Die Handelsgeschichte der Seide. Historische und kulturgeschichtliche Aspekte


Examensarbeit, 2005
95 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Seide- Zusammensetzung und Eigenschaften
1.1 Woraus besteht Seide?
1.2 Eigenschaften von Seide

2. Seidenraupen und Maulbeerbäume
2.1 Biologie der Seidenraupe

3. Seidenproduktion heute
3.1 kommerzielle Seidenraupenzucht
3.2 Gewinnung der Seide aus den Kokons
3.2.1 Abhaspeln
3.2.2 Rohseide
3.2.3 Zwirnen

4. Weitere Seidenarten: Wildseiden
4.1 Tussah- Seide
4.2 Doupion- Seide

5. Geschichte der Seide
5.1 älteste Verwendungsnachweise
5.2 Seide- Ein Privileg Chinas
5.2.1 Die Legende zur Entdeckung der Seide in China
5.2.2 Chinas Geheimnis der Seidenproduktion
5.2.3 Die Verbreitung der Seide in China
5.3 Der Handel Chinas mit dem Westen
5.4 Die Bedeutung von Seide bei den Römern
5.5 Der Bruch des Seidenmonopols Chinas durch den Schmuggel von Seidenraupen
5.6 Seidenproduktion und - handel in China
5.7 Seidenproduktion und –handel außerhalb Chinas
5.8 Seidenhandel im Mittelalter

6. Die Seidenstraßen
6.1 Definition des Begriffs „Seidenstraße“
6.2 Die Entstehung der Seidenstraßen
6.2.1 Zhang Qian als Begründer der Seidenstrassen
6.2.2 Neue Handelswege
6.3 Die Handelsrouten
6.4 Die Verbreitung der Religionen auf den Seidenstraßen
6.5 berühmte Reisende auf der Seidenstraße
6.5.1 Faxian und Xuanzang
6.5.2 Marco Polo
6.6 Die Verbreitung der Webmuster über die Seidenstraße

7. Die andere Seidenstraße
7.1 Die Erweiterung der Seidenstraße bis nach England
7.2 Die Fortführung der Seidenstraße nach Amerika
7.2.1 Die Seidenstraße nach Südamerika

8. Die Seidenstraße zur heutigen Zeit
8.1 Kashgar heute
8.2 Die südliche Route der Seidenstraße zur heutigen Zeit
8.3 Fazit

9. Der Handel auf den Seidenstraßen
9.1 Handelsgüter
9.2 Die Bedeutung des Jadehandels für die Seidenstraße

10. Die Verbreitung der Seide in Europa
10.1 Die Anfänge der europäischen Seidenverarbeitung
10.2 Lucca als Italiens erstes Seidenhandelszentrum
10.2.1 Samtstoffe aus Lucca
10.3 Seidenhandel innerhalb Europas
10.4 Die Bedeutung Venedigs für den europäischen Seidenhandel
10.5 Florenz und seine Rolle in der europäischen Seidenindustrie
10.6 Genuas Anteil am italienischen Seidenmarkt
10.7 Spaniens Anteil am Europäischen Seidenhandel
10.8 Frankreichs Bedeutung für den europäischen Seidenmarkt
10.9 Geschichte der deutschen Seidenindustrie

11. Der heutige Markt für Seide
11.1 Der Welthandel mit Seide
11.2 Der Handel mit Seidenkokons
11.3 Thailand als Lieferant kostbarer Seidenstoffe
11.4 Förderung der Seidenindustrie zum wirtschaftlichen Aufschwung eines Landes am Beispiel Nepal
11.5 Der deutsche Seidenmarkt in den letzten 40 Jahren

12. Arbeitsbedingungen in der heutigen Seidenindustrie am Beispiel Indien und China
12.1 Die indische Seidenindustrie
12.1.1 Kinder in der indischen Seidenindustrie
12.1.2 Häufige Erkrankungen als Folge der miserablen Arbeitsbedingungen
12.1.3 Die Haltung der indischen Regierung
12.1.4 Projekte gegen die Missstände in Indien
12.2 Arbeitbedingungen in der chinesischen Bekleidungsindustrie
12.2.1 Allgemeine Zahlen zur chinesischen Bekleidungsindustrie
12.2.2 Arbeitsbedingungen in der chinesischen Bekleidungsindustrie
12.2.3 Erkrankungen als Folge schlechter Arbeitsbedingungen
12.3 Maßnahmen gegen die Missstände in der (Seiden-) Bekleidungsindustrie unter Berücksichtigung der Frage der Nachhaltigkeit

Anhang
Abbildung 1: Lebenszyklus des Maulbeerspinners
Abbildung 2 Zusammensetzung des Seidenfadens
Karte 1 Handelsrouten zur Tang- Zeit
Tabelle 1
Statistik der FAO zum Seidenexport und –import im Jahr 1998

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich habe mir für die schriftliche Examensarbeit das Thema „Historische und kulturgeschichtliche Aspekte der Handelsgeschichte der Seide“ vorgenommen, da das Thema Seide verschiedenste Betrachtungs- und Untersuchungsweisen ermöglicht, die ich im Verlauf dieser Arbeit darstellen möchte.

Um einen Einstieg in das Thema zu erreichen, stelle ich zunächst allgemeine Fakten zur Zusammensetzung und Herstellung der Seide dar. Somit entsteht ein erster Überblick über die Mannigfaltigkeit des Grundgegenstandes „Seide“ und verdeutlicht erste Zusammenhänge zwischen Handel und Verkauf. Gleichzeitig möchte ich auch schon einmal veranschaulichen, wie mühsam es auch heute noch ist, Seide herzustellen- ein Aspekt, auf den ich später in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in der Seidenindustrie noch vertieft eingehen möchte.

Des weiteren gehe ich dann auf die Geschichte der Seide ein. Dies erscheint mir besonders wichtig, um darzustellen, welche Bedeutung der Seide von der vorchristlichen Zeit bis etwa zum Mittelalter zukam, denn hierbei wird auch deutlich, wie sich erste Handelsbeziehungen, Monopolstellungen seidenherstellender Länder und schließlich die Verbreitung der Seide von Asien nach Westen entwickeln konnten.

Damit wird dann auch die Überleitung zu den Seidenstraßen geschaffen, ohne die eine so weltweite Verbreitung von Seide kaum möglich gewesen wäre. Ich werde einerseits die Handelsrouten aufzeigen, andererseits dann auch konkret beschreiben, welche neuen Möglichkeiten sich durch die Gründung dieser Handelswege eröffneten. Die Seidenstraßen dienten nämlich nicht nur als Transportwege für Seide, sondern ermöglichten auch die Verbreitung anderer Waren und den Transfer von Wissen, womit ihnen eine bedeutsame Rolle auch auf kulturgeschichtlicher Basis zukommt.

Bei meinen Recherchen zum Thema habe ich mir auch die Frage gestellt, wie sich die Seide eigentlich auch auf anderen Kontinenten, vor allem Amerika, ausbreiten konnte. Deshalb werde ich, nachdem ich die eigentlichen Seidenstraßen vorgestellt habe, auf ein weiteres Phänomen, dass ich ebenfalls bei genauerer Betrachtung als Seidenstraße bezeichnen lässt, eingehen, nämlich die Handelsgeschichte der Seide in Amerika.

Ich möchte allerdings in dieser Arbeit nicht nur auf historische Fakten eingehen, sondern vor allem auch untersuchen, welche Auswirkungen damalige Handelsbeziehungen auf die heutige Zeit haben. Deshalb erscheint es mir auch wichtig, nachzuzeichnen, was auch aus den ehemaligen großen Handelszentren entlang der Seidenstraßen geworden ist: sind dies immer noch Städte, die vom lohnenden Handel mit Seide profitieren oder ist ihre Glanzzeit längst Vergangenheit?

Wenn ich diese Arbeit zum Thema Seide verfasse, interessiert natürlich vor allem die Bedeutung und der Handel von Seide in Europa. Um dies zu erläutern, möchte ich einen Überblick von der ersten europäischen Seidenproduktion, über die bedeutenden Seidenzentren in Italien, Spanien und Frankreich bis hin zur Seidenindustrie in Deutschland schaffen und darstellen, welcher Wandel sich hier im Laufe der Jahrhunderte vollzogen hat. Gleichzeitig möchte ich auch verdeutlichen, wie sich Seide vom Luxusgut des Adels im Laufe der Zeit zu einer erschwinglichen Textilie verändern konnte und wie sich die Beliebtheit dieses Produktes mit den jeweiligen Modeerscheinungen verändern konnte.

Nachdem ich diese historischen Aspekte des Seidenhandels dargestellt habe, werde ich schließlich auf den heutigen Seidenmarkt eingehen. Ich erläutere dazu einerseits den weltweiten Seidenmarkt und die dabei üblichen Preisbildungsverfahren, andererseits möchte ich auch zeigen, wie es möglich ist, mit Hilfe der Seidenindustrie armen Ländern zu einem wirtschaftlichen Aufschwung zu helfen und angemessene Preise für das Produkt Seide sicherzustellen. Schließlich möchte ich noch einen Blick auf die letzten 40 Jahre des deutschen Seidenmarktes werfen und dabei untersuchen, welche Rolle Deutschland heute beim weltweiten Seidenhandel zukommt: gab es hier einen Wandel oder ist Deutschland immer noch ein bedeutendes europäisches Seidenzentrum?

Betrachtet man den heutigen Seidenhandel im großen Stil, stellt sich natürlich die Frage, wie es sich mit den Produktionsbedingungen hält und wie es überhaupt möglich ist, die große Nachfrage zu decken und gleichzeitig die Handelspreise sehr niedrig zu halten. Deshalb ist es sehr wichtig, auch die Arbeitsbedingungen in den Hauptländern der Seidenproduktion in Asien zu hinterfragen. Kann man heute erhältliche Billigkleidung aus Seide guten Gewissens kaufen oder unterstützt man mit dem Kauf dieser Produkte etwa die Unterdrückung von Arbeitern und Kinderarbeit in asiatischen Textilfabriken? Und falls dies zutrifft: auf welche Weise ist es dem Verbraucher möglich, diesen Missständen den Kampf anzusagen?

Als Abschluss möchte ich versuchen, Wege aus der heutigen Wegwerfgesellschaft darzustellen, die auch den Menschen in der Dritten Welt und den dort herrschenden Arbeitsbedingungen gerecht werden können.

1. Seide- Zusammensetzung und Eigenschaften

1.1 Woraus besteht Seide?

Seide ist ein Naturprodukt und wird deshalb, wie Baumwolle, Wolle, Leinen etc., zu den Naturtextilien gezählt.

Die Grundsubstanz der Seide wird von Tieren hergestellt, genauer von Insekten, nämlich Schmetterlingsraupen oder sog. „Spinnern“.

Zoologisch betrachtet lässt sich die Systematik der seidenproduzierenden Spinner wie folgt darstellen:

Ordnung: Lapitoptera – Schmetterlinge

Unterordnung: Heteroneura – höhere Schmetterlinge

Familie: Bombycidae – echte Spinner

Gattung: Bombyx

Gattung: Theophila

Familie: Saturniidae – Augenspinner

Gattung: Antheraea

Gattung: Philosamia

Gattung: Platysamia

Gattung: Telea

Gattung: Attacus

Gattung: Saturnia

Betrachtet man die oben erwähnte Systematik, wird deutlich, dass es nur 2 Schmetterlingsfamilien gibt, die überhaupt in der Lage sind, Seide herzustellen. Jede Gattung und schließlich jede Art kennzeichnet sich dabei durch eine spezielle Seidenstruktur: zur Gattung Bombyx gehört der Maulbeerspinner, der wichtigste und bekannteste unter den Seidenproduzenten. Die Insekten, die zur Gattung Antheraea gezählt werden, sind die Lieferanten für die „Tussahseide“. Und die Angehörigen der Gattungen Platysamia, Telea und Attacus stellen die Wildseiden her. Je nach Raupenart und späterer Verarbeitungsweise sind somit die vielen verschiedenen Seidenarten und – qualitäten zu begründen, die sich auf dem Markt befinden.

Wie bereits erwähnt, ist der Maulbeerspinner Bombyx mori der wichtigste Seidenproduzent, der auch, verglichen mit den anderen Gattungen und Arten, die größte Menge an Seide liefert.

Es stellt sich die Frage, wie der Maulbeerspinner nun die Seide produziert, woraus sie besteht und welchen Nutzen sie für diese Insekten hat.

Seide ist, biologisch betrachtet, Insektenspeichel oder genauer: der Speichel des Maulbeerspinners. Seine Speicheldrüsen sind „voll ausgestreckt fast zehnmal so lang wie die Raupe selbst und machen die Hälfte ihres Körpergewichts aus.“[1]

Alle Raupen stellen einen Kokon her, um sich später darin verpuppen und schließlich in einen Schmetterling verwandeln zu können. Genau zu diesem Zweck stellt auch der Maulbeerspinner seinen Kokon her, und zwar aus seinem Speichel. Betrachtet man die Geschwindigkeit, mit der die Insekten ihren Kokon herstellen, wird deutlich, warum der Maulbeerspinner der populärste Seidenproduzent ist: in einer Minute schafft er es, ca. 15 cm Faden zu spinnen, insgesamt besteht ein fertiger Kokon aus ca. 800 m zusammenhängendem Seidenfaden.

Die Seide selbst besteht aus zwei Bestandteilen:

1. Fibroin, eine hornartige und eiweißhaltige Substanz, welche die innere Schicht des Seidenfadens bildet, und
2. aus Sericin, welches die äußere, klebrige Schicht bildet. Diese wird vor der Verarbeitung zu textilen Zwecken durch Kochen entfernt.

Der Seidenfaden des Maulbeerspinners besteht, genau betrachtet, aus zwei Fäden, da das Insekt zwei nebeneinander sitzende Speicheldrüsen besitzt, die beide gleichzeitig Sekret abgeben. Die Spinndüsen sind allerdings so winzig, dass man nur unter dem Mikroskop erkennen kann, dass der Seidenfaden eigentlich aus zwei Einzelfäden besteht.

1.2 Eigenschaften von Seide

Schon im alten China erkannte man schnell die Vorteile und speziellen Eigenschaften, die das Produkt Seide von Natur aus mit sich brachte. Seide ist gekennzeichnet durch fast durchweg positive Eigenschaften, die dem Träger seidener Textilien zu Gute kommen. Da es ein Naturprodukt ist, treten keine negativen Seiten auf.

Ein Vorteil von Seide, verglichen mit anderen Naturtextilien wie z.B. Wolle oder Baumwolle, ist ihr Gewicht. Seide ist besonders leicht, das liegt an ihrer sehr geringen Dichte. Auf Grund dieser Eigenschaft ist auch einleuchtend, warum Seidentextilien besonders in Ländern mit hohen Temperaturen beliebt sind.

Trotzdem ist Seide kein „Sommerstoff“, sondern vielmehr ein Allroundtalent. Da die Seide ja ursprünglich das im Kokon verpuppte Insekt vor äußeren Einflüssen durch Wetter und Temperatur schützen sollte, zeichnet sie sich durch ihre isolierende Wirkung aus. Dies bedeutet, dass Seide sich gut dem Klima anpasst, im Sommer also leicht und luftig ist, zugleich im Winter aber wärmend wirkt.

Trotz der dünnen und zerbrechlich wirkenden Seidenfäden hat man beobachtet, dass sie im Verhältnis zu ihrem Gewicht die stärksten Naturfasern sind, die den größten Belastungen ausgesetzt werden können, ohne zu reißen. Begründen lässt sich dies durch ihre besondere Elastizität.

Besondere Bedeutung kommt auch ihren Färbeeigenschaften zu: durch ihre relativ raue Oberflächenbeschaffung nimmt sie Farbstoffe besonders gut auf, gleichzeitig zeichnet sie sich durch ihren charakteristischen Glanz aus.

2. Seidenraupen und Maulbeerbäume

2.1 Biologie der Seidenraupe

Raupen sind Larven von Schmetterlingen. Biologisch betrachtet, zählt man sie zu den so genannten pterygoten Insekten (geflügelte Insekten), und zwar zu jener Gruppe, die eine holometabole Entwicklung durchmachen. Dies bedeutet, dass hier eine „vollständige Metamorphose“ stattfindet; „zwischen Larve und Imago ist ein Puppenstadium zwischengeschaltet, während dessen der Organismus keine Nahrung aufnimmt.“[2]

Da es, wie bereits erwähnt, zwar verschiedene seidenproduzierende Raupenarten gibt, ihre Lebensweise aber biologisch gesehen gleich ist, möchte ich im Folgenden am Beispiel des Maulbeerspinners die Entwicklung dieser Insekten aufzeigen.

Ein Maulbeerspinner durchläuft verschiedene Lebensstadien; dieser Zyklus beginnt mit dem Ei und endet mit dem vollkommen entwickelten Schmetterling. Dies lässt sich aus dem in Abb. 1 („Lebenszyklus des Maulbeerspinners“)im Anhang dargestellten Schema erkennen.

Seidenspinner haben nur eine relativ kurze Lebensdauer, deshalb findet sofort, nachdem ein Schmetterling aus seinem Kokon geschlüpft ist und dieser gerade fliegen kann, die Vermehrung statt, um so den Bestand der Population zu sichern.

Man unterscheidet bei den Seidenspinnern zwischen 2 verschiedenen Typen: zum einen die einbrütigen, welche nur einmal im Jahr für Nachwuchs sorgen und ausschließlich in den gemäßigten Klimazonen der Erde vorkommen; zum anderen die mehrbrütigen, die pro Jahr mehrere Generationen entwickeln und nur in tropischen Klimaten vorkommen.

Betrachtet man diese Tatsache, erkennt man, dass die Anzahl der Generationen pro Jahr abhängig ist vom Klima.

Die biologische Uhr der Seidenspinner ist so gesteuert, dass sie für ihre Entwicklung auf Temperaturen um 20 °C angewiesen sind. So erfolgt sowohl der Schlupf, als auch die Paarung, nur bei eben diesen klimatischen Verhältnissen. Dies begründet, warum die Seidenspinner der tropischen Zonen, wozu auch Asien zählt, mehrere Generationen im Jahr entwickeln können und vermehrungsfreudiger sind.

Eine Woche nach der Begattung legen die Weibchen ihre Eier auf den Blättern und Zweigen von Maulbeerbäumen ab. Dies geschieht ausschließlich auf dieser Pflanzensorte, da sich die später schlüpfenden Raupen nur entwickeln können, wenn ihnen Maulbeerblätter zur Verfügung stehen.

Etwa 10 Tage nach der Eiablage schlüpfen die Raupen, die eine Größe von 2-3 mm aufweisen, und fangen sofort mit dem Fressen an. Die erste Nahrung stellen feine, kleine Blätter des Maulbeerbaums dar, mit zunehmender Größe ernähren sich die Raupen dann aber schließlich auch von den Zweigen und Ästen dieses Baumes.

Da die Raupen sehr gefräßig sind, wachsen sie sehr schnell. Ihre gesamte Entwicklungszeit vom Schlüpfen bis zum Verspinnen beträgt 32 Tage. Während dieser Zeit finden vier Häutungen statt, da die Raupe außen von einer chitinhaltigen Hülle umgeben ist. Diese ist nicht, wie etwa menschliche Haut, dehnbar, weshalb für ein weiteres Wachstum das Ablegen der jeweils äußeren Hülle nötig ist. Am Ende seines Raupenstadiums misst das Tier ca. 8 cm, ist glatt, glänzend, milchig weiß gefärbt und weist rote oder graue Flecken auf.

Nun ist die Raupe spinnreif und beginnt, an einem Ast oder Zweig des Maulbeerbaums eine geeignete, geschützte Stelle zu suchen und ihren Kokon anzulegen. Aus den zwei Kopfdrüsen tritt ein insgesamt ca. 3 km langer Seidenfaden aus, den die Raupe mit geschickten Achterbewegungen zu einem eiförmigen, länglichen Kokon spinnt.

Nun findet eine etwa 16- tägige Ruhepause statt. In dieser Zeit sieht man äußerlich keine Entwicklung, im Inneren des Kokons verwandelt sich die Raupe allerdings zum Schmetterling. Ihre ganze Gestalt verändert sich und ihr wachsen Flügel. Ist dieser Entwicklungsprozess beendet, zerstört der vollkommene Schmetterling den Kokon und kann schon bald fliegen. Seine Lebenserwartung ist allerdings äußert gering: das Tier ist nicht in der Lage, Nahrung aufzunehmen. Es lebt nur für die Bestandssicherung und stirbt sofort nach einer erfolgten Begattung und Eiablage.

3. Seidenproduktion heute

Um zu verdeutlichen, welche Schritte notwendig sind, um auf kommerzielle Weise möglichst viel und schnell Seide zu gewinnen, möchte ich im Folgenden die Vorgänge in der industriellen Seidenproduktion heutiger Zeit erläutern. Dies ist auch von Bedeutung, um zu begreifen, wie viel mühsame Arbeit und Aufmerksamkeit die Seidenherstellung den Arbeitern immer noch abverlangt, worauf ich im Kapitel über die Arbeitsbedingung noch einmal genauer zu sprechen kommen werde.

3.1 kommerzielle Seidenraupenzucht

Zur kommerziellen Seidenproduktion wird hauptsächlich der Seidenspinner Bombyx mori eingesetzt, da dieser in relativ kurzer Zeit viel Seide produzieren kann.

Prinzipiell ist es möglich, überall auf der Welt Seidenraupen zu züchten, Voraussetzung ist jedoch das Vorhandensein von Maulbeerbäumen, ohne deren Blätter die Raupen sich nicht entwickeln können. Auch in Deutschland und Europa wurde mehrfach der Versuch unternommen, Seidenraupen zu züchten. Es stellte sich aber bald heraus, dass sich dies hier nicht rentierte, da die Zucht viel Sorgfalt und Zeit in Anspruch nimmt. Dafür braucht es Personal, das sich rund um die Uhr um die Produktion kümmert. Auf Grund dieses hohen Aufwandes liegen die Zentren der Seidenproduktion nach wie vor in Asien, wo das Lohnniveau um ein vielfaches niedriger liegt als in westlichen Ländern.

Seidenraupenzucht ist das ganze Jahr hindurch möglich, begünstigt durch klimatisierte Zuchtbetriebe, die nicht von den Außenbedingungen abhängig sind. Jedoch liegt die Hauptzuchtzeit im Frühjahr. Der Grund dafür ist, dass zu dieser Zeit die größte Menge an Maulbeerblättern zur Verfügung steht, d.h. es muss nicht auf gezüchtete Pflanzen aus dem Gewächshaus zurückgegriffen werden, sondern man kann sich an den Freilandplantagen bedienen.

Meistens kaufen die Züchter die Raupeneier, es gibt aber auch immer mehr Betriebe, die selbst für die Produktion der Eier sorgen und immer wieder neue Schmetterlingsgenerationen heranziehen.

Die Vermehrung der Seidenspinner geht sehr schnell voran. Sofort, nachdem ein fertig entwickelter Schmetterling aus seinem Kokon geschlüpft ist und gerade fliegen kann, erfolgt die Begattung, welche mehrere Stunden Zeit in Anspruch nimmt. In der Seidenindustrie wird der Begattungsvorgang durch menschliches Eingreifen gezielt gesteuert. In den Zuchtbetrieben werden meist die weiblichen Tiere „auf eine Unterlage gebracht und die männlichen einfach darüber geschüttet.“[3] Ein Männchen kann dabei mehrere Weibchen befruchten. Um optimale Paarungsbedingungen zu schaffen, wird die Temperatur in den Betrieben auf 20° C konstant gehalten. Dies entspricht den klimatischen Verhältnissen in der Natur, wenn sich die Maulbeerspinner ohne menschliche Eingriffe im Frühjahr paaren.

Bei der kommerziellen Zucht der Maulbeerspinner ist es möglich, schon von vornherein die Qualität der späteren Seide zu beeinflussen, z.B. werden schwache oder kranke Falter sofort aussortiert und ihre Vermehrung somit verhindert. Es findet eine künstliche Selektion durch den Menschen statt.

Etwa sieben Tage nach der Begattung legen die weiblichen Maulbeerspinner ihre Eier ab. Jedes Weibchen produziert etwa 250- 300 Stück. Die Eiablage erfolgt ausschließlich an Maulbeerbäumen. Nach etwa 9 bis 10 Tagen schlüpfen dann die Raupen.

Bei der Seidenraupenzucht greift der Mensch nun hier ein weiteres Mal ein, um später qualitativ hochwertig Seide zu erhalten: es erfolgt eine „kontrollierte Eiablage“. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: zum einen die „Großenflächenablage“, zum anderen die „Zellensystemablage“[4]. Im Zellensystem wird jedes Weibchen nach der Begattung einzeln in eine Zelle aus Kunststoff gegeben, dort erfolgt dann auch die Eiablage. Vorteil dieses Systems ist, dass die Gelege auf Krankheiten untersucht und evtl. aussortiert werden können, ohne andere Gelege zu schädigen. Bei der Großflächenablage werden die begatteten Weibchen hingegen alle zusammen auf einer Fläche aus Stoff oder Pappe ausgesetzt, hier besteht die Gefahr von Krankheitsübertragungen.

Man unterscheidet beim Maulbeerspinner zwei verschiedene Rassen: die einbrütigen (annualen) der gemäßigten Klimazone und die mehrbrütigen (voltinen) der tropischen Regionen. Zur Zucht wird fast ausschließlich letztere Rasse genutzt, da diese sich schneller vermehren lässt und damit auch deutlich mehr Seide liefert. Bei der voltinen Rasse erfolgt dann der Schlupf der 2 bis 3 mm großen Raupen etwa ein bis zwei Wochen nach der Eiablage.

Wie der Name schon sagt, ernähren sich die geschlüpften Raupen des Maulbeerspinners ausschließlich von den Blättern des weißen Maulbeerbaums „Morus alba“.

Bis zur Verpuppung ist die Raupe des Maulbeerspinners ausschließlich auf Maulbeerbäume als Nahrung angewiesen. Während eines Zeitraums von ca. 35 Tagen durchläuft die Raupe dabei verschiedene Häutungen:

Nach den ersten vier Lebenstagen als Raupe findet am 5. Tag die erste Häutung statt. Danach werden die Raupen auf einen anderen Untergrund umgebettet und eine Reinigung der Tiere ist möglich, d.h. sie werden von evtl. Häutungsresten befreit. Gleichzeitig wird die Futtermenge konsequent erhöht.

Am 10. Tag erfolgt dann die nächste Häutung und anschließend eine erneute Umbettung. Ab dem 14. Lebenstag werden die Raupen dann auch mit größeren, gröberen Maulbeerblättern gefüttert.

Die 3. Häutung erfolgt dann am 16. Tag, wobei die Raupen wiederum umgebettet werden. Nun sind die Raupen bereits so groß, dass sie zum einen auch die Zweige von Maulbeerbäumen fressen können, zum anderen ist es jetzt auch möglich, kleine und kranke Tiere zu erkennen und diese auszusortieren.

Ab der 4. Häutung schließlich, die etwa am 24. Tag stattfindet, bedarf es intensivster Arbeit und Pflege, um die Tiere am Leben zu halten: sie müssen nun ständig gefüttert, gereinigt und bei konstanter Temperatur gehalten werden.

Am 33. Tag wird dann das Ende es Raupenstadiums eingeleitet: die Tiere zeigen durch unruhiges Verhalten, dass sie bereit für das Einspinnen sind. Dabei verändert sich nun auch das Äußere der Raupen, sie wirken durchsichtig und schrumpfen, da sie nun Darmflüssigkeit ausscheiden. Kurz vor der Verpuppung wird deutlich, wie schnell die Tiere sich entwickelt haben: vergleicht man das Gewicht einer Raupe am 33. Tag mit dem ursprünglichen Schlupfgewicht, so stellt man fest, dass sie nun ein 10000 -faches zugenommen haben.

Um den Raupen des Maulbeerspinners nun eine Verpuppung zu ermöglichen, brauchen diese möglichst naturnahe Bedingungen.

Zur Verpuppung kommen sog. Spinnrahmen zum Einsatz. Diese bestehen aus Holz, Zweigen oder auch Stroh und werden vorsichtig zwischen die Raupen auf die Zuchtunterlage gelegt. Hier ist nun besondere Vorsicht geboten, jede Störung durch den Menschen, z.B. Erschütterungen oder Lärm, aber auch zu viel Licht, könnte zum abrupten Tod der Raupen führen. Um sich einzuspinnen, benötigen die Raupen einige Tage Zeit. Alle Raupen, die sich bis zum 42. Tag noch nicht eingesponnen haben, werden schließlich entfernt.

Zum Einspinnen scheiden die Raupen aus 2 Drüsen am Kopf ein Sekret aus, welches sofort an der Luft trocknet. Dieses Sekret bildet den Kokon und stellt den späteren Seidenfaden dar. Dieser Seidenfaden ist ein Doppelfaden, da er aus zwei Drüsen kommt. Beide Fäden sind außen vom Seidenleim umgeben, wie Abbildung 2 (Zusammensetzung des Seidenfadens) zeigt.

Nachdem die Raupen sich vollständig eingesponnen und einen geschlossenen Kokon um sich herum geschaffen haben, verweilen sie 10 Tage in diesem Zustand. Nach dieser Zeit gelten die Kokons dann als „reif“, d.h. sie haben jetzt die ideale Qualität erreicht, um daraus Seide herzustellen. Um ein weiteres „Reifen“ und somit Gedeihen der Raupen zu verhindern, nimmt man dann die Kokons aus dem Spinnrahmen, sortiert beschädigte aus und bringt die restlichen Kokons zum Trocknen. Dazu werden sie in verschlossene Körbe oder Töpfe gelegt, um zu verhindern, dass die Kokons von Insekten befallen und zerstört werden. In den Aufbewahrungsbehältern muss eine konstante, niedrige Temperatur herrschen, um die weitere Entwicklung der Raupen im Kokon zu verhindern. Wenn sich die Tiere nämlich weiterentwickeln würden, hätte dies das Ausschlüpfen des reifen Schmetterlings und damit die Zerstörung des Kokons zur Folge.

Nicht alle Kokons werden allerdings für die Seidenproduktion verwendet. Einige wenige Kokons lässt man unter optimalen Bedingungen weiterreifen mit dem Ziel, eine neue Elterngeneration und damit wieder neue Eier- und Raupenlieferanten zu sichern.

Um die neue Generation zu erhalten, lässt man diese Kokons insgesamt etwa 12 bis 16 Tage ruhen. Nach dieser Zeit hat sich aus der Raupe im Inneren des Kokons ein vollständig ausgebildeter Schmetterling entwickelt. Um aus seiner engen Hülle zu gelangen, beginnt er nach der o.g. Zeit, ein Loch in den Kokon zu fressen und gelangt schließlich ins Freie.

Die frisch geschlüpften Schmetterlinge sind noch nicht sofort flugfähig, da ihre Flügel noch feucht und zusammengelegt sind. Die Züchter machen sich diesen Zustand zu Nutze, um die Schmetterlinge nun einzufangen. Sie werden nach Rassen sortiert und einzeln in Dosen oder Tüten verpackt und entsprechend ihrer Rasse gekennzeichnet. Dies ist notwendig, um später bei der Paarung gezielte Kreuzungen zu erreichen.

Um es den Arbeitern zu erleichtern, werden meist schon vor dem Schlupf die Kokons nach Rasse getrennt. Sie unterscheiden sich vor allem durch ihre äußere Beschaffenheit und Form, wobei die Kokons weiblicher Tiere größer sind als die der männlichen. Teilweise hat man sogar Maschinen entwickelt, die automatisch die Kokons nach Größe trennen und sortieren können.

Dieser ganze Aufwand ist nötig, da fast alle Zuchtbetriebe auf die Kreuzung der europäischen mit der asiatischen Rasse von Bombyx mori setzen, denn Erfahrungen haben gezeigt, dass mit dieser Methode die beste Qualität und Quantität der späteren Seide erreicht werden kann.

3.2 Gewinnung der Seide aus den Kokons

3.2.1 Abhaspeln

Nachdem sich in den Kokons die vollständig entwickelten Falter entwickelt haben, muss der genaue Zeitpunkt abgepasst werden, um die Tiere zu töten. Denn wenn man, wie bereits erwähnt, auch nur ein paar Stunden zu lange wartet, beginnen die Tiere sich selbständig aus ihrem Kokon zu befreien. Geschieht dies, wird, wie schon beschrieben, der Kokon zerstört und ist nicht mehr zur Seidengewinnung brauchbar.

Um die Falter abzutöten benutzt man in fast allen Seidenproduktionsbetrieben heißes Wasser bzw. Wasserdampf, denn dies stellt die schnellste, einfachste und günstigste Art dar, an die begehrten Kokons zu gelangen.

Das Abtöten der Falter in heißem Wasser hat zudem den Vorteil, dass man sich so einen weiteren Arbeitsschritt erspart, denn um die Seide vom Kokon zu lösen und für die weitere Verarbeitung bereit zu stellen, benötigt man ebenfalls kochendes Wasser.

„Um die Kokons für das Abhaspeln zu präparieren, werden diese oft schon vorsortiert, hierbei sind Faktoren wie Fasergröße, Faserqualität und mögliche Fehler am Kokon ausschlaggebend.“[5]

Das Abhaspeln der Seide geschieht auch heute noch auf traditionelle Weise von Hand und ohne Zuhilfenahme von Maschinen.

Viele Kokons werden in einen Topf mit Wasser gegeben, dieser wird über einem offenen Feuer erhitzt. Das heiße Wasser tötet einerseits die Falter ab, andererseits lösen sich auf diese Weise die Seidenfäden von den Kokons, denn durch den Einfluss von Hitze werden die Eiweißverbindungen, welche die Seidenfäden zusammenhalten, zerstört. Auf diese Weise gelangt man an die Anfänge bzw. Enden eines Seidenfadens.

Etwa zehn bis zwanzig Seidenfäden werden daraufhin zu einem Strang zusammengefasst und an einer Spule befestigt und schließlich dort aufgewickelt. Auch dieses Aufspulen geschieht oft noch in Handarbeit, besonders bekannt dafür ist die Thailändische Seide. „Diese wird von Hand aufgespult, dabei laufen die Seidenfäden durch die Hände der Arbeiterinnen, welche ein Gefühl für die Stärke des Seidenfadens haben und diesen so konstant gleichmäßig dick halten können. Handgespulte Seide zeichnet sich durch ihre besondere Gleichmäßigkeit der Fäden, Glanz und runde Fäden aus und lässt sich deshalb besonders gut färben.“[6]

3.2.2 Rohseide

Der Aufspulvorgang ist sehr aufwändig und nimmt viel Zeit in Anspruch. So dauert es ca. zwölf Stunden, um 250 g gespulte Seide zu erhalten, die man als Rohseide bezeichnet, da sie nicht weiter behandelt ist und noch ihren natürlichen Charakter hat.

Dieser Vorgang ist deshalb so kompliziert, weil während des Spulens ständig die Qualität des Fadens beachtet werden muss. Man unterscheidet drei verschiedene Fadenqualitäten, die jeder Kokon liefert:

„Die äußeren Fadenschichten eines Kokons sind sehr grob und haarig, d.h. sie sind von minderer Qualität. Deshalb werden diese auch aussortiert und getrennt vermarktet.

Die Fadenschichten aus der Mitte eines Kokons liefern Seide von guter Qualität, sie sind besonders weich.

Im Inneren des Kokons sind die Fadenschichten besonders fein und neigen dazu, sich leicht zu verknoten, deshalb verlangt diese Schichte besondere Aufmerksamkeit von den Arbeiterinnen, stellt aber gleichzeitig bei korrekter Verarbeitung auch die beste Seidenqualität dar.“[7]

3.2.3 Zwirnen

Nach dem Abhaspeln der Seidenfäden von den Kokons und dem gleichzeitigen Sortieren nach Qualität liegt auf den fertig aufgespulten Spulen nun so genannte Rohseide vor, welche bereit ist für die weitere Verarbeitung. Da sich auf den Spulen nur relativ kurze Fäden befinden, bedingt durch die unterschiedlichen Längen eines Seidenfadens auf dem Kokon, besteht der nächste Schritt darin, einen gleichmäßigen Seidenfaden herzustellen, der dann später leicht zu verweben ist.

Um ein Seidengarn mit gleichmäßiger Struktur und bestimmter Länge zu erhalten, muss die Rohseide nun gezwirnt werden.

Für diesen Vorgang werden mehrere Rohseidenfäden zusammengefasst, wobei die Arbeiter besonders darauf achten müssen, stets die richtige Mischung zu verarbeiten, um ein einheitliches Garn herzustellen, denn nur auf diese Weise lässt sich die wertvolle und besonders teure Seide von bester Qualität erzeugen.

Damit die einzelnen Seidenfäden, die zu einem Garn zusammengefügt werden, zusammenhalten, werden diese beim Umspulen auf eine neue Rolle gezwirnt. Man nennt diesen Vorgang des Zwirnens im Fachjargon auch „throwing“, das gezwirnte Garn bezeichnet man als „thrown yarn“[8]. Bei diesem gezwirnten Garn gibt es verschiedene Qualitätsstufen, das am häufigsten verwendete ist dabei das so genannte „singles“, welches aus drei bis acht Rohseidenfäden erzeugt wird und und pro inch zwei oder drei Umdrehungen aufweist.[9]

Nach dem Zwirnen wurde die Seide früher oft noch „beschwert“, d.h. man gab metallische Salze hinzu, um der Seide noch weitere positive Eigenschaften zu verleihen: durch dieses Verfahren wird sie nämlich wasserabweisend und ihre Oberfläche fester. Nachteil dieser Bearbeitung ist allerdings, dass sie dadurch auch weniger haltbar wurde.

3.2.3.1 gesponnene Seide

Im Unterschied zur gezwirnten Seide gibt es noch eine zweite Art, Rohseide weiterzuverarbeiten, nämlich das Spinnen. Die so entstehende Seide nennt man Schappeseide.

Gesponnen wird ausschließlich Seide, die von beschädigten Kokons stammt und damit nur sehr kurze Rohseidenfäden aufweist. Da diese nicht gezwirnt werden können, verspinnt man sie auf die gleiche Weise wie bei anderen textilen Fasern.

Gesponnene Seide unterscheidet sich von gezwirnter durch deutliche Qualitätsunterschiede, man bezeichnet sie auch als „Seidenabfall“ oder „silk waste“[10]. Wie der Name schon vermuten lässt, ist diese Seide weniger haltbar, preiswert und tendiert dazu, so genannte „Pillings“[11], d.h. Knötchen zu bilden.

3.2.3.2 Die unterschiedlichen Seidenfäden und ihre Verwendung

Da gesponnene Seide mehr oder weniger nur ein Abfallprodukt bei der Seidenproduktion darstellt, möchte ich auf die bedeutendere Seide, nämlich die gezwirnte noch einmal genauer eingehen. Sie lässt sich, je nach Art und Stärke der Zwirnung, in verschiedene Qualitäten einstufen:

„Organsin: Organsin entsteht, wenn der Rohseidenfaden zuerst in eine Richtung vorgedreht wird und dann zwei solcher Fäden in die andere Richtung bei 40 Drehungen pro Minute zusammengewickelt werden. Organsin findet seine Verwendung hauptsächlich bei der Herstellung von gewebten Seidentextilien, er wird hierbei als Kettfaden eingesetzt.

Crépe: Crêpe ist dem Organsin ähnlich, aber stärker gezwirnt, in der Regel zwischen 160 und 320 Drehungen pro Minute. Gewebe, in denen Crépe verarbeitet wurde, erkennt man an einer körnigen Struktur, welche durch die starke Zwirnung der Fäden entsteht.

Trame: Trame entsteht, wenn zwei oder mehr Rohseidenfäden mit 80 bis 120 Drehungen pro Minute in nur eine Richtung gedreht werden. Trame wird meist, wie auch Organsin, bei der Seidenweberei eingesetzt, und zwar als Schussfaden.

Einfädiges Garn: Einfädiges Garn besteht aus jeweils einem Rohseidenfaden, der in nur eine Richtung gedreht wird, wobei sich die Anzahl der Drehungen nach der gewünschten Fadenqualität richtet. Einfädiges Garn kann sehr dünn sein, weshalb es hauptsächlich für dünne, durchsichtige und leichte Seidenstoffe zum Einsatz kommt.“[12]

4. Weitere Seidenarten: Wildseiden

Als reine Seide bezeichnet man die bereits beschriebene Seide, die vom Maulbeerspinner Bombyx mori hergestellt wird und deren Produktion heute fast ausschließlich unter menschlicher Kontrolle auf Seidenraupenfarmen vonstatten geht.

Es gibt jedoch in der Natur neben dem Maulbeerspinner noch andere Insektenarten, die auf ähnliche Weise Kokons und damit auch seidenähnliche Fäden produzieren. Diese Insekten lassen sich, im Gegensatz zum Maulbeerspinner, bisher nicht züchten, sodass man die „Seide“ ausschließlich von den wild lebenden Tieren gewinnen kann.

4.1 Tussah- Seide

Tussah- Seide gewinnt man, wie die eigentliche reine Seide, ebenfalls von einer Schmetterlingsart, und zwar von Antheraea und ihren verschiedenen Gattungen wie A. mylitta, A. proylei, A.pernyi und A. yamamai. Auf Deutsch bezeichnet man diese Insekten als Tussah- Spinner oder Wildseidenspinner.

Diese Schmetterlingsart findet sich hauptsächlich in Wäldern im Fernen Osten, wo sie auf Sträuchern und Bäumen lebt.

Die Kokons dieser Tiere sind oval, relativ hart und haben eine matte Oberfläche und weisen eine gelbliche Färbung auf. Dementsprechend ist auch der Seidenfaden gold- gelb gefärbt, dicker und weniger glänzend als bei der reinen Seide.

Auch die Bearbeitung der Kokons unterscheidet sich von den Produktionsverfahren der reinen Seide. So ist es schwieriger, den Faden vom Kokon zu lösen, weshalb man dazu Chemikalien einsetzen muss; um die relativ festen Seidenfäden geschmeidiger zu machen, setzt man oft auch Enzyme zu, welche die Struktur der Fäden verändern und weicher machen. Danach werden die Fäden, wie bei der reinen Seide, aufgespult.

Tussahseide wird grundsätzlich nur gesponnen, nicht gezwirnt, wobei auch hier verschiedene Qualitäten entstehen: Etwa 60% des Kokons sind von guter Qualität, sodass der Faden relativ leicht zu „Katiya“[13], wie man diese Qualität in Indien bezeichnet, versponnen werden kann.

Kokons, die Beschädigungen aufweisen werden nicht, wie bei der reinen Seide, aussortiert, sondern ebenfalls alle verarbeitet, da Tussah- Seide wegen ihres relativ seltenen Vorkommens wesentlich wertvoller ist. Aus Kokons mit Schäden gewinnt man die so genannte „Ghicha“[14] - Qualität.

Die minderwertigen Abfallprodukte der Produktion, also sehr kurze Seidenfäden, werden ebenfalls verarbeitet, die daraus hergestellten Garne bezeichnet man als „Balkal“[15].

Da Tussah- Seiden auf Grund ihrer Struktur und ihrer dunkleren Farbe sich von reiner Seide unterscheiden, ist es auch nicht möglich, Tussah- Seide zu bleichen bzw. sie stark zu Färben.

4.2 Doupion- Seide

Doupion Seide wird ebenfalls von einer Raupenart hergestellt und weist viele Ähnlichkeiten zur reinen Seide auf. Entscheidender Unterschied ist aber u.a., dass die Kokons dieser Insekten von jeweils zwei Raupen hergestellt werden, sodass auch der Kokon eine Zweifädigkeit aufweist.

Eine andere Bezeichnung für Doupion Seide ist „Shantung“. Kennzeichnend für diese Wildseide sind die starken Unregelmäßigkeiten und Noppen im Garn und damit auch im fertigen Gewebe.

[...]


[1] Berenbaum, May R.: Blutsauger, Staatsgründer, Seidenfabrikanten: die zwiespältige Beziehung von Mensch und Insekt. Spektrum, Heidelberg 1997, S. 198- 200

[2] R. Wehner, W. Gehring: Zoologie. Thieme Verlag, Stuttgart 1995, S. 803

[3] Legel, S.: Nutztiere der Tropen und Subtropen. Bd. 3, Hirzel- Verlag , Stuttgart 1993, S. 696

[4] Legel, S.: Nutztiere der Tropen und Subtropen. Bd. 3, Hirzel- Verlag , Stuttgart 1993, S. 696

[5] vlg. Kadolph- Langford: Textiles. 8. edition, Merrill, Uper Saddle River, NJ 1998, S. 62 „To obtain filament silk from the cocoon after stifling, the cocoons are sortet to fiber size, fiber quality and defects [...].“

[6] vgl. Conway, S.: Thai textiles. Asia Book, Bangkok 1992, S. 67 f.

[7] vgl. Conway, S.: Thai textiles. Asia Book, Bangkok 1992, S. 67 f.

[8] Kadolph- Langford: Textiles. 8. edition, Merrill, Uper Saddle River, NJ 1998, S. 62

[9] vgl. Kadolph- Langford: Textiles. 8. edition, Merrill, Uper Saddle River, NJ 1998, S. 62

[10] vgl. Kadolph- Langford: Textiles. 8. edition, Merrill, Uper Saddle River, NJ 1998, S. 62

[11] pillings sind Knötchen im Stoff, die sich durch Reibung bilden, bedingt durch die Verarbeitung von kurzen Fasern, welche sich dann verknoten

[12] vgl. Microsoft® Encarta® Professional 2002. © 1993-2001 Microsoft Corporation.

[13] Vgl. J. J. Exporters Ltd., Calcutta : About silk. <http://www.jjexporters.com/divers.htm.> (12.05.2000)

[14] J. J. Exporters Ltd., Calcutta : About silk. <http://www.jjexporters.com/divers.htm.> (12.05.2000)

[15] J. J. Exporters Ltd., Calcutta : About silk. <http://www.jjexporters.com/divers.htm.> (12.05.2000)

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Die Handelsgeschichte der Seide. Historische und kulturgeschichtliche Aspekte
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Kunst und Kunsttheorie, Abteilung Textilgestaltung/ Textilwissenschaft und ihre Didaktik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
95
Katalognummer
V57695
ISBN (eBook)
9783638520614
ISBN (Buch)
9783638688567
Dateigröße
1101 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische, Aspekte, Handelsgeschichte, Seide
Arbeit zitieren
Andrea Schneider (Autor), 2005, Die Handelsgeschichte der Seide. Historische und kulturgeschichtliche Aspekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57695

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