1. Einleitung
Organisationen sind heute ein zentrales, wenn nicht sogar das konstituierende Element moderner Gesellschaften. Charles Perrow ging bereits 1991 soweit zu behaupten, dass große Organisationen die Gesellschaft absorbiert hätten und als ihr Surrogat fungierten. Obwohl diese weitreichende These, die auf Lohnabhängigkeit, der Externalitätenlogik und auf hierarchischer Bürokratie basiert, kaum noch zeitgemäß und daher diskussionswürdig ist, kann doch jeder Einzelne leicht die herausragende gesellschaftliche Stellung von Organisationen nachvollziehen. Indem man sich überlegt, welchen und vor allem wie vielen Organisationen man selbst angehört oder verbunden ist, wird deutlich, wie weitgehend der individuelle Alltag strukturiert bzw. „organisiert“ ist. Zu denken sei zum Beispiel an den jeweiligen Arbeitgeber oder die Gemeinde, an das Land und den Staat, in dem man lebt. In Betracht zu ziehen sind auch Parteien, Verbände oder Sport- und sonstige Vereine. Zu betonen ist weiterhin, dass man sich einer solchen „Organisiertheit“ kaum entziehen kann, da häufig Zwangs- oder zumindest wenig selbst bestimmte Mitgliedschaften bestehen. Ein Beispiel dafür ist u.a. die Krankenversicherungspflicht. Alle beispielhaft aufgeführten Systeme – die Liste ließe sich beliebig erweitern – zeichnen sich durch spezifische Ziele, eine geregelte Arbeits- bzw. Beitragsteilung und mehr oder weniger feste Grenzen aus. Ohne theoriegeleitenden Definitionen vorweggreifen zu wollen, lassen sie sich somit im allgemeinen Sinne als Organisationen begreifen (vgl. Schreyögg 1996: 9-11). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Strategische Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg
3. Die Erklärungskraft des Ansatzes
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn der Strategischen Organisationsanalyse nach Michel Crozier und Erhard Friedberg. Dabei wird kritisch hinterfragt, inwieweit dieser mikropolitische Ansatz, der organisationales Handeln als Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen autonomen Akteuren begreift, über die bloße rückwirkende Interpretation hinaus allgemeingültige Erklärungen liefern kann.
- Grundlagen der Strategischen Organisationsanalyse (Macht, Strategie, Spiel)
- Die Rolle der begrenzten Rationalität nach Herbert Simon
- Methodische Grenzen und das Problem der Intersubjektivität
- Wissenschaftstheoretische Einordnung im Kontext des Kritischen Rationalismus
Auszug aus dem Buch
Die Strategische Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg
Das grundlegende, konstituierende Konzept des Ansatzes ist das der Macht. Für Michel Crozier und Erhard Friedberg, deren Forschungs- und Interessengebiete sich weitgehend auf dem Feld der Soziologie bewegen, ist Macht der wesentliche Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Beziehung (sehr deutlich bei Friedberg 1988: 41). Zieht man nun die akteurszentrierte Perspektive auf die Organisation in Betracht, wird deutlich, welche essentielle Stellung dieses Konzept innehat:
„Jede ernstzunehmende Analyse kollektiven Handelns muß also Macht in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen, denn kollektives Handeln ist im Grunde nichts anderes als tagtägliche Politik. Macht ist ihr ‚Rohstoff’.“ (Croizier und Friedberg 1979/1992: 14).
Auf den ersten Blick mag das auf eine kulturpessimistische Sichtweise der Autoren hindeuten. So wird der Begriff Macht und entsprechende Zusammensetzungen wie Machtpoker oder Machtspiele im Alltagsgebrauch mit deutlich negativen Konnotationen verbunden. Um sich allerdings der strategischen Organisationsanalyse zu nähern, ist es notwendig, den Begriff der Macht zu „enttabuisieren“ (Friedberg 1988/1992: 40). Dazu abstrahieren Crozier und Friedberg die Macht von ihrer Quelle. Macht wird im weiten Sinne aufgefasst als die Möglichkeit von einzelnen Menschen oder Koalitionen auf andere Menschen Einfluss zu nehmen (Crozier und Friedberg 1979/1992: 39). Es wird deutlich, dass sich Macht folglich nur dort ergibt, wo Menschen miteinander in Beziehung treten (ibid.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet Organisationen als konstituierende Elemente moderner Gesellschaften und führt den Begriff der Mikropolitik als Forschungsrahmen ein, der organisatorische Prozesse als Aushandlung von Interessen versteht.
2. Die Strategische Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg: Hier werden die drei zentralen Konzepte – Macht, Strategie und Spiel – systematisch dargestellt, wobei der Fokus auf der begrenzten Rationalität und der Autonomie der handelnden Akteure liegt.
3. Die Erklärungskraft des Ansatzes: Dieses Kapitel kritisiert die Grenzen des Ansatzes, insbesondere hinsichtlich der mangelnden Operationalisierbarkeit, der Schwierigkeit intersubjektiver Überprüfbarkeit und der Problematik des erkenntnistheoretischen Subjektivismus.
4. Schlussfolgerungen: Die Arbeit resümiert, dass der Ansatz zwar sensible Einzelfallanalysen ermöglicht, jedoch aufgrund seines hohen Abstraktionsniveaus und der Verweigerung gegenüber verallgemeinerbaren Erklärungen den Anforderungen an eine wissenschaftliche Sozialforschung nur bedingt gerecht wird.
Schlüsselwörter
Mikropolitik, Strategische Organisationsanalyse, Macht, begrenzte Rationalität, Spieltheorie, Organisationstheorie, Akteurszentrierung, Handlungsspielraum, Ungewissheitszonen, Subjektivismus, Induktionsprinzip, Kritischer Rationalismus, Fallstudie, soziale Interaktion, Autonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Erkenntniswert der Strategischen Organisationsanalyse von Crozier und Friedberg, die Organisationen aus der Perspektive der Mikropolitik und der Aushandlung individueller Machtinteressen betrachtet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Machtbeziehungen in Organisationen, die strategische Handlungslogik von Akteuren und die wissenschaftstheoretische Frage, wie solche Prozesse methodisch korrekt erfasst werden können.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die Strategische Organisationsanalyse tatsächlich organisatorisches Handeln erklären kann oder ob sie auf eine rein interpretative Beschreibung von Einzelfällen begrenzt bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit argumentiert vor dem Hintergrund des Kritischen Rationalismus und prüft den Ansatz kritisch auf seine Falsifizierbarkeit und wissenschaftliche Systematik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der zentralen Konzepte (Macht, Strategie, Spiel) und eine detaillierte kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen der Erklärungskraft dieses Ansatzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Mikropolitik, Macht, begrenzte Rationalität, Strategische Organisationsanalyse, Subjektivismus und Intersubjektivität sind die prägenden Begriffe.
Warum kritisieren Sie die Interview-Methode innerhalb dieses Ansatzes?
Die Kritik basiert auf der Annahme, dass Interviews soziale Interaktionen sind, in denen der Befragte seine Informationen strategisch steuert, was eine objektive Datengewinnung im Sinne Croziers erschwert.
Was ist das "Integrationsproblem" der Organisation laut Crozier und Friedberg?
Das Problem besteht darin, wie aus dem Zusammenprall der individuellen Machtstrategien zahlreicher autonomer Akteure eine funktionierende Organisation entstehen kann, ohne dass ein Gesamtziel a priori vorgegeben ist.
- Quote paper
- Christian Rauh (Author), 2005, Mikropolitik – Verstehen oder Erklären? Der Erkenntnisgewinn der Strategischen Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57150