Über den Spracherwerb kleiner Kinder gibt es unterschiedliche Theorien und Erklärungsversuche. Diese Spracherwerbstheorien bilden das Fundament für mögliche Erklärungsmuster. Innerhalb der Spracherwerbsforschung fand immer wieder ein Paradigmenwechsel statt; der Ansatz des Behaviorismus wurde längst für obsolet erklärt und Piagets kognitivistische Theorie als eher unzutreffend kritisiert. In den letzten zwanzig Jahren dominierte das generative und nativistische Modell Chomsky’s, das jedoch inhaltlich nie hinreichend definiert werden konnte und nur einen Teilaspekt des Spracherwerbs erklärt, und zwar die Kerngrammatik. Neuere theoretische Ansätze stehen nun im Vordergrund, die als usage-based und Selbstorganisation bekannt sind. Sie zeigen, wie sprachliche Strukturen mittels allgemeiner kognitiver Fähigkeiten aus der sozialen Interaktion und dem Input konstruiert werden können.
Diese Arbeit betrachtet die wesentlichen Aspekte des kindlichen Erstspracherwerbs, jedoch kann die Darstellung der etablierten, teilweise hochkomplexen Spracherwerbstheorien den tiefergehenden Details aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit nicht gerecht werden. Daher stellt diese Arbeit nicht den Anspruch sich als eine komplette Analyse dieser Theorien zu bezeichnen, sondern bietet lediglich eine zusammengefasste Übersicht über die Vielzahl der Theorien und die verschiedenen Forschungsergebnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition des Begriffes Spracherwerb
3. Spracherwerbstheorien
3.1. Die behavioristische Theorie
3.2. Die nativistische Theorie
3.2.1. Language Acquisition Device
3.2.2. Prinzipien und Parameter Modell
3.2.3. Kontinuitätstheorie
3.2.4. Reifungshypothese
3.3. Die kognitivistische Theorie
3.4. Die interaktionistische Theorie
3.4.1. Gebrauchsbasierter Spracherwerbsansatz nach Tomasello
3.5. Spracherwerb durch Selbstorganisation
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt eine strukturierte Übersicht über die zentralen Theorien des kindlichen Erstspracherwerbs. Dabei wird untersucht, wie sprachliche Kompetenzen erworben werden und ob dieser Prozess eher durch angeborene biologische Anlagen, kognitive Entwicklungsschritte, soziale Interaktion oder dynamische Selbstorganisationsprozesse gesteuert wird.
- Behavioristische Ansätze und deren Kritik
- Nativistische Modelle (u.a. LAD, Prinzipien & Parameter)
- Kognitivistische Perspektiven nach Piaget
- Interaktionistische Theorien und gebrauchsbasierte Ansätze
- Spracherwerb als dynamisches System der Selbstorganisation
Auszug aus dem Buch
3.4.1. Gebrauchsbasierter Spracherwerbsansatz nach Tomasello
Ziel des gebrauchsbasierteren Ansatzes ist es, ein psychologisch plausibles Modell des Spracherwerbs zu definieren, das aktuelle Erkenntnisse aus der Lernpsychologie aufnimmt. Laut Tomasello ist das Kind erst fähig Sprache zu lernen, wenn es die Grundvoraussetzungen für Kommunikation erfüllt. Dies ist bei Kindern etwa im Alter von neun bis zwölf Monaten der Fall, wenn die Fähigkeit zur Interaktion vorhanden ist. „[...] language structure emerges [...] from language use. [...] children begin their linguistic careers with concrete and specific linguistic constructions, and create abstractions only gradually through repeated acts of language [...] production in specific usage events” (Tomasello 2000: 305).
Es sei eine empirische Tatsache, dass linguistische Abstraktionen sich während der Entwicklung des Kindes langsam und stückweise aufbauen und sich dann entsprechend anpassen. Somit ist für Tomasello die Kontinuitätstheorie obsolet, da sie nicht in der Lage ist, diese entwicklungsbedingten Veränderungen der Sprache zu erklären (vgl. Tomasello 2003: 96-97). Dahingegen versucht er mit seinem gebrauchsbasiertem Konzept verständlich zu machen, wie Kinder von Einwortsätzen zu der Kompetenz kommen, die Syntax der Erwachsenensprache zu beherrschen. Er postuliert, dass Kinder Sprache sukzessiv und lexikonabhängig lernen; Generalisierungen macht es erst nachdem es über eine gewisse Menge an linguistischem Material (Input) verfügt. Der Erwerb linguistischer Strukturen hängt stark von der spezifischen Sprache ab, dem das Kind ‚ausgesetzt’ ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert den historischen Paradigmenwechsel in der Spracherwerbsforschung von behavioristischen Ansätzen hin zu modernen Theorien wie usage-based und Selbstorganisation.
2. Definition des Begriffes Spracherwerb: Hier wird der theoretische Rahmen gesteckt, indem zwischen sprachlicher Kompetenz und Sprachperformanz unterschieden wird.
3. Spracherwerbstheorien: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die verschiedenen wissenschaftlichen Erklärungsmodelle, von der behavioristischen Konditionierung über den Nativismus und Kognitivismus bis hin zu interaktionistischen und systemtheoretischen Ansätzen.
4. Resümee: Das Resümee zieht ein Fazit aus den vorgestellten Theorien und stellt fest, dass Spracherwerb ein hochkomplexer Prozess ist, bei dem moderne systemtheoretische Modelle die bisherigen Erklärungsansätze konvergent zusammenführen.
Schlüsselwörter
Spracherwerb, Erstspracherwerb, Behaviorismus, Nativismus, Universalgrammatik, Language Acquisition Device, Kognitivismus, Interaktionismus, Gebrauchsbasierter Ansatz, Selbstorganisation, Emergenz, Syntax, Sprachtheorie, Kindersprache, Paradigmenwechsel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit bietet eine fundierte Übersicht über die wichtigsten theoretischen Erklärungsmodelle zum kindlichen Erstspracherwerb und deren wissenschaftliche Entwicklung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die behavioristischen, nativistischen, kognitivistischen, interaktionistischen und systemtheoretischen Erklärungsansätze.
Was ist das Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Vielzahl der Theorien und Forschungsergebnisse zusammenzufassen, um ein besseres Verständnis über den komplexen Prozess des Spracherwerbs zu vermitteln.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden primär diskutiert?
Diskutiert werden insbesondere die Ansätze von Noam Chomsky, Jean Piaget, Michael Tomasello und Annette Hohenberger.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Theorien detailliert dargestellt und ihre Stärken sowie Schwächen hinsichtlich der Erklärung des Spracherwerbs kritisch beleuchtet.
Welche Bedeutung haben die gewählten Schlüsselwörter?
Die Schlüsselwörter markieren die zentralen Konzepte und Fachbegriffe, die zur Einordnung und Analyse der behandelten Spracherwerbstheorien notwendig sind.
Warum wird die Kontinuitätstheorie von Tomasello kritisiert?
Tomasello kritisiert die Kontinuitätstheorie als obsolet, da sie die empirisch beobachtbaren, stückweisen Veränderungen während der Entwicklung des Kindes nicht hinreichend erklären kann.
Was besagt die Reifungshypothese nach Felix?
Die Reifungshypothese postuliert einen biologisch vorgegebenen Zeitplan (maturational schedule), nach dem sich Prinzipien der Universalgrammatik im Kind entfalten.
Wie unterscheidet sich der Ansatz der Selbstorganisation?
Die Selbstorganisation betrachtet den Spracherwerb als dynamisches, nicht-lineares System, das durch Interaktion mit der Umwelt eigene Strukturen und Hierarchien aus dem Chaos heraus bildet.
Welche Rolle spielt die Interaktion für Tomasello?
Für Tomasello ist die soziale Interaktion der Motor der Sprachentwicklung; das Kind lernt Sprache durch die aktive Teilhabe an konkreten kommunikativen Situationen.
- Quote paper
- Kader Aki (Author), 2005, Theorien des Erstspracherwerbs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57398