Sexualität und Tabu: Sprachgebrauch und Tabuisierung am Themenbeispiel 'Homosexualität'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tabu – Eine Begriffsklärung

3. Sprache und Sexualität

4. „Tabuzone“ Homosexualität
4.1 Begriffsdefinition „Homosexualität“
4.2 „Schwul“ und „lesbisch“ – Etymologische Begriffsbestimmung
4.3 Geschichte der Homosexualität
4.4 Sprachgebrauch

5. Fazit

6. Anhang

7. Bibliographie

1. Einleitung

„Darüber spricht man nicht“. So oder auf ähnliche Weise klingt es wohl, wenn man versucht Wörter und Themenbereiche zu umgehen, mit denen man sich nur ungern auseinandersetzt oder die man nicht besprechen möchte. Die deplazierte Verwendung von sogenannten Tabuwörtern- und bereichen führt nämlich häufig zu Peinlichkeiten, Erröten oder eventuell auch zu gesellschaftlichen Sanktionen.

In der vorliegenden Arbeit soll sich daher speziell mit dem Themenbereich „Sexualität und Tabu“ beschäftigt werden, wobei der genaue Schwerpunkt im Sprachgebrauch und der Tabuisierung des Themas „Homosexualität“ liegt. Dabei gilt es vor allem der Frage nachzugehen, welche Entwicklung und Hintergründe der Begriff Homosexualität im Laufe der Jahrhunderte durchlaufen ist und welche Andersnennungen es dafür gab und heute noch immer gibt. Schließlich bleibt daher nicht aus die Etymologie und die Bedeutung einzelner Begriffe wie „homosexuell“, „lesbisch“ oder „schwul“ zu klären und deren möglicherweise tabuisierten Sprachgebrauch zu verdeutlichen.

Als Einstieg in die Thematik halte ich es jedoch zunächst für angebracht eine kurze Klärung des „Tabubegriffs“ anzubringen, um unter anderem seine eigene Wortgeschichte sowie seinen Gebrauch zu hinterfragen. Nach meiner Auffassung kann nur auf diese Weise eine Verknüpfung zwischen Tabu und dem ausgewählten Thema hinreichend stattfinden.

Daran anschließen wird sich dann eine allgemeine Einführung über Sprache und Sexualität. Diese dient als Überblick über ein weit verbreitetes tabuisiertes Thema, das einem gesellschaftlichen und zeitlichen Wandel unterlegen ist. Im Anschluss daran steht, wie bereits oben erwähnt, der große Themenkomplex der Homosexualität. Da ein Verständnis des Sprachgebrauchs, meiner Ansicht nach, eng verbunden ist mit der geschichtlichen Entwicklung des Begriffes selbst, folgt zunächst ein historischer Abriss, um darauf folgend die sprachliche Entwicklung und den vielfältigen Sprachgebrauch zu skizzieren. Dabei soll vor allem immer wieder darauf verwiesen werden, in welcher tabuisierten Zone sich einzelne Worte, die der Homosexualität zugehörig sind, bewegen. Zur Verdeutlichung werden daher ein paar ausgewählte Begriffe, die den „Homosexuellen“ titulieren, kurz vorgestellt.

Die Vorgehensweise zur Betrachtung der einzelnen Themenbereiche wird hierbei ausschließlich wissenschaftlich-analytisch anhand von Forschungsliteratur sein, sowie unter Einbezug von Internetquellen präsentiert werden.

2. Tabu – Eine Begriffsklärung

Tabus bilden zunächst ganz generell gesagt einen Teil der Verhaltensmuster einer Kultur. Besonders deutlich ist hierbei, dass dieser Begriff einem Bedeutungswandel unterlegen ist. Der Ausdruck „Tabu“ ist dabei ein Import aus den Südseesprachen. Genau genommen entstammt er aus der polynesischen Tonga-Sprache. Ursprünglich benannte der Begriff „Tabu“ (polynes. tapu: ta = Kennzeichen, kennzeichnen; pu = intensiv, kräftig)[1] laut Forschungsliteratur die Kennzeichnung eines Herrscherreservats. Seine einstige Bedeutung geht dabei wohl zum einen in die Richtung „heilig, geweiht“ und zum anderen in Richtung „gefährlich, verboten, unrein“.[2] Insgesamt wird eine geheimnisvolle Macht auf der Ebene von gesellschaftlichen Normen- und Wertsystemen gekennzeichnet. „Tabu“ gehört zu den wenigen Lehnwörtern, die das Englische von einer „unzivilisierten“ Sprachgemeinschaft übernommen hat. Das Wort gelangte durch Captain James Cooks Aufzeichnungen während seiner Reise zur pazifischen Inselwelt (1776-1779) in den englischen und schließlich durch weitere Ethnographen in den europäischen Sprachraum.[3]

Der Begriff „tabu“ konnte somit am Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine wertvolle Erklärungshilfe darstellen, um die exotischen Sonderbarkeiten, die einem in der Südsee geboten waren, zu definieren. Somit wurde das Fremde, Irrationale und nicht Verstehbare des seltsamen Südseelebens im beschriebenen Ausdruck dargestellt. „Tabu“ steht sozusagen exemplarisch für das Andere und Fremde der archaischen Welt. Es war ein zentraler Begriff der reisenden Aufklärer, um zu erklären, was nicht innerhalb ihres Konzeptes der Vernunft zu erklären war.[4] Die polynesische Bedeutung von „tabu“ hängt dabei eng mit dem Begriff des „mana“ (absolute magische Kraft des Numinosen) zusammen. Profane Dinge hingegen wurden unter dem Ausdruck „noa“ subsumiert.[5]

Im Deutschen ist das Wort „Tabu“ als ethnologisch-religionswissenschaftliches Fremdwort seit Anfang des 19. Jahrhunderts belegt. Im Laufe der Zeit und durch die Entwicklung der Ethnologie (Forschungen durch Emil Durkheim, J.G. Frazer u.a.) wurde der „Tabu-Begriff“ zum religionssoziologischen Terminus Technicus, wobei er eine Grundkategorie religiösen Denkens und gesellschaftlicher Ordnung bezeichnete.[6] Wurde der Terminus also bis dato dazu verwendet um damit die religiöse Vorstellungswelt der Naturvölker zu beschreiben, durchlief er, bedingt durch das „fördernde Vakuum einer wirklichen Wortschatzlücke“, bis zum 20. Jahrhundert eine Säkularisation, wodurch er sich nun auf konventionelle Schranken bzw. ungeschriebene Gesetze/Verbote (über bestimmte Dinge nicht zu sprechen oder bestimmte Handlungen nicht auszuführen) bezog.[7] In der heutigen deutschen Umgangssprache hat sich „Tabu“ vollständig eingebürgert. Allerdings steht heutzutage eine große Vielfalt der Verwendungsbereiche dahinter. So ist im Reallexikon[8] zum Stichwort „Tabu“ geschrieben, dass es sich auf körperliche Vorgänge und Zustände, Handlungen, Gegenstände, Personen, Tiere, Pflanzen, Räume usw. beziehen kann.[9] Außerdem versteht man aber auch allgemein kulturelle, kollektiv geltende Verbote darunter, etwas zu tun oder über etwas zu sprechen.[10] Demnach müssen sogenannte nonverbale und verbale Tabus (u.a. Sprachtabus) voneinander unterschieden werden, wobei es auch noch weitere Unterscheidungskriterien gibt, auf die an dieser Stelle jedoch nur verwiesen werden kann. Wichtig ist jedoch, dass die Sprache häufig als soziale Norm des Sprechens bestimmt wird, wodurch Tabus verstärkt auf den Sprachaspekt festgelegt werden. Gleichzeitig nehmen sie aber auch Einfluss auf die sozialen Verhältnisse selbst.[11]

Mit einem Sprachtabu zum Beispiel, d.h. mit dem Verbot der direkten Nennung, belegen nach Stephen Ullmann menschliche Gesellschaften bestimmte Bereiche des menschlichen Lebens aus drei Gründen: aus Ehrfurcht, aus Takt und aus Rücksicht auf die Anstandsnormen.[12]

Nicole Zöllner fügt diesen Punkten später noch einen jüngst aufgetretenen wichtigen Aspekt, nämlich das Tabu aus sozialem Takt („political correctness“), hinzu. Dies bedeutet, dass sich Tabus z.B. über die Bezugsfelder Tod und Krankheit erstrecken können, wobei man dann von solchen aus Feinfühligkeit spricht. Unter die Rubik der Tabus aus Anstand fällt unter anderem auch der im Folgenden im Mittelpunkt stehende Bereich der Sexualität.[13]

Insgesamt schreibt Christel Balle dazu verallgemeinernd, dass sich die Tabus von heute zu den früheren vor allem durch die Motivation unterscheiden. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Tabus zeit- und gesellschaftsspezifisch sind, da sie durch Kultur, Politik, sowie durch soziale und kulturelle Faktoren geprägt werden.[14] Sie fungieren als Regulative und stecken dabei positive und negative Extrema der gesellschaftlichen Ordnung ab. Übergeordnete Geltung zu haben scheint allerdings das Bedürfnis, für den mit einem Verbot belegten Begriff ein „harmloseres“ oder „euphemistisches“ Ersatzwort zu finden. Folglich werden Synonyme und neue Wörter gebildet, die den Sprachschatz bereichern. Aber auch mit Hilfe von Metaphern, Antiphrasen, Schmeichel- und Verniedlichungsformen, Fachvokabular, Tabuplural etc. wird versucht, einer „Strafe“ für die Übertretung eines Tabus aus dem Weg zu gehen.[15]

Festzuhalten bleibt, dass viele Aspekte, seien es mystische oder soziale, in den Tabubegriff mit eingeflossen sind, ihn geprägt haben und in ihm immer noch mehr oder weniger explizit weiterbestehen. Der Bedeutungsaspekt „Verbot“ ist in allen Verwendungen des Begriffs enthalten und spielt daher auch im Bereich der Sexualität eine besondere Rolle.[16] Aus diesem Grund soll daher unter dem nächsten Punkt der Bezug zwischen Sprache und Sexualität hergestellt werden.

[...]


[1] Anmerkung: Dies ist nach Werner Betz die wahrscheinlichste Erklärung der ansonsten ungeklärten Etymologie des Wortes im Polynesischen. Vgl . dazu Betz, Werner: Tabu. Wörter und Wandel. In: Sonderbeitrag. Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Band 23. Mannheim u.a.: Bibliographisches Institut 1978, S.141.

[2] Vgl. Köhnlein, Stephan: Linguistische Ansätze zur Beschreibung und Erklärung des Phänomens „Sexuelles Sprachtabu“. In: Sprache-Erotik-Sexualität, hg. von Rudolf Hoberg. (Philologische Studien und Quellen, hg. von Anne Betten, Hartmut Steinecke & Horst Wenzel, Heft 166). Berlin: Erich Schmidt Verlag 2001, S.84.

[3] Vgl. Zöllner, Nicole: Der Euphemismus im alltäglichen und politischen Sprachgebrauch des Englischen. In: Forum Linguisticum, hg. von Christoph Gutknecht. Band 35. Frankfurt am Main, Berlin, u.a.: Peter Lang 1997, S.15.

[4] Vgl. Kuhn, Fritz: Tabus. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 18. Jahrgang, Band 60, hg. von Hans Jürgen Heringer, Gerhard Kurz & Georg Stötzel. Paderborn: Ferdinand Schöningh, Wilhelm Fink Verlag 1987, S.20/21.

[5] Vgl. Musolff, Andreas: Sind Tabus tabu? Zur Verwendung des Wortes Tabu im öffentlichen Sprachgebrauch. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 18. Jahrgang, Band 60, hg. von Hans Jürgen Heringer, Gerhard Kurz & Georg Stötzel. Paderborn: Ferdinand Schöningh, Wilhelm Fink Verlag 1987, S.10.

[6] Vgl. Musolff: Sind Tabus tabu? Zur Verwendung des Wortes Tabu im öffentlichen Sprachgebrauch. (Anm.5), S.11.

[7] Vgl. Schimpf, Silke: Wissens- und Wortschatzvariationen im Bereich der Sexualität. Untersuchungen anhand ausgewählter Zeitschriftentexte. In: Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschichte, hg. von Ruth Schmidt-Wiegand & Sigurd Wichter. Band 33. Frankfurt am Main, Berlin, u.a.: Peter Lang 1997, S.16.

[8] Vgl. Braungart, Wolfgang: Tabu. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hg von Jan-Dirk Müller. Band 3 (P-Z). Berlin, New York: Walter de Gruyter 2003. S.570.

[9] Vgl. Braungart: Tabu. (Anm.8), S.570.

[10] Anmerkung: In weiteren wissenschaftlichen Quellen wird das Tabu allerdings nicht nur als Verbot, sondern gleichzeitig auch als Konvention (Meidungskonvention), in Anlehnung an Durkheims Rede vom negativen Kult, benannt. Vgl. dazu Keller, Rudi: Worttabu und Tabuwörter. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 18. Jahrgang, Band 60, hg. von Hans Jürgen Heringer, Gerhard Kurz & Georg Stötzel. Paderborn: Ferdinand Schöningh, Wilhelm Fink Verlag 1987, S.3.

[11] Vgl. Trost, P.: Bemerkungen zum Sprachtabu. In: A Prague School Reader in Linguistics, hg. von Josef Vachek. Bloomington: Indiana University Press 1964, S.434.

[12] Vgl. Danninger, Elisabeth: Tabubereiche und Euphemismen. In: Sprachtheorie und angewandte Linguistik. Festschrift für Alfred Wollmann zum 60. Geburtstag, hg. von Werner Welte. (Tübinger Beiträge zur Linguistik 195). Tübingen: Narr 1982, S.237.

[13] Vgl. Zöllner: Der Euphemismus im alltäglichen und politischen Sprachgebrauch des Englischen. (Anm.3), S.52.

[14] Anmerkung: Tabus werden heute vorwiegend durch die Angst Aufsehen, Peinlichkeit, Scham und Verletzung zu erregen, bedingt. Vgl. dazu Balle, Christel: Tabus in der Sprache. In: Reihe A – Abhandlungen und Sammelbände Band 10, hg. von Horst W. Drescher. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris: Peter Lang 1990, S.20.

[15] Vgl. Balle: Tabus in der Sprache. (Anm.13), S.183 & Kerscher, Ignatz: Sexualität und Tabu. In: Handbuch der Sexualpädagogik, hg. von Norbert Kluge. Band 1. Düsseldorf: Schwann 1984, S.151.

[16] Vgl. Köhnlein: Linguistische Ansätze zur Beschreibung und Erklärung des Phänomens „Sexuelles Sprachtabu“. (Anm.2), S.85.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Sexualität und Tabu: Sprachgebrauch und Tabuisierung am Themenbeispiel 'Homosexualität'
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Tabu in der Sprache
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V57378
ISBN (eBook)
9783638518604
Dateigröße
908 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Tabu, Sprachgebrauch, Tabuisierung, Themenbeispiel, Homosexualität, Hauptseminar, Sprache
Arbeit zitieren
Maike Alberti (Autor), 2004, Sexualität und Tabu: Sprachgebrauch und Tabuisierung am Themenbeispiel 'Homosexualität', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57378

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