"Psycho" von Alfred Hitchcock. Wie beim Zuschauer durch filmische Mittel Angst, Schrecken und Schockerlebnisse erzeugt werden


Seminararbeit, 2002
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Inhaltswiedergabe des Thrillers Psycho

3. Typische Elemente in den Filmen Hitchcocks
3.1. Suspense
3.2. Der „Fleck“

4. Analyse ausgewählter Filmsequenzen
4.1. Der Mord Marions unter der Dusche
4.2. Arbogasts Mord in der Villa

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Psycho, einer der berühmtesten filmischen Meisterwerke Alfred Hitchcocks, entstand 1960 in Amerika als sein letzter Paramount-Film mit Produktionskosten von nur 800.000 Dollar. Dieser Thriller wurde zu „Hitchcocks größtem Erfolg bei der Kritik und an der Kinokasse“.[1] Was diesen Film zu einem Klassiker hat werden lassen, war die Kunst, die Emotionen des Publikums zu manipulieren. Jede einzelne Einstellung und jeder Schnitt ist zuvor von Hitchcock wohlüberlegt worden, um, wie er in einem Interview erläutert hat, die Rezipienten seiner Filme mit „wohltätigen Schocks (zu) füttern“.[2]

Die folgende Arbeit untersucht wie Hitchcock durch Montagetechnik, Musik, Beleuchtung, Einstellungsgröße und –länge den Zuschauer in seiner Gefühlswahrnehmung beeinflusst. Dabei soll herausgestellt werden, wie diese filmischen Mittel zu Angst oder Schock- erlebnissen beim Betrachter des Thrillers führen.

In einem ersten Kapitel werde ich in wenigen Sätzen den Inhalt von Psycho wiedergeben, um den eigentlichen Gegenstand der Analyse begreifbar zu machen.

Anschließend erfolgt in einem zweiten Kapitel eine knappe Erläuterung von wesentlichen Begriffen wie „Suspense“, einem Mittel zur Spannungserzeugung, und „schwarzer Fleck“, die als typische Charakteristika der Filme Alfred Hitchcocks gelten. Mehrere Autoren, sei es von Fachliteratur, Zeitschriften oder Internetseiten, die sich mit seinen Werken eingehend befasst haben, geben ihm den Titel „Master of Suspense“.[3] Es kann hierbei nicht sehr tief auf die Begriffe Suspense und „Fleck“ eingegangen werden, da dieses im Rahmen einer Hausarbeit nicht zu bearbeiten wäre.[4]

Im darauf folgenden Kapitel werden zwei Sequenzen aus Psycho analysiert und es soll hierbei die Wirkung der filmischen Mittel in bezug auf Angst, Schrecken und die daraus resultierende Steigerung bis hin zum Gefühlsschock beim Zuschauer näher untersucht werden. Schließlich ist es Absicht eines Thrillers durch die Verwendung von Spannungseffekten beim Zuschauer Emotionen des Bangens auszulösen.[5]

In einem letzten Kapitel werden die zuvor ermittelten Untersuchungsergebnisse des Verhältnisses zwischen Filmtechnik und Emotionslage der Zuschauer in wenigen Sätzen komprimiert dargestellt.

2. Kurze Inhaltswiedergabe des Thrillers Psycho

Marion Crane (Janet Leigh), eine Sekretärin aus Phoenix, und Sam Loomis (John Gavin) möchten heiraten, was jedoch aufgrund Sams finanzielle Lage nicht möglich ist. Als Marions Chef sie bittet, 40.000 Dollar zur Bank zu bringen, stiehlt Marion das Geld und verlässt die Stadt. Nachts steigt Marion in dem kaum besuchten Motel von Norman Bates (Anthony Perkins) ab. Bei einer Unterredung der beiden, erzählt Norman, dass er zusammen mit seiner Mutter, einer kranken und offenbar eigenwilligen Frau, in dem Haus lebt. Als sich Marion unter die Dusche begibt, taucht jemand auf, den wir anfangs für die geistesgestörte Mutter von Norman halten, und ersticht die wehrlose Sekretärin aus Phoenix. Kurz darauf entdeckt Norman die Tat „seiner Mutter“ und tilgt alle Spuren des Mordes. Marion wird von ihm in einem Sumpfloch mitsamt den 40.000 Dollar versenkt. Als ihre Schwester Lila (Vera Miles) Marion nicht erreichen kann, geht sie zu Sam, um ihn um seine Hilfe zu bitten. Auch der Privatdetektiv Milton Arbogast (Martin Balsam) ist auf der Suche nach Marion, um das unterschlagene Geld wiederzubeschaffen. Norman erweckt Arbogasts Misstrauen, als er sich weigert, ihn zu seiner Mutter zu bringen. Er berichtet Sam und Lila von seinem Verdacht und begibt sich zu der Villa der Bates’, um Normans Mutter zu befragen. In dem Haus wird er von Mrs. Bates, wie es den Anschein hat, angegriffen und tödlich verwundet. Da sich Arbogast nicht mehr bei Sam und Lila meldet und sie von Sheriff Chambers (John McIntire) erfahren, dass Normans Mutter seit Jahren tot ist, machen auch sie sich auf zu Bates Motel, um Hinweise auf den Verbleib Marions zu erhalten. Während Sam Norman ablenkt, durchsucht Lila die Villa und findet dort im Keller Mrs. Bates als mumifiziertes Gerippe. Es erweist sich, dass Norman unter Schizophrenie leidet und zu einem pathologischen Mörder wird, wenn er sich mit seiner Mutter identifiziert.

3. Typische Elemente in Filmen von Hitchcock

Sobald sich jemand näher mit den Filmen Alfred Joseph Hitchcocks (1899-1980) und seiner Person befasst, stößt er unweigerlich auf die herausragenden und für die nachfolgende Filmwelt meist prägenden Ideen und Techniken des britischen Regisseurs. Sein Name ist Synonym für Spannungsqualität, die oftmals durch den Einsatz der subjektiven Kamera und einem wesentlichen Element der Spannungs- und Angsterzeugung, dem Suspense, erzielt wird.[6] Des weiteren taucht im Zusammenhang verschiedener Analysen zu den Filmen Hitchcocks der Begriff des „Flecks“ auf. Insbesondere Slavoj Zizek beschreibt in seinen Werken „das mysteriöse Detail, das hervorsteht“[7] anhand diverser Filmsequenzen. Diese Begriffe sollen im folgenden kurz und prägnant erläutert werden.

3.1. Suspense

Ein konstantes Stilmerkmal in Psycho ist der Suspense. Nach Hitchcocks Definition ist Suspense das genaue Gegenteil von Surprise (engl. für Überraschung). Bei letzterem geschieht etwas, womit der Zuschauer nicht gerechnet hat, bei Suspense (engl. für Spannung, Anspannung) dagegen weiß der Betrachter des Films, dass etwas passieren wird.[8] Suspense entsteht demnach, wenn wir als Zuschauer mehr wissen als die Person auf der Leinwand. Die Bedrohung des Helden im Thriller, der das Identifikationsangebot für den Zuschauer darstellt, wird dem Publikum bereits im Voraus angedeutet. Die Rezipienten ahnen die Gefahr für den Protagonisten und haben Angst um ihn. Gleichermaßen hofft der Betrachter, dass seine Identifikationsfigur die bedrohende Situation unbeschadet überstehen wird. Da der Suspense die Gefühle der Sympathie oder Antipathie für die Personen überwinden kann, bangen wir nicht nur mit unseren Helden, sondern auch mit den Antagonisten. Die Zuschauer befinden sich in diesem Zeitraum „in einem Schwebezustand zwischen Grundemotionen der Hoffnung und Angst“.[9] Bei Untersuchungen an Probanden, die sich einen Suspense-Thriller anschauten, ist festgestellt worden, dass sie während diesem sogenannten Schwebezustand sowie bei der darauf folgenden Spannungsauflösung einer Filmsequenz „ein Maximum an kardialen, respiratorischen, elektrodermalen und verbalen Reaktionen zeigten“.[10] Dies macht deutlich, dass der Suspense physische und psychische Reaktionen beim Zuschauer hervorruft. Hitchcock fasst daher den Suspense folgendermaßen zusammen: „Suspense ist die Kunst, mit der Erwartung des Publikums zu spielen.“[11]

3.2. Der „Fleck“

Der sogenannte „Fleck“ ist laut Zizek ein grundlegender Bestandteil des Hitchcockschen Universums.[12] Ein solcher Fleck, der oftmals auch als „Ding“ bezeichnet wird, lässt sich vom Zuschauer nicht oder nur sehr schwer in die filmische Realität einfügen. Er macht uns darauf aufmerksam, dass irgendetwas nicht stimmt. Ein Beispiel hierfür ist in Psycho der Schatten, der im Badezimmer auftaucht, als Marion ahnungslos unter der Dusche steht. Wir erahnen die Bedrohung, die von diesem Fleck ausgeht und wünschen uns, dass dieser wieder verschwinden möge. Der Fleck taucht als Fremdkörper auf, „als anti-natürliches Element im natürlichen Feld des Sehens“.[13] Zizek spricht von Perversion, wenn der Zuschauer sich aufgrund von Kameraeinstellung und Montage mit dem „Ding“ identifizieren muss.[14] Beispiele hierzu werde ich in den Kapiteln 4.1 und 4.2 erläutern.

4. Analyse ausgewählter Filmsequenzen

Die erste Sequenz, die ich analysieren werde, ist die Duschmordszene, welche den Thriller Psycho zu einem unvergesslichen Filmklassiker hat werden lassen. Der Akt dieses Mordes ist zerstückelt in eine Vielzahl fragmentierter Naheinstellungen, die in einem frenetischen Rhythmus aufeinander folgen.

Die Sequenzanalyse von Milton Arbogasts Mord wird in Kapitel 4.2 behandelt. Obwohl der Betrachter des Films mit diesem Mord innerlich gerechnet hat -denn er weiß im Gegensatz zu Arbogast, dass „Mutter“ eine Mörderin ist und sich in der Villa aufhält (=Suspense)- ist er von dem tatsächlichen Eintreten seiner Vermutung geschockt, da er stets gehofft hat, dass Arbogast die Hausdurchsuchung unbeschadet übersteht.

4.1. Der Mord Marions unter der Dusche

Hitchcock hat in einem Interview einmal zugegeben, dass das einzige was ihn dazu gebracht hat, den Film Psycho zu drehen, der unerwartete Mord an der Protagonistin war.[15]

Ich beginne diese Sequenzanalyse mit der Einstellung, in der Marion, gespielt von Janet Leigh, sich unter die Dusche begibt. Wir sehen in einer Detailaufnahme Marions Beine, die die Duschwanne betreten. Der Rest des Körpers ist nicht zu sehen. Es folgt nun eine halbnahe Seitenansicht Marions; dabei sind nur Umrisse ihres Körpers zu erkennen, da der Duschvorhang eine detailliertere Ansicht verhindert. In einer Porträteinstellung wird uns nun gezeigt, wie sie das Wasser anstellt. Marion schließt ihre Augen und scheint es somit zu genießen, wie der Wasserstrahl auf ihr Gesicht trifft. In der darauf folgenden subjektiven Detaileinstellung sehen wir den Duschkopf von unten aus ihrer Sicht. Hitchcock wählt während dieser Sequenz bewusst des öfteren die subjektive Kameraeinstellung, da sie dem Zuschauer eine Nähe zur dargestellten Figur suggeriert und ihn in die Handlung mit einbezieht. Das nächste Bild zeigt erneut Marion in einer Porträteinstellung. In der kurz darauf folgenden Seitenansicht sehen wir, wie unsere Identifikationsfigur sich gründlich ihre Arme und ihren Hals wäscht. Nachdem wir in einer Detailaufnahme seitlich auf den Brausekopf blicken, zeigt uns eine Halbnahe Marions rechte Körperseite; im Hintergrund befindet sich der Duschvorhang. Die Kamera wechselt nun zu einer leichten Obersicht. Der Zuschauer kann sich durch diesen establishing shot leichter einen Überblick über die Situation und den Handlungsort machen. Marion befindet sich rechts im Bild. Ihre Augen sind geschlossen während sie sich den Hals wäscht. Im Hintergrund sehen wir den Duschvorhang. Durch diesen erkennt man, dass sich die Tür des Badezimmers öffnet und jemand den Raum betritt. Da all dieses hinter Marion geschieht, während sie mit dem Gesicht zur Wand steht, wissen wir als Zuschauer mehr als unsere Identifikationsfigur. Somit bringt Hitchcock Suspense in die Filmhandlung mit ein. Wir erahnen nun, dass Marion sich anscheinend in Gefahr befindet und wünschen uns, in die Situation einzugreifen, „um den Helden vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen“.[16]

[...]


[1] Harris/Lasky, Alfred Hitchcock und seine Filme 24.

[2] Ebd. 225.

[3] Humphries, The Films of Alfred Hitchcock 33.

[4] Eine detaillierte Analyse des Suspense nimmt Kerstin Droese in ihrem Werk Thrill und Suspense in den Filmen Alfred Hitchcocks vor (Coppengrave 1995:Coppi-Verlag)

[5] „Thriller (Film)“ aus Microsoftâ Encartaâ Enzyklopädie 2000.

[6] Vgl. Droese, Thrill und Suspense in den Filmen A. Hitchcocks 3.

[7] Zizek, Ein Triumph des Blicks über das Auge 57

[8] Verfasser unbek. : „Alfred Hitchcock“wikipedia 8.3.2002 <http://www.wikipedia.com/wiki/Alfred+Hitchcock.htm>.

[9] Droese, Thrill und Suspense in den Filmen A. Hitchcocks 7

[10] Verfasser unbek. : „Suspense - Prozeßbegleitende Untersuchung eines „spannenden“ Rezeptionsphänomens“Suspense 8.3.2002 <http://www.univie.ac.at/lifem/susp2.htm>

[11] Harris/Lasky, Alfred Hitchcock und seine Filme 13.

[12] Vgl. Zizek, Ein Triumph des Blicks über das Auge 57

[13] Ebd. 135.

[14] Ebd. 256.

[15] Vgl. Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? 263

[16] Droese, Thrill und Suspense in den Filmen A. Hitchcocks 32

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Psycho" von Alfred Hitchcock. Wie beim Zuschauer durch filmische Mittel Angst, Schrecken und Schockerlebnisse erzeugt werden
Hochschule
Universität Siegen  (Fachbereich 3)
Veranstaltung
Einführung in die Medienwissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V5742
ISBN (eBook)
9783638135313
ISBN (Buch)
9783656447030
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hitchcock, Psycho, Suspense, Thrill, Medien, Medienwissenschaften
Arbeit zitieren
Dipl.-Inf. Andre Feldmann (Autor), 2002, "Psycho" von Alfred Hitchcock. Wie beim Zuschauer durch filmische Mittel Angst, Schrecken und Schockerlebnisse erzeugt werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5742

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