Gottfried Benns Karyatide und die Frage nach dem Rausch


Essay, 2005
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Textgrundlage

2. Einleitung

3. Gedichtanalyse

4. Inwiefern verhandelt das Gedicht ein Rauscherlebnis?

5. Zusammenfassung

6. Bibliografie

1. Textgrundlage

Gottfried Benn

Karyatide

Entrücke dich dem Stein! Zerbirst

die Höhle, die dich knechtet! Rausche

doch in die Flur! Verhöhne die Gesimse-

sieh: Durch den Bart des trunkenen Silen

aus seinem ewig überrauschten

lauten einmaligen durchdröhnten Blut

träuft Wein in seine Scham!

Bespei die Säulensucht: toderschlagene

greisige Hände bebten sie

verhangenen Himmeln zu. Stürze

die Tempel vor die Sehnsucht deines Knies,

in dem der Tanz begehrt!

Breite dich hin, zerblühe dich, oh, blute

dein weiches Beet aus großen Wunden hin:

sieh, Venus mit den Tauben gürtet

sich Rosen um der Hüften Liebestor-

sieh dieses Sommers letzten blauen Hauch

auf Astermeeren an die fernen

baumbraunen Ufer treiben; tagen

sieh diese letzte Glücklügenstunde

unserer Südlichkeit

hochgewölbt.

2. Einleitung

„Benn- oder die Entwürdigung des Geistes. Sowas schreibt man nicht, wenn man gesund. Drogen. Delirium“[1],schreibt Klaus Mann am 29. Juni 1933 in sein Tagebuch. Über Benns Haltung zu Drogen, den möglichen privaten Konsum derselben und deren Nutzen für die Kunst nach der Auffassung des Dichters wurden bereits einige Mutmaßungen angestellt[2], die mehr oder weniger zufriedenstellend sind. Aufgrund der ambivalenten Texte und Äußerungen Benns zu diesem Thema werden sich seine Intentionen wohl niemals vollständig enthüllen lassen. Zweifellos ziehen sich jedoch durch Benns Werke Darstellungen von Drogenerfahrungen und Rauscherlebnissen, denen Konstantin Bendix eine ganze Arbeit widmet[3]. Nicht nur bei Bendix werden bei der Untersuchung des Zusammenhangs von Drogen mit Benns Schriften immer wieder die gleichen Gedichte bzw. Prosatexte oder Essays bemüht. Im Besonderen sind dies vor allem die Gedichte „O Nacht“ (1916 erschienen), „Kokain“(1917), „Betäubung“(1925) oder beispielsweise die so genannten „Rönne-Novellen“(1915-1916) und der Essay „Provoziertes Leben“ (1943). Ein Gedicht bleibt aus diesem Kontext allerdings ausgespart: es heißt „Karyatide“[4] und ist ebenfalls 1916 erschienen. Dieses Gedicht wurde zwar 1980 von Brian Holbeche untersucht[5], jedoch nur um einen Paradigmenwechsel in Benns Lyrik nachzuweisen. In dieser Arbeit nun versuche ich zu belegen, dass sich das Gedicht nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch den bereits genannten Gedichten zuordnen lässt. Dass dieses Gedicht in Silvio Viettas Anthologie der Lyrik des Expressionismus[6] in die Kategorie der Liebeslyrik eingeordnet wird, erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar. Jedoch bietet das Gedicht noch eine weitere Lesart an, die mit der von „Kokain“ oder „O Nacht“ vergleichbar ist. Die „Karyatide“ verhandelt ebenso ein Rauscherlebnis wie die anderen beiden Gedichte, die während des ersten Weltkrieges in Brüssel entstanden sind.

3. Gedichtanalyse

Das Gedicht „Karyatide“ besitzt wenige offensichtliche, formale Ordnungskriterien, die sich durchaus häufiger in Benns früher Lyrik finden. Es gibt keinen Reim und kein Metrum im Gegensatz zu „Kokain“ und „O Nacht“[7]. Man könnte sogar behaupten, dass das einzige Ordnungsprinzip in dem dreistrophigen Aufbau bestehe, was dem Text allerdings nicht gerecht würde. Sehr wohl lässt sich das Gedicht nach bestimmten Kategorien ordnen, die sich aber mehr auf den Inhalt als auf die Form beziehen. Deutlich wird dies zunächst an den Anspielungen auf die Antike, von denen die erste bereits das Gedicht betitelt. Der Begriff „Karyatide“ stammt aus dem Architekturdiskurs und bezeichnet zunächst eine weibliche Ornamentfigur, die auf dem Haupt oder emporgehobenen Armen das Gebälk trägt und anstelle einer Säule eingesetzt wurde. Eine weitere Konnotation des Begriffes stellen nach Brian Holbeche „Laconian women who danced at Caryae in honour of Artemis”[8] dar. In dieser Doppelbedeutung des Titels zeigt sich bereits ein zentraler Punkt: die Opposition zwischen Statik (die ornamentale Figur) und Dynamik (die tanzenden Frauen), worauf ich später nochmals zurückkommen werde. Abgesehen von den architektonischen Begriffen im Text („Gesimse“, „Säulensucht“, „Tempel“) tauchen noch zwei weitere Figuren aus der antiken Mythologie auf: einmal Venus, die Göttin der Liebe, und der „Silen“ in der ersten Strophe, dessen Attribute hier auf die Trunkenheit und den Wein reduziert werden. Mit der Figur des Silen ist nicht nur im Text, sondern auch in der griechischen Mythologie eindeutig ein Rauscherlebnis verknüpft.

Ein auch hier auftretendes, für Benns Lyrik und den Expressionismus charakteristisches Stilmittel sind die Neologismen, die gleichsam einem Rauscherlebnis zuzuordnen sind. Der Imperativ „Rausche“, ebenso wie „überrauschten“ und „durchdröhnten“ als Eigenschaften des Blutes des Silen entwerfen bereits am Anfang des Gedichtes einen Zustand der Entrückung von der eigentlichen Welt verbunden mit einer veränderten Wahrnehmung. Noch eindrücklicher wird dieser Vorgang in Anbetracht der vier Imperative gleich am Anfang der ersten Strophe, die nicht nur den Text sondern auch eine Bewegung in Gang setzen. An den Anfängen der Strophen zwei und drei werden die Imperativkonstruktionen fortgeführt und variiert. Auffällig scheint hier, dass sie mit nur einer Ausnahme alliterieren („Bespei“, „Breite“, „zerblühe“, „blute“), was einerseits für die implizite Ordnungsstruktur des Gedichtes spricht und andererseits die letzten beiden Strophen von der ersten abgrenzt. Analog dazu verfahren die bereits angesprochenen Bewegungskonstruktionen im Text. Erst durch den in der ersten Strophe bereits durch das erste Wort „Entrücke“ signalisierte Aufbruch vom Status quo, den die nachfolgenden Imperative nur noch bekräftigen, kann in der zweiten Strophe die bestehende Ordnung aus der Distanz attackiert werden („Bespei die Säulensucht“ und „Stürze die Tempel“). Dies wäre unmöglich, wenn die Karyatide in diesem Moment noch Teil jener architektonischen Ordnung wäre. Zu Beginn der dritten Strophe hingegen kommt es dann zu einer Stagnation, die in eine Kontemplation und in eine formal wie inhaltlich absteigende Bewegung übergeht, was sich nicht nur durch die zum Ende hin immer kürzer werdenden Verse belegen lässt. Das dreimalige Auftauchen des Imperativs „sieh“ am Versanfang steht im Gegensatz zu den appellierenden, zur Handlung antreibenden und nicht kontemplativen Aufforderungen zu Beginn des Gedichtes. Auch des „Sommers letzten blauen Hauch“ und das damit verbundene zeitliche Fortschreiten zum Herbst, welches durch das in Benns Lyrik häufig wiederkehrende Motiv der Aster[9] impliziert wird, deuten einen Verfall an. Passend dazu treten die Veränderungen der Farben auf, die jedoch nur zwei Mal explizit genannt werden. In der ersten Strophe wird durch die Begriffe „Blut“ und „Wein“ die warme Farbe Rot assoziiert, die zu Beginn der dritten Strophe durch „blute“, „Venus“ als Göttin der Liebe und die „Rosen“ nochmals aufgenommen wird. Im nächsten Vers folgt der Übergang zu der kalten Farbe Blau und schließlich zu den „baumbraunen Ufer[n]“, was mit dem Wechsel der Jahreszeiten einhergeht. Die Transformation der Farben vom warmen Rot zum kalten Blau und schließlich zum herbstlichen Braun unterstützt nochmals die Verfallskonstruktion, die andererseits nur durch den letzten Vers und damit gleichzeitig dem letzten Wort „hochgewölbt“ geringfügig relativiert wird. Die Analyse der formalen wie inhaltlichen Aspekte wird sich nun im folgenden Schritt zur Belegung der Ausgangsthese als wichtig erweisen werden.

[...]


[1] Klaus Mann: Tagebücher 1931 bis 1933, hrsg. von Joachim Heimannsberg, Peter Laemmle und Wilfried F. Schoeller, München: edition spangenberg 1989.

[2] Vgl. Günter Witschel: Rausch und Rauschgift bei Baudelaire, Huxley, Benn, Burroughs, Bonn: H. Bouvier u. Co. Verlag 1968, S. 72-84 und Klaus Modick: Formenträger der weißen Spur. Benns Konzeption des produktiven Rausches, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Gottfried Benn. Text+Kritik, München: edition text+kritik GmbH 1985, Heft 44, zweite Auflage, S. 47-53.

[3] Konstantin Bendix: Rauschformen und Formenrausch. Untersuchungen über den Einfluß von Drogen auf das Werk Gottfried Benns, Frankfurt a. M.; Bern; New York; Paris: Lang 1988.

[4] Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte, Stuttgart: Klett-Cotta 1998, S. 38. Im Folgenden sind alle Zitate aus dem Gedicht „Karyatide“ dieser Ausgabe entnommen.

[5] Brian Holbeche: Gottfried Benns ’Karyatide’ in the context of his early poetry, in: M.S. Batts (Hg.): Seminar. A journal of Germanic Studies, Vancouver 1980, Volume 16, Number 1, S. 96-110.

[6] Silvio Vietta (Hg.): Lyrik des Expressionismus, Tübingen: Niemeyer Verlag 1999, vierte Auflage.

[7] Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte, a. a. O., S. 45 und S. 46.

[8] Brian Holbeche: Gottfried Benns ’Karyatide ’in the context of his early poetry, a. a. O., S. 99.

[9] Vgl. Gottfried Benn: Kleine Aster und Astern, in: Ders.: Sämtliche Gedichte, a. a. O., S. 11 und S. 166.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benns Karyatide und die Frage nach dem Rausch
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Lyrik des Expressionismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V57740
ISBN (eBook)
9783638520911
ISBN (Buch)
9783638792479
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit geht der Frage nach, ob das Gedicht "Karyatide" von G. Benn ein Rausch- bzw. Drogenerlebis verhandelt und deshalb nicht als bloßes Liebesgedicht gelesen werden kann.
Schlagworte
Gottfried, Benns, Karyatide, Frage, Rausch, Lyrik, Expressionismus
Arbeit zitieren
Frank Dersch (Autor), 2005, Gottfried Benns Karyatide und die Frage nach dem Rausch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57740

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gottfried Benns Karyatide und die Frage nach dem Rausch


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden