Entwicklung und Kritik der Nachrichtenwerttheorie


Hausarbeit, 2001

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Walter Lippmann: Ursprung in den USA

3 Einar Östgaard: Ursprung in Europa

4 Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge: Die erste Nachrichtenwert-Theorie
4.1 Prüfung der Theorie
4.2 Kritik

5 Karl Erik Rosengren: Methodologische Kritik

6 Winfried Schulz: Konstruktivistische Nachrichtenwert-Theorie

7 Jürgen Wilke und Bernhard Rosenberger: Input-Output-Analyse

8 Hans Mathias Kepplinger (und Joachim Friedrich Staab): Neuere Kritik

9 Schlussbemerkung

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden Entwicklung und Kritik der Nachrichtenwert-Theorie behandelt. Dies geschieht über die Darlegung von „einfachen“ Überlegungen, differenzierten Theorien und Untersuchungen wichtiger Nachrichtenforscher sowie der Aufdeckung der jeweiligen Schwächen aufgrund derer sich immer wieder neue Ansätze entwickelten.

Besonderen Wert wird auf die Behandlung der folgenden Fragen gelegt, die auch Schwerpunktüberlegungen der verschiedenen Theoretiker und Analytiker waren:

Inwieweit die verschiedenen Ansätze der Nachrichtenwert-Theorie zur Klärung der Frage, ob die Medien die Realität „richtig“ darstellen, beigetragen haben, wird dabei eine Frage dieser Arbeit sein. Kritik an der Vorstellung, die Medien präsentierten die Realität übte schon Walter Lippmann, als einer der ersten Theoretiker, der den Begriff Nachrichtenwert benutzte[1]. Im Folgenden wurde seine Idee des öfteren wieder aufgegriffen, wenn neue Ansätze zum Nachrichtenwert oder ganze Nachrichtenwert-Theorien entwickelt wurden.

Weiterhin ist es ja offensichtlich, dass Journalisten täglich dem Zwang der Selektion begegnen, d.h. sie müssen wählen, über welche Ereignisse oder welche Agenturmeldungen sie berichten wollen. Eine ganze Menge von Informationen erreicht sie täglich und sie sind es, die meist unter Zeitdruck entscheiden, welche Nachrichten publiziert werden. Ob es hierbei allgemeine objektive Merkmale dieser Ereignisse oder Meldungen gibt, die sie publikationswürdig machen, oder ob Nachrichten vielmehr aufgrund subjektiver Kriterien ausgewählt werden, wobei dann auch mögliche Intentionen der Journalisten eine Rolle spielen würden, ist eine zweite Fragestellung dieser Arbeit.

Für die Darstellung der einzelnen Kapitel sei noch angemerkt, dass aus Platzgründen nur die wichtigsten Theoretiker und Forscher und deren für die Fragestellungen dieser Arbeit relevanten Überlegungen beschrieben und diskutiert werden.

2 Walter Lippmann: Ursprung in den USA

„Ohne Standardisierung, ohne Stereotypen, ohne Routineurteile, ohne eine ziemlich rücksichtslose Vernachlässigung der Feinheiten stürbe der Redakteur bald an Aufregungen.“[2] Dies ist die Erkenntnis des langjährigen Journalisten Walter Lippmanns, die er in seinem Buch „Public Opinion“ 1922 weiter ausführte. Die Existenz journalistischer Konventionen, die dafür sorgen, dass ein Ereignis zur Nachricht gemacht wird, sprach er als einer der ersten an[3].

Journalisten unterliegen danach demselben Dilemma wie alle anderen Menschen auch, weshalb ihre Auswahlentscheidungen auch nicht auf objektiven Regeln beruhen. Die Medien können daher nur eine Reihe spezifischer und stereotypisierter Realitätsausschnitte vermitteln, ob ein Ereignis zur Nachricht wird, hängt von journalistischen Vorstellungen ab, was einen Nachrichtenwert besitzt[4]. Nachrichtenwerte, die ein Ereignis berichtenswert machen und weshalb es ausgewählt wird, sind nach Lippmann durch insgesamt zehn Aspekte bestimmt: Ungewöhnlichkeit[5], Bezug zu bereits eingeführten Themen[6], zeitliche Begrenzung[7], Einfachheit[8], Konsequenzen[9], Beteiligung einflussreicher und bekannter Personen[10] sowie räumliche Nähe[11]. Je mehr dieser Aspekte ein Ereignis beinhaltet, desto eher wird es zur Nachricht gemacht[12].

3 Einar Östgaard: Ursprung in Europa

Ähnliche Ansätze zur Nachrichtenforschung entwickelten sich etwas später auch in Europa[13]. Aus dem ursprünglichen Interesse an internationalen Beziehungen im Rahmen der Friedensforschung erkannte man die Wichtigkeit der Betrachtung der Berichterstattung der Massenmedien, wenn man spezielle weltpolitische Erscheinungen verstehen will. Einar Östgaard beschrieb 1965 in seinem grundlegenden Aufsatz „Factors Influencing the Flow of News“ Faktoren, die eine Verzerrung des Nachrichtenfluss bewirken und dafür verantwortlich sind, dass sich die Realität in den Medien von dem, was wirklich geschah, unterscheidet[14].

Dabei werden endogene und exogene Faktoren unterschieden, mit letzteren sind z.B. Zensur, Staatseingriffe oder ökonomische Zwänge gemeint. Die endogenen Faktoren sind im Nachrichtenfluss selbst angelegt und stellen im Grunde Entscheidungskriterien der Journalisten über ein berichtenswertes Ereignis dar[15]. So werden aufgrund der Tendenz zur Simplifikation einerseits einfache Nachrichten komplexeren vorgezogen, andererseits komplexe Vorgänge auf einfache Strukturen reduziert. Mit der Identifikation versuchen Medien die Aufmerksamkeit beim Rezipienten durch geographische, kulturelle und zeitliche Nähe des berichteten Ereignisses zu erreichen. Außerdem werden Nachrichten über Nationen und Personen mit hohem Rang und jede Form der Personifizierung bevorzugt. Als dritten endogenen Faktorenkomplex nennt Östgaard den Sensationalismus, durch welchen die Gefühle der Menschen bewegt werden. Verbrechen, Unglücke, Kuriositäten, Gesellschaftsklatsch usw. verleihen einem Ereignis deshalb einen besonders hohen Nachrichtenwert[16].

Ob über ein Ereignis berichtet wird, hängt davon ab, inwieweit es die oben genannten Kriterien erfüllt, es muss also eine Nachrichtenbarriere überwinden[17].

Als Folge dieser Auswahlkriterien beschreibt der Autor die Tendenz der Berichterstattung zur Diskontinuität, was bedeutet, dass kurz andauernde Ereignisse einen generell höheren Nachrichtenwert besitzen, da sie eher mit der Erscheinungsweise der Massenmedien übereinstimmen. Wenn solch ein kurzfristiges Ereignis die Nachrichtenbarriere einmal überwunden hat, so wird es auch in Zukunft wahrscheinlicher sein, dass über es berichtet wird, selbst wenn es an Intensität verloren hat. Dieses Phänomen nennt Östgaard ein Eigengewicht zur Kontinuität[18].

Aus diesen Überlegungen leitet der Friedensforscher drei Hypothesen für die Massenmedienrealität ab. Zum ersten die Neigung den status quo zu verstärken und die Bedeutung individueller Handlungen der großen politischen Führungsfiguren zu übertreiben. Zweitens die Tendenz der Nachrichtenmedien die Realität konfliktreicher darzustellen, als sie tatsächlich ist, und die Betonung der Lösung dieser Konflikte durch Gewalt. Drittens wird durch die Nachrichtenmedien die bestehende Teilung der Welt in Nationen mit hohem bzw. niedrigem Status verfestigt[19].

4 Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge: Die erste Nachrichtenwert-Theorie

Eine Systematisierung und Differenzierung Östgaards Überlegungen nahmen noch im gleichen Jahr Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge durch[20]. Ihr Interesse richtete sich ebenfalls auf die Auslandsberichterstattung.[21] Sie entwickelten einen Katalog von zwölf z.T. weiter untergliederten Nachrichtenfaktoren die den Nachrichtenwert bestimmen. Die ersten acht sind allgemein von der menschlichen Natur bedingt (anthropologisch), die letzten vier Nachrichtenfaktoren werden als kulturell abhängige Faktoren bezeichnet, die nur für Industrieländer mit freiem Nachrichtenwesen gelten[22]:

1) Die Frequenz eines Ereignisses ist die Zeitspanne, die das Geschehen braucht, um sich zu entwickeln und Bedeutung zu erlangen. Je mehr sie mit der Erscheinungsweise des Mediums übereinstimmt, um so eher wird das Ereignis publiziert, was bedeutet, dass kurzfristige Ereignisse bevorzugt werden. Über lang andauernde Ereignisse wird meist erst dann berichtet, wenn sie einen gewissen Höhepunkt, „a dramatic climax“[23], erreicht haben.
2) Bevor ein Ereignis zur Nachricht wird, muss es eine Aufmerksamkeitsschwelle überwinden (Schwellenfaktor). Je größer Ausmaß und Intensität des Ereignisses sind und je mehr die Intensität noch wächst, um so eher wird darüber berichtet. Die Intensität wird dabei durch mehrere der nachfolgenden Nachrichtenfaktoren bestimmt.
3) Je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist (Eindeutigkeit) desto höher sind die Publikationschancen. Mehrdimensionales Geschehen, dass mehrere sich widersprechende Folgerungen zulässt, wird weniger häufig zur Nachricht.
4) Dem Publikum kulturell Vertrautes erhöht den Nachrichtenwert. Auch die Relevanz für das Publikum (z.B. Betroffenheit) ist ein wichtiger Faktor für den Nachrichtenwert (Bedeutsamkeit).
5) Je mehr ein Ereignis mit den Erwartungen des Publikums übereinstimmt, entweder mit Vorhergesagtem oder mit Erwünschtem, um so eher wird es zur Nachricht (Konsonanz).
6) Unter die Überraschung fällt die Unvorhersehbarkeit, Seltenheit oder Kuriosität eines Ereignisses. Allerdings werden überraschende Ereignisse nur innerhalb von bedeutsamen und mit den Erwartungen der Rezipienten konsonanten Geschehensabläufen als bedeutsam erachtet.
7) Als Kontinuität wird die Etablierung eines Geschehenszusammenhangs oder Themas in der Medienberichterstattung bezeichnet. Wenn ein Ereignis die Aufmerksamkeitsschwelle einmal überwunden hat, so wird auch über das Folgegeschehen berichtet.
8) Die Medien haben die Tendenz, möglichst vielseitig zu berichten. Vergleichsweise unwichtige Ereignisse können deshalb größere Publikations- und Beachtungschancen erlangen, wenn sie in Kontrast zu anderen Ereignissen oder Meldungen stehen (Variation).
9) Je stärker Elite-Nationen, d.h. einflussreiche und mächtige Staaten, in einem Ereignis eine Rolle spielen, umso eher wird über es berichtet. Die Elite-Nationen dienen dabei als Identifikationsobjekte.
10) Genauso dienen auch politisch bedeutsame und prominente Personen als
Identifikationsobjekte und erhöhen den Nachrichtenwert eines Ereignisses (Bezug zu Elite-Personen).
11) Je eher ein Ereignis auf individuelle Handlungen zurückgeführt werden kann, desto größer sind seine Publikations- und Beachtungschancen (Personalisierung)[24].
12) Die Tendenz der Medien, negative Ereignisse wie Unglücke, Verbrechen, Konflikte, Krisen und Schäden besonders hervorzuheben bezeichnen die Autoren als Negativität. Je negativer ein Ereignis ist, um so eher wird darüber berichtet[25].

Über das Zusammenwirken der genannten Faktoren formulierten Galtung und Ruge fünf Hypothesen[26]:

1) Selektions-Hypothese: Die Publikations- und Beachtungschancen eines Ereignisses sind um so größer, je mehr es die verschiedenen o.g. Faktoren erfüllt.
2) Verzerrungs-Hypothese: Wenn die Nachrichtenbarriere überwunden wurde, dann werden in einem zweiten Schritt die Aspekte betont, die es publikationswürdig machen. Deshalb entsteht eine in Hinsicht auf Klischees und Stereotypen verzerrte Berichterstattung.
3) Wiederholungshypothese: Da Selektions- und Verzerrungsprozesse auf allen Stufen des Nachrichtenfluss wirken, werden diese durch ihre Wiederholung zusätzlich verstärkt.
4) Additivitäts-Hypothese: Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto eher berichten die Massenmedien darüber.
5) Komplementaritäts-Hypothese: Das Fehlen eines Faktors kann durch einen anderen Faktor kompensiert werden.

4.1 Prüfung der Theorie

Durch Inhaltsanalysen der Berichterstattung vier norwegischer Zeitungen über die Kongo-Krise (1960), die Kuba-Krise (1960) und die Zypern-Krise (1964) wollten die Autoren dann einen Teil ihrer Hypothesen überprüfen[27]. Im Jahr 1960 betrug der Untersuchungszeitraum einen Monat, 1964 einundeinhalb Monate, wobei für alle Meldungen über die drei internationalen Konflikte nur die Nachrichtenfaktoren Bedeutsamkeit, Bezug zu Elite-Nationen, Bezug zu Elite-Personen und Negativität erfasst wurden. Geprüft wurde nur die Komplementaritäts-Hypothese. Die Hauptbefunde für die Berichterstattung kann man wie folgt in vier Feststellungen festhalten[28]:

[...]


[1] Vgl. Lippmann, Walter: Public Opinion. New York 111949. Erstausgabe 1922. Dt. Übersetzung: Die öffentliche Meinung. München 1964. S.345

[2] Ebd.

[3] Vgl. ebd. S.241

[4] Vgl. ebd. S.345, S.354

[5] Vgl. ebd. S.235

[6] Vgl. ebd. S.239

[7] Vgl. ebd. S.240

[8] Vgl. ebd. S.231

[9] Vgl. ebd. S.231f.

[10] Vgl. ebd. S.237

[11] Vgl. ebd. S.238

[12] Vgl. Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie: Formale Struktur und empirischer Gehalt. 1990 Freiburg (Breisgau), München. S.41

[13] Ohne direkte Bezugnahme auf Walter Lippmann.

[14] Vgl. Östgaard, Einar: Factors Influencing the Flow of News. In: Journal of Peace Research 2. 1965. S. 39-63

[15] Vgl. ebd. S.41ff.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. Wilke, Jürgen: Nachrichtenauswahl und Medienrealität in vier Jahrhunderten. Berlin, New York 1984. S.17

[20] Vg. ebd.

[21] Vgl. Galtung, Johan; Ruge, Mari Holmboe: The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Foreign Newspapers. In: Journal of Peace Research 2 (1965) S. 64-90. Im folgenden zitiert nach: Tunstall, Jeremy (Hrsg.): Media Sociology. London 21970. S.259-298

[22] Vgl. ebd. S.262f.

[23] ebd. S 262

[24] Vgl. ebd. S.266

[25] Vgl. ebd. S 262ff.

[26] Vgl. Wilke, Jürgen: Nachrichtenauswahl und Medienrealität. a.a.O. S.21

[27] Vgl. Tunstall, Jeremy: Media Sociology. a.a.O. S.267ff.

[28] Vgl. ebd. S.278ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Entwicklung und Kritik der Nachrichtenwerttheorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Publizistik)
Veranstaltung
Übung zum Scheinerwerb
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V5734
ISBN (eBook)
9783638135276
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachrichtenwerttheorie
Arbeit zitieren
Nannette Remmel (Autor), 2001, Entwicklung und Kritik der Nachrichtenwerttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5734

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Entwicklung und Kritik der Nachrichtenwerttheorie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden