In dieser arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob die Religion oder die Religionen einen Einfluss auf die Politik der beiden Länder USA und Isral hat beziehungsweise haben und wie dieser Einfluss ausgeprägt ist. Dabei verwende ich zum einen das Konzept der Zivilreligion, das von Bellah in die soziologische Literatur eingeführt wurde, und zum anderen das Konzept des Nationalismus. Konkret werde ich mit Hilfe der beiden Konzepte untersuchen, wie das Verhältnis von Nation und Religion in den beiden Nationalstaaten ausgeprägt ist. Einige Aussagen, die des öfteren zu hören sind, lassen vermuten, dass die beiden Länder gewisse Ähnlichkeiten im Verhältnis von Nation und Religion aufweisen. Oft fallen Äußerungen, wie das „amerikanische Israel“, „USA – das neue Israel Gottes“ auf, die zum Beispiel auch Bellah in seinem ersten Artikel über die Zivilreligion in den USA erwähnt (vgl. Bellah 1986, S. 32f) oder der Begriff des „neuen Zion“, welcher bei Wehler erscheint (vgl. Wehler 2001, S. 21).
Ich dagegen versuche anhand der folgenden Untersuchungen zu zeigen, dass eine grundlegende Unterscheidung bezüglich der beiden Länder, die dieses Verhältnis beschreibt zu treffen ist. Die Differenz kann man in den folgenden zwei Thesen zusammenfassen: ‚In den USA gibt es eine Religion der Nation.’ und ‚Israel ist eine Nation der Religion.’
Um diese Unterscheidung herauszuarbeiten, werde ich zuerst die beiden Konzepte der Zivilreligion und des Nationalismus theoretisch vorstellen, indem ich sie beschreibe, deren Funktion bestimme und sie in der Soziologie verorte. Anschließend sollen diese beiden Konzepte auf die beiden Länder jeweils getrennt angewandt werden. Bei beiden Ländern werde ich damit beginnen die Existenz einer Zivilreligion nachzuweisen, um dann die jeweiligen Besonderheiten herauszuarbeiten. Im Falle der USA werde ich mich dabei vor allem auf Bellah und seinen Ausführungen zur Zivilreligion, im Fall Israels auf das Werk „Civil Religion in Israel“ von Liebmann und Don-Yehiya beziehen. Das Verhältnis von Nation und Religion versuche ich dann mit Durkheims Religionssoziologie in Verbindungen bringen und untersuchen inwieweit diese auf das jeweilige Verhältnis anzuwenden ist. Zum Schluss gilt es die gewonnenen Ergebnisse zusammenzufassen, eine Stellungnahme abzugeben und zu kontrollieren, ob die oben genannte Vermutung bezüglich der Differenz beider Länder zutreffend ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung der Arbeit
2. Das Konzept der Zivilreligion
2.1. Ursprung und Definition
2.2. Die Funktion der Zivilreligion
3. Religion und Nationalismus
3.1. Gemeinsamkeiten von Religion und Nationalismus
3.2. Unterschiede zwischen Religion und Nationalismus
4. Zivilreligion und Nationalismus in der USA
4.1 Die Existenz einer Zivilreligion in der USA
4.2 Besonderheiten der amerikanischen Zivilreligion
4.2.1 Trennung von Kirche und Staat und Religionsfreiheit
4.2.2 Symbolik und Beispiele
4.3. Funktionen der Zivilreligion in den USA
4.4. Nationalismus in den USA
4.5. Die Religion der Nation
5. Zivilreligion und Nationalismus in Israel
5.1. Das Grundproblem der kollektiven Identität
5.2. Die Zivilreligionen in Israel
5.2.1. Strategien der Zivilreligionen
5.2.2. Zionistischer Sozialismus
5.2.3. Der revisionistische Zionismus
5.2.4. Der Statismus
5.2.5. Die neue Zivilreligion
5.3. Die Nation der Religion
6. Zusammenfassung und Standpunkt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Politik und Religion in den USA und Israel anhand der Konzepte Zivilreligion und Nationalismus, mit dem Ziel, die These zu belegen, dass in den USA eine „Religion der Nation“ existiert, während Israel eine „Nation der Religion“ darstellt.
- Konzeptualisierung von Zivilreligion und deren Funktionen.
- Analyse des Verhältnisses von Religion und Nationalismus.
- Empirische Untersuchung der Zivilreligion in den USA durch Präsidentschaftsreden.
- Vergleichende Analyse der verschiedenen Zivilreligionen in Israel.
- Gegenüberstellung von staatlicher Trennung vs. religiöser Verwobenheit in beiden Ländern.
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Existenz einer Zivilreligion in der USA
Robert N. Bellah löste mit seinem ersten Artikel „Zivilreligion in Amerika“ 1967 viele kontroverse Diskussionen aus. Dort behauptet er, dass neben den Kirchen „... eine entwickelte und fest institutionalisierte Zivilreligion besteht.“ (Bellah 1986, S. 19). Es gab laut Bellah viele Reaktionen auf die von ihm vorgebrachte These, die einerseits zustimmend, andererseits ablehnend ausgeprägt waren. Aber nicht nur Bellah geht von der Richtigkeit dieser These aus, sondern auch noch andere Wissenschaftler, wie zum Beispiel Cynthia Toolin. Sie führte im Anschluss an diese Behauptung eine empirische Studie aller Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten seit Gründung der Nation durch und kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass so etwas wie eine Zivilreligion existiere (vgl. Toolin 1983, S. 39). Diese Studie und der Text von Bellah zeigen, dass die Existenz einer Zivilreligion anhand der Reden von Präsidenten zu erkennen ist und beweist damit gleichzeitig die enge Verbindung von Religion und Politik in der USA.
Toolin suchte in den Antrittsreden nach Indikatoren der Zivilreligion. Indikatoren so glaubt sie sind: Die Referenz an Gott, die Aufzählung von Tugenden, bestimmte religiöse Inhalte und religiöse und politische Referenzen zusammen. Aber nicht nur diese erlauben es von einer Zivilreligion zu sprechen, sondern auch nicht-religiöse Bezüge, die zur Legitimierung politischen Handelns benutzt werden (vgl. Toolin 1983, S. 40f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fragestellung der Arbeit: Einführung in das Thema der soziologischen Untersuchung des Verhältnisses von Religion und Politik in den USA und Israel.
2. Das Konzept der Zivilreligion: Theoretische Herleitung des Begriffs Zivilreligion, seiner Definition und funktionalistischen Bedeutung in der Soziologie.
3. Religion und Nationalismus: Untersuchung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Konzepten Religion und Nationalismus als Deutungssysteme.
4. Zivilreligion und Nationalismus in der USA: Analyse der Existenz, Besonderheiten und Funktionen der Zivilreligion sowie des Nationalismus in den USA.
5. Zivilreligion und Nationalismus in Israel: Untersuchung des Identitätsproblems in Israel und der verschiedenen Zivilreligionen sowie deren Verflechtung mit der traditionellen Religion.
6. Zusammenfassung und Standpunkt: Synthese der Ergebnisse und Bestätigung der Thesen zum unterschiedlichen Verhältnis von Nation und Religion in den USA und Israel.
Schlüsselwörter
Zivilreligion, Nationalismus, USA, Israel, Religion, Politik, Identität, Zionismus, Statismus, Säkularisierung, Judaismus, Legitimierung, Integration, Kollektivgefühle, Religion der Nation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Verhältnis von Politik und Religion in den USA und Israel unter Verwendung der soziologischen Konzepte der Zivilreligion und des Nationalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Integration und Legitimation von politischen Systemen durch religiöse oder säkulare Symbole sowie die Herausbildung nationaler Identitäten in beiden Ländern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These zu untermauern, dass die USA als „Religion der Nation“ und Israel als „Nation der Religion“ zu verstehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine komparative soziologische Analyse, die theoretische Konzepte (u.a. von Bellah, Durkheim, Wehler) auf empirische Gegebenheiten und Literaturbeispiele anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der USA (Zivilreligion, Präsidentschaftsreden) und Israels (Identitätsproblematik, Zivilreligionen wie Zionismus und Statismus) sowie deren Verhältnis zur traditionellen Religion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Zivilreligion, Nationalismus, USA, Israel, kollektive Identität, Säkularisierung und die Interdependenz von Religion und Staat.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Nationalismus in den USA und Israel laut Autor?
In den USA gilt der Nationalismus als rein säkularer Nährboden für die Nation, während in Israel der Nationalismus aufgrund der Einzigartigkeit des Judaismus als religiös motiviert oder untrennbar von der traditionellen Religion betrachtet wird.
Warum wird im Fall von Israel von einer „Nation der Religion“ gesprochen?
Der Autor argumentiert so, weil die traditionelle Religion des Judaismus in Israel ein entscheidender Einflussfaktor ist, der sowohl in den verschiedenen Zivilreligionen als auch im Nationalismus kontinuierlich präsent ist.
- Quote paper
- Carlo Cerbone (Author), 2005, Zivilreligion und Nationalismus - eine komparative Analyse der USA und Israel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57248