Die Soziologen und Philosophen Niklas Luhmann und Jürgen Habermas gelten als bedeutendste Vertreter dieser Theorien, die einen sehr interessanten Ansatz sowohl für eine gesamtgesellschaftliche Betrachtungsweise als auch für eine mögliche Herangehensweise an den Vorgang der Kommunikation und den Begriff der Medien bieten. In den sechziger und siebziger Jahren lieferten sich die Beiden einen Streit über ihre jeweiligen gesellschaftstheoretischen Konzepte, der unter dem Begriff ´Luhmann-Habermas- Debatte´ bekannt wurde. In Hinblick auf die Fragestellung erscheint daher besonders eine vergleichende Betrachtung beider Theorien interessant, die neben den durch die Debatte zu vermutenden Differenzen auch die weniger offensichtlichen Gemeinsamkeiten kommunikationstheoretischer Ansätze beider Wissenschaftler zutage bringen soll. Da eine Beschäftigung mit den Kommunikations-Theorien Luhmanns und Habermas´ im Grunde kaum losgelöst von ihren gesamtgesellschaftlich angelegten Grundkonzepten erfolgen kann, wird im ersten vergleichenden Kaptitel auf die den Theorien zugrundeliegenden zentralen Begriffe eingegangen, die einen ersten Einblick in die Hintergründe von System- und Handlungstheorie bieten werden und zudem die sich im Anschluss daran ergebenden Unterschiede kommunikationstheoretischer Perspektiven verständlicher machen sollen. In den anschließenden Kapiteln soll der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit verfolgen, indem die Herangehensweise von Luhmann und Habermas an das Phänomen der Kommunikation im Detail darstellt und im Rahmen dessen auf Ablauf, Ziel, Aufgabe und Funktion von Kommunikation sowie auf das Konzept der Medien eingegangen werden wird. Besonders in der Rolle des Individuums im Kommunikationsablauf erscheinen die Ansätze der beiden Wissenschaftler sehr kontrovers, was im Verlauf der Arbeit näher untersuchet werden soll und gesondert in einem Kapitel aufgegriffen wird.
Hauptziel der Hausarbeit ist es somit zum einem in einer vergleichenden Untersuchung darzustellen, in welcher Weise sich die beiden Theorien dem Vorgang der Kommunikation nähern, als auch abschließend kurz auf kritische Meinungen beider Wissenschaftler einzugehen, die sich besonders im Vergleich zur jeweils anderen Theorie ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleich von System- und Handlungstheorie
2.1 Systembegriff
2.2 Kommunikation
2.2.1 Kommunikationsmodell und Kommunikationsbegriff
2.2.2 Ziel und Aufgabe von Kommunikation
2.2.3 Medienkonzept
2.3 Rolle des Individuums
3. Kritik
3.1 Habermas über die Systemtheorie
3.2 Luhmann über die Handlungstheorie
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die beiden einflussreichen Gesellschaftstheorien von Niklas Luhmann (Systemtheorie) und Jürgen Habermas (Handlungstheorie) hinsichtlich ihres Verständnisses von Kommunikation und Medien vergleichend gegenüberzustellen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich diese konträren Ansätze dem Phänomen der Kommunikation nähern, welche Rolle dem Individuum zugeschrieben wird und wie die Kritikpunkte beider Theoretiker an der jeweils anderen Position einzuordnen sind.
- Grundlagen und zentrale Begriffe der System- und Handlungstheorie
- Kommunikationsmodelle und die Rolle von Medien bei Luhmann und Habermas
- Die unterschiedliche Stellung des Individuums innerhalb der jeweiligen Theorien
- Kritische Auseinandersetzung und Debatte zwischen System- und Handlungstheorie
Auszug aus dem Buch
2.1 Systembegriff
Die Systemtheorie unterteilt die Welt in Funktionseinheiten, in Systeme, deren umfassendstes das Gesellschaftssystem darstellt. Im Zentrum von Luhmanns Theorie stehen dabei soziale Systeme, also ein “Sinnzusammenhang von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen.” (Kneer / Nassehi 1993: 46) Allgemein bestehen Systeme aus Operationen, der Funktionsweise und Aktivitätsart, über die sich Systeme erhalten und regeln und die für diese elementar und grundlegend ist, wobei die charakteristische Operationsweise sozialer Systeme Kommunikation darstellt. Dementsprechend ist diese “Letztelement” (Luhmann 1997: 82), neben dem es keine anderen Elemente sozialer Systeme gibt. Der Systembegriff bei Luhmann ist zudem an die Begriffe der System- Umwelt- Differenz und der Autopoiesis geknüpft, denn nach Luhmann kennzeichnet eine Operation, die autopoetisch und in Differenz zur Umwelt verläuft, ein soziales System. Als autopoetisch werden dabei Funktionseinheiten bezeichnet, die derart “aus einem Netzwerk interagierender Komponenten [bestehen] [...], daß die Komponenten durch ihre Interaktion wiederum dasselbe Netzwerk produzieren.” (Kneer / Nassehi 1993: 56), also Systeme, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren und somit selbsterhaltend sind.
Der zweite Grundgedanke auf dem Luhmanns Theorieverständnis ruht, ist der der System- Umwelt- Differenz. Umwelt ist dabei keine feste Größe, sondern etwas, das für jedes System einzeln konstruiert wird, also systemrelativ ist. Diese Konstruktion erfolgt über die systemeigenen Operationen und Selektionen, also Auswahlprozesse, wobei das System fortlaufend in selbst- und fremdreferentiellen Beobachtungen eine Unterscheidung zwischen Innen und Außen, zwischen Systeminnerem und Umwelt trifft und somit die Systemgrenzen festlegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der Begriffe Medien und Kommunikation ein und umreißt die Zielsetzung, die Ansätze von Luhmann und Habermas vergleichend zu untersuchen.
2. Vergleich von System- und Handlungstheorie: Dieses Kapitel arbeitet die theoretischen Fundamente aus, insbesondere den Systembegriff, die unterschiedlichen Kommunikationsmodelle, das Medienverständnis sowie die Stellung des Individuums.
3. Kritik: Hier werden die gegenseitigen Vorwürfe und kritischen Positionen der beiden Theoretiker im Rahmen ihrer bekannten Debatte analysiert.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass trotz fundamentaler Unterschiede beide Ansätze für eine Gesellschaftsbetrachtung wertvolle Perspektiven bieten.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Handlungstheorie, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas, Kommunikation, Medienkonzept, System-Umwelt-Differenz, Autopoiesis, Kommunikatives Handeln, Lebenswelt, Öffentlichkeit, Kontingenz, Konsens, Dissens, Gesellschaftstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den kommunikationstheoretischen Vergleich zwischen Niklas Luhmanns Systemtheorie und Jürgen Habermas’ Handlungstheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen den Systembegriff, die Definition und Funktion von Kommunikation, das Konzept der Medien sowie die Rolle des Individuums in beiden Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die beiden Theorien dem Vorgang der Kommunikation nähern und welche Differenzen sowie Gemeinsamkeiten in ihrer gesellschaftstheoretischen Ausrichtung bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die die Konzepte beider Soziologen vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Gegenüberstellung der theoretischen Grundbegriffe sowie eine kritische Betrachtung der Argumente, die Luhmann und Habermas gegeneinander vorbrachten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Autopoiesis, kommunikatives Handeln, System-Umwelt-Differenz, Lebenswelt und das Konzept der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation.
Wie definiert Luhmann das Verhältnis von Individuum und System?
Luhmann vertritt eine anti-humanistische Position, in der Individuen kein Teil sozialer Systeme sind; Kommunikation besteht für ihn nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikationsakten.
Was kritisiert Habermas an der Luhmannschen Systemtheorie?
Habermas kritisiert insbesondere den unkritischen Charakter der Theorie, da diese sich primär auf den Bestandserhalt der Gesellschaft konzentriert und die Bewertung sozialer Prozesse vernachlässigt.
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- Franziska Schramm (Author), 2005, Handlungstheorie vs. Systemtheorie - ein kommunikationstheoretischer Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57452