Performing the Border


Hausarbeit, 2002
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsangabe

A Performing the Border - Filmessay

B Sprache

C Bilder und Ton

D Die Entstehung der Maquiladoras

E Die Arbeitsbedingungen in den Maquiladoras

F Das Gender-Problem und Serienmorde

Bibliographie

Anhang

"The trouble with realism is that it deals not in beauty but in truth."

J. Grierson

A Filmessay Performing the Border

Im Video "Performing the Border" geht es um ausgebeutete Frauen an der

mexikanischen Grenze, um kulturelle Verschiebungen und politische Umstände.

Ich möchte auf das "Filmessay" näher eingehen. Das Essay ist ursprünglich ein literarischer Genre, der sich durch Filme wie "Sans Soleil" von Chris Marker einen Platz in der audiovisuellen Ebene geschaffen hat. Es handelt sich um eine Gattung des Films, die sich nicht in Schubladen stecken lassen will; das Filmessay birgt Formen verschiedener Filmgattungen in sich. Hier werden die Schrift, die Sprache und das Wort (gesprochen und geschrieben), neben dem Visualisierten in den Mittelpunkt gestellt, und es werden dem Informationsinhalt sowie der ästhetischen Sprache gleiche Importanz zugeteilt.

"Das essayistische Arbeiten ist ein kleines, schwer definierbares Feld geblieben, das sich für gewisse theoretische Ansprüche besonders eignet, wegen seiner schwer kommerzialisier- und konsummierbaren Form allerdings keine breite Medienpräsenz erwarten kann und deshalb in erster Linie Autoren und Autorinnen anspricht, die zwischen dem Kunstbereich und unabhängig vertriebenen Medien operieren."[1]

Ich denke, Ursula Biemann hat sich genau aus diesem Grunde das Videoessay als Übermittlungsart ausgesucht, weil es ein eigenwilliges Konstrukt ist, welches nicht die unmittelbare Realität darstellt, sondern Interpretationsmöglichkeiten offen läßt. Hinzukommt die Wichtigkeit der persönlichen Erfahrung, welche in der Form eines Essays zum Ausdruck gebracht werden soll. Auch Graham Good legt in seinem Text "The essay as a genre" Wert auf Erfahrung; "The essay offers personal experience, not disciplinary expertise.[...] Ultimately, the essayist's authority is not his learning, but his experience.[...] It's claim is to yield flexibly to individual experience. Instead of imposing a discursive order on experience, the essay lets ist discourse take the shape of experience."[2]

Wie Biemann in dem Interview "Schleifen der Wahrheitsfindung" berichtet, zoomt der Essay nicht spezifische Inhalte, sondern versucht sich der Problemstellung in Schleifen zu nähern, sie zu umkreisen.[3] Genau dies tut Biemann, wenn sie in "Performing the Border" nicht bloß Fakten und Tatsachen aneinanderreiht, wie Dokumentarfilmer es wahrscheinlich tun würden, sondern fragmentierte Lebenserfahrungen darstellt. Der Zuschauer bekommt keine komplette Übersicht und alle Umstände der Hauptprotagonistinnen serviert, genau betrachtet, kommen diese fast gar nicht zu Wort; meistens berichten Frauen, die in Organisationen für die Maquiladora-Arbeiterinnen arbeiten, Journalistinnen, Prostituierte, oder anderweitig Betroffene.

Anders der Dokumentarfilm; dieser hat eine objektive Sicht der Dinge als Gegenstand; er möchte Ausschnitte aus der Wirklichkeit wiedergeben und Informationen über den Stand der Erkenntnisse und Erfahrungen aufzeigen.[4]

Im bereits erwähnten Interview macht Biemann deutlich, dass es ihr auch um politische Inhalte geht, die mit ihren Videos in den Kunstkontext hineingetragen werden und die sie dort verhandelt sehen möchte. "Heute ist der Bereich der Repräsentation jedoch zum eigentlichen Feld der politischen Auseinandersetzung geworden, und dieser Umstand hat die Kunst plötzlich in eine zentralere Rolle gerückt."[5]

"Performing the Border" bedient sich Charakteristika des Essays, sowie der Dokumentation, Bilder werden mit Interviewausschnitten und Zitaten, Aussagen und einer Erzählstimme aus dem Off dokumentiert und unterlegt. Der Zuschauer ist Bilderfluten unterschiedlichster Art ausgesetzt und wird zusätzlich durch visualisierten und verbalisierten Text zum Mitdenken aufgefordert, somit wird er/sie zum aktiven Rezipienten.

Normalerweise ist das Bild das vorherrschende Element im Film. Ursula Biemann jedoch läßt Bilder, Sprache und Ton abwechselnd durch das Geschehen leiten, die verschiedenen Elemente stehen gleichberechtigt nebeneinander und haben ihre eigene, unabhängige Aussagefähigkeit. Ich werde noch genauer auf Beispiele aus dem Video, die diese These untermauern, zurückkommen.

Der Essayfilm ist ein Versuch, ein Thema zu erschließen, mit Hilfe von fremden, bereits zur Verfügung stehenden Materialien (Fernsehbeiträge), sowie eigens gedrehten Szenen (Interviews, Aufnahmen aus dem Auto oder in den Siedlungen)oder Computeranimationen (die geographische Nachahmung der Grenze und ihr Verlauf). Durch diese materielle Vielfalt ergibt sich eine Perspektivenvielfalt, die sich in meinen Augen im Dokumentaressayfilm voll ausschöpfen läßt und ein breites Publikum anstrebt."Die Essayfilme verwenden sowohl fremde, bereits vefügbare Materialien ( aus Dokumentar-oder Spielfilmen), als auch eigens gedrehte Szenen als Bausteine. Eigene dokumentarische Dreharbeiten können Fremdmaterialien ersetzen (...), denn es kommt dem Essayfilm auf Zeugnisse an und es ist nachrangig, ob sie allgemein verfügbar oder vom Filmemacher entdeckt worden sind."[6] Das Videoessay ist eine künstlerische Form, die sich allerdings nicht nur von Kunstinstitutionen oder Kunstinteressierten vereinnahmen läßt. Ursula Biemann selbst sagt von ihren Werken, dass sie in kleinen cyberfeministischen Cafes in Berlin gezeigt werden, in großen Gewerkschaftskonferenzen in den USA, in strikt kunstdefinierten Räumen wie das Museum of Modern Art in New York, sowie in aktivistischen Underground-Bewegungen wie den Zapatistas in Mexiko.[7]

Die Stadt Juarez und die Maquiladoras haben aufgrund ihrer Geschichte schon einige anerkannte Künstler aus der Musikszene inspiriert. Zwei der wohl bekanntesten finden sich im Anhang. (Texte von Tori Amos mit "Juarez" und Radiohead mit "Maquiladora".)

B Sprache

In "Performing the Border" bedient sich Ursula Biemann verschiedenen Formen der visuellen und verbalen Sprache. Hauptinformationsquellen sind die Ausschnitte aus Interviews mit "betroffenen" Frauen, die in Ciudad Juarez an der Grenze leben und mit Aktivistinnen oder Zeitzeugen. Sie alle stellen ihre Ansichten und Erfahrungen vor, üben Kritik an den zweifelhaften Umständen und liefern Beispiele für das harte Leben, welchem die jungen Frauen zwischen 16 und 23 Jahren ausgesetzt sind. Ursula Biemann gibt den Frauen die Möglichkeit in ihren eigenen (spanischen) Worten zu sprechen und Emotionen freien Lauf zu lassen, wie es die Journalistin Isabel Velazquez im Video tut:

"Take a lingerie maquiladora. A woman in Germany, Switzerland or the U.S. who buys some negligee has no idea that the woman who made it had to get up at 4:30 in the morning and had no fresh water to bathe themselves before going to work. Everything should be shared, there is a social price that's not being shared and there is a wealth that's not being shared. It's not enough to pay minimum wage, it's not enough to give breakfast to your workers. It's not enough. It's also an issue of time, because you sell your time to your company, you sell your life and you should get something back."[8]

Biemann selbst hingegen tritt im Video ausschließlich als sanfte und doch eindringliche 'englische' Erzählstimme auf, die Fakten berichtet oder zuvor Gesagtes resümiert. Das bilinguale Video vermittelt eine gewisse Authenzität oder Wahrheit; der Zuschauer hat das Gefühl, dass nicht zensiert oder verfälscht wird. Durch die monotone, fast glatte Erzählstimme aus dem Off (die Sprachmelodie) wird die Problematik des Lebens an der Grenze noch verstärkt, schließlich werden über z.T. grausame Begebenheiten (z.B. die Serienmorde) berichtet und die scheinbare Gleichgültigkeit der Polizei oder der politischen Institutionen dem gegenüber.

"Serial killing is a form of public violence proper to a machine culture. The Industrial Revolution has produced famous serial killers. Our era of the Second Industrial Revolution, also called >the information society< has outsourced production to the U.S. - Mexican border, exporting, at the same time, this urban pathology."[9]

Biemanns ruhige Stimme vermittelt dem Zuschauer/-hörer unterschiedliche Dinge. Zum einen wird die Informationsebene kommuniziert, zum anderen die emotionale Nachricht weitergeleitet, welche verschieden interpretiert werden kann. Gelassenheit, wie sie offenbar auch die amerikanischen Firmen haben, wenn sie systematisch die jungen ArbeiterInnen "verbrauchen", Distanz zu einem Thema, welches emotionsgeladen nicht mehr seriös übermittelt werden könnte, oder sogar eine Art Trancezustand kann in die Erzählstimme reingelegt werden, die die eigene Gelähmtheit gegenüber der Situation zum Ausdruck bringt.

Mit visueller Sprache im Video wird ebenfalls vielfältig gearbeitet. Ortsnamen oder Kapitel werden als Text eingeblendet, oder Sätze werden auf die Bilder montiert ohne verbalisiert zu werden. Diese Einblendungen vermitteln eine bestimmte Art von Infor-

mation, sie sind einfach gehalten und somit sehr aussagekräftig. Als Beispiel:

"As teenagers they come and start a life by building a shack right into the desert sand."

Immer unterstützen diese Einblendungen die Bilder oder diese sich gegenseitig. Das Video ist multimedial. Aufzählungen von Firmen, die in den Maquiladoras (den "Goldenen Mühlen") produzieren lassen, werden auch eingeblendet, sowie Arbeiten, die die Frauen verrichten müssen. Am erschreckendsten ist die Liste der Fälle der brutal ermordeten Frauen, die durch das Bild flimmert. Beispiel:

"Case 118, March 18, 1998, Woman with 30 stab wounds in chest and throat. She suffered four infarcts probably caused by terror during rape and torture."[10]

Auf diese Problematik werde ich später noch einmal zurückkommen.

"Schrift und auch die Sprache sind dem Essayfilm in seiner begrifflichen Suche besonders dienlich, weil konkrete Bilder nur mit interpretatorischen Zurichtungen als Zeichen für abstrakte Begriffe verstanden werden können."[11]

[...]


[1] Biemann, U.,"Stuff it"-Symposium, Zürich, 2002

[2] Good, G. , "The Essay as a Genre", Routledge, 1988

[3] Interview Biemann, U. 2002

[4] Bertelsmann Handelslexikon, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1975

[5] Interview mit Biemann, U., 2002

5 Interview mit Biemann, U., 2002

[6] Möbius,H. ,"Das Abenteuer Essayfilm", Marburg 1991

[8] Biemann, U.Video "Performing the border", Isabel Velazquez

3 Biemann,U. "Been there and back to nowhere", Berlin 2000

[10] Biemann,U., ebenda,

[11] Möbius, H. "Das Abenteuer Essayfilm", Marburg 1991

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Performing the Border
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Anglistik/Amerikanistik)
Veranstaltung
Filmessay
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V57488
ISBN (eBook)
9783638519410
ISBN (Buch)
9783640955688
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Performing, Border, Filmessay
Arbeit zitieren
Alexa Stümpke (Autor), 2002, Performing the Border, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57488

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