Nicht nur der eben zitierte Präsident der Deutschen Bundesbank Herr Ernst Welteke, sondern auch jüngste Wirtschaftswachstumsprognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF), zeichnen für das Jahr 2001 ein düsteres Bild für die konjunkturelle Lage in der Bundesrepublik Deutschland und den führenden Industrienationen.2 Das Wirtschaftswachstum der bedeutensten Volkswirtschaften, das sich an der Veränderung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Vergleich zum Vorjahr ablesen lässt, hat sich dabei dramatisch verringert. Erst 2002 wird sich laut aktueller IWF-Studie die weltweite Wirtschaftslage wieder erholen. Wie nachfolgende Grafik zeigt, fällt dabei die Konjunkturdelle in Italien, Frankreich und Großbritannien geringer aus als in Deutschland und in den Vereinigten Staaten:
[Abbildung in dieser Online-Vorschau nicht enthalten]
Abb. 1: „Die Veränderung des BIP im Vergleich zum Vorjahr“3
Wie eben erwähnt, lässt sich also an der prozentualen Veränderung des Bruttoinlandsproduktes im Verhältnis zum Vorjahr das Wirtschaftswachstum eines Landes ablesen.
Der Wert des Bruttoinlandsproduktes ist somit eine wichtige Kenngröße, die in Deutschland mit Hilfe der sogenannten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung durch das Bundesamt für Statistik ermittelt wird.
Das Ergebnis dient als Grundlage weiterer wirtschaftspolitischer Entscheidungen. Innerhalb der EU dienen die Angaben zum Bruttonationaleinkommen (BNE) beispielsweise zur Berechnung der Eigenmittel, also der Mitgliedsbeiträge der einzelnen Staaten an die EU. In der vorliegenden Studienarbeit soll deshalb die Berechnung des Bruttoinlandsproduktes thematisiert werden. Dazu gliedert sich die Studienarbeit inhaltlich in mehrere Abschnitte. In den ersten Kapiteln sollen zunächst grundlegende volkswirtschaftliche Zusammenhänge und Begriffsdefinitionen behandelt werden, um dann in den weiteren Kapiteln explizit auf die Berechnung und die verschiedenen Ermittlungsarten des Bruttoinlandsproduktes einzugehen. Gegenstand der weiteren Ausführungen werden die Probleme bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes und die Thematisierung verschiedener Prognosemethoden zur Schätzung des zukünftigen Bruttoinlandsproduktes sein.
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Inhaltsverzeichnis
1 Grundlagen der Volkswirtschaftslehre
1.1 Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses
1.2 Der Wirtschaftskreislauf einer geschlossenen Volkswirtschaft
1.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR)
1.4 Die Bedeutung wirtschaftlichen Wachstums
2 Begriffsdefinitionen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und andere volkswirtschaftliche Kenngrößen
2.1 Das Bruttoinlandsprodukt
2.2 Die Abgrenzung der Begriffe Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen
2.3 Die Unterscheidung zwischen nominalem und realem Bruttoinlandsprodukt
2.4 Der Preisindex für das Bruttoinlandsprodukt
3 Das Ergebnis des Wirtschaftskreislaufes
3.1 Das nationale Produktionskonto
3.2 Die Berechnung des Bruttoinlandsproduktes
4 Die Berechnungs- und Ermittlungsarten des Bruttoinlandsproduktes
4.1 Die Entstehungsrechnung
4.1.1 Wirtschaftsbereiche der Entstehungsrechnung
4.1.2 Exkurs: „Die Drei-Sektoren-Hypothese“
4.1.3 Berechnungswege der Entstehungsrechnung
4.2 Die Verwendungsrechnung
4.3 Die Verteilungsrechnung
4.4 Die Zusammenhänge der Berechnungsarten im Überblick
5 Probleme bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes und anderer volkswirtschaftlicher Kenngrößen
5.1 Konzeptprobleme
5.2 Zuordnungsprobleme
5.3 Erfassungsprobleme
5.4 Bewertungsprobleme
6 Praktische Methoden der Bruttoinlandsproduktprognose
6.1 Das Prognoseziel
6.2 Der Indikatorenansatz
6.3 Die ökonometrische Prognose
6.4 Die iterativ-analytische Prognose
7 Aussagefähigkeit des BIP – Kritische Würdigung des BIP als Wohlfahrtsindikator
8 Schaubilder zum Bruttoinlandsprodukt in der Bundesrepublik Deutschland
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die methodischen Grundlagen der Ermittlung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und analysiert dessen Rolle als zentraler Wirtschaftsindikator sowie Prognoseinstrument in der Bundesrepublik Deutschland. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie das BIP berechnet wird, welche statistischen Probleme bei dieser Messung auftreten und wie zukünftige Wirtschaftsentwicklungen auf Basis dieser Kenngröße prognostiziert werden können.
- Grundlegende volkswirtschaftliche Theorien und Kreislaufzusammenhänge.
- Differenzierung der drei Berechnungsarten: Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung.
- Diskussion von Konzept-, Zuordnungs-, Erfassungs- und Bewertungsproblemen bei der BIP-Ermittlung.
- Vergleich praktischer Prognosemethoden, insbesondere des Indikatorenansatzes, ökonometrischer Modelle und der iterativ-analytischen Prognose.
- Kritische Würdigung des BIP als Indikator für den gesellschaftlichen Wohlstand.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Entstehungsrechnung
Bei der Entstehungsrechnung werden die Beiträge einzelner Wirtschaftsbereiche zum gesamten Produktionsergebnis einer Volkswirtschaft erfasst. „Eine Entstehungsrechnung zeigt damit, in welchen Wirtschaftsbereichen das Bruttoinlandsprodukt erzeugt wurde.“ Somit lässt eine solche Aufstellung erkennen, wo die Schwerpunkte der Inlandsproduktion liegen und wie sie sich im Zeitablauf verändert haben. In Anlehnung an internationale Richtlinien geht die Entstehungsrechnung von einer branchenmäßigen Einteilung der Wirtschaft in Sektoren aus. Als Klassifikationskriterium dienen hierzu die Produktion gleicher oder ähnlicher Güter. Zu den sogenannten „Wirtschaftsbereichen“ zählen:
Land- und Forstwirtschaft
Fischerei
Warenproduzierendes Gewerbe (darunter Energie und Wasserversorgung, Bergbau, Verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe)
Handel und Verkehr
Dienstleistungsunternehmen
Staat und private Haushalte
Private Organisationen
Über die verschiedenen Bruttoproduktionswerte der jeweiligen Sektoren gelangt man zu den Beiträgen dieser Wirtschaftsbereiche zum Bruttoinlandsprodukt. Hierin sind allerdings unterstellte Entgelte für Bankdienstleistungen, der Vorsteuerabzug für Investitionen sowie Einfuhrabgaben nicht berücksichtigt, da diese Positionen nicht den einzelnen Bereichen zurechenbar sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grundlagen der Volkswirtschaftslehre: Einführung in die methodischen Ansätze der Makroökonomie und Erläuterung des volkswirtschaftlichen Kreislaufmodells.
2 Begriffsdefinitionen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und andere volkswirtschaftliche Kenngrößen: Klärung der Kernbegriffe und Abgrenzung von Inlandsprodukt, Inländerprodukt sowie nominalen und realen Werten.
3 Das Ergebnis des Wirtschaftskreislaufes: Darstellung der Produktionskonten als Basis für die Erfassung wirtschaftlicher Leistungen.
4 Die Berechnungs- und Ermittlungsarten des Bruttoinlandsproduktes: Detaillierte Analyse der Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung.
5 Probleme bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes und anderer volkswirtschaftlicher Kenngrößen: Erörterung der methodischen Herausforderungen wie Konzept-, Zuordnungs-, Erfassungs- und Bewertungsprobleme.
6 Praktische Methoden der Bruttoinlandsproduktprognose: Vorstellung verschiedener Prognoseansätze, von Indikatorenmodellen bis hin zu komplexen ökonometrischen Verfahren.
7 Aussagefähigkeit des BIP – Kritische Würdigung des BIP als Wohlfahrtsindikator: Auseinandersetzung mit der Begrenztheit des BIP als Wohlstandsmaß und Vorstellung ergänzender Konzepte.
8 Schaubilder zum Bruttoinlandsprodukt in der Bundesrepublik Deutschland: Zusammenfassende statistische Visualisierung der BIP-Struktur in Deutschland.
Schlüsselwörter
Bruttoinlandsprodukt, BIP, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, VGR, Entstehungsrechnung, Verwendungsrechnung, Verteilungsrechnung, Makroökonomie, Wirtschaftswachstum, Konjunkturzyklus, Prognose, ökonometrisches Modell, Wohlfahrtsindikator, Bruttonationaleinkommen, Volkseinkommen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Studienarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die methodische Vorgehensweise zur Berechnung und Schätzung des Bruttoinlandsproduktes und beleuchtet dessen Rolle als zentrale Messgröße für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die theoretischen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, die drei Ermittlungsarten des BIP, die Problematiken bei der statistischen Erfassung sowie verschiedene Methoden der Wirtschaftsprognose.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für die Entstehung des BIP zu schaffen, die methodischen Grenzen der VGR aufzuzeigen und die unterschiedlichen Ansätze zur Vorhersage künftiger wirtschaftlicher Entwicklungen verständlich darzustellen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt eine deskriptive sowie theoretisch-analytische Methode, um die verschiedenen Konzepte der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und Prognosepraxis strukturiert darzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Herleitung der BIP-Berechnung, die Analyse statistischer Messprobleme, die Vorstellung von Prognoseverfahren und eine kritische Diskussion der Aussagekraft des BIP hinsichtlich des Wohlstands.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Bruttoinlandsprodukt (BIP), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR), Konjunkturprognose, Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung sowie die kritische Würdigung als Wohlfahrtsindikator.
Welche Rolle spielt das „Drei-Sektoren-Modell“ in der Arbeit?
Das Drei-Sektoren-Modell dient als Exkurs zur Entstehungsrechnung, um den strukturellen Wandel einer Volkswirtschaft von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft anhand von BIP-Anteilen zu verdeutlichen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Ex-post und Ex-ante Analyse für die BIP-Berechnung wichtig?
Die Ex-post-Analyse dient der rückblickenden Bestandsaufnahme und systematischen Erfassung des Wirtschaftsprozesses, während die Ex-ante-Analyse kausale Zusammenhänge untersucht, um die künftige Entwicklung von Wirtschaftsaggregaten zu prognostizieren.
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- Christian Schreitmüller (Author), 2002, Die Berechnung von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Bruttonationaleinkommen (BNE), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5773