Das Prinzip der Traumatisierung in den Romanen 'Der Vorleser' von Bernhard Schlink und 'weiter leben' von Ruth Klüger unter fachdidaktischem Aspekt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Traumatisierung/Transposition
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Traumatisierung der Opfer und die Auswirkungen auf die zweite Generation
1.3 Traumatisierung der Täter und die Auswirkungen auf die zweite Generation

2. Traumatisierung/Transposition im ‚Vorleser’
2.1 Die Rolle des Vaters
2.2 Traumatisierung bei Hanna
2.3 Traumatisierung bzw. Transposition bei Michael
2.3.1 Das Prinzip der Schuld als Transposition
2.4 Didaktische Aspekte des ‚Vorlesers’

3. Traumatisierung in ‚weiter leben’
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Traumatisierung der Ich-Erzählerin
3.2.1 Das Prinzip des Verschweigens
3.2.2 Das Prinzip der Schuld
3.3 Didaktische Aspekte

4. Literaturliste

1. Traumatisierung/Transposition

1.1 Vorbemerkungen:

Die psychischen Folgen, die der zweite Weltkrieg nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei den Tätern hinterlassen hat, sind heute – und dies war nicht immer so – unbestritten.

Dass jedoch auch die zweite und dritte Generation von den Verbrechen der NS-Zeit zum Teil schwerwiegende Psychosen davongetragen haben, konnte erst in neueren Untersuchungen festgestellt werden. Die Traumatisierungen, die die Elterngeneration durch die Schrecken des Krieges erlitten hat, scheinen sich in meist abgewandelter Form auch auf die nachfolgenden Generationen übertragen zu haben. Das Konzept der Transposition, also der Übertragung, wurde in diesem Zusammenhang entwickelt, um psychische Schäden der Kinder von Überlebenden besser erkennen und behandeln zu können.

Dabei stellt sich zuallererst die Frage, welche psychischen Spuren die NS-Verbrechen bei den Tätern und den Opfern hinterlassen haben, um daran anschließend die psychischen Schäden zu untersuchen, die eine solche Elterngeneration an ihre Kinder weitergegeben bzw. übertragen hat.

Da kurz nach Ende des Krieges die weit verbreitete Meinung herrschte, dass durch die Beendigung einer traumatischen Situation eine hierdurch hervorgerufene Gesundheitsstörung ebenfalls bald zu Ende gehen würde, gibt es aus dieser Zeit und auch aus den folgenden Jahren kaum Untersuchungen über die unmittelbaren psychischen Auswirkungen, die der Krieg nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei den Tätern hatte. Außerdem herrschte nach Kriegsende auf beiden Seiten das Bedürfnis die schrecklichen Ereignisse zu verdrängen oder totzuschweigen, wodurch eine Verarbeitung des Erlebten praktisch unmöglich wurde.

Klein und Kogan schrieben in ihren Untersuchungen zu diesem Thema, dass „ der Pakt der schamvollen Stille zwischen den Überlebenden und der Welt aus der Notwendigkeit der Opfer [entsteht], zu vergessen und der Notwendigkeit der Welt, zu verleugnen.“[1]

Durch verschiedene psychologische Untersuchungen weiß man jedoch, dass gerade das Verdrängen und Verschweigen eines traumatischen Erlebnisses zu schwerwiegenden Psychosen führen können.

1.2 Traumatisierung der Opfer und die Auswirkungen auf die zweite Generation:

Historisch und psychologisch endete diese „Latenzperiode“ erst in den sechziger Jahren, als sich die Öffentlichkeit verstärkt mit den Gräueltaten der Nazizeit und deren Auswirkungen auf die Beteiligten auseinanderzusetzen begann. Vor allem in Israel und Amerika, wo die meisten jüdischen Opfer der Nazizeit lebten, begannen Psychologen damit, deren psychische Störungen unter Berücksichtigung ihrer traumatischen Erlebnisse im Krieg zu untersuchen und zu behandeln.

Durch diese Untersuchungen wurden bei den meisten Opfern sehr ähnliche Symptome festgestellt, die allgemein als „posttraumatische Belastungsstörungen“ bezeichnet werden, deren Merkmal „die Ausbildung charakteristischer Symptome nach einem belastenden Ereignis ist, das außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung liegt.“[2]

Dabei wird das erlebte Trauma ständig durch Erinnerungen, unzensierte Albträume, flashbacks und intensives psychisches Leiden wiederholt und von neuem durchlebt. Hinzu kommen Symptome wie Reizbarkeit, Wutausbrüche, Schlafstörungen und physiologische Reaktionen bei einer Konfrontation mit bestimmten Symbolen oder Ereignissen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen.[3]

Etwas früher hatte W.G. Niederland[4] bei den meisten Opfern eine tief verankerte „Überlebensschuld“ festgestellt, die sich durch anhaltende Selbstvorwürfe und Schuldgefühle auszeichnet und dies allein aufgrund der Tatsache, dass man selbst überlebt hat und andere nicht.

Außerdem hatte er bei seinen Untersuchungen das so genannte „Survivor-Syndrom“ entdeckt, das sich darin zeigt, dass bei anhaltender Folter und Unterdrückung bei dem Opfer die Traumatisierung mit einer Identifikation mit dem Folterer verknüpft wird. Dies bedeutet, dass ständige erzwungene Unterwerfung mit der Zeit dazu führen kann, dass der Unterlegene Funktionen und Züge des Folterers übernimmt und diese später gegen sich selbst oder andere richtet.

Betrachtet man diese wenigen Symptome, die die traumatischen Erlebnisse während des Krieges bei vielen Opfern hinterlassen haben, so wird deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass auch die folgende Generation, die in einem solchen Umfeld aufwachsen muss, psychische Schäden davonträgt.

Obwohl es wie gesagt bisher nur wenige Untersuchungen über die zweite Generation gibt, hat man doch festgestellt, dass deren psychische Schäden nicht durch bestimmte Symptome, wie bei den Eltern beobachtet, hervortreten, sondern eher auf der Ebene der Identitätsfindung und vor allem der übermäßigen Identifikation mit der Elterngeneration liegen. Die Kinder der Opfer neigen verstärkt dazu, sich unbewusst mit den verlorenen, aber dennoch für die Eltern stets gegenwärtigen Toten zu identifizieren.

Des Weiteren konnte bei der zweiten Generation eine Übertragung der Überlebensschuld der Eltern festgestellt werden. Während die Elterngeneration diese Schuld jedoch gegenüber den vielen Toten empfindet, leiden die Kinder unter einer massiven Trennungsschuld ihren Eltern gegenüber. Den Eltern fällt es aufgrund der vielen erlittenen Verluste sehr schwer, auch noch die eigenen Kinder ‚zu verlieren’ und in die Selbständigkeit zu entlassen, während die Kinder diese Angst der Eltern natürlich spüren und sich bei einer Loslösung extrem schuldig fühlen.

1.3 Traumatisierung der Täter und die Auswirkungen auf die zweite Generation:

Widmet man sich nun der Generation der Täter und deren Kindern, so erweist sich eine solche Untersuchung als wesentlich schwieriger, da im Gegensatz zu den Opfern auch Jahrzehnte nach dem Krieg fast keine psychologischen Untersuchungen stattgefunden haben.

Dies hat mehrere Gründe: Zum einen kehrte sich die Elterngeneration nach dem verlorenen Krieg von der Geschichte ab und floh innerlich in Verdrängung und Verweigerung, äußerlich in die Euphorie des Wiederaufbaus. Eine Mauer des Schweigens wurde errichtet, die Jahrzehnte überdauerte und sich auch auf die folgende Generation übertrug.

Diese Kinder waren folglich dazu gezwungen zum Schweigen der Eltern ebenfalls zu schweigen, wenn sie die lebensnotwendige Zuneigung der Eltern nicht gefährden wollten. Außerdem entstand durch dieses Schweigen eine unüberwindbare Barriere zwischen den Generationen., was den Kindern schon früh das Gefühl vermittelt haben muss, dass sie ihre Eltern nie richtig erreichen und ihnen nie wirklich genügen konnten.

Welche Auswirkungen dieses anhaltende Verschweigen und Verdrängen nicht nur auf die Eltern, sondern auch auf die Kinder haben müssen, ist ebenfalls kaum bekannt. Jedoch lässt eine erstaunlich hohe Zahl von Suiziden kurz nach Ende des Krieges und in den Jahren danach, sowie vereinzelte psychologische Therapien mit Kindern darauf schließen, dass auch die Tätergeneration an psychischen Schäden leidet, die sie auf ihre Kinder übertragen hat.

Mittlerweile geht man auch bei den meisten (aktiven) Tätern davon aus, dass sie unter „posttraumatischen Belastungsstörungen“ leiden, die den Symptomen der Opfer sehr stark ähneln. Diese Annahme begründet sich jedoch hauptsächlich auf psychologischen Untersuchungen der zweiten Generation, da man hierbei frappierende Ähnlichkeiten mit den Kindern der Opfer feststellen konnte und sich dies nur mit der These erklären kann, dass die Täter und die Opfergeneration unter ähnlichen psychischen Störungen leiden müssen und diese dann an ihre Kinder weitertradiert haben müssen. Obwohl ein solcher Vergleich verständlicherweise ziemlich heikel und umstritten ist, da es unbestreitbar große Unterschiede zwischen den Kriegserlebnissen der Täter und der Opfer gibt, sind die festgestellten psychischen Ähnlichkeiten bei den Kindern der Opfer und der Täter jedoch unübersehbar.

So weisen viele Kinder der Täter ebenfalls große Probleme bei der eigenen Identitätsfindung, sowie eine verstärkte Identifizierung mit verstorbenen Verwandten auf. Faimberg nennt dieses Phänomen eine „Ineinanderrückung (télescopage) der Generationsabfolge.“[5] Sie leiden außerdem unter Wahrnehmungs- und Realitätsverzerrungen, Gefühlsflachheit und emotionaler Starre, eben jenen psychischen Manövern, mit denen sich die menschliche Psyche gegen Unerträgliches zu schützen versucht.

Dörte von Westernhagen wagt in ihrem Buch „Die Kinder der Täter“[6] die These, dass praktisch die gesamte zweite Generation mit dem Problem einer zutiefst zwiespältigen Identitätsbildung zu kämpfen hat. Sie führt dies auf das Dilemma zurück, in welchem sich die gesamte Nachkriegsgeneration befunden hat: „Mußten wir als Heranwachsende die Eltern um unserer eigenen Selbstachtung willen nicht verachten? Und mussten wir als Kinder sie nicht gleichzeitig auch so vorbehaltlos lieben, wie jedes Kind das zunächst einmal braucht und möchte […].“[7]

2. Traumatisierung/Transposition im „Vorleser“

In den folgenden Ausführungen soll nun versucht werden, das Prinzip der Traumatisierung bzw. der Transposition auf den Roman der Vorleser von Bernhard Schlink[8] anzuwenden.

Betrachtet man die beiden Hauptfiguren des Romans – Hanna und Michael - unter dem Aspekt der Traumatisierung, so ist zuerst zu klären, dass beide in den Bereich der Täter bzw. der Täterkinder fallen.

Dabei ist jedoch zu beachten, dass Michael nicht eindeutig als Täterkind charakterisiert werden kann, da der Roman nur sehr wenige Informationen über die Vergangenheit des Vaters liefert.

2.1 Rolle des Vaters:

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird in groben Zügen als distanziert und kühl beschrieben. Ganz offensichtlich leidet der Ich-Erzähler unter dieser Distanziertheit und dem Desinteresse, mit dem sein Vater ihm und seinen Geschwistern begegnet, da er ihm vorwirft „…wir, seine Familie, seien für ihn wie Haustiere“[9] gewesen. Er sehnt sich danach vom Vater beachtet und geliebt zu werden, doch dieser sieht seinen Beruf, „…Denken und Lesen und Schreiben und Lehren“[10] als das Wesentliche in seinem Leben an.

Die Distanz zwischen den Generationen wird an diesen Stellen besonders deutlich, ebenso die Unfähigkeit zwischen Vater und Sohn miteinander zu sprechen. „Wenn wir Kinder unseren Vater sprechen wollten, gab er uns Termine wie seinen Studenten.“[11]

Ob die Distanz und die Mauer des Schweigens, die zwischen Vater und Sohn herrschen, wirklich auf eine Traumatisierung des Vaters durch dessen Kriegserlebnisse zu erklären ist, lässt sich aus den wenigen Angaben schwerlich behaupten.

[...]


[1] Klein, H.; Kogan, I.: Identification processes and denial in shadow of nazism. Int. J. Psychoanal. 67, 1986.

S. 47

[2] Krause, Rainer: Psychische Folgen des Holocaust. Die Kinder der Täter und Opfer. In: Christa Rohde-Dachser

(Hg.): Beschädigungen. Psychoanalytische Zeitdiagnosen. Göttingen 1992, S. 52

[3] vgl. ebd. S. 52 ff.

[4] Niederland, W.G.: Folgen der Verfolgung. Das Überlebendensyndrom Seelenmord. Suhrkamp Verlag,

Frankfurt am Main 1980

[5] Faimberg, Haydée: Das Ineinanderrücken der Generationen. Zur Genealogie gewisser Identifizierungen. In: Jahrbuch der Psychoanalyse Bd. 20, 1988. S. 122

[6] Westernhagen, Dörte: Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach. Kösel Verlag,

München 1987

[7] ebd. S. 157

[8] Bernhard Schlink, Der Vorleser. Diogenes Verlag, Zürich 1995

[9] ebd. S. 31

[10] ebd.

[11] ebd. S. 134

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das Prinzip der Traumatisierung in den Romanen 'Der Vorleser' von Bernhard Schlink und 'weiter leben' von Ruth Klüger unter fachdidaktischem Aspekt
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V57160
ISBN (eBook)
9783638516815
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prinzip, Traumatisierung, Romanen, Vorleser, Bernhard, Schlink, Ruth, Klüger, Aspekt
Arbeit zitieren
Jana Marquardt (Autor), 2004, Das Prinzip der Traumatisierung in den Romanen 'Der Vorleser' von Bernhard Schlink und 'weiter leben' von Ruth Klüger unter fachdidaktischem Aspekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57160

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