Eigentlich kann man sich das Feuilleton sparen. Die paar Leser könnten die zuständigen Redakteure auch persönlich anrufen und es bliebe genug Zeit für einen ausgiebigen Plausch. Eine Meinung, die man oft zu hören bekommt, wenn die Kollegen aus anderen Ressorts gemeinsam am Mittagstisch über die blassen Feuilletonisten mit dem wirren Haar, dem Suhrkamp-Büchlein und den filterlosen Zigaretten am Nachbarstisch herziehen und deren Texte über die „fein gewebten Klangteppiche“ der Philharmoniker, über die Theaterpremiere am anderen Ende der Republik oder die Rückkehr des silbenzählenden Prinzips in die Lyrik verspotten. Diese Sicht mag eine klischeehafte sein, im Kern bestätigt die Feuilletonforschung den Be-fund jedoch. „Rezensionsfriedhöfe“, die den Leser missachteten, „trist, trocken und traurig“ lauten die wenig schmeichelhaften Urteile über das Feuilleton der Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre. Legt man jedoch ein Feuilleton aus dem Jahre 1985 neben eines aus dem Jahr 2000, zeigt sich auf den ersten Blick, dass sich in dem Ressort radikale Veränderungen vollzogen haben müssen. Auf extrem ausgebautem Platz findet man statt reiner Kulturberichterstattung Reflexionen über die Ästhetik von Supermärkten, Verknüpfungen von Oliver Kahns Liebesleben mit dem Frauenbild in Musikvideos, cultural studies über den Erfolg von „Modern Talking“ in Osteuropa, etc. Es wirkt fast so, als könne das Feuilleton jedes Thema be-handeln, das sich nicht wehren kann. Offenbar hat das Ressort seinen Kulturbegriff stark erweitert. Auch die Palette der Darstellungsformen und Stilmittel scheint um einiges größer geworden zu sein. Den Rezensionsfriedhof hat man eingeebnet. Statt vermeintlich objektive Kritiken über ein Kunstprodukt zu schreiben, berichten Autoren von ihren Erlebnissen und Gefühlen und wagen Experimente mit Textcollagen und Kolumnen. Diese Entwicklung gilt es zu beschreiben. Was genau ist da eigentlich passiert? Denn bis jetzt hat sich keine klare Interpretation des Wandels im Feuilleton herausgebildet. Gegner sprechen von einem Verfall des Niveaus, von einer Marginalisierung der klassischen Künste. Befür-worter begrüßen eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit der Leser, die dem Feuilleton mehr statt weniger Seriosität einbringe. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der verwendete Begriff Feuilleton
3. Entstehung und Entwicklung des Feuilleton
3.1 Entwicklung bis zum 1. Weltkrieg
3.2 Die Zeit der Weimarer Republik
3.3 Das Dritte Reich
3.4 Die Nachkriegsjahre
3.5 Zusammenfassung
4. Studien aus dem Untersuchungszeitraum
4.1 Die Kulturjournalisten
4.2 Das Publikum
4.3 Der Kulturbegriff
4.4 Das Feuilleton
4.5 Zusammenfassung
5. Die Diskussion um das Feuilleton heute
5.1 Die ökonomischen Bedingungen
5.2 Die inhaltlichen Erweiterungen
5.3 Die Kritik
5.3.1 Niveauverlust der klassischen Kritik
5.3.2 Hinwendung zur Unterhaltungskultur
5.3.3 Boulevardisierung
5.3.4 Selbstinszenierung
5.3.5 Fixierung auf den Augenblick
5.4 Die andere Seite
5.4.1 Die Generationenfrage
5.4.2 Der Leser und seine Interessen
5.4.3 Die Herangehensweise
5.5 Zusammenfassung
6. Exkurs Pop
6.1 Popliteratur → Popjournalismus → literarischer Journalismus?
7. Zusammenfassung und Begriffsbestimmung
8. Hypothesen
9. Methodik der Untersuchung
9.1 Die Inhaltsanalyse
9.1.1 Anforderungen
9.1.2 Die Grundgesamtheit
9.1.3 Die Stichprobe
9.2 Die Leitfadengespräche
10. Der Seitenumfang des Feuilletons
11. Die Bebilderung
12. Die Darstellungsformen
13. Besondere Stilformen
14. Die Themen
15. Der Fokus der Berichterstattung
16. E- und U-Kultur
17. Zusammenfassung der Ergebnisse und Hypothesenüberprüfung
18. Empfehlungen
19. Forschungsperspektive
20. Literaturverzeichnis
21. Anhang
Anhang 1: Die Leitfadengespräche
Anhang 2: Tabellen
Anhang 3: Codebuch
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den thematischen und stilistischen Wandel des überregionalen deutschen Feuilletons im Zeitraum von 1985 bis 2005. Ziel ist es, die Entwicklung von einem klassischen, rezensionsgeprägten Ressort hin zu einem entgrenzten „Pop-Feuilleton“ zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, ob diese Modernisierungsansätze den Anschluss an eine breitere Leserschaft fördern konnten oder in einer Krise endeten.
- Historische Entwicklung und Begriffsbestimmung des Feuilletons
- Inhaltsanalytische Untersuchung von überregionalen Qualitätszeitungen (SZ, FAZ, Die Welt, Frankfurter Rundschau)
- Strukturelle Analyse von Darstellungsformen, Themenvielfalt und Bebilderung
- Diskussion über den Generationenkonflikt zwischen klassischem und modernem Kulturjournalismus
- Einfluss ökonomischer Bedingungen auf die Ausgestaltung des Kulturteils
Auszug aus dem Buch
3. ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DES FEUILLETONS
3.1 Entwicklung bis zum 1. Weltkrieg: Als Vorläufer des Feuilletons gilt der „Gelehrte Arti kel“, dessen Entstehung auf den Beginn des 18. Jahrhunderts zurück datiert werden kann. Wie der Titel bereits verrät behandelten diese Artikel vorwiegend Nachrichten über gelehrte Per sonen und deren Arbeit sowie erstaunliche Naturereignisse.8 Ernst-Friedrich Meunier und Hans Jessen lokalisieren die Geburt des Feuilletons auf das Jahr 1731 als die „Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburger unpartheyischen Korresponden ten“ zum ersten Mal erschien. Zu deren Themen zählte auch die Buchbesprechung. Damit entstand „die Grundlage unseres modernen Feuilletons, die Kulturkritik“9. Bodo Rollka ver weist 70 Jahre nach der Gesamtdarstellung der Feuilletongeschichte von Meunier und Jessen darauf, dass die Forschung inzwischen die Geburtsstunde auf den 28. Januar 1800 datiere, als der Abbé Geoffrey im Annoncen-Beiblatt des „Journal des Débats“ begann, seine Theaterkri tiken zu veröffentlichen – laut Rollka vor allem zum Zwecke der Unterhaltung10. Feuilleton steht dabei erst einmal für nicht mehr als eine neutrale buchbinderische Bezeichnung für ein Heftchen von acht Seiten, das den Journalen als Beiblatt mitgegeben wurde. Ihr Hauptzweck war die Bereitstellung eines anregenden Umfeldes für die Anzeigen.11. Die Journal-Beilagen waren bald so beliebt, dass man sie ins Hauptblatt aufnahm, nun im unteren Viertel oder Drit tel der Seite durch einen dicken Strich abgetrennt - daher der Ausdruck: Unter dem Strich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfragen zur Entwicklung des Feuilletons.
2. Der verwendete Begriff Feuilleton: Definition der verschiedenen Bedeutungsdimensionen des Feuilletons als journalistische Form und Ressort.
3. Entstehung und Entwicklung des Feuilleton: Historischer Abriss von den Anfängen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
4. Studien aus dem Untersuchungszeitraum: Überblick über wissenschaftliche Erkenntnisse zum Selbstverständnis von Kulturjournalisten und deren Publikum.
5. Die Diskussion um das Feuilleton heute: Analyse aktueller Debatten über ökonomische Zwänge und inhaltliche Neuausrichtungen.
6. Exkurs Pop: Beleuchtung des Phänomens "Pop" als Diskussionsgegenstand des jungen Feuilletons.
7. Zusammenfassung und Begriffsbestimmung: Synthese der Ergebnisse und Begriffsklärung für die vorliegende Untersuchung.
8. Hypothesen: Formulierung der forschungsleitenden Annahmen über den Rückgang klassischer Formen und die Zunahme populärer Elemente.
9. Methodik der Untersuchung: Darstellung des methodischen Vorgehens mittels Inhaltsanalyse und Experteninterviews.
10. Der Seitenumfang des Feuilletons: Analyse der quantitativen Entwicklung der Seitenkapazitäten.
11. Die Bebilderung: Untersuchung des grafischen Aufwands und der Nutzung von Illustrationen.
12. Die Darstellungsformen: Analyse der Nutzung verschiedener journalistischer Genres.
13. Besondere Stilformen: Untersuchung spezieller Merkmale wie "Ich-Erzählung" und Ironie.
14. Die Themen: Untersuchung der inhaltlichen Schwerpunkte und der Ausweitung des Kulturbegriffs.
15. Der Fokus der Berichterstattung: Analyse der Ausrichtung auf Ereignisse, Personen oder Betriebsabläufe.
16. E- und U-Kultur: Untersuchung der Vermischung von Hoch- und Populärkultur.
17. Zusammenfassung der Ergebnisse und Hypothesenüberprüfung: Abgleich der Hypothesen mit den empirischen Ergebnissen.
18. Empfehlungen: Zusammenfassende Einschätzung des Autors und Ausblick.
19. Forschungsperspektive: Aufzeigen von Forschungslücken und Anregungen für zukünftige Studien.
20. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
21. Anhang: Detaillierte tabellarische Auswertungen und Forschungsunterlagen.
Schlüsselwörter
Feuilleton, Kulturjournalismus, Popliteratur, Popjournalismus, Inhaltsanalyse, Medienwandel, Kulturkritik, Zeitungsgeschichte, Boulevardisierung, Hochkultur, Populärkultur, Rezension, journalistische Darstellungsformen, Printmedien, Feuilletonforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel des Kulturjournalismus in überregionalen deutschen Zeitungen zwischen 1985 und 2005, insbesondere die Entwicklung vom klassischen, kunstorientierten Feuilleton hin zu einem stärker populär ausgerichteten "Pop-Feuilleton".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die inhaltliche Ausweitung des Kulturbegriffs, die Veränderung journalistischer Darstellungsformen, das Selbstverständnis der Feuilletonredakteure sowie der Einfluss ökonomischer Krisen auf die Gestaltung der Kulturressorts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis einer Inhaltsanalyse und von Experteninterviews nachzuweisen, ob sich das Feuilleton tatsächlich nachhaltig gewandelt hat und ob der Begriff des "Pop-Feuilletons" ein adäquates Instrument zur Beschreibung dieser Entwicklungen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden eine quantitative Inhaltsanalyse von über 2100 Artikeln über einen Zeitraum von 20 Jahren sowie qualitative Leitfadengespräche mit leitenden Feuilletonredakteuren und Protagonisten des Kulturjournalismus durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine detaillierte Auswertung der erhobenen Daten (Seitenumfang, Themen, Darstellungsformen, Stilmittel) sowie in die Analyse der internen Feuilletondebatten und Experteninterviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Feuilleton, Kulturjournalismus, Popkultur, Inhaltsanalyse, Medienwandel, Boulevardisierung und Rezensionskritik beschreiben.
Inwiefern hat der "Historikerstreit" das Feuilleton beeinflusst?
Der Autor führt den Historikerstreit von 1986 als Keimzelle des "politischen Feuilletons" an, da hier kulturelle Ressorts begannen, komplexe gesellschaftliche Debatten über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus zu führen.
Warum ist die "Generationenfrage" so wichtig für das Verständnis der Debatte?
Die Konfliktlinie verläuft zwischen einer etablierten Generation, die das Feuilleton als bewahrenden Ort der Hochkultur sieht, und einer jüngeren Generation, die das Ressort für Alltagskultur, Ironie und persönliche Subjektivität öffnen möchte.
Warum ist der Begriff "Popjournalismus" so umstritten?
Der Begriff wird oft als Kampfbegriff verwendet, um unseriöse oder oberflächliche journalistische Praktiken abzuwerten, während Befürworter ihn als notwendige Öffnung zur Lebenswirklichkeit der Leser verteidigen.
- Quote paper
- Steffen Becker (Author), 2005, Lasst uns eine Show machen - eine inhaltsanalytische Untersuchung über das populäre Feuilleton und seinen Stellenwert 1985 bis 2005, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57406