Feministisches Theater gestern und heute - Theater als Kommunikationsplattform für die Entwicklung eines kollektiven feministischen Bewusstseins

Ein historischer Vergleich am Beispiel ausgewählter Stücke von Eve Ensler und den Suffragetten


Hausarbeit, 2004

19 Seiten

Anonym


Leseprobe

Feministisches Theater gestern und heute.

Theater als Kommunikationsplattform für die Entwicklung eines kollektiven feministischen Bewusstseins. Ein historischer Vergleich am Beispiel ausgewählter Stücke von Eve Ensler und den Suffragetten.

Wie jede Art von Medium, diente das Theater nie ausschließlich nur dem Zwecke der Unterhaltung, sondern vor allem auch der gesellschaftlichen Bindung und Verständigung. Gerade in Zeiten schlechter Kommunikationsmöglichkeiten ohne Radio, Fernsehen oder gar Internet boten Theater, neben religiöser Glaubensstätten, oft das einzige Mittel sich kohärent mitzuteilen. Schon in der Antike wurden Stücke mit einer Vielzahl von Informationen, Belehrungen und Parabeln versehen, die zur Unterweisung der Zuschauer dienten. Obwohl die Stücke, oberflächlich betrachtet, vor allem von mythologischen Fabelwesen religiösen Ursprungs handelten, waren die unterschwelligen Botschaften doch sehr viel weit reichender, nicht selten von politischer Natur oder gar Ausdruck sozialen Protests, ein Grundprinzip das auch heute noch vielen Genres unterliegt.

Obwohl es im Theater häufig um die Beziehung zwischen Männern und Frauen ging, kamen Frauen doch erst viel später zu der Ehre selbst schreiben zu dürfen. Dies lag insbesondere an ihren unterprivilegierten und benachteiligenden Status, zum Beispiel hinsichtlich einer Bildungsstandarte. So war es Frauen in England zwar seit Ende des 19. Jahrhundert unter bestimmten Umständen gestattet, einzelne Universitäten zu besuchen, einen Abschluss zu erwerben, wurde ihnen jedoch noch 1910 verwehrt.

Dennoch waren es nicht allein der Zugang zur Bildung, der die Entstehung einer feministischen Leitkultur ermöglichte, sondern vor allem, wie hier am Beispiel zweier erfolgreicher Theaternetzwerke genauer beleuchtet, die Schaffung sozialer Freiräume, außerhalb des Einflussgebiets autoritär unterdrückender Elemente, wie hauptsächlich die Familie. Was hat sich also für die Frauenbewegung getan, in den fast 100 Jahren, zwischen der Suffragettenbewegung und Eve Enslers Werken? Welche Probleme wurden von den Frauenrechtlerinnen überwunden, welche stehen noch auf der Agenda und welche sind gar neu hinzu gekommen? In weit war es zum Beispiel im ausgehenden 19. Jahrhundert denkbar, sich für die Schönheit "unters Messer zu legen", und wie sehr haben heutige Beobachter sich an diesen Anblick gewöhnt?

Beim Vergleich der Arbeiten von Eve Ensler mit den Stücken der britischen Suffragetten sind es weniger Ursprünge und Inhalte, die genauer beleuchtet werden müssen, als vielmehr die Umsetzung feministischer Ideen und Ziele. Während sich Vday1 hauptsächlich als globale Bewegung gegen Gewalt an Frauen und Mädchen versteht, blendete die Bewegung der Suffragetten diese Thematik gänzlich aus und setzte ihre Schwerpunkte bei Frauenwahlrecht und Recht auf weibliche Selbstbestimmungen. Dennoch gab und gibt es Parallelen beider Gruppierungen, die einen Vergleich sinnvoll machen. So gelang es beiden Bewegungen gleichermaßen, das langwierige und langsame Vorankommen weiblicher Intellektueller auf dem Weg zu einem Gruppenbewusstsein und einer befreienden Analyse ihrer Situation zu verhelfen, und durch ihre bescheidene Bühnenkunst versteckte Missstände sich zunächst selbst zu verdeutlichen und anschließend dem Auge der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Suffragetten bezogen sich dabei im wesentlichen auf die politische und wirtschaftliche Gleichstellung der Frau, während Ensler und ihrer Bewegung vor allem die soziale Emanzipation am Herzen liegt. Nichts desto trotz trugen beide Initiativen zur Entwicklung eines feministisches Bewusstsein, sowie zur Schaffung sozialer Freiräume bei.

Von der männlichen Tradition an den Rand gedrängt, gründeten sich die Suffragetten, in England während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, angestoßen durch das Buch Die Hörigkeit der Frau2 (The Subjection Of Women) des britischen Philosophen John Stuart Mill, das auf eine, bis dahin gänzlich unbekannte und provokante Weise die patriarchalische Definition der Geschlechterrollen anzweifelte. Wie der Name Suffragette suggeriert, (von lat. suffragium, politisches Wahlrecht), forderte man ein generelles Wahlrecht für Frauen ein. Dafür bildeten sich zunächst verschiedene regionale Komitees, wie das Manchester Women's Suffrage Commitee (1967), oder zum Teil auch schon nationale, wie die Womens Suffrage Society of England, die sich 1897 zur National Union of Woman' s Suffrage zusammenschlossen. Nach mäßigem Erfolg, formte sich 1903 die radikale Women's Social and Political Union (WSPU), die gesamte Bewegung wurde aggressiver und zusätzliche Forderungen, wie das Recht auf weibliche Selbstbestimmung, freie Berufswahl und gleiche Bildungschancen kamen hinzu. Da die Demonstrantinnen und Protestlerinnen ihre Wut mitunter in regelrechte Aufstände verwandelten, waren sie schon bald bei Konservativen und Parlamentariern gleichermaßen gehasst und gefürchtet. Obwohl man aus diesem Grund zwischen den gemäßigten Suffragistinnen und den, in ihren Mitteln und Ansichten sehr viel radikaleren, Suffragetten unterscheidet, ist diese Charakterisierung hier nicht von Bedeutung und wird daher nicht weiter beachtet. (Die generische Bezeichnung Suffragetten wird beibehalten.) Gleichwohl bezieht sich die Arbeit im wesentlichen jedoch auf die Theaterstücke und -produktionen feministischer Autorinnen, deren politische Vertretung, 1908 unter den Namen Women Writers' Suffrage League (WWSL) von Cicely Hamilton und Bessie Hatton gegründet wurde, ebenso die noch im gleichen Jahr entstandene Actress Franchise League (AFL). Es muss klar sein, dass nicht das gesamte Spektrum feministischer Anstrengungen der britischen Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts erfasst werden kann, und auch bei den herangezogenen Theaterstücken handelt es sich allemal um eine kleine Auswahl eines gewaltigen Repertoires, dass jedoch auch auf Grund der Tatsache, dass oftmals im Untergrund geschrieben wurde und teilweise für die Nachwelt verloren gegangen ist nicht in seiner Gesamtheit betrachtet werden kann.

Seit der Voranschreitung der Emanzipation in den 1960igern und der Verkennung des Spießbürgertums in den 1980igern gibt es zahlreiche Beispiele feministischer Theatermacherinnen, vorzugweiße in unkommerziellen Untergrundproduktionen oder Kabarett. Dennoch beschränke ich meine Recherche einzig auf die Stücke von Eve Ensler, sowie der Tätigkeit der, aus ihrem Stück The Vagina Monolouges heraus entstandenen Organisation Vday, da das Zusammenspiel zwischen subversiven Theater und aggressiv feministischer Zusammenraffung Ähnlichkeiten zu den Aktivitäten der Suffragetten aufweist. Ensler, 1953 in Amerika geboren, arbeitete zunächst als Steuerberaterin, dann als Theaterautorin und Regisseurin und erreichte 1998 (Uraufführung 1996) mit ihrem Stück, The Vagina Monologues, den Durchbruch. Das Stück, wofür sie noch im gleichen Jahr den Obie-Award erhält, bekommt eine unerwartet große Resonanz durch Zuschauerinnen, die sich nicht selten in den zum Teil erschütternden Geschichten wieder zu erkennen glauben. Ensler sieht sich daraufhin zur Handlung gezwungen und tut sich mit einer Reihe Künstlerinnen aus Film, Theater und Fernsehen zusammen, um, ganz im Sinne ihres Stückes, die sexuelle Emanzipation der Frau einzufordern.

Eve Ensler als Vday-Mitbegründerin und Vorstand, legte, ebenso wie Elizabeth Robins, erste Präsidentin der WWSL, durch ihre Stücke den Grundstein für eine Kooperation von feministischen Theater und sozialer Zusammenschaltung. Robins nutzte als eine der ersten das Theater als öffentliches Forum, um ihre Appelle hinsichtlich eines Frauenwahlrecht mit nachhaltiger Wirkung zu kommunizieren. Vor allem Stücke wie Votes For Women3, und How The Vote Was Won4 waren es, die schon sehr bald unter den Aktivistinnen populär wurden und das Theater als festen Bestandteil der Suffragettenbewegung etablierten. Es waren jedoch verschieden Kriterien, von der Schaffung feministischer Leitbilder sowie der Etablierung eines frei zugänglichen Podiums zum diskursiven Meinungsaustausch, notwendig, um die Entstehung eines feministischen Bewusstseins mittels des Theaters zu bewirken.

So machte Robins ihre Protagonistinnen bewusst zu starken und unabhängigen Persönlichkeiten, um der Frauenbewegung ein Vorbild zu geben und der gewohnten Portraitierung der Frauen im viktorianischen Theater, reduziert darauf Objekt männlicher Begierde sowie eine Art häusliche Dekoration zu sein, entgegenzutreten. Oftmals dienten reale Personen aus den oberen Schichten als Vorlagen für ihre Stücke. Auf Grund der Überarbeitung des Married Women's Property Act im Jahre 1893, der es von nun an Frauen erlaubte, ihren Besitz selbst zu verwalten, dieser also nicht mehr, wie bis dahin, automatisch bei Heirat an den Mann fiel, war es für Frauen aus finanziell besser gestellten Familien möglich geworden, eine gewisse Unabhängigkeit zu erlangen. Viele waren von den Einschränkungen, die das häusliche Leben ihnen bot, derart entmutigt, dass sie mit Hilfe der neu gewonnen Freiheiten, einem Eheleben entsagten und feministische Führungsfunktionen übernahmen, ein Wandel, der ebenso in ihren Stücken aufgegriffen wurde. Auch Ensler widersetzt sich den konventionellen Darstellungen ihrer Zeit, indem sie real existierende Matronen als Vorlagen für ihre Stücke gebraucht und ihre Geschichten oftmals als eine Art Plauderei tête-à-tête, die die Grenze zwischen Publikum und Bühne vergessen lassen, inszeniert. Einmal im direkten Zwiegespräch, wie bei der, in Enslers neusten Bühnenstück The Good Body, wiedergegebenen Unterhaltung mit Lakshima, einer indischen Naturheilerin5, oder auch als hektisches Durcheinander zusammen gewürfelter Frauenstimmen, wie im Kapitel, What Does A Vagina Smell Like, aus dem Stück The Vagina Monolouges6, in dem Ensler die verschiedenen Aussagen unterschiedlicher Frauen als polyphones Stimmengewirr wiedergibt, ohne die sonst üblichen Angaben über Provenienz. Dies geschieht aus der selben Motivation heraus, wie bei den Suffragetten, zum einen um der Bewegung, die sich vor allem gegen die patriarchalisch festgelegte Definition ihrer gesellschaftlichen Rolle wehrt, Vorbilder zu geben, zum anderen, um den Zuschauerinnen ein Gefühl von Vertrautheit zu vermitteln.

Medien, damals wie heute, schufen, in mal mehr und mal weniger destruktiver Weise, ein ideales Frauenbild, mit strikten Vorgaben zu Verhaltenkanons oder korrektem Äußeren. Als Reaktion sucht die feministische Theaterbewegung häufig die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, um sie etwa in Frage zu stellen oder der konventionellen Theaterrealität gegenüberzustellen, und so den Frauen alternative Vorbilder zu ermöglichen. Diese Art der Darbietung findet man selten im kommerziellen Theater, in dem die Darstellung der Frauen eher Aufschluss über die Zensur und Vorlieben männlicher Theatermacher gibt, als über tatsächlich existierende Frauen. So schreibt Ensler in der Einleitung zu The Good Body, dem Stück, dass sie ganz ihrem, wie sie findet, "zu großen" Bauch gewidmet hat:

"I have been to more than fourty countries in the last six years. I have seen the rampant and insidious poisening: skin-lightening creams sell as fast as toothpaste in Africa and Asia; the mothers of eightyear-olds in America remove their daughters' ribs so they don't have to worry about dieting; five-year- olds in Manhattan do strict asanas so they won't embarrass their parents in public by being chubby; girls vomit and starve themselves in China and Fiji and everywhere; Korean women remove Asia from their eyelids... the list goes on and on."7

Fast alle der oben genannten Schönheitsideale wurden über die Medien kommuniziert Ähnliche Auswirkungen erkannte schon George Bernhard Shaw, Freund und Mentor Elizabeth Robins, der in Sheila Stowells Buch A Stage Of Their Own folgendermaßen zitiert wird:

"Shaw went so far, as to say 'the women of that we hear so much, is a stage invention'..."8

[...]


1 BAKER, Elizabeth: Votes For Women, How The Vote Was Won and Other Suffrage Plays, London, 1985

2 BENSUSAN, Inez: The Apple, Sketches From The Actress Franchise League, Liv GARDENER (Hrsg), Nottingham, 1985

3 ENSLER, Eve: The Good Body, New York, 2004

4 ENSLER, Eve: Necessary Targets, New York, 2002

5 ENSLER, Eve: The Vagina Monologues, New York, 1998

6 GELB, Joyce: Gender Policies in Japan and The United States, New York, 2003

7 HAMILTON, Cicely: Marriage As A Trade, London, 1914

8 HAMILTON Cicely, Diana Of Dobson's, London, 1925

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Feministisches Theater gestern und heute - Theater als Kommunikationsplattform für die Entwicklung eines kollektiven feministischen Bewusstseins
Untertitel
Ein historischer Vergleich am Beispiel ausgewählter Stücke von Eve Ensler und den Suffragetten
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut der Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Das Eigene im Gefüge- 14. Euro-Szene Leipzig
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V57463
ISBN (eBook)
9783638519182
ISBN (Buch)
9783638843867
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feministisches, Theater, Kommunikationsplattform, Entwicklung, Bewusstseins, Eigene, Gefüge-, Euro-Szene, Leipzig
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Feministisches Theater gestern und heute - Theater als Kommunikationsplattform für die Entwicklung eines kollektiven feministischen Bewusstseins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57463

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