Die Entwicklungspolitik der DDR -Theoretische Grundlagen, historischer Überblick und Organisationsstruktur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
43 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Begriff „Entwicklungsland“

3 Ursachen für die Unterentwicklung der Entwicklungsländer aus Sicht der ehemaligen DDR

4 Exkurs: Homogenität der Entwicklungsländer – Existiert eine „Dritte Welt“?

5 Der „kapitalistische Entwicklungsweg“ oder die „sozialistische Orientierung“ – Zwei Wege aus der Perspektive der ehemaligen DDR
5.1 Der „kapitalistische Entwicklungsweg“
5.2 Die „sozialistische Orientierung“

6 Historischer Überblick der Entwicklungspolitikpraxis der ehemaligen DDR
6.1 Beginn der Entwicklungspolitik? (1946 – 1954)
6.2 Bildung der „blockfreien Länder“ –
Eine Perspektive für die Entwicklungspolitik der ehemaligen DDR? (1955 – 1960)
6.3 Die Überwindung der „Hallstein-Doktrin“ –
Folgen für die DDR-Entwicklungspolitik? (1961 – 1970)
6.4 Die „Entspannungspolitik“ der siebziger Jahre –
Nährboden für die Propagierung der Überlegenheit des Sozialismus? (1971 – 1979)
6.5 Welche Konsequenzen ergaben sich aus der proklamierten Erhaltung des Weltfriedens für die Entwicklungsländer? (1981 – 1989/ 90)

7 Organisationsstruktur der Entwicklungshilfe der ehemaligen
DDR – Institutionen und Aktivitäten
7.1 Das Solidaritätskomitee der ehemaligen DDR
7.2 Die Freie Deutsche Jugend (FDJ)
7.3 Bildungs- und Ausbildungshilfe der ehemaligen DDR als Beispiel für deren entwicklungspolitische Aktivität

8 Fazit

9 Literaturangabe

1 Einleitung

Ausgehend vom besuchten Kompaktseminar „Entwicklungspolitik“ vom 18. – 22.04.2005 in Königswinter, das unter anderem neben einem sehr hohen praktischen Teil (in Form von Besuchen bei diversen Entwicklungshilfeorganisationen) auch einen theoretisch-historischen Überblick über die bundesdeutsche Entwicklungshilfe gab, soll mit der hier vorliegenden Hausarbeit der Versuch unternommen werden, die „antiimperialistische Solidarität“, also die Entwicklungspolitik und -hilfe der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) darzustellen, um so eine Ergänzung zum genannten Kompaktseminar darzustellen; letztlich also auch den Bogen in die eigene (gesamtdeutsche) Geschichte zu spannen.[1]

Dabei soll die Arbeit in drei Großteile aufgesplittert werden.

Der erste soll zunächst, angelehnt an Uwe Andersen, die Grundlage für alle weiteren Überlegungen bieten, indem er einen Definitionsversuch des Begriffs „Entwicklungsland“ enthält. Dieser scheint freilich nur aus westlicher-eurozentrischer, oder besser nördlich-hemisphärischer Perspektive haltbar zu sein und ist dennoch als Basis der Arbeit unerlässlich. Nicht zuletzt deshalb, weil auch Andersen ihm nur eine im bedingtem Umfang bestehende Gültigkeit einräumt und somit einem despotisch-hegemonialen Gebrauch entschieden entgegentritt. Des Weiteren enthält dieser Abschnitt mit seinen (staats-)theoretischen Hintergründen das Fundament des deutschen demokratischen Verständnisses von Entwicklungsländern, die supponierten Ursachen für die Zustände in den selbigen und die postulierten Möglichkeiten einer Zustandstransformation. Dabei wird hier insbesondere auf den „kapitalistischen Entwicklungsweg“ und die „sozialistische Orientierung“ eingegangen.

Beim zweiten Teil der Arbeit, in dem die entwicklungspolitischen Aktivitäten der ehemaligen DDR in einem historischen Überblick dargestellt werden, wird der Leser um ein erhöhtes Quantum an Aufmerksamkeit gebeten. Denn dieses Teilstück soll eben nicht nur ein geschichtlicher Abriss sein, der sicher als solcher seine Notwendigkeit nicht verlieren würde, sondern vielmehr durch seine zahlreichen Implikationen und nicht zuletzt durch einen umfangreichen Zitatfundus ehemaliger DDR-Theoretiker auch Informationen über die Intentionen entwicklungspolitischer Aktivitäten der DDR enthalten, verbunden mit der Hoffnung, dass sich diese vor dem Hintergrund des Versuchs einer nicht allzu engen Darstellung der Historie (also sowohl der innerdeutschen als auch zum Teil der bipolar-globalen) doch recht schlüssig erschließen lassen.

Im dritten Teilabschnitt der Arbeit soll dann anhand der Organisationsstruktur der Entwicklungspolitik der ehemaligen DDR und der Betrachtung ausgewählter Organe und Aktivitäten der bis dahin doch recht weit gefassten Darstellung der entwicklungspolitischen Maßnahmen der ehemaligen DDR eine engere, „basisnähere“ Betrachtung folgen, die sich als Ergänzung in explizierender Form zu den Teilen eins und zwei verstanden wissen will.

Bezüglich der Literaturauswahl sei an dieser Stelle noch auf zwei Dinge hingewiesen. Was Publikationen über Entwicklungspolitik und -hilfe betrifft scheint sich die hiesige Bibliothek, das Institut für Politikwissenschaft und damit letztlich auch die Universität selbst im Vergleich zu anderen nicht verpflichtet zu sehen, ihre eigenen Bestände und damit auch ihren eigenen Horizont erweitern zu müssen. So finden sich kaum unpopuläre wissenschaftliche Werke bzw. Stellungnahmen, wohl aber die „einschlägige“ Literatur in zigfacher Auflage. Welche Auswirkungen dies auf die Sensibilisierung in Bezug auf ein solch’ prekäres und diffiziles Thema wie das der Entwicklungspolitik hat, wurde während des o.g. Kompaktseminars eindrucksvoll unter Beweis gestellt und die darin vermittelten, zur opinio coummunis divergierenden Eindrücke nicht nur retrospektiv als ungemein dankbar aufgenommen. Zur Literatur im Bereich der jüngeren deutschen Geschichte bleibt der Anschein bestehen, dass eine Aufarbeitung derselbigen, wie so oft beklagt, noch stark „in ihren Kinderschuhen steckt“, weshalb sich auch in diesem Bereich häufig auf eine relativ kleine Auswahlbibliographie beschränkt werden musste.

Dennoch sollte mit der Arbeit der Versuch unternommen werden, der vorgegeben Qualitäts- und Quantitätsanforderung gerecht zu werden und somit einen tieferen Einblick in die entwicklungspolitischen Strukturen und Tätigkeiten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu gewährleisten.

2 Der Begriff „Entwicklungsland“

Folgt man den aktuellen Ausführungen Uwe Andersens zum Thema Entwicklungspolitik/ -hilfe so gibt es, freilich immer im Vergleich mit den Industrieländern (IL), einige charakteristische Merkmale für ein so genanntes Entwicklungsland (EL – im Folgenden auch für den Plural gebraucht). Dass diese Merkmale jedoch einen eher statisch-theoretischen Charakter haben, erkennt man schon an ihrer eigentlichen Interdependenz in der Praxis und anhand des sich daraus ergebenden, in der Literatur oft beschriebenen, „circulus vitiosus“, in dem sich die EL folglich befinden. Außerdem sind diese paradigmatisch verstandenen Merkmale nicht in jedem EL gleich stark ausgeprägt. Dass man deshalb auch nicht unisono von einer „Dritten Welt“ an sich sprechen kann, soll weiter unten noch ausführlicher behandelt werden.

Vorerst jedoch die Merkmale, die – wie auch von Andersen bemerkt – weder im wissenschaftlichen Exkurs noch in ihrer Praktikabilität gänzlich konsensfähig, wohl aber „in mehr oder minder ausgeprägter Form in den meisten EL anzutreffen [sind].“[2] Insofern lassen sie sich auch vor dem Hintergrund der weiteren Ausführungen als durchaus legitim betrachten.

1. ökonomische Merkmale
niedriges Pro-Kopf-Einkommen/ ungleiche Einkommensverteilung
hohe Arbeitslosigkeit
niedrige Spar- und Investitionsrate
hohe Analphabetenquote i.V.m. geringer Schul- und Ausbildung
geringe Produktivität
schlechte Infrastruktur
dualistische Struktur (Industrieenklaven/ großer traditioneller Sektor)
außenwirtschaftliche Abhängigkeit/ hohe Auslandsverschuldung
2. soziodemographische Merkmale
geringe Lebenserwartung/ unzureichende medizinische Versorgung
extremer Bevölkerungswachstum
Wanderungsbewegungen in Ballungsgebiete
3. ökologische Merkmale
partieller armutsbedingter ökologischer Raubbau/ Zerstörung von Ökosystemen (Desertifikation) mit möglichen globalen Folgen
4. soziokulturelle und politische Merkmale
starke Orientierung an Primärgruppen (Familie)/ oft schwache Loyalität gegenüber abstrakten, institutionellen Strukturen (Staat)
niedrige soziale Rollendifferenzierung/ Mobilität
bad governance (politische Systeme mit geringer Legitimation, Fehlen der Menschenrechte, mangelnden Umsetzungsmöglichkeit von politischen Programmen, systematische Korruption)
viele gewaltsam ausgetragenen Konflikte (innen und außen)/ große Flüchtlingsströme[3]

Interessant ist nun die Gegenüberstellung dieser im Jahr 2004 erschienen Publikation und der damit verbundenen nicht-sozialistischen Prägung mit einer Monographie aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) vom Jahre 1981, in der die EL wie folgt charakterisiert werden:

„Eine zerklüftete innere ökonomische Basis, verbunden mit einem geringen durchschnittlichen Entwicklungsniveau der Produktivkräfte und sozialer Rückständigkeit, bildet im allgemeinen ein Charakteristikum ihrer sozialökonomischen Verhältnisse. In vielen Entwicklungsländern sind Massenarmut, Unterernährung und Hunger nicht nur unerträglich groß, sondern wachsen in absoluten Größenordnungen. Die Zahl der Analphabeten vergrößert sich insgesamt trotz gegenläufiger Bemühungen. Tendenzen der Verelendung, des Dahinvegetierens und der qualvollen Auflösung verschiedenartiger vorkapitalistischer Produktionsverhältnisse und Sozialbeziehungen, begleitet von Überausbeutung und ruinöser kapitalistischer Konkurrenz, spontane Beschleunigung des Bevölkerungswachstums, unkontrollierte Urbanisierungsprozesse, das Anwachsen einer relativen und zum Teil absoluten Agrarüberbevölkerung, die Zunahme der Arbeitslosigkeit in den Städten, schändliche Kinderarbeit sowie ökonomische und gesellschaftliche Diskriminierung der Frau sind nur einige der gravierenden Erscheinungen, die die soziale Situation der meisten Entwicklungsländer kennzeichnen.“[4]

Trotz der politischen Grundausrichtung der ehemaligen DDR, die zu der der Bundesrepublik Deutschland nicht unterschiedlicher hätte sein können, ist es auffallend, wie sehr sich diese Definitionen einander gleichen. Insofern fällt die Unterscheidung zwischen DDR- und bundesrepublikanischer Charakterisierung von EL eher in die Bereiche, die sich mit den Ursachen und der Überwindung der o.g. Unterentwicklung dieser Länder befassen.

3 Ursachen für die Unterentwicklung der Entwicklungsländer aus Sicht der ehemaligen DDR

Die o.g. Merkmale Uwe Andersens zur Charakterisierung von EL (als Teil der westlich-liberalen Entwicklungstheorie) können trotz ihrer Aktualität bezüglich des Veröffentlichungsdatums auch vor 1989/ 90 als Ursachen der Unterentwicklung der „Dritten Welt“ anerkannt werden, die Innovationen, Unternehmergeist, Risikofreude und Fortschritt verhinderten. Es waren folglich zugleich externe als auch interne Ursachen, die den Teufelskreis der EL schlossen und somit verhinderten, dass sich diese selbsttragend entwickeln konnten. Für die marxistisch-leninistisch argumentierenden DDR-Theoretiker war der Grund für die Unterentwicklung jedoch viel klarer, denn er lag für sie namentlich in der Kolonialisierung.[5]

„Die ökonomische und soziale Struktur der Entwicklungsländer ist weitestgehend das Produkt der kolonialen Unterwerfung der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas und ihrer Umwandlung in abhängige und ausgebeutete Glieder der kapitalistischen Weltwirtschaft. (…) Der Kolonialismus hat zweifellos die tiefsten Spuren in das soziale Antlitz der afro-asiatischen und lateinamerikanischen Völker gegraben und dessen Konturen sogar hochgradig bestimmt.“[6]

Auch Karl Marx und Friedrich Engels postulierten schon 1848 in ihrem Kommunistischen Manifest:

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischen Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweisen der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“[7]

Auch wenn der Zusammenhang zwischen Imperialismus und Unterentwicklung in der ehemaligen DDR Mitte der achtziger Jahre weitaus differenzierter dargestellt wurde, blieb dennoch der Kanon bestehen, dass die eigentliche Verantwortung dafür unverändert beim Kolonialismus zu liegen habe. Als Ergebnis einer im 17./ 18. Jahrhundert beginnenden Etappe mit der partiellen Eindringung in die Kolonien und der damit einhergehenden Plünderung materieller Reichtümer bis hin zum Neokolonialismus des 20. Jahrhunderts sei die heutige soziale, ökonomische, ökologische und kulturelle Situation der EL zu konstatieren.[8] Ob dieses Postulat allerdings zu halten ist und seine Gültigkeit vor dem Hintergrund des folgenden Exkurses nicht zu verlieren droht, soll nun untersucht werden.

4 Exkurs: Homogenität der Entwicklungsländer – Existiert eine „Dritte Welt“?

Wurden ursprünglich mit der „Dritten Welt“ all’ diejenigen Länder bezeichnet, die während des Ost-West-Konfliktes weder dem westlichen noch dem östlichen Bündnissystem angehörten (blockfreie Länder), so wandelte sich der Begriff während des Nord-Süd-Konfliktes dahingehend, als dass er heute stellvertretend für das gesamte Konglomerat der EL steht. Dass dieser Terminus jedoch vor dem Hintergrund einer optionalen, wenn nicht gar zwingenden Ausdifferenzierung eben dieses Konglomerats mehr als unzulänglich ist, soll der folgende Exkurs verdeutlichen. So ist es möglich, EL zwischen Allianzzugehörigkeit also beispielsweise nach Blockbindung bzw. Nicht-Blockbindung, Angliederung an die EU, AKP-Staaten bzw. Nicht-AKP-Staaten einerseits und anderseits zwischen sozioökonomischen Merkmalen also etwa nach LICs (Low Income Countries), MICs (Middle Income Countries), LDCs (Least Developed Countries), MSACs (Most Seriously Affected Countries), SILICs (Severly Indebted Low-Income Countries) und SIMICs (Severly Indebted Middle-Income Countries) zu unterscheiden. Es treten folglich gewisse Schwierigkeiten mit der Bündelung der EL unter dem Oberbegriff „Dritte Welt“ auf und auch die Theoretiker der ehemaligen DDR konstatierten, dass „nichtsdestoweniger auf die Bedingtheit des dazu gebrauchten Begriffs ,Entwicklungsländer‘, der sich international überall eingebürgert hat, aufmerksam gemacht werden [muß].“[9] So sei der Begriff zum einen unzureichend, da sich alle Länder entwickelten, demnach jedes Land ein EL ist, zum anderen, weil sich auch innerhalb dieser Länder Unterschiede im politischen System und der außenpolitischen Orientierung befänden.[10] Und auch in Bezug auf die damit bezeichnete „Dritte Welt“ seien die Termini schlecht gewählt, da für den Marxismus-Leninismus konstitutiv ist, „daß letztlich auch die Entwicklungsländer vor die Alternative gestellt werden, zwischen Sozialismus oder Kapitalismus zu wählen.“[11] Denn „…die Entwicklung [wird] in rasch zunehmendem Maße von den systembedingten Faktoren des Kampfes zwischen dem sozialistischen und imperialistischen System beeinflusst. Es gibt keine ,dritte Welt‘, keinen ,dritten Weg‘, die Klassenfragen rücken immer mehr in den Vordergrund.“[12]

Festzuhalten ist also, dass die Verwendung des Begriffes „Dritte Welt“ hoch problematisch war und ist. Ob dies nun aufgrund der vielen heterogenen politischen, kulturellen und sozioökonomischen Eigenschaften der EL und der damit einhergehenden, unabdingbaren Ausdifferenzierung in die verschiedensten Klassen oder gar Einzelländer der Fall ist oder ob dies aufgrund der inzwischen historisch gewordenen Möglichkeit, lediglich zwischen der einen bzw. der anderen Welt zu wählen, postuliert werden konnte, soll vorerst jedoch keine Rolle spielen.

Es lässt sich aber ableiten, dass eben nicht der Kolonialismus allein als singuläre Ursache für die beschriebene Situation in den EL gelten kann. So ist gerade für die LDCs festzustellen, dass in ihnen weder eine Entwicklung noch eine kapitalistische Durchdringung stattgefunden hat. Sie waren nicht der sonst für die imperialistischen ökonomischen Beziehungen charakteristischen und stark im Vordergrund stehenden direkten Ausbeutung unterworfen. Vielmehr trugen das niedrige Produktionsniveau, die schlechte Infrastruktur und schwierige geographische Bedingungen zur Abhängigkeit und Ausbeutung durch ihre Nachbarländer bei. Weder als Kolonien noch als unabhängige Staaten vermochten sie, das ökonomische Interesse der Metropolen zu wecken. Ihnen fehlten nicht nur attraktive Rohstoffe, auch erschien es kaum möglich und sinnvoll, moderne Produktionsmittel zu importieren.[13]

Dennoch, so Spanger, galten Kolonialismus und Imperialismus in der ehemaligen DDR bis zuletzt als Hauptschuldige für die Unterentwicklung der „Dritten Welt“. Zum einen, um der eigenen Mitverantwortung zu entgehen, zum anderen, um „das unverzichtbare, im Ost-West-Bipolarismus wurzelnde Feindbild im globalen Maßstab zu profilieren.“[14]

5 Der „kapitalistische Entwicklungsweg“ oder die „sozialistische Orientierung“ – Zwei Wege aus der Perspektive der ehemaligen DDR

5.1 Der „kapitalistische Entwicklungsweg“

Führt man sich vor Augen, dass in den 1980ern neben etwa 20 Ländern, die den Weg der „sozialistischen Orientierung“ beschritten und einigen wenigen, deren Orientierung noch nicht gänzlich klar war, die Mehrzahl der EL auf asiatischem, afrikanischem und lateinamerikanischem Boden den Weg des Kapitalismus ging,[15] so erscheint es umso paradoxer, dass die ehemalige DDR auch zu diesen, den „kapitalistischen Entwicklungsweg“ präferierenden Ländern Beziehungen pflegte, zumal darüber an sich kein Zweifel bestehen kann, welche Sympathien und Antipathien die ehemalige DDR bei diesen Entscheidungen hegte. Trotzdem „rechnet[e] sie [einerseits] auch diese Länder zu ihren potentiellen Verbündeten im gemeinsamen ,antiimperialistischen‘ Kampf. (…) Andrerseits [musste] sie den Kapitalismus als Gesellschaftssystem konsequent ablehnen.“[16] Doch welche Charakteristika waren für den „kapitalistischen Entwicklungsweg“ überhaupt konstitutiv? Und warum gab es trotz des eben angesprochenen Paradoxons solche Beziehungen?

Nach Hans-Joachim Spanger waren aus Sicht der Entwicklungstheoretiker der ehemaligen DDR folgende Merkmale der sozioökonomischen Struktur und des politischen Systems für diesen Entwicklungsweg entscheidend:

a) Die nationale Bourgeoisie besitzt in dem Land die politische und ökonomische Führung und verhilft in ihrem Sinne dem Durchbruch einer „freien Entfaltung privatkapitalistischer Initiative“.
b) „Die kapitalistische Produktionsweise beginnt sich durchzusetzen“ und obwohl sich nicht alle EL auf dem gleichen Status innerhalb dieses Prozesses befinden, ist mithin der bloße „erklärte politische Wille der führenden Kräfte eines Landes, den kapitalistischen Weg beschreiten zu wollen“ entscheidend.
c) Alle Länder dieser Orientierung sind in die „internationale Arbeitsteilung eingebunden und im erheblichen Umfang ,imperialistischer Abhängigkeit‘ und ,neokolonialer Ausbeutung‘ unterworfen.“ Dabei ist konstitutiv, dass all’ diese Länder Bestrebungen haben, ihre global-ökonomischen Beziehungen auszuweiten und zwar im Sinne einer eigenen Bedürfnisbefriedigung, wenngleich auch bei diesem Merkmal zwischen den einzelnen Ländern entscheidende Unterschiede auftreten.[17]

Notwendiger Weise mussten aber alle dieser drei Merkmale zusammen für ein Land zutreffen, um von der ehemaligen DDR als ein solches, den „kapitalistischen Entwicklungsweg“ beschreitendes Land zu gelten. Die Begründung dafür lieferte schon allein die Tatsache, dass auch Länder mit „sozialistischer Orientierung“ in eine mehr oder minder globale kapitalistische Weltwirtschaft eingebunden und dennoch nicht per se als kapitalistisch zu charakterisieren waren.

[...]


[1] Gesamtdeutsch soll hier nicht die zeitweilige Existenz zweier deutscher Staaten negieren sondern meint vielmehr die Betrachtung der Entwicklungspolitik der ehemaligen DDR als inhaltliche Ergänzung zur dargestellten Entwicklungspolitikthematik in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

[2] Andersen, Uwe, Entwicklungspolitik/ -hilfe, in: Woyke, Wichard (Hrsg.), Handwörterbuch Internationale Politik (= Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 404), 9., völlig überarbeitete Auflage, Bonn 2004, S. 85.

[3] Vgl. ebd., S. 85f.

[4] Ernst, Klaus/ Schilling Hartmut zit. in: Spanger, Hans-Joachim/ Brock, Lothar, Die beiden deutschen Staaten in der Dritten Welt. Die Entwicklungspolitik der DDR – eine Herausforderung für die Bundesrepublik Deutschland?, Opladen 1987, S. 89. Original: Ernst, Klaus/ Schilling, Hartmut (Hrsg.), Entwicklungsländer. Sozialökonomische Prozesse und Klassen, Berlin 1981, S. 14. (Original nicht verfügbar).

[5] Dass die hier in Präteritum gesetzten Verben durchaus auch im Präsens ihre Geltung nicht verlieren, soll nicht weiter erwähnt werden.

[6] Ernst, Klaus/ Schilling Hartmut zit. in: Spanger, Hans-Joachim/ Brock, Lothar, Die beiden deutschen Staaten in der Dritten Welt, Opladen 1987, S. 90. Original: Ernst, Klaus/ Schilling, Hartmut (Hrsg.), Entwicklungsländer. Sozialökonomische Prozesse und Klassen, Berlin 1981, S. 19. (Original nicht verfügbar).

[7] Kommunistisches Manifest in: Marxists’ Internet Archive, <http://www.marxists.org/deutsch/archive/marx-engels/1848/manifest/1_bourprol.html> am 01.08.2005.

[8] Vgl. Spanger, Hans-Joachim/ Brock, Lothar, Die beiden deutschen Staaten in der Dritten Welt, Opladen 1987, S. 91f.

[9] Rathmann, Lothar zit. in: Spanger, H.-J./ Brock, L., Die beiden deutschen Staaten in der Dritten Welt, S. 94. Original: Rathmann, Lothar u.a., Grundfragen des antiimperialistischen Kampfes der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas in der Gegenwart, in: Zentraler Rat für Asien -, Afrika - und Lateinamerikawissenschaften in der DDR (Hrsg.), Studien über Asien, Afrika und Lateinamerika, Bd. 10, Teil I, Berlin 1974, S. 449. (Original nicht verfügbar).

[10] Vgl. ebd.

[11] Spanger, H.-J./ Brock, L., Die beiden deutschen Staaten in der Dritten Welt, S. 94.

[12] Uschner , Manfred/ Weidemann, Diethelm, Zu einigen Grundfragen der antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsrevolution in Asien, Afrika und Lateinamerika, in: Institut für Internationale Beziehungen (Hrsg.), Deutsche Außenpolitik, 15. Jg., Heft 4, Berlin 1970, S. 547.

[13] Vgl. Faulwetter, Helmut, Die am wenigsten entwickelten Länder des kapitalistischen Wirtschaftssystems und ihre Entwicklungsprobleme, in: Hahn, Gerhard/ Rathmann, Lothar (Hrsg.), Asien, Afrika, Lateinamerika. Zeitschrift des Zentralen Rates für Asien-, Afrika- und Lateinamerikawissenschaften in der DDR, Bd. 4, Heft 3, Berlin 1976, S. 454ff., insb. S. 456f. Als Interesse für die wenn schon nicht wirtschaftlich attraktiven Länder gibt Faulwetter in diesem Zusammenhang militärische und politisch-strategische Gesichtpunkte im inzwischen obsoleten Kolonialsystem an. So z.B. für Gebiete Asiens, Afghanistans, Bhutan, Nepal oder den Malediven.

[14] Spanger, H.-J./ Brock, L., S. 93.

[15] Vgl. ebd., S. 114.

[16] Ebd., S. 114f.

[17] Vgl. ebd., S. 116.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklungspolitik der DDR -Theoretische Grundlagen, historischer Überblick und Organisationsstruktur
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Entwicklungspolititk
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
43
Katalognummer
V57570
ISBN (eBook)
9783638520058
ISBN (Buch)
9783638688543
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungspolitik, Grundlagen, Organisationsstruktur, Entwicklungspolititk
Arbeit zitieren
Marc Partetzke (Autor), 2005, Die Entwicklungspolitik der DDR -Theoretische Grundlagen, historischer Überblick und Organisationsstruktur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57570

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