England unter der Herrschaft von Königin Viktoria, das ist die Zeit des einflussreichen Empires, des durch die Industrielle Revolution erlangten Reichtums und den wissenschaftlichen Errungenschaften. Es ist aber auch eine Zeit - imfin de siècle- des Umbruchs und des langsamen Zerfalls. Die „Great Depression“ (Manfred Pfister 121), die das Land in eine Krise stürzt, führt zu Missständen und Arbeitslosigkeit, das Ende einer Wohlstandsgesellschaft ist nah. Die Wissenschaft nimmt den Viktorianern mit Darwin und dessen Entdeckung der animalischen Herkunft des Menschen den Glauben an Gott und versetzt sie mit Lombroso und seiner Kriminalanthropologie in Panik. Die Psychologie und Psychiatrie, die sich zu dieser Zeit noch in den ‚Kinderschuhen’ befindet, stört durch ihre Entdeckung von Geisteskrankheiten wie Hysterie und Persönlichkeitsspaltung die von den Viktorianern propagierte Einheit von Körper und Seele (Pfister 88). Der Ästhetizismus dieser Zeit flüchtet sich in eine schöne Scheinwelt, welche die miserablen Zustände der Gesellschaft einfach ausblendet (ibid. 119-127). Die Viktorianer desfin de sièclesind nun nicht mehr so fortschrittsdenkend; sie haben Angst vor dem Zerfall ihrer Kultur, ihrer Rasse und ihren Institutionen (Patrick Brantlinger 187). Die selbst auferlegten hohen Moralstandards, die die Viktorianer dazu zwingen, auf der einen Seite ihre Sexualität einzuschränken, bringt sie auf der anderen Seite, diese heimlich auszuleben, ein Doppelleben zu führen (Astrid Schmid 43). Vordergründig ist man der gutsituierte Gentleman - Frauen haben offiziell keine sexuellen Gefühle -, hintergründig suchte man seine Abenteuer in sexuellen Ausschweifungen (Pfister 127-138). Die Ängste und Befürchtungen der Viktorianer finden Ausdruck in denfin de siècle Gothic novels- David Punter bezeichnet sie als die „’decadent Gothic’“ (239)-, die sich alle mit dem „problem of degeneration, and thus [with] the essence of the human“ (Punter 239) auseinandersetzen. Die für diese Arbeit ausgewählten Werke, Robert Louis StevensonsDr Jekyll and Mr Hydeund Oscar WildesThe Picture of Dorian Gray,bedienen sich des Motivs des ‚Anderen’, des Doppelgängers, um den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Konventionen und individuellen Neigungen, der unweigerlich zum menschlichen Verfall führt, darzustellen. Diese Doppelgänger zeigen „[d]as andere Gesicht der Viktorianik“, wie es der Titel dieser Arbeit nennt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
TEIL I: LITERATURKRITISCHER HINTERGRUND
1. Die Tradition der Gothic novel
1.1. Eine Definition des Begriffs ‚Gothic’
1.2. Die Gattung der Gothic novel
1.3. Merkmale
1.4. Die Gothic novel am Ende des 19. Jahrhunderts
2. Der Doppelgänger
2.1. Begriffliche Definition
2.2. Entwicklung, Formen und Funktionen
2.2.1. Der ‚Ur’-Doppelgänger
2.2.2. Entzweites Individuum
2.2.3. Alternierende Persönlichkeit
2.3. Der Doppelgänger und die Psychoanalyse
2.4. Dualität und Gothic novel: Der spätviktorianische Doppelgänger
TEIL II: HISTORISCHER KONTEXT
1. Das Fin de siècle
1.1 Lebensraum: Die Metropole
1.2 Wissenschaft
1.2.1 Degeneration
1.2.1.1 Darwin
1.2.1.2 Lombroso
1.2.1.3 Nordau
1.2.2 Hysterie und Persönlichkeitsspaltung: Janet und Freud
1.3 Lebensstil
1.3.1 Ästhetizismus und Dekadenz
1.3.2 Sexualität
TEIL III: TEXTANALYSE
1. The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde
1.1. Entstehung
1.2. Jekyll and Hyde und Jack the Ripper
1.3. Hyde
1.3.1. Das Experiment
1.3.2. Ein Fall von Persönlichkeitsspaltung und Hysterie
1.3.3. Die Rückkehr des Verdängten
1.3.3.1. Der Hypokrit
1.3.3.2. Verdrängte Sexualität
1.3.3.2.1. Prostitution
1.3.3.2.2. „Male ties“: Homosexualität
1.3.4. Der kriminelle Gentleman
1.4. Der Schauplatz
1.4.1. Jekylls Hintertür
1.4.2. Die Großstadt
2. The Picture of Dorian Gray
2.1. Entstehung
2.2. Dorians Formung
2.2.1. Paradiesische Idylle
2.2.2. Versuchung
2.3. Dorians Fall
2.3.1. Ästhetisierung des Lebens
2.3.1.1. Künstler und Kunstwerk
2.3.1.2. Schönheitskult
2.3.1.3. Homoerotik
2.3.2. Das Portrait
2.3.2.1. Der Spiegel des Narziss
2.3.2.2. Degeneration
2.3.3. Doppelleben
2.3.3.1. „Seelengeheimnis“
2.3.3.2. Verbrechen und Sünde
2.3.3.3. Das Labyrinth
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Motiv des Doppelgängers in Robert Louis Stevensons „Dr Jekyll and Mr Hyde“ und Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“, um den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Konventionen und individuellen Neigungen im spätviktorianischen England („fin de siècle“) darzustellen, der unweigerlich zum menschlichen Verfall führt.
- Die Tradition der Gothic novel und ihre Entwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts.
- Die historischen Kontexte des Fin de siècle: Metropole, Degeneration, Wissenschaft und Sexualität.
- Die Analyse von „The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ als Untersuchung der inneren, psychischen und moralischen Konsequenzen menschlichen Wissensdurstes.
- Die Analyse von „The Picture of Dorian Gray“ als Auseinandersetzung mit Ästhetizismus, Narzissmus und dem Fall des Protagonisten durch die „Gothic degeneration“.
Auszug aus dem Buch
1.3.3.1. Der Hypokrit
Jekyll kennt die Problematik der divergierenden Interessen von öffentlichem und privatem Leben nur zu gut. Der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Obligationen und dem Bedürfnis nach Vergnügung, „pleasures“ (JH 42, 45, 46), führt zu dem krampfhaften Versuch, sozialen Konventionen zu entsprechen und persönliche Wünsche zu unterdrücken. Das Resultat ist eine „profound duplicity of life“ (42), die Jekyll lange bevor Hyde auf der Bildfläche erscheint, betreibt (Miyoshi 298). Sein Problem ist „a certain gaiety of disposition“, welche er nur schwer mit seinem „imperious desire to carry [his] head high, and wear a more than commonly grave countenance before the public” (42) vereinen kann. Die Erwartungen an sich selbst sind so hoch, dass Jekyll ob der Vergnügungen, denen er sich hinter dem Rücken der Öffentlichkeit hingibt, ein immens schlechtes Gewissen bekommt, welches er damit zu entschuldigen versucht, dass sich wohl viele Männer mit solchen ‚Unvereinbarkeiten’ schmücken würden: „Many a man would have even blazoned such irregularites“ (42). Die „irregularities”, die im Grunde also für jeden anderen Nichtigkeiten wären, betrachtet und versteckt er „with an almost morbid sense of shame.“ (ibid.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Ängste und den Zerfall des Fin de siècle, die in den Gothic novels der Zeit ihren Ausdruck finden.
TEIL I: LITERATURKRITISCHER HINTERGRUND: Dieser Teil bietet einen Überblick über die Gothic novel und die Entwicklung des Doppelgängermotivs als sozialkritisches Element.
TEIL II: HISTORISCHER KONTEXT: Hier werden die zeitgenössischen Ängste vor Degeneration, die Rolle der Metropole London und neue wissenschaftliche Erkenntnisse (Darwin, Lombroso, Freud) analysiert.
TEIL III: TEXTANALYSE: In diesem Hauptteil erfolgt die detaillierte Untersuchung der beiden Romane „Dr Jekyll and Mr Hyde“ und „The Picture of Dorian Gray“ hinsichtlich ihrer thematischen Schwerpunkte.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie beide Werke das „andere Gesicht der Viktorianik“ durch das Motiv des Doppelgängers und die Auseinandersetzung mit unterdrückten Trieben aufzeigen.
Schlüsselwörter
Viktorianik, Fin de siècle, Gothic novel, Doppelgänger, Degeneration, Sexualität, Doppelleben, Ästhetizismus, Dekadenz, Identitätskrise, Hysterie, Metropole, Psychologie, Narzissmus, Triebverdrängung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das „andere Gesicht“ der viktorianischen Ära, indem sie untersucht, wie gesellschaftliche Zwänge und Doppelmoral im spätviktorianischen England den inneren Verfall des Einzelnen provozieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die literarische Tradition der Gothic novel, die Entwicklung des Doppelgängermotivs, der historische Kontext des Fin de siècle sowie die Analyse von Identität, Verdrängung und psychologischer Abspaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Robert Louis Stevensons „Dr Jekyll and Mr Hyde“ und Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“ den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Konventionen und individuellen Neigungen durch das Doppelgängermotiv darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, die durch historische Kontexte und psychologische Theorien (insbesondere der Psychoanalyse) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil (Teil III) werden die beiden Romane einzeln analysiert, wobei Entstehung, die Rolle des Doppelgängers, der Schauplatz (London) und spezifische psychologische Phänomene wie Degeneration oder Sexualität untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Viktorianik“, „Fin de siècle“, „Gothic novel“, „Doppelgänger“, „Degeneration“ und „Doppelleben“ definiert.
Warum spielt die Metropole London eine so große Rolle für die Analyse?
London wird als „very active presence“ begriffen, deren Vielschichtigkeit und dunkle Seiten (Opiumhöhlen, Armut) als ideale Projektionsfläche für das Doppelleben der Protagonisten dienen.
Welche Rolle spielt das Portrait in „The Picture of Dorian Gray“ für die psychologische Deutung?
Das Portrait fungiert als Spiegel der Seele und damit als Doppelgänger, der die moralische Verderbtheit des Protagonisten externalisiert und so dessen äußere Jugendlichkeit als Maske enthüllt.
- Quote paper
- Nadine Scherny (Author), 2006, Das andere Gesicht der Viktorianik. R. L. Stevensons "Dr Jekyll and Mr Hyde" und Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57539