Bei Marcus Tullius Cicero handelt es sich wohl um eine der kontrastreichsten Persönlichkeiten der Geschichte. Auf der einen Seite gilt dieser als der Verteidiger der römischen Republik schlechthin, als ein wahres Sturmgeschütz der Freiheit und der römischen Verfassung, als begnadeter Rhetoriker und Lehrmeister. Auf der anderen Seite hingegen unterstellt man diesem erhebliche charakterliche Mängel wie Eigenlob, Stolz, Feigheit und Zögerlichkeit. Tatsächlich scheint das Leben und Wirken Ciceros von einer Vielzahl von Gegensätzen geprägt worden zu sein. Allein seine theoretisch-philosophischen Ansätze erscheinen gemessen an seinen politisch-praktischen Entscheidungen oftmals paradox und es erweckt den Anschein, als ob der Philosoph Cicero und der Politiker Cicero nicht allzu viel gemein hatten.
Die folgende Untersuchung beschäftigt sich mit Ciceros Romulusrezeption im zweiten Buch seines Werkes de re publica. Es sollen nicht nur die inhaltlichen wie formellen Charakteristika des Textes hervorgehoben werden, sondern auch konkrete Fragen zum historischen Kontext gestellt werden. Warum fiel Ciceros Beurteilung des mythischen Gründers Roms so positiv aus? Welche realpolitischen Beweggründe beinflussten die Gestaltung dieser Rezeption? Auf welche Vorbilder und Philosophen griff Cicero beim Verfassen dieses Werkes zurück und warum? All diese Fragen sind abhängig vom historischen Kontext, der den Rahmen für diese Untersuchung bilden soll. An diesem konkreten Beispiel soll abschließend die Diskrepanz zwischen Ciceros theoretischen Konzepten und dessen politischen Handeln erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Ciceros de re publica
Rückgriff auf Sokrates und Platon
Die Romulusrezeption
Die Romulusrezeption als Reaktion auf den Niedergang der Republik
Verkennung der politischen Realität
Abschließende Stellungnahme
Bibliographie
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Romulusrezeption in Ciceros Werk de re publica und analysiert, inwieweit diese Darstellung als idealisiertes Gegenbild zu den realpolitischen Missständen der späten römischen Republik diente und inwiefern sich darin Ciceros theoretische Vorstellungen von einem idealen Staatsmann widerspiegeln.
- Historischer Kontext von Ciceros de re publica
- Einfluss der griechischen Philosophie (Platon, Peripatetiker) auf Ciceros Staatsdenken
- Die Inszenierung des Romulus als idealer Staatsmann und Symbolfigur
- Die Romulusdarstellung als Reaktion auf den Niedergang der Republik und zeitgenössische Machtverhältnisse
- Diskrepanz zwischen Ciceros philosophischen Konzepten und seinem politischen Handeln
Auszug aus dem Buch
Die Romulusrezeption
Die Romulusrezeption bei Cicero ist als Konzept angelegt, Romulus als den idealen Staatsmann schlechthin darzustellen. In dieser Darstellung des mythischen Gründers Roms versieht Cicero diesen mit derlei Attributen, die der Erste im Staat seiner Meinung nach besitzen sollte, und die auf Ciceros Philosophie basieren. Diese Attribute sind allen voran die Vernunft, moralische Integrität, Weisheit und Kraft. Mittels dieser Charaktereigenschaften stilisiert Cicero Romulus im zweiten Buch seines Werkes de re publica zum Ideal eines Staatsmannes, einer nahezu utopischen Manifestation aller Tugenden in einem Menschen.
Schon zu Anfang setzt Cicero eine Klammer der Idealisierung als Rahmen für seine Romulusdarstellung. Mit den Worten „der, (Romulus) stammend vom Vater Mars – wollen wir doch der Sage der Menschen zugestehen“9 eröffnet Cicero die Charakterisierung. Von vornherein ist er darum bemüht, die Göttlichkeit des Romulus, durch die Erwähnung der Sage er stamme von Mars ab, als Basis für sein weiteres Vorgehen zu nutzen. Allein durch die Anspielung auf diese Mythologie gewinnt Romulus schon im Vorfeld, ohne das ein einziges Wort über diesen selbst verloren wurde, eine erhabene Stellung innerhalb der Schilderung. Damit kreiert Cicero eine äußerst positive Grundstimmung im Bild des Romulus, die im Hintergrund wirksam ist und sich durch die weiteren Idealisierungen füllen lässt. Vom literarischen Standpunkt aus betrachtet, ist dies ein äußert gelungener Schachzug, der im Weiteren jede schon fast unglaubwürdige Überhöhung des Romulus glaubhaft erscheinen lässt, da der Abglanz des Göttlichen wie ein Fatum in jenem wirkt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die kontrastreiche Persönlichkeit Ciceros und führt in die Fragestellung ein, wie seine Romulusrezeption in de re publica als Reflexion auf den historischen Kontext seiner Zeit zu bewerten ist.
Ciceros de re publica: Dieses Kapitel erläutert den formalen Aufbau des Werkes als dreitägiges Gespräch und gibt einen Überblick über die inhaltliche Abfolge der sechs Bücher.
Rückgriff auf Sokrates und Platon: Es werden die wesentlichen philosophischen Einflüsse auf Ciceros Staatsdenken herausgearbeitet, wobei insbesondere die Rolle der Vernunft und das platonische Erbe diskutiert werden.
Die Romulusrezeption: Hier wird analysiert, wie Cicero durch die stilisierte Darstellung des Romulus ein utopisches Ideal des Staatsmannes schafft, das auf Tugenden wie Vernunft, Integrität und Weisheit basiert.
Die Romulusrezeption als Reaktion auf den Niedergang der Republik: Dieses Kapitel untersucht die Romulusdarstellung als politisches Gegenbild, das in einer Zeit des Machtverfalls und der Bürgerkriege als erzieherischer Kontrast zur Gewalt von Machthabern dienen sollte.
Verkennung der politischen Realität: Die Analyse zeigt auf, dass Cicero die sozioökonomischen und strukturellen Veränderungen seiner Zeit falsch einschätzte und sein Festhalten an idealisierten Werten politisch realitätsfremd war.
Abschließende Stellungnahme: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass Ciceros theoretische Ideale aufgrund seiner fehlenden Skrupellosigkeit und Machtambitionen in der Realität der späten Republik als politisches Handlungsmodell scheitern mussten.
Bibliographie: Das abschließende Verzeichnis führt die für die Untersuchung herangezogene Fachliteratur, Lexika und Quellen auf.
Schlüsselwörter
Cicero, de re publica, Romulus, Römische Republik, politischer Niedergang, Idealherrscher, Staatsmann, Vernunft, Idealisierung, Sittenverfall, Macht, Philosophie, Historischer Kontext, Tugend, Senat
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie der römische Politiker und Philosoph Cicero den mythischen Gründer Romulus in seinem Werk de re publica darstellt und welche politischen Absichten er mit dieser Idealisierung verfolgte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf Ciceros Staatsverständnis, seinem Umgang mit griechischen philosophischen Vorbildern, der literarischen Konstruktion des „idealen Staatsmannes“ sowie der zeitgeschichtlichen Einbettung in die Krise der späten römischen Republik.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den Widerspruch zwischen Ciceros theoretischen Konzepten eines moralischen, vernunftgeleiteten Staates und seinem tatsächlichen, in der politischen Praxis oft ineffektiven Handeln anhand der Romulusfigur aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philologisch-historische Textanalyse, die den Primärtext (de re publica) in den historischen und ideengeschichtlichen Kontext der späten Republik einordnet.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der philosophischen Grundlagen (Sokrates/Platon), die detaillierte Untersuchung der Romulus-Stilisierung, den Versuch der Interpretation als Reaktion auf den Republik-Niedergang sowie eine kritische Auseinandersetzung mit Ciceros verkannter politischer Realität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Cicero, de re publica, Romulus, politischer Niedergang, Idealherrscher, Vernunft, Idealisierung, Tugend und Macht.
Inwiefern spielt die Rolle des „Sittenverfalls“ eine zentrale Rolle in der Argumentation des Autors?
Der Autor zeigt auf, dass Cicero die Krise der Republik primär moralisch als „Sittenverfall“ interpretierte und durch die Rückbesinnung auf idealisierte Tugenden – personifiziert durch Romulus – gegensteuern wollte.
Warum bewertet der Autor Ciceros politisches Handeln als „realitätsfremd“?
Weil Cicero trotz seiner Kenntnis der Machtstrukturen (wie der Bedeutung von Heeresklientel) versuchte, mit philosophischen Mitteln gegen Akteure wie Caesar oder Octavian zu agieren, anstatt die Machtinstrumente seiner Zeit effektiv für seine Zwecke zu nutzen.
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- Timo Maier (Author), 2005, Romulus bei Cicero, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57485