Das expressionistische Gedankengut beschränkte sich in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg nicht nur auf eine Kunstrichtung. Vor allem in der Lyrik und in den bildenden Künsten sind die damaligen Ideen und Konzeptionen erkennbar. Aus der heutigen Perspektive, in der der totalisierende Epochenbegriff zum festen Bestandteil des kulturellen Diskurses geworden ist, wird oftmals der Eindruck erweckt, als sei die expressionistische Bewegung eine geschlossene und homogene Strömung gewesen, die die gleichen Auffassungen und Ziele in der Kunst verfolgte. Dass dem nicht so ist, ja dass der blaue Reiter als relativ kleine und auf eine Kunstrichtung beschränkte Formation sich sogar gegen den Begriff einer „Künstlervereinigung“ aufgrund ihrer internen Unterschiede verwehrt hatte, kann hier nicht in allen Dimensionen erörtert werden. Genauso wenig wie der Blaue Reiter als „homogene Künstlergruppe“ verstanden werden kann, verhält es sich mit den Lyrikern des Expressionismus. Trotz der Gefahr, hier nicht differenziert genug vorzugehen, sei doch auf einen grundlegenden Unterschied zwischen diesen beiden Parteien hingewiesen: ihr Verhältnis zum Glauben und zur Religiosität. Die Konsequenzen für die Ausrichtung der Malerei sollen anhand von Wassily Kandinsky und Franz Marc besprochen werden, da sie die wichtigsten und grundlegendsten Schriften aus dem Umfeld des Blauen Reiters publizierten. Dass diese Unterscheidung für beide Parteien, die Lyriker und die Maler, aufgrund ihrer Heterogenität keine Absolutheit beansprucht, versteht sich von selbst. Es handelt sich lediglich um Tendenzen. Die Unmöglichkeit, die Bilder des Blauen Reiters und konkret die Werke von Wassily Kandinsky und Franz Marc mit den Gedichten aus dieser Zeit zu vergleichen, stellt ein intermediales Problem dar, welches durch das Ausweichen auf die Schriften der beiden Maler teilweise umgangen werden kann, um eben diesen Unterschied herauszuarbeiten. Deren Texte können aber auch nur als Ergänzung der Malerei verstanden werden, was Klaus Lankheit als Herausgeber von Franz Marcs Schriften gleich eingangs mit einem Zitat von Marc deutlich macht: „…bedenke, dass ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler bin“. Trotz solcher methodologischen Schwierigkeiten könnte der hier vorgeschlagene Ansatz dienlich sein, den vereinheitlichenden Epochenbegriff zu hinterfragen und auf die Vielfalt der Phänomene jener Zeit aufmerksam zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Franz Marc: Blaue Mystik
3. Wassily Kandinsky und der Zwang der „inneren Notwendigkeit“
4. Zusammenfassung
5. Bibliografie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Kunst, Religiosität und dem expressionistischen Gedankengut am Beispiel des Umfelds des „Blauen Reiters“. Sie analysiert, wie die Maler Wassily Kandinsky und Franz Marc auf die zeitgenössische „Entleerung des Himmels“ und den Metaphysikverlust mit eigenen metaphysischen Konzepten reagierten.
- Die religiöse Dimension im künstlerischen Schaffen von Franz Marc und Wassily Kandinsky.
- Die Auseinandersetzung mit dem expressionistischen Epochenbegriff.
- Das Konzept der „inneren Notwendigkeit“ bei Kandinsky.
- Die Synthese der Künste als Reaktion auf den Materialismus der Zeit.
- Der Vergleich von künstlerischen Schriften und lyrischen Ansätzen im Expressionismus.
Auszug aus dem Buch
3. Wassily Kandinsky und der Zwang der „inneren Notwendigkeit“
Mehr noch als Franz Marc beeinflusste Wassily Kandinsky mit seinen Schriften nicht nur die Münchner Gruppe um den Blauen Reiter sondern auch die Malerei insgesamt. Die wissenschaftliche Arbeit, die Theoriebildung in der Malerei und ebenso das literarische Werk bestimmten Kandinskys Schaffen in einer umfassenderen Weise, als dies bei Marc der Fall war. Sein wohl einflussreichstes schriftliches Werk ist das 1911 erschienene Buch „Über das Geistige in der Kunst“, in dem Kandinsky seine Grundlagen einer neuen Malerei darlegt. Um zu einer Theoriebildung und zu einer „Harmonienlehre der Farben“ zu gelangen, analysiert er zunächst den geistigen Zustand der damaligen Zeit. Auch er stellt zweifellos fest: „Der Himmel ist entleert.“ Den Materialismus und den naiven Fortschrittsglauben, mit denen diese unerhörte Erschütterung und Verunsicherung wieder ausgeglichen werden sollte, kritisiert er auf das Heftigste, da diese nicht imstande sind, die immer noch bestehenden „geistigen Bewegungen“ der Gesellschaft zu erfassen. Aus dieser Leerstelle folgert Kandinsky, dass „der Mensch seinen Blick von der Äußerlichkeit ab und sich selbst zu[wendet]“. In dieser Hinsicht zeigt sich der russische Maler den meisten Lyrikern verwandt, wie bereits kurz bei Else Lasker-Schüler angedeutet. Während jedoch einige expressionistische Gedichte tendenziell den Verlust der Metaphysik und der ewigen Werte, die nun als anthropomorph angesehen werden, verhandeln, setzt Kandinsky dem eine neue Begrifflichkeit entgegen, die sehr wohl noch mit einem Ewigkeits- und Universalitätspostulat verbunden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert das expressionistische Umfeld und begründet die methodische Entscheidung, sich anhand von Schriften der Maler Franz Marc und Wassily Kandinsky dem intermedialen Problem des religiösen Wandels in dieser Epoche anzunähern.
2. Franz Marc: Blaue Mystik: Das Kapitel untersucht die Verbindung zwischen Franz Marc und Else Lasker-Schüler und arbeitet heraus, wie Marc in seinen Schriften das künstlerische Schaffen als prophetische und religiöse Größe begreift, die über die Zeitlichkeit hinausweist.
3. Wassily Kandinsky und der Zwang der „inneren Notwendigkeit“: Dieses Kapitel analysiert Kandinskys theoretisches Hauptwerk und zeigt auf, wie er durch das Prinzip der „inneren Notwendigkeit“ eine metaphysische Neuordnung der Kunst anstrebt, um den Materialismus der Zeit zu überwinden.
4. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass die religiösen Konzepte der Künstler zwar heterogen sind, aber den gemeinsamen Grundzug der Suche nach neuen Werten nach dem Verlust traditioneller Metaphysik teilen.
5. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Expressionismus, Blauer Reiter, Franz Marc, Wassily Kandinsky, Religiösität, innere Notwendigkeit, Moderne, Metaphysik, Kunsttheorie, Else Lasker-Schüler, Synthese, Geistige in der Kunst, Malerei, Katharsis, Epochenbegriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Auseinandersetzung von Künstlern des Expressionismus, insbesondere des „Blauen Reiters“, mit religiösen Fragen und dem Verlust traditioneller Werte vor dem Ersten Weltkrieg.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Im Zentrum stehen die weltanschaulichen Schriften von Franz Marc und Wassily Kandinsky sowie deren Verhältnis zum Glauben und zur künstlerischen Sinnstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Marc und Kandinsky durch ihre Kunst und ihre Schriften auf die Entleerung des metaphysischen Himmels reagierten und neue, teils mystische Ordnungsmodelle entwickelten.
Welche methodische Herangehensweise wurde gewählt?
Die Untersuchung nutzt eine komparative Analyse der publizierten Schriften von Marc und Kandinsky, um deren künstlerische Konzepte und ihre Stellung zur Zeitströmung des frühen 20. Jahrhunderts zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Betrachtung von Franz Marcs „blauer Mystik“ und eine tiefgehende Analyse von Wassily Kandinskys Theorie der „inneren Notwendigkeit“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe „innere Notwendigkeit“, „Entleerung des Himmels“, „klassische Moderne“, „Metaphysik“ und „Religiosität“.
Warum spielt die Korrespondenz von Franz Marc eine Rolle?
Die Korrespondenz dient als Beleg für die persönliche und intellektuelle Vernetzung innerhalb der Künstlergruppe und verdeutlicht die existenzielle Bedeutung, die Marc dem künstlerischen Prozess zuschrieb.
Wie unterscheidet sich Kandinskys Ansatz vom reinen „l’art pour l’art“-Gedanken?
Kandinsky lehnt eine rein ästhetische Zweckfreiheit ab; für ihn entspringt die künstlerische Gestaltung aus einer notwendigen Verbindung zum „Göttlichen“ und folgt einer inneren, fast mystischen Gesetzmäßigkeit.
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- Frank Dersch (Author), 2005, Über das Geistige im Expressionismus - Der blaue Reiter und der Glaube, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57741