Zivilreligion und Nationalismus - eine komparative Analyse der USA und Israel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Fragestellung der ArbeitS.

2. Das Konzept der Zivilreligion
2.1. Ursprung und DefinitionS
2.2. Die Funktion der Zivilreligion

3. Religion und Nationalismus
3.1. Gemeinsamkeiten von Religion und Nationalismus
3.2. Unterschiede zwischen Religion und Nationalismus

4. Zivilreligion und Nationalismus in der USA
4.1 Die Existenz einer Zivilreligion in der USA
4.2 Besonderheiten der amerikanischen Zivilreligion
4.2.1 Trennung von Kirche und Staat und Religionsfreiheit
4.2.2 Symbolik und Beispiele
4.3. Funktionen der Zivilreligion in den USA
4.4. Nationalismus in den USA
4.5. Die Religion der Nation

5. Zivilreligion und Nationalismus in Israel
5.1. Das Grundproblem der kollektiven Identität
5.2. Die Zivilreligionen in Israel
5.2.1. Strategien der Zivilreligionen
5.2.2. Zionistischer Sozialismus
5.2.3. Der revisionistische Zionismus
5.2.4. Der Statismus
5.2.5. Die neue Zivilreligion
5.3. Die Nation der Religion

6. Zusammenfassung und Standpunkt

1. Fragestellung der Arbeit

Schon soziologische Klassiker, wie Emile Durkheim oder Max Weber haben sich in ihren bahnbrechenden Werken „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ (vgl. Durkheim 1994) beziehungsweise „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (vgl. Weber 1988) mit dem Thema Religion und Gesellschaft beschäftigt. Seitdem gibt es in der soziologischen Literatur unzählige Beiträge und Werke, die dieses Thema aus unterschiedlichster Perspektive und in unterschiedlichsten Zusammenhängen aufgreifen. Auch ich möchte mich in dieser Arbeit diesem Themenkomplex zuwenden. Da dieser aber unendlich ausdehnbar ist und alle möglichen Aspekte, die mit Religion und Gesellschaft zu tun haben, aufgenommen werden können, werde ich mich hier speziell auf das Verhältnis von Politik und Religion in den beiden Ländern USA und Israel konzentrieren. Genauer gesagt, soll dabei der Frage nachgegangen werden, ob die Religion oder die Religionen einen Einfluss auf die Politik der beiden Länder hat beziehungsweise haben und wie dieser Einfluss ausgeprägt ist. Dabei verwende ich zum einen das Konzept der Zivilreligion, das von Bellah in die soziologische Literatur eingeführt wurde, und zum anderen das Konzept des Nationalismus. Konkret werde ich mit Hilfe der beiden Konzepte untersuchen, wie das Verhältnis von Nation und Religion in den beiden Nationalstaaten ausgeprägt ist. Einige Aussagen, die des öfteren zu hören sind, lassen vermuten, dass die beiden Länder gewisse Ähnlichkeiten im Verhältnis von Nation und Religion aufweisen. Oft fallen Äußerungen, wie das „amerikanische Israel“, „USA – das neue Israel Gottes“ auf, die zum Beispiel auch Bellah in seinem ersten Artikel über die Zivilreligion in den USA erwähnt (vgl. Bellah 1986, S. 32f) oder der Begriff des „neuen Zion“, welcher bei Wehler erscheint (vgl. Wehler 2001, S. 21).

Ich dagegen versuche anhand der folgenden Untersuchungen zu zeigen, dass eine grundlegende Unterscheidung bezüglich der beiden Länder, die dieses Verhältnis beschreibt zu treffen ist. Die Differenz kann man in den folgenden zwei Thesen zusammenfassen: ‚In den USA gibt es eine Religion der Nation.’ und ‚Israel ist eine Nation der Religion.’

Um diese Unterscheidung herauszuarbeiten, werde ich zuerst die beiden Konzepte der Zivilreligion und des Nationalismus theoretisch vorstellen, indem ich sie beschreibe, deren Funktion bestimme und sie in der Soziologie verorte. Anschließend sollen diese beiden Konzepte auf die beiden Länder jeweils getrennt angewandt werden. Bei beiden Ländern werde ich damit beginnen die Existenz einer Zivilreligion nachzuweisen, um dann die jeweiligen Besonderheiten herauszuarbeiten. Im Falle der USA werde ich mich dabei vor allem auf Bellah und seinen Ausführungen zur Zivilreligion, im Fall Israels auf das Werk „Civil Religion in Israel“ von Liebmann und Don-Yehiya beziehen. Das Verhältnis von Nation und Religion versuche ich dann mit Durkheims Religionssoziologie in Verbindungen bringen und untersuchen inwieweit diese auf das jeweilige Verhältnis anzuwenden ist. Zum Schluss gilt es die gewonnenen Ergebnisse zusammenzufassen, eine Stellungnahme abzugeben und zu kontrollieren, ob die oben genannte Vermutung bezüglich der Differenz beider Länder zutreffend ist.

2. Das Konzept der Zivilreligion

In der Einleitung habe ich erwähnt, dass ich den Unterschied im Verhältnis von Religion und Politik mit Hilfe des Konzepts der Zivilreligion herausarbeiten will. Bevor dies erfolgen kann, muss aber zuerst deutlich gemacht werden, was unter Zivilreligion zu verstehen ist und warum dies ein geeignetes Konzept ist. Im folgenden Kapitel werde ich darstellen woher der Begriff Zivilreligion kommt, also wer ihn geprägt hat, was er inhaltlich bedeutet und welche Funktion er hat.

2.1. Ursprung und Definition

Die erste Frage, die sich hier aufdrängt ist die Frage nach der Definition von Zivilreligion. Um diese zu beantworten, werde ich kurz den geschichtlichen Werdegang des Begriffes aufzeigen.

Laut Dubiel war zwar Jean Jacques Rousseau der erste, der den Begriff der Zivilreligion „religion civile“ in die politische Ideengeschichte eingebracht hat, die Problematik aber, die er mit sich brachte, wurde zuerst von Machiavelli aufgenommen (vgl. Dubiel 1990, S. 126f). Dieser beschäftigte sich, so meint Dubiel, in seinem Werk „Discoursi“ (vgl. Machiavelli 1977) mit den „... Bedingungen der Möglichkeit der ‚Erzeugung’ der moralischen Gestaltungsgrundlagen politischer Legitimität.“ (Dubiel 1990, S. 126) und hatte dabei das Konzept der Zivilreligion im Auge.

Rousseau dagegen ging davon aus, dass die Prinzipien der Zivilreligion unabhängig von deren Funktion für die politische Gemeinschaft wahr und gegeben sind. Die Grundsätze der Zivilreligion sind nach Bellah in Rousseaus Gesellschaftsvertrag (vgl. Rousseau 1919) folgende: die Existenz Gottes, das Leben nach dem Tod, die Belohnung der Tugend und die Bestrafung des schlechten Lebenswandels (vgl. Bellah 1986, S. 23f). Der Staat sollte laut Rousseau kein Gottesstaat sein, sondern aus den Vertragsbeziehungen seiner Bürger entstehen. Deshalb soll er sich zwar, gemäß dem Verbot der religiösen Intoleranz, auf Toleranz verpflichten, aber intolerant „.. gegenüber allen kulturellen Praktiken, welche die Grundlagen der bürgerlichen Pflichten und des Sozialvertrags unterminieren.“ (Dubiel 1990, S. 128) sein.

Genau an dieser, von Rousseau eingeführten Konzeption, knüpft Bellah mit seiner Zivilreligion in Amerika an. Bellah, der den Begriff der Zivilreligion in die Sozialwissenschaften eingeführt hat, wollte kein universell gültiges Konzept der Zivilreligion entwerfen. Seine Ausführungen beziehen sich speziell auf die USA. In den 80er Jahren haben er und einige seiner Mitarbeiter dann versucht, das zuvor theoretische Gerüst der Zivilreligion in Amerika, in einer empirischen Analyse zu testen.[1] Wie genau dieses Konzept aussieht, werde ich im Kapitel über die USA noch ausführlich erklären.

Auch in Deutschland wurde die Zivilreligion mit in den wissenschaftlichen Diskurs aufgenommen (vgl. Dubiel 1990, S. 136ff). Lübbe zum Beispiel geht davon aus, dass nur die Religion dazu imstande ist Prinzipien, die als universell akzeptabel angesehen werden, bereit zu stellen. Ein religiöser Minimalkonsens muss laut Lübbe also vorhanden sein, da sonst ein liberaler Staat auseinanderbrechen würde (vgl. Lübbe 1986).

Wie man in den vorherigen Ausführungen sehen konnte, spielt die Zivilreligion in verschieden Ansätzen eine bedeutende Rolle. Zusammengefasst lässt sich diese durch die Funktion der Zivilreligion auf den Punkt bringen.

2.2. Die Funktion der Zivilreligion

Wie bereits ersichtlich wurde, handelt es sich hier um eine funktionalistische Definition von Religion. Das heißt religiöse Phänomene werden gemäß ihrer Funktion als religiös bezeichnet. Worin besteht jetzt genau die Funktion der Zivilreligion?

Den Ausgangspunkt dieser Thematik stellt die klassische übergeordnete Problemstellung der sozialen Ordnung dar. Soziologische Theoretiker, wie Emile Durkheim oder Talcott Parsons haben sich mit dem sozialen Ordnungsproblem beschäftigt und sind der Frage nachgegangen, wie diese einerseits zustande kommt und andererseits aufrechterhalten werden kann. Parsons geht davon aus, dass hierfür ein umfassender Wertekonsens notwendig ist (vgl. Parsons 1968, S. 768). Das gleiche meint Durkheim wenn er davon spricht, dass es keine Gesellschaft gibt, „...die nur infolge von Zwang bestehen kann.“ (Durkheim 1995, S. 258) oder die nichtvertraglichen Elemente des Vertrags anspricht (vgl. Durkheim 1995, S. 267). Woraus dieser Wertekonsens aber letztendlich besteht, darüber herrscht Uneinigkeit. Genau an dieser These schließt Bellah mit seinem Konzept der Zivilreligion an. Nach Helmut Dubiel ist Bellahs Konzept gesellschaftstheoretisch von Parsons inspiriert, und er meint, dass säkularisierte religiöse Wertorientierungen in der Moderne ihre verpflichtende Kraft nicht verlieren (vgl. Dubiel 1990, S 130). Zivilreligion stellt also diesen Wertekonsens in modernen säkularisierten Gesellschaften dar, der den Zusammenhalt einer Gesellschaft ermöglicht, obwohl traditionelle religiöse Ansichten und Praktiken, wie die des Christentums, immer mehr an Bedeutung verlieren. Auch Leroy S. Rouner beschreibt in einem Artikel, hier speziell auf die USA bezogen, dass die Zivilreligion ein gemeinsames Band, eine gemeinsame Identität oder auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl schafft (vgl. Rouner 1986).

Die Integration von modernen Gesellschaften ist aber nicht die einzige Funktion der Zivilreligion, die in dieser Auseinandersetzung eine Rolle spielt. Im Einleitungskapitel habe ich dargestellt, dass sich die Arbeit im Feld von Religion und Politik bewegt. Auch hier übernimmt die Zivilreligion eine wichtige Funktion. Helmut Dubiel zum Beispiel weist darauf hin, dass die zuvor genannte Integration oder das Zugehörigkeitsgefühl „... letztlich die Quelle politischer Legitimität und im besonderen die Quelle der Loyalität gegenüber politischen Entscheidungen...“ ist (Dubiel 1990, S. 126). Auch Bellah geht der Frage des Zusammenhangs zwischen Politik und Religion, dem „religio-political problem“ wie er es nennt nach, und verortet die Zivilreligion im Problem der Legitimation von Politik (vgl. Bellah/Hammond 1980, S. VIIf). In seinem Aufsatz „Die Religion und die Legitimation der amerikanischen Republik”, den er als Ergänzung zu seinem ersten Artikel „Zivilreligion in Amerika“ verfasst hat, beschäftigt er sich explizit und detailliert mit dieser Problematik (vgl. Bellah 1986a).

Ich habe bis jetzt also mit Hilfe des geschichtlichen Überblicks und einigen Ansätzen gezeigt, was man unter Zivilreligion und deren Funktion zu verstehen hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Konzept der Zivilreligion mit ihrer Doppelfunktion (Integration und Legitimation) eine wichtige Rolle im Verhältnis von Politik und Religion spielt. Deshalb erscheint es mir angebracht dieses Konzept zu verwenden, um etwaige Unterschiede in den USA und Israel bezüglich der Nation und Religion herauszuarbeiten. Des weiteren ist es auch ein Anliegen von mir das Konzept des Nationalismus, das im folgenden dargestellt werden soll, zu verwenden.

3. Religion und Nationalismus

Auch wenn man das Konzept des Nationalismus verwenden und es mit Religion in Verbindung bringen will, muss zuerst eine Definition angeführt werden. Laut Wehler ist Nationalismus „... das Ideensystem, die Doktrin, das Weltbild, das der Schaffung, Mobilisierung und Integration eines größeren Solidarverbandes (Nation genannt), vor allem aber der Legitimation neuzeitlicher politischer Herrschaft dient.“ (Wehler 2001, S. 13) Eine Nation so Wehler ist zuerst die „gedachte Ordnung“, die dann durch den Nationalismus als souveräne Handlungseinheit geschaffen wird (vgl. Wehler 2001, S. 13). Betrachtet man diese Definition genauer, kann man feststellen, dass auch hier, wie bei der Zivilreligion, eine funktionalistische Erklärungsweise vorliegt. Wenn der Nationalismus also ein Ideensystem ist, stellt sich die Frage auf welche Ideen er dabei zurückgreifen konnte. Genau an diesem Punkt rückt die Religion ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

3.1. Gemeinsamkeiten von Religion und Nationalismus

Wehler geht davon aus, dass die Ideen, die der Nationalismus verwendet, aus der jüdisch-christlichen Tradition kommen und dass er sich auch ihrer Mythologie bemächtigt. Er behauptet weiterhin, dass überall dort, wo sich der Nationalismus herausbildete, er sich auf eine Bezugsreligion stützte (vgl. Wehler 2001, S. 27). Weitere Gemeinsamkeiten lasen sich in den Inhalten und Forderungen der beiden Systeme erkennen. Wehler beschreibt, dass im Nationalismus ein Anschluss an die Tradition des Messianismus zu entdecken ist. Das bedeutet ein Leitbild des Nationalismus ist der Auftrag die Ideen einer Nation oder den Gedanken an eine Nation weiterzutragen und andere Nationalstaaten zu gründen. Ähnlichkeiten können auch hinsichtlich einiger gemeinsamer Elemente, die sowohl einer Religion wie auch dem Nationalismus angehören, aufgezeigt werden (vgl. Wehler 2001, S. 32f). Beide Deutungssysteme dienen der Kontingenzbewältigung und Sinndeutung. Sie beide stellen den Entwurf für ein umfassendes Weltbild mit Normen und Verhaltensprinzipen zur Verfügung. Sie ermöglichen eine Abgrenzung zu anderen Kollektiven, indem sie einerseits den Zusammenhalt und die Zusammengehörigkeit nach innen stäken und andererseits ein Feindbild nach außen hin manifestieren. Letztlich beziehen sich auch beide auf eine transzendente Macht, „...die einen verpflichtenden Sinn jenseits des Irdischen glaubwürdig macht, etwa durch den Opfertod für die Nation.“ (Wehler 2001, S. 33) Auch van der Veer und Lehmann sprechen von drei Konzepten, die das Verhältnis von Religion und Nationalismus entscheidend prägen (vgl. van der Veer/Lehmann 1999, S. 6f): Die Idee der Auserwähltheit, das Thema der Wiedergeburt und der Glaube an einen neuen Messias. Obwohl die Religion und der Nationalismus einige Gemeinsamkeiten aufweisen, sind die beiden Konzepte nicht identisch. Im folgenden Kapitel werde ich zwei in der Literatur diskutierte Unterschiede zwischen den beiden Konzepten darstellen.

3.2. Unterschiede zwischen Religion und Nationalismus

Obwohl Wehler viele Gemeinsamkeiten aufzählt, ist für ihn Nationalismus und Religion oder Zivilreligion nicht identisch. Wehler sieht viel mehr im Nationalismus eine Vorstufe der Zivilreligion oder der „politischen Religion“, wie er es nennt. In einer Textstelle, die diese Annahme unterstreicht, spricht er von „... der Entwicklung des Nationalismus zur politischen Religion (zur Zivilreligion oder Säkularreligion)...“ (Wehler 2001 S. 32) Der Begriff der Säkularreligion lässt schon die wichtigste Unterscheidung anklingen. Sowohl Wehler als auch van der Veer und Lehmann differenzieren die Religion und den Nationalismus anhand des Säkularisierungsprozesses. Van der Veer und Lehmann zum Beispiel behaupten, dass religiöse Ideen eine Transformation von der reinen religiösen Bedeutung in die Sphäre der nationalen Politik erfahren. „Nationalism feeds on a symbolic repertoire that is already available but also transforms it in significant ways.” (van der Veer/Lehmann 1999, S. 7) Auch Wehler geht davon aus, dass die Ideen, Gedanken und Vorstellungen der Religionen die Grundsubstanz des Nationalismus bilden, diese aber säkularisiert im Konzept des Nationalismus dargestellt und angewandt werden. „Auf diese Weise entstanden durch die Säkularisierung religiöser Traditionsbestände wichtige Langzeitelemente des Nationalismus ...“ (Wehler 2001, S. 29). Das heißt also nichts anderes, dass der Nationalismus eine Art säkularisierte Religion mit der gleichen Funktion der Integration und Legitimierung darstellt. Geht man von dieser Annahme aus, beschränkt sich die Rolle der traditionellen Religion auf eine Vorbildfunktion, von der bestimmte Elemente ausgeliehen, umdefiniert und im Nationalismus angewandt werden.

Ausgehend von der in dieser Arbeit verwendeten funktionalistischen Definition erfüllen sowohl der Nationalismus, wie auch die Zivilreligion die gleiche Funktion. Unklar bleibt noch welchen Schluss man aus dem Verhältnis des Nationalismus zur Religion ziehen soll. Prinzipiell gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten den Nationalismus mit Religion in Verbindung zu bringen (vgl. van der Veer/Lehmann 1999, S. 9). Entweder betrachtet man den Nationalismus als Religion, und zwar im Prozess der Säkularisierung verankert, oder es ist eine Redefinition von Religion notwendig: die Nation wird selbst sakralisiert, wie es schon Durkheim vor Augen hatte. Welche der beiden Annahmen in diesem Fall zutrifft bleibt hier noch offen und kann vielleicht am Ende der Arbeit geklärt werden. Wie das Verhältnis von Nationalismus und Zivilreligion ausgeprägt ist, muss hier auch noch offen gelassen werden.

Nachdem ich jetzt dargestellt habe, was Zivilreligion und Nationalismus bedeuten und wie sie im Verhältnis zueinander stehen, ist es jetzt an der Zeit die beiden Konzepte auf die ausgewählten Nationen zu übertragen.

4. Zivilreligion und Nationalismus in der USA

Dieses Kapitel werde ich inhaltlich in zwei große Bereiche teilen. Dem ersten Teil, der den Schwerpunkt der Untersuchung darstellt, widme ich dem Konzept der Zivilreligion, dem zweiten dem Konzept des Nationalismus. Im ersten Teil dieses Kapitels werde ich mich vor allem auf die Texte von Bellah beziehen und Zivilreligion in den USA untersuchen. Ich werde zuerst zeigen, dass ich mit der Annahme es gebe eine Zivilreligion in der USA, die unter anderem von Bellah und anderen geteilt wird, übereinstimme. Zu diesem Zweck werde ich einige Quellen und Untersuchungen, welche die These der Existenz einer Zivilreligion bestätigen, angeben. Im Anschluss daran werde ich die Besonderheiten der amerikanischen Zivilreligion, indem ich dabei auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Zivilreligion mit jüdisch-christlicher Tradition eingehe, darstellen. Schließlich werde ich nochmals die oben schon angesproche Funktion der Zivilreligion speziell im Fall der USA beleuchten. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels soll das Konzept des Nationalismus, sofern dies nicht schon durch die Ausführungen über die Zivilreligion abgedeckt wurde, auf die USA übertragen und anschließend das Verhältnis von Nation und Religion in den USA geklärt werden. Wie noch zu sehen sein wird, tauchen des öfteren Verweise zu Durkheim und seiner Religionssoziologie auf.

4.1. Die Existenz einer Zivilreligion in der USA

Robert N. Bellah löste mit seinem ersten Artikel „Zivilreligion in Amerika“ 1967 viele kontroverse Diskussionen aus. Dort behauptet er, dass neben den Kirchen „... eine entwickelte und fest institutionalisierte Zivilreligion besteht.“ (Bellah 1986, S. 19). Es gab laut Bellah viele Reaktionen auf die von ihm vorgebrachte These, die einerseits zustimmend, andererseits ablehnend ausgeprägt waren. Aber nicht nur Bellah geht von der Richtigkeit dieser These aus, sondern auch noch andere Wissenschaftler, wie zum Beispiel Cynthia Toolin. Sie führte im Anschluss an diese Behauptung eine empirische Studie aller Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten seit Gründung der Nation durch und kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass so etwas wie eine Zivilreligion existiere (vgl. Toolin 1983, S. 39). Diese Studie und der Text von Bellah zeigen, dass die Existenz einer Zivilreligion anhand der Reden von Präsidenten zu erkennen ist und beweist damit gleichzeitig die enge Verbindung von Religion und Politik in der USA.

[...]


[1] Nähere Informationen und Ergebnisse dazu siehe in: Bellah, Robert N. 1985: Habits of the heart. Individualism and commitment in American Life. Berkeley: University of California Press oder: Bellah, Robert N. 1987: Gewohnheiten des Herzens. Individualismus und Gemeinsinn in der amerikanischen Gesellschaft. Köln: Bund-Verlag

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Zivilreligion und Nationalismus - eine komparative Analyse der USA und Israel
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
35
Katalognummer
V57248
ISBN (eBook)
9783638517508
ISBN (Buch)
9783638684866
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilreligion, Nationalismus, Analyse, Israel
Arbeit zitieren
Carlo Cerbone (Autor), 2005, Zivilreligion und Nationalismus - eine komparative Analyse der USA und Israel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57248

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