Der Bildkomplex "Sinken" im "Fliessenden Licht der Gottheit" von Mechthild von Magdeburg


Referat (Ausarbeitung), 2003

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsdefinition heute und „Sinken“ bei Mechthild

2. Exklusivität des Begriffs bei Mechthild

3. Die vier Ebenen des Sinkens bei Mechthild
3.1. Das Sinken Christi
3.2. Das Sinken Marias
3.3. Das Sinken der Seele
3.3.1. Auf- und Abstiegsbewegung der Seele
3.4. Das Sinken im Schreibprozess

4. „Sinken“ als Protest?

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich mit dem Metaphernkomplex „Sinken“ im „Fliessenden Licht der Gottheit“ von Mechthild von Magdeburg.

Das „Sinken“ kann als ein charakteristisches Merkmal in Mechthilds Werk bezeichnet werden und nimmt folglich zentralen Raum ein.[1]

Nach einem Vergleich der heute üblichen Definition des Begriffs mit Mechthilds Auffassung vom „Sinken“, gehe ich auf die verschiedenen Interpretationsebenen ein, die im „Fliessenden Licht der Gottheit“ zu finden sind.

1. Begriffsdefinition heute und „Sinken“ bei Mechthild

Als eine gängige Definition des Sinkens könnte heutzutage Folgende gelten: Sinken ist eine langsame, niedersteigende Bewegung in einer gewissen Zeit im Raum, die irgendwann auf einen Grund stößt.[2]

In Mechthild von Magdeburgs „Fliessenden Licht der Gottheit“ wird dieser dynamische, körperliche Vorgang des Sinkens allerdings zum Bildkomplex mit mehreren möglichen Interpretationsebenen, die im Folgenden jeweils beschrieben werden.

Festhalten lässt sich zunächst, dass das Sinken bei Mechthild vor allem die Bewegung, bzw. den Durchgang der Seele durch alles Weltliche bis zu dessen Überschreitung in die Ewigkeit, wo Zeit und Raum aufgehoben sind[3], beinhaltet – also bis in den nicht mehr räumlich zu beschreibenden Bereich, dem Gott im Allgemeinen zugeordnet wird: „Der Ort, wo Leiden in Erlösung umschlägt,..., ist ein ortloser.“[4]

Für Mechthild ist das Sinken also vor allem ein seelischer Vorgang und nicht nur eine auf den Körper beschränkte Bewegung. Heute wird der Begriff hauptsächlich auf Gegenstände und Körper(teile) bezogen, wie etwa „die Kiste sinkt auf den Meeresgrund“, „er senkt den Kopf“ etc, nicht aber auf die Seele.

In Mechthilds Vorstellung erreicht die menschliche Seele durch stetiges Sinken irgendwann den sogenannten Seelengrund. Dieser Seelengrund ist eine mystische Schöpfung, eben jener „ortlose Ort“, an dem der Mensch Gott am nächsten ist und die sogenannte Unio-Erfahrung machen kann - die Vereinigung mit Gott.

Die noch heute übliche Redensart „einer Sache auf den Grund gehen/kommen“ ist aus dieser Vorstellung des „Seelengrunds“ entstanden. Die Redensart impliziert, dass man einen Sachverhalt mit psychologischer Tiefe sehr genau betrachtet und ausgiebig erforscht – sie eben bis auf den Grund verfolgt.

Der Seelengrund ist aber nicht nur die tiefste, dunkelste Stelle, die die Seele durch ihr konsequentes Sinken erreichen kann, sondern gleichzeitig die höchste Höhe, nämlich die größtmögliche Nähe zu Gott, die in der zumindest kurzzeitigen Vereinigung mit Gott gipfelt - paradox, aber eine durchaus gängige Vorstellung der gläubigen Menschen zu Mechthilds Lebzeiten. Gerade im Paradox wird die Unaussprechbarkeit und Unbeschreiblichkeit dieser Unio Mystica deutlich.

Die Vereinigung mit Gott, bzw. der Bereich, in dem die reine Seele auf Gott trifft und schließlich nach langer Zeit des demütigen Sinkens Erlösung findet, ist nur in einem Paradox zu beschreiben - eine andere Ausdrucksmöglichkeit gibt es für das Nicht-Darstellbare nicht.

Das Sinken bei Mechthild kann folglich als eine Art erlösende Abstiegsbewegung bezeichnet werden, wobei die Abstiegsbewegung ohne feste Absicht, d.h. nicht in Erwartung der Erlösung, vollzogen werden soll.

Zugrunde liegt hier die Meinung, dass sich der Mensch, wenn er sich Gott annähern will, in einer als Ortsveränderung vorgestellten geistigen Bewegung vom irdischen Bereich entfernen muss. Die Richtung und das Ziel dieser Bewegung bestimmt der Bereich, in dem sich Gott befindet.[5]

In Mechthild von Magdeburgs „Fliessenden Licht der Gottheit“ handelt es sich um das räumliche Schema „Mensch unten auf der Erde“ und „Gott oben in der Höhe“: „Den geistigen Vorgang, durch den die Seele von Gott weg zur Erde gelangt, entwirft Mechthild nach dem Muster eines Geschehens, dessen Charakteristikum ist, dass man sich langsam senkrecht nach unten bewegt. Die metaphorische Verwendung des Verbs sinken evoziert für die Beziehung Mensch/irdische - göttliche Wirklichkeit eine Vorstellung von Welt, bei der Gott oben in der Höhe, die Erde unten angesiedelt ist.“[6]

Auf- und Abstiegsbewegung der menschlichen Seele sind dabei naturgemäß eng miteinander verknüpft und lösen sich immer wieder gegenseitig ab, wie im Kapitel „3.3.1 Auf- und Abstiegsbewegung der Seele“ noch näher zu erläutern ist.[7]

2. Exklusivität des Begriffs bei Mechthild

Auffällig im „Fliessenden Licht der Gottheit“ im Zusammenhang mit dem Begriff „Sinken“ ist, dass das Wort in Form von „sinken“, „sinkend“, „sinkunge“, „entsinken“, „versinken“ oder „senken“ tatsächlich nicht oft, genau genommen nur 19 mal im gesamten Text verwendet wird.[8]

Mechthild von Magdeburg greift vielmehr häufig auf bedeutungsähnliche Begriffe wie „sich neigen“, „tieffer werdend“ oder „niederknien“ zurück.

Diese Tatsache deutet auf eine gewisse Exklusivität des Begriffs „Sinken“ hin, was dessen Wichtigkeit noch unterstreicht. Das Sinken im Sinne Mechthilds scheint ein so wertvoller und ehrbarer Vorgang zu sein, dass er nicht leichtfertig in ihrer Niederschrift der Gotteserfahrung verwendet werden darf.

Auffällig ist außerdem, dass der Begriff sehr häufig in Zusammenhang mit „diemuetikeit“ benutzt wird.

3. Die vier Ebenen des Sinkens bei Mechthild

3. 1. Das Sinken Christi

In der mittelalterlichen Auffassung steht im Grunde das gesamte Heilsgeschehen im Zeichen des Paradoxes Sinken und Erhöhung, bzw. Erhöhung durch Erniedrigung.[9] Geistige, spirituelle Erhöhung kann in der Vorstellung der Menschen ausschließlich durch äußere und innere Erniedrigung und vor allem damit eng verbundener, vollkommener, tief empfundener Demut gegenüber Gott stattfinden.

Auch bei Mechthild lässt sich diese zu ihren Lebzeiten – so sie denn als Person tatsächlich existierte - sehr verbreitete Vorstellung erkennen:

„Vil lieben lúte, was mag ich des, das mir dis geschiht und dike geschehen ist? In der diemuetigen einvaltekeit und in dem ellendigen armuete und in der verdrukten smacheit hat mir got sinú wunder erzoeget“ (III, 1).

Nur dadurch, dass Mechthild in „demütiger Einfältigkeit / Ergebenheit“ und in „innerlicher und äußerlicher Armut“ und sogar „Schmach“ lebt, hat Gott ihr „seine Wunder“ offenbart. Trotz dieser demütigen Lebensweise zeigt sich Mechthild erstaunt, dass Gott ausgerechnet zu ihr spricht und stellt die Frage, warum gerade ihr dieses Wunder geschieht – selbst wenn man also ein tugendhaftes, auf das Sinken ausgerichtete Leben führt, kann und soll man niemals fest damit rechnen, sich darauf verlassen und erwarten, dass Gott einem seine Gnade erweist und die Seele zu sich aufsteigen lässt.

Das demütige Leben sollte demnach nie mit einer bestimmten, berechnenden Absicht geführt werden, sondern nur in absoluter Hingabe, völlig ohne Hintergedanken. Das demütige Leben ist ausschließlich dem Gotteslob gewidmet.

Wohl wichtigste Voraussetzung für die tiefe Demut ist die Einsicht des Menschen in die eigene Sündhaftigkeit. Mechthild äußert sich dazu folgendermaßen:

„(...)so besihe ich das antlitz miner sele in dem spigel miner súnden.“

„So wirf ich min antlitz zuo der erden und klage und weine, eb ich mag, das der ewig unbegriffelicher got also guot ist, das er sich will neigen in den unvletigen pfuol mines herzen.“ (VII, Kap. 19-21)

Nur im Spiegel der eigenen Sünden ist die menschliche Seele also laut Mechthild zu sehen. .„...,im Akzeptieren der eigenen Geschöpflichkeit des Menschen, der seine je grössere Unähnlichkeit im Vergleich zur Gottesebenbildlichkeit nicht leugnet, sondern in Demut erträgt.“[10]

Mechthild kann kaum begreifen, dass Gott sich gerade ihr zuwendet, bzw. „sich in den unflätigen Pfuhl ihres Herzens neigt/senkt“, da sie doch allein schon aufgrund ihres Menschseins voller Sünden ist. Sie erkennt ihren eigenen Wert als Mensch in keiner Weise an, sondern hält sich vielmehr trotz ihrer Demütigkeit für unwürdig, Gottes Worte zu empfangen.

Als Begründung für diese abwertende Einstellung zu sich selbst könnte folgende Erklärung in Frage kommen:

Das Bild des Sinkens findet sich laut M. Rinaldi schon in der mittelalterlichen Vorstellung der Menscherschaffung: Gott hat sich erhoben, um sich dann zur Handarbeit zu erniedrigen/zu senken und den Menschen zu formen - Sinken hier also als Herablassung Gottes zu seinem Geschöpf: „Der mensche hat volle nature in der heiligen drivaltekeit, und die geruochte got ze machende mit sinen goetlichen henden.“ Oder „Do sproch der ewig vatter: Mich rùewet min arbeit.“ (IV, 14).

[...]


[1] Vgl. Rinaldi 1986 , S. 3

[2] Vgl. Rinaldi 1986, S. 4

[3] Vgl. Rinaldi 1986, S. 8

[4] Rinaldi 1986, S. 7

[5] Vgl. Egerding 1997, S. 97

[6] Vgl, Egerding 1997, S. 478

[7] Vgl. Egerding 1997, S. 478

[8] Vgl. Egerding 1997, S. 478

[9] Vgl. Rinaldi 1986, S. 6

[10] Rinaldi 1986, S. 33

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Bildkomplex "Sinken" im "Fliessenden Licht der Gottheit" von Mechthild von Magdeburg
Hochschule
Universität Bremen  (Fachbereich 10 Germanistik )
Veranstaltung
Bildersprache der Mystik
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V57724
ISBN (eBook)
9783638520775
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildkomplex, Sinken, Fliessenden, Licht, Gottheit, Mechthild, Magdeburg, Bildersprache, Mystik
Arbeit zitieren
Hayat Caroline Issa (Autor), 2003, Der Bildkomplex "Sinken" im "Fliessenden Licht der Gottheit" von Mechthild von Magdeburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57724

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