit dem Allertiefsinnigsten des deutschen Geistes zusammen gehe. So gilt denn endlich der seichte Schwulst Schumann's mit dem unsäglichen Inhalte Beethoven's als Ein und dasselbe, aber immer mit dem Vorbehalte, daß drastische Exzentrizität eigentlich unzulässig, und das gleichgiltig Nichtssagende das eigentlich Rechte und Schickliche sei, auf welchem Punkte dann der richtig vorgetragene Schumann mit dem schlecht vorgetragenen Beethoven allerdings ganz erträglich zu einander gehalten werden können.“

[Sämtliche Schriften und Dichtungen: Achter Band, S. 554. Digitale Bibliothek Band 107: Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 4083 (vgl. Wagner-SuD Bd. 8, S. 320)]

Schumanns „Faust“-Szenen werden weder in Wagners Schriften, noch in seinen Gesprächen mit Cosima erwähnt. Diese Komposition hat Wagner offenbar weder von der Partitur her gekannt noch jemals eine Aufführung erlebt.

Dies scheint bedauerlich, denn Wagners Haltung zu Schumanns „Faust“-Szenen wäre durchaus aufschlussreich - nicht nur für das Thema unseres Symposions. Sie könnte eine Konditionierung schaffen im Hinblick auf Wagners lebenslange Beschäftigung mit Goethe und dessen „Faust“.

Wagner und Goethe

Goethe, der von 1791-1817 als Theaterleiter in Weimar selbst auch als „Operndirektor" fungierte, hatte ein gespaltenes Verhältnis zur Musik. Er schätzte Cherubini und Mozart als Opernkomponisten, verkannte aber Schubert und Beethoven, die seine Gedichte vertont hatten. Müßig zu fragen, was Goethe über Wagner gesagt hätte, aber mit Sicherheit kann man ihn nicht zu den Propheten Wagners zählen. Eine Oper war für Goethe dann gut, wenn sich das Libretto auch ohne Musik geben ließ und ihm dann als Stück gefiel.

Wagners „Ring" bestand immerhin diese Probe, als erstmals im Jahre 1971 die (gekürzte) „Ring"-Dichtung in den Münchner Kammerspielen als politisches Drama ohne Musik gegeben wurde: anfangs belustigt, ließen sich Publikum und Darsteller zusehends vom Text tragen und fühlten sich offensichtlich wohl dabei.

Gleich zu Beginn seiner Autobiografie hebt Wagner hervor, dass sein Onkel, der Philologe und Schriftsteller Adolph Wagner (1774-1835), der mit Goethe in Korrespondenz stand, „einen nicht unbedeutenden Einfluss" auf seine Entwicklung gewann. Über „Iphigenie"erinnert sich Wagner 1873 (Cosima-Tagebücher):

„Onkel Adolph habe ihm gesagt, sie sei griechischer als die Euripideische.“

Auch Wagners Stiefvater Ludwig Geyer, dessen Liebe zu seiner Mutter Johann Rosina er gegenüber Cosima (im Jahre 1878) als „Wahlverwandtschaften" klassifiziert, kannte Goethe. Nach Wagners Aussage wurde Geyers Verslustspiel ,,Der behlehemitische Kindermord" „von Goethe freundlichst gelobt".

1830 beginnt Wagner mit der Komposition eines Schäferspiels, „das in seiner dramatischen Beziehung (. . .) durch Goethes .Laune des Verliebten' angeregt war" (eine Mitteilung an meine Freunde). Neben Shakespeares Stücken stand nach Wagners Aussage Goethes „Götz von Berlichingen" Pate für sein erstes Trauerspiel „Leubald und Adelaide" (1828). Im selben Jahr, als Goethe die Arbeit an seinem „Faust" beendet (1831), komponiert Richard Wagner sieben Kompositionen zu Goethes „Faust l" für Gesang mit Klavierbegleitung, angeregt durch die erste Leipziger Aufführung, in der seine Schwester Rosalie das Gretchen verkörperte. Diese frühest erhaltenen Kompositionen Wagners zeigen durchaus schon den Ansatz zu einem eigenen Kompositionsstil; die Komposition des Melodrams „Ach neige du Schmerzensreiche" nimmt bereits ein Thema aus der Oper

„Die Feen" (1831) vorweg.

Bad Lauchstädt, wo Wagner 1834 mit dem „Don Giovanni" als Dirigent debütiert, vermag auf ihn trotz des Gedankens, dass das „aus Holz errichtete Theater (. ..) nach Goethes Plan ausgeführt" und hier „Die Braut von Messina" uraufgeführt worden war, nur „einen sehr bedenklichen Eindruck" zu machen. Doch Wagner nimmt den Gedanken, ein Festspielhaus aus Holz zu errichten, in Zürich selbst als Plan auf. Und tatsächlich hat das Lauchstädter Theater einige Ähnlichkeit mit dem späteren Bayreuther Festspielhaus: die Reihen steigen amphitheatral an, ein Rang ohne Seitenlogen und ein segelförmiges Dach betonen die Hinlenkung auf das dramatische Geschehen, das in diesem Raum einzig Wichtigkeit hat. Mit der Bethmannschen Schauspieltruppe reist Wagner im August 1834 nach Rudolstadt und kommt so „zum ersten Male durch Weimar, wo ich an einem regnerischen Tage mich nach dem Haus Goethes mit Neugier, aber ohne Ergriffenheit umsah, ich hatte mir etwas andres darunter vorgestellt, und erwartete mir von dem regen Theatertreiben in Rudolstadt (...) lebendigere Eindrücke." (Mein Leben)

Für die Aufführung von Beethovens 9. Symphonie am 5. April 1846 verfasst Wagner ein Programm, in dem er die Musik durch Zitate aus Goethes „Faust" zu übersetzen sucht. Wagner erinnert sich:

„Es ist nicht möglich, dass je das Werk eines Meisters mit solch' verzückender Gewalt das Herz des Schülers einnahm, als wie das meinige vom ersten Satze dieser Symphonie erfasst wurde. Wer mich vor der aufgeschlagenen Partitur, als ich sie durchging, um die Mittel der Ausführung derselben zu überlegen, überrascht, und mein tobendes Schluchzen und Weinen wahrgenommen hätte, würde allerdings verwunderungsvoll haben fragen können, ob dieß das Benehmen eines königlich sächsischen Kapellmeisters sei! [...] Zuerst entwarf ich nun in Form eines Programmes, wozu mir das nach Gewohnheit zu bestellende Textbuch zum Gesang der Chöre einen schicklichen Anlass gab, eine Anleitung zum gemüthlichen Verständniß des Werkes, um damit - nicht auf die kritische Beurtheilung - sondern rein auf das Gefühl der Zuhörer zu wirken. Dieses Programm, für welches mir Hauptstellen des Goethe'schen »Faust« eine über Alles wirksame Hülfe leisteten, fand nicht nur zu jener Zeit in Dresden, sondern auch späterhin an anderen Orten erfreuliche Beachtung. Außerdem benutzte ich in anonymer Weise den Dresdener Anzeiger, um durch allerhand kurzbündige und enthusiastische Ergüsse das Publikum auf das, wie man mir ja versichert hatte, bis dahin in Dresden »verrufene« Werk anregend hinzuweisen. Meine Bemühungen, schon nach dieser äußerlichen Seite hin, glückten so vollständig, daß die Einnahme nicht nur in diesem Jahre alle je zuvor gewonnenen übertraf, sondern auch die Orchestervorsteher die darauf folgenden Jahre meines Verbleibens in Dresden regelmäßig dazu benutzten, durch Wieder- Vorführung dieser Symphonie sich der gleichen hohen Einkünfte zu versichern.“

[Sämtliche Schriften und Dichtungen: Zweiter Band, S. 90. Digitale Bibliothek Band 107: Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 627 (vgl. Wagner-SuD Bd. 2, S. 52-53)]

Die Verse, die Wagner aus Goethes „Faust“ Beethovens Neunter voranstellt, heißen: „War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,die mir das inn're Toben stillen,

das arme Herz mit Freude füllen, und mit geheimnisvollem Trieb

die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?“

Und in der programmatischen Erläuterung formuliert Wagner:

„Muss nun zunächst zugestanden werden, dass das Wesen der höheren Instrumentalmusik namentlich darin besteht, in Tönen das auszusprechen, was in Worten unaussprechbar ist, so glauben wir uns hier auch nur andeutungsweise der Lösung einer unerreichbaren Aufgabe selbst dadurch zu nähern, dass wir Worte unseres großen Dichters Goethe zu Hilfe nehmen, wenn sie auch keineswegs mit Beethovens Werke in einem unmittelbaren Zusammenhange stehen (.. .)" (Beethovens Neunte Symphonie [Programm]).

In ,,Oper und Drama" setzt Wagner Goethes künstlerische Gestaltung des griechischen Lebens ebenfalls mit der Komposition von Beethovens „wichtigsten symphonischen Sätzen" gleich: „wie Beethoven sich der fertigen absoluten Melodie bemächtigte, sie ge- wissermaßen auflöste, zerbrach und ihre Glieder durch neue organische Belebung zusammenfügte, um den Organismus der Melodie selbst zum Gebären fähig zu machen, — so ergriff Goethe den fertigen Stoff der ‚Iphigenia', zersetzte ihn in seine Bestandteile, und fügte diese durch organisch belebende dichterische Gestaltung von neuem zusammen, um so den Organismus des Dramas selbst zur Zeugung der vollendeten dramatischen Kunstform zu befähigen.“

Wagners Faust-Ouvertüre

Bereits 1839 hatte Wagner in Paris den Plan zu einer eigenen „Faust-Symphonie“ gefasst, der sich jedoch bald auf eine „Faust“-Ouvertüre reduzieren sollte.

Am 18. 1. 1840 schreibt Wagner an Giacomo Meyerbeer:

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Richard Wagner und Johann Wolfgang v. Goethe
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Musikalisches Zentrum)
Veranstaltung
Vortrag beim Faust-Symposion
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V57072
ISBN (eBook)
9783638516105
ISBN (Buch)
9783638665087
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Richard, Wagner, Johann, Wolfgang, Goethe, Vortrag, Faust-Symposion
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Peter P. Pachl (Autor), 2006, Richard Wagner und Johann Wolfgang v. Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57072

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