In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich mit dem Metaphernkomplex „Sinken“ im „Fliessenden Licht der Gottheit“ von Mechthild von Magdeburg.
Das „Sinken“ kann als ein charakteristisches Merkmal in Mechthilds Werk bezeichnet werden und nimmt folglich zentralen Raum ein.
Nach einem Vergleich der heute üblichen Definition des Begriffs mit Mechthilds Auffassung vom „Sinken“, gehe ich auf die verschiedenen Interpretationsebenen ein, die im „Fliessenden Licht der Gottheit“ zu finden sind.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Begriffsdefinition heute und „Sinken“ bei Mechthild
2. Exklusivität des Begriffs bei Mechthild
3. Die vier Ebenen des Sinkens bei Mechthild
3.1. Das Sinken Christi
3.2. Das Sinken Marias
3.3. Das Sinken der Seele
3.3.1. Auf- und Abstiegsbewegung der Seele
3.4. Das Sinken im Schreibprozess
4. „Sinken“ als Protest?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den zentralen Metaphernkomplex des „Sinkens“ im Werk „Fliessendes Licht der Gottheit“ von Mechthild von Magdeburg. Das Hauptziel der Analyse besteht darin, das Sinken nicht als physischen Vorgang, sondern als geistig-seelischen Prozess der Demut und Annäherung an Gott zu entschlüsseln und dessen verschiedene Interpretationsebenen sowie seine Funktion als Ausdruck von Protest aufzuzeigen.
- Vergleich der modernen Begriffsdefinition mit der mystischen Bedeutung bei Mechthild.
- Analyse der Ebenen des Sinkens (Christus, Maria, Seele und Schreibprozess).
- Untersuchung des Paradoxes von Demut, Erniedrigung und göttlicher Erhöhung.
- Reflexion über die Unaussprechbarkeit der Unio Mystica und deren sprachliche Darstellung.
- Einordnung des Sinkens als Ausdruck spirituellen Protests gegen kirchliche Verweltlichung.
Auszug aus dem Buch
3. 3. 1. Auf- und Abstieg der Seele
Auf- und Abwärtsbewegung der menschlichen Seele lösen sich in Mechthilds Vorstellung immer wieder ab und sind somit untrennbar miteinander verbunden. Durch seine „sinkende diemutikeit“ ist der Mensch zunächst dazu in der Lage, sich Gott zu nähern und vollkommen rein und tugendhaft zu werden.
„Denn typisch für die sinkende diemuetekeit ist, dass sie die Seele zwar zunächst jaget uf in den himel, sie sodann jedoch in den Abgrund bis hin „under Lucifers zagel...“ zieht.“
Je näher die Seele Gott kommt, desto heller, klarer und schöner wird sie und je weiter sie sich von Gott entfernt und der Erde näher kommt, desto dunkler wird sie.
Dass diese Veränderung der Verfassung auch für Engel gilt, wird beispielsweise deutlich, wenn Mechthild beschreibt, wie zwei Engel vom Himmel hinunter kommen, um die demütige Seele zu Gott zu führen: „Do kamen ir zwene engel ze muote vil schiere, die sante ir got gegen von herzeklicher liebi, und sprachen ir zuo: „Frowe sele, was wellent ir sust verre? Ir sint ie noch gekleidet mit der vinsteren erden.“ Do sprach si: „Ir herren, swigent des alstille und gruessent mich ein wenig bas, ich will varen minnen. Ie naher ir dem ertrich sinkent, ie me ir verbergent úwer suesses himmelbliken, und ie hoeher ich stige, ie klarer ich schine“ (III ,1).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den Metaphernkomplex des Sinkens bei Mechthild von Magdeburg und Definition der Forschungsabsicht.
1. Begriffsdefinition heute und „Sinken“ bei Mechthild: Gegenüberstellung einer modernen, räumlichen Sinken-Definition mit Mechthilds spirituellem Verständnis als Durchgang der Seele durch das Weltliche.
2. Exklusivität des Begriffs bei Mechthild: Analyse der seltenen Verwendung des Wortes „Sinken“, was dessen hohe Wertigkeit und Bedeutung für die Gotteserfahrung unterstreicht.
3. Die vier Ebenen des Sinkens bei Mechthild: Überblick über die thematische Aufgliederung des Sinkens in die Bereiche Christus, Maria, Seele und Schreibprozess.
3.1. Das Sinken Christi: Betrachtung des Lebens und Leidens Jesu als beständige Sinkbewegung, die das Erlösungsgeschehen und die Nachfolge begründet.
3.2. Das Sinken Marias: Darstellung Marias als Inbegriff der Demut, deren Leben als Antwort auf das Sinken ihres Sohnes das Vorbild für die Gläubigen bildet.
3.3. Das Sinken der Seele: Untersuchung des andauernden Prozesses der Seelenbewegung als notwendige Vorbereitung auf die Vereinigung mit Gott.
3.3.1. Auf- und Abstiegsbewegung der Seele: Analyse der wechselseitigen Abhängigkeit von Auf- und Abstieg der Seele und deren Bedeutung für die spirituelle Läuterung.
3.4. Das Sinken im Schreibprozess: Betrachtung der Verschriftlichung als Teil des mystischen Sinkens, bei dem das Wort Gottes durch Mechthilds demütige Seele empfangen wird.
4. „Sinken“ als Protest?: Einordnung der Sinken-Metaphorik als Kritik an der kirchlichen Verweltlichung und als Gegenmodell zur Macht der Geistlichkeit.
Schlüsselwörter
Mechthild von Magdeburg, Fliessendes Licht der Gottheit, Sinken, Mystik, Demut, Seele, Imitatio Christi, Unio Mystica, Gotteserfahrung, Erniedrigung, Erhöhung, Paradox, Läuterung, Gotteslob, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Metapher des „Sinkens“ im Werk „Fliessendes Licht der Gottheit“ von Mechthild von Magdeburg und untersucht deren spirituelle Bedeutung.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der geistigen Definition des Sinkens, dessen Ebenen (Christus, Maria, Seele, Schreiben) sowie der Interpretation als Protest gegen die kirchliche Weltlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den „Bildkomplex Sinken“ als einen wertvollen, demütigen Prozess der spirituellen Selbstentäußerung zu entschlüsseln, der zur Gotteserfahrung hinführt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanent vorgeht und das Werk Mechthilds mit der Fachliteratur (insb. Rinaldi, Egerding) in Beziehung setzt.
Welche Inhalte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Ebenen, wobei erörtert wird, wie Sinken durch Demut zur Erhöhung führt und warum dies auch den Schreibprozess selbst betrifft.
Was charakterisiert die in der Arbeit verwendeten Schlüsselwörter?
Die Begriffe wie „Sinken“, „Demut“ und „Unio Mystica“ spiegeln die mystische Terminologie und die theologische Paradoxie von Mechthilds Gottesbild wider.
Warum sieht Mechthild die eigene Seele als „sündig“ an?
Laut Mechthild ist das Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit eine zwingende Voraussetzung für die tiefe Demut, die wiederum notwendig ist, damit Gott sich in den „Pfuhl des Herzens“ neigen kann.
Inwiefern kann das Sinken auch als Form von Protest verstanden werden?
Das Sinken stellt eine radikale Abkehr vom Stolz und Reichtum der zeitgenössischen Geistlichkeit dar und propagiert stattdessen eine absichtslose Hingabe und Armut.
- Citar trabajo
- Hayat Caroline Issa (Autor), 2003, Der Bildkomplex "Sinken" im "Fliessenden Licht der Gottheit" von Mechthild von Magdeburg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57724