„Benn- oder die Entwürdigung des Geistes. Sowas schreibt man nicht, wenn man gesund. Drogen. Delirium“ ,schreibt Klaus Mann am 29. Juni 1933 in sein Tagebuch. Über Benns Haltung zu Drogen, den möglichen privaten Konsum derselben und deren Nutzen für die Kunst nach der Auffassung des Dichters wurden bereits einige Mutmaßungen angestellt, die mehr oder weniger zufriedenstellend sind. Aufgrund der ambivalenten Texte und Äußerungen Benns zu diesem Thema werden sich seine Intentionen wohl niemals vollständig enthüllen lassen. Zweifellos ziehen sich jedoch durch Benns Werke Darstellungen von Drogenerfahrungen und Rauscherlebnissen, denen Konstantin Bendix eine ganze Arbeit widmet. Nicht nur bei Bendix werden bei der Untersuchung des Zusammenhangs von Drogen mit Benns Schriften immer wieder die gleichen Gedichte bzw. Prosatexte oder Essays bemüht. Im Besonderen sind dies vor allem die Gedichte „O Nacht“ (1916 erschienen), „Kokain“(1917), „Betäubung“(1925) oder beispielsweise die so genannten „Rönne-Novellen“(1915-1916) und der Essay „Provoziertes Leben“ (1943). Ein Gedicht bleibt aus diesem Kontext allerdings ausgespart: es heißt „Karyatide“ und ist ebenfalls 1916 erschienen. Dieses Gedicht wurde zwar 1980 von Brian Holbeche untersucht, jedoch nur um einen Paradigmenwechsel in Benns Lyrik nachzuweisen. In dieser Arbeit nun versuche ich zu belegen, dass sich das Gedicht nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch den bereits genannten Gedichten zuordnen lässt. Dass dieses Gedicht in Silvio Viettas Anthologie der Lyrik des Expressionismus in die Kategorie der Liebeslyrik eingeordnet wird, erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar. Jedoch bietet das Gedicht noch eine weitere Lesart an, die mit der von „Kokain“ oder „O Nacht“ vergleichbar ist. Die „Karyatide“ verhandelt ebenso ein Rauscherlebnis wie die anderen beiden Gedichte, die während des ersten Weltkrieges in Brüssel entstanden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Textgrundlage
2. Einleitung
3. Gedichtanalyse
4. Inwiefern verhandelt das Gedicht ein Rauscherlebnis?
5. Zusammenfassung
6. Bibliografie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Karyatide“ von Gottfried Benn unter dem Aspekt der Rauschthematik, um zu belegen, dass das Werk nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich mit Benns anderen Schriften zu Drogenerfahrungen und Rauscherlebnissen korrespondiert.
- Analyse der Rauschdarstellung in „Karyatide“
- Untersuchung der antiken Mythologie und Architekturbegriffe im Gedicht
- Vergleich der Rauschkonzeption mit Benns Gedichten „Kokain“ und „O Nacht“
- Untersuchung der appellativen Struktur und Neologismen als Ausdrucksmittel
- Einordnung des Werkes in den Kontext expressionistischer Literatur
Auszug aus dem Buch
4. Inwiefern verhandelt das Gedicht ein Rauscherlebnis?
Die Möglichkeit, die „Karyatide“ auch als Liebesgedicht zu lesen, wird durch die bereits aufgeführten Bezüge zur Farbe Rot legitimiert. Gleichzeitig weist das Gedicht ebenso viele Verweise auf eine Drogenerfahrung bzw. ein Rauscherlebnis auf, die im Folgenden klarer ausgearbeitet werden sollen. Zwei der drei Neologismen aus der ersten Strophe beziehen sich zwar auf den Silen, das rauschhafte Erleben der Karyatide setzt jedoch bereits mit dem Enjambement zwischen dem zweiten und dem dritten Vers ein: „Rausche/ doch in die Flur!“ In der ersten Strophe muss die Karyatide aufgrund der architektonischen Verweise („Stein“, „Höhle“, „Gesimse“) als Ornamentfigur gelesen werden, die den ihr zugewiesenen Platz am Bauwerk verlässt und auf diese Weise sich selbst defunktionalisiert sowie dekontextualisiert.
Die rationale und zweckbehaftete Struktur, in die sie formal eingebunden ist, wird zugunsten eines irrationalen und surrealen Erlebnisses aufgebrochen, das in der Erscheinung der „Venus mit den Tauben“ kulminiert. Der Kontext ebenso wie die Funktion der Karyatide leiten sich aus der antiken Architekturtheorie ab, in der diese nicht nur eine ornamentale Funktion hatte, sondern nach Vitruv auch zum einzigen politischen Bedeutungsträger innerhalb des Ornaments werden konnte. Insofern nimmt die Karyatide nach dieser Theorie am Bauwerk einen besonderen Status ein, der im Gedicht durch die Abwendung von der äußeren, architektonischen Form in Frage gestellt, wenn nicht sogar negiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Textgrundlage: Wiedergabe des Gedichts „Karyatide“ von Gottfried Benn als Ausgangspunkt der Untersuchung.
2. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und Einordnung von Benns Texten in den Kontext von Drogenerfahrungen und Rauscherlebnissen.
3. Gedichtanalyse: Untersuchung der formalen Struktur, mythologischen Anspielungen und sprachlichen Mittel des Gedichts.
4. Inwiefern verhandelt das Gedicht ein Rauscherlebnis?: Detaillierte Analyse der rauschhaften Momente und der Zerstörung architektonischer sowie rationaler Ordnungen.
5. Zusammenfassung: Resümee über die Eigenschaft des Gedichts als fiktive Verarbeitung von Rauscherlebnissen.
6. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Karyatide, Rauscherlebnis, Expressionismus, Lyrik, Drogen, Silen, Venus, Ästhetik, Entrückung, Ich-Zerfall, Architektur, Mythologie, Neologismen, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Gedicht „Karyatide“ von Gottfried Benn im Hinblick auf seine Thematisierung von Rauscherlebnissen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die literarische Darstellung von Rausch, die Dekonstruktion von Ordnung und die Analyse mythologischer sowie architektonischer Metaphern bei Benn.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass sich „Karyatide“ thematisch in die Reihe von Benns Gedichten einordnen lässt, die Drogenerfahrungen oder Rauschzustände verarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die formale Kriterien, intertextuelle Bezüge und fachwissenschaftliche Forschungsliteratur einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturale Gedichtanalyse und eine spezifische Untersuchung der Rauschdarstellung im Vergleich zu Benns Essayistik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gottfried Benn, Rauscherlebnis, Expressionismus, Karyatide und Ich-Zerfall.
Warum wird die Karyatide als Ornamentfigur betrachtet?
Der Titel entstammt dem Architekturdiskurs und bezeichnet eine tragende, steinerne Frauenfigur, deren gewohnte Funktion das lyrische Ich im Gedicht zu verlassen sucht.
Welche Rolle spielt die Farbe in der Analyse?
Die Farben (Rot, Blau, Braun) werden als Indikatoren für den Übergang vom Rausch, über die Kontemplation, bis hin zum herbstlichen Verfall interpretiert.
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- Frank Dersch (Author), 2005, Gottfried Benns Karyatide und die Frage nach dem Rausch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57740