Die Fiktionalität der Literatur ist keine selbstverständliche Tatsache, wie der heutige Leser zu glauben geneigt ist. Vom Altertum bis zum frühen Mittelalter blieben viele Erzählungen an eine wie auch immer geartete Wirklichkeit, an eine für den Rezipienten nachvollziehbare, jedoch teilweise scheinbare Faktizität gebunden. Im Hochmittelalter tritt eine Tendenz zur verstärkten Fiktionalisierung der Literatur ein und damit werden die Texte ein Stück weit von der objektiven, historisch belegten Lebenswelt entfernt. Für diesen Übergang lässt sich selbstverständlich keine eindeutige Zäsur ausmachen, vielmehr existieren Fiktionalität und Faktizität oftmals nebeneinander in den Texten aus dieser Zeit. Diese Parallelität zweier scheinbar getrennter Seinsbereiche liegt auch im Herzog Ernst B vor. Bereits die strukturale Zweiteilung des Textes in einen potenziell historisch-tatsächlichen Reichsteil und einen unwahrscheinlich-phantastischen Orientteil und deren enge Beziehung zueinander deutet auf diese Koexistenz hin. Ohne Zweifel muss man den Herzog Ernst B allein durch die Einarbeitung des phantastischen Orientteils als extrem fiktionalisierten Text charakterisieren. Sobald der Leser oder der damalige Zuhörer jedoch in die Versuchung gerät, dem Erzähler der Geschichte nur ein wenig Glauben zu schenken, wird die Fiktionalität sofort in Frage gestellt, ja sogar aufs Äußerste negiert. Der Erzähler, und somit auch aus heutiger Sicht die den Text vermittelnde Instanz, versucht mit verschiedenen narrativen sowie argumentativen Strategien eben jene unbezweifelbare Fiktionalität zu verleugnen. Diese Arbeit soll zeigen, wie der Text seinen eigenen Wahrheitsgehalt zu beweisen versucht und dabei an exponierten Stellen der Handlung eine faktische Legitimation des Erzählten ausstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Verleugnung der Fiktionalität
3. Die Materialität des Erzählten
4. Jenseits der Fiktionalität
5. Bibliografie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexen Legitimationsstrategien im mittelhochdeutschen Epos Herzog Ernst B, um aufzuzeigen, wie der Erzähler trotz der offensichtlichen fiktionalen Anlage des Textes eine faktische Legitimation des Erzählten konstruiert. Dabei steht insbesondere die Spannung zwischen mündlicher Erzähltradition und dem Übergang zur Schriftlichkeit im Fokus der Analyse.
- Fiktionalität versus Faktizität in mittelalterlicher Literatur
- Narrative Legitimationsstrategien zur Glaubwürdigkeitssteigerung
- Die Rolle der Schriftlichkeit und medialer Traditionsbrüche
- Machtstrukturen und kaiserliche Autorität als Wahrheitsinstanz
- Strukturale Zweiteilung des Textes (Reichsteil vs. Orientteil)
Auszug aus dem Buch
Die Materialität des Erzählten
Der Rückbezug auf die schriftliche Vorlage der Erzählung stellt die häufigste Art der Verifizierung im Herzog Ernst B dar. Die regelmäßig wiederkehrende Verweisstruktur im Orientteil erzeugt dabei in rhythmischen Abständen einen klaren Bezug zur Lebenswelt der damaligen Rezipienten. Diese Objektivierung des Erzählten steigert sich noch, indem der Text sogar auf seine eigene Materialität hinweist und zudem noch konkrete, scheinbar empirische Beweise für seinen Wahrheitsgehalt anführt.
Sobald sich der Erzähler nicht mehr damit begnügt, bloße Zitate der „buochen“ oder der „âventiure sage“ anzuführen, sondern diese Zitate genauer qualifiziert, wird eine noch radikalere Ebene der Fiktionalitätsverleugnung erreicht. Die Schlüsselstelle zu dieser neuen Stufe findet sich in den Versen 4464-4476, in denen Herzog Ernst während der unterirdischen Floßfahrt den magisch aufgeladenen Edelstein an sich nimmt. Am Höhepunkt der abenteuerlichen, jedoch unwahrscheinlichen Floßfahrt erfolgt wiederum eine Rückkoppelung des Erzählten an die Realität des Mittelalters: Durch die Wendung „er [der Waise, F.D.] ist noch hiute wol bekant. / ins rîches krône man in siht“ (V. 4464-4465) greift der Erzähler auf das Vorwissen seiner Rezipienten zurück („hiute wol bekant“) und deutet gleichzeitig Herzog Ernsts Rückkehr ins Reich an, denn ohne diese könnte der Edelstein aus der unbekannten Welt logischerweise nicht einen wesentlichen Teil der kaiserlichen Krone bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Verhältnisses von Fiktionalität und Faktizität ein und erläutert, wie der Text versucht, seinen Wahrheitsgehalt durch narrative Strategien zu legitimieren.
2. Die Verleugnung der Fiktionalität: In diesem Kapitel wird analysiert, wie der Prolog und die Einteilung der Rezipienten dazu dienen, jegliche Zweifel am Wahrheitsanspruch des Werkes bereits im Voraus zu eliminieren.
3. Die Materialität des Erzählten: Der Fokus liegt hier auf den konkreten Rückbezügen des Erzählers auf schriftliche Quellen sowie auf die Einbindung von Machtsymbolen, um die Erzählung als faktisch und historisch zu verankern.
4. Jenseits der Fiktionalität: Das Kapitel reflektiert die Erkenntnisse über die bewusste Täuschungsstrategie des Textes und fasst die Position des Werkes in der Schwellensituation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zusammen.
5. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primärquelle und der wissenschaftlichen Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Herzog Ernst B, Fiktionalität, Faktizität, Mittelalter, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Legitimationsstrategien, Wahrheitsgehalt, Erzähldispositiv, Literaturgeschichte, Rezeptionshaltung, Narratologie, Medialer Traditionsbruch, Mittelalterliche Epik, Historizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen fiktionalem Inhalt und dem Anspruch auf historische Wahrheit im mittelhochdeutschen Epos Herzog Ernst B.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse narrativer Legitimationsstrategien, dem Übergang von der mündlichen zur schriftlichen Erzählweise und der Rolle von Macht und Autorität innerhalb des Textes.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, mit welchen spezifischen Mitteln der Text versucht, seine eigene Fiktionalität zu verleugnen und sich als glaubwürdige, faktische Erzählung zu präsentieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die textimmanente Spuren untersucht und diese in den Kontext der mediengeschichtlichen Forschung einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die rhetorischen und strukturellen Verweise auf Schriftvorlagen und die strategische Einbindung von geschichtlichen Ankerpunkten und Machtsymbolen, wie etwa die kaiserliche Autorität.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Fiktionalitätsverleugnung, Medialität, Erzähltradition und historische Legitimation charakterisieren.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen dem Reichsteil und dem Orientteil eine Rolle?
Der Autor argumentiert, dass die Struktur des Epos die Rezipienten schrittweise auf den phantastischen Orientteil vorbereitet, indem im realistisch wirkenden Reichsteil zunächst ein historischer Anschein erzeugt wird.
Welche Rolle spielt die kaiserliche Autorität im Text?
Der Kaiser fungiert am Ende der Erzählung als letzte Instanz, die für die Wahrheit der Erzählung bürgt; eine Anzweiflung des Textes würde somit auch die kaiserliche Autorität in Frage stellen.
Wie trägt der lateinische Aufschrieb zur Glaubwürdigkeit bei?
Der Verweis auf lateinische Schriftquellen dient als metonymischer Stabilitätsfaktor für den Wahrheitsgehalt, da er die Erzählung in die Nähe autoritärer Wissensformen rückt.
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- Frank Dersch (Author), 2006, Herzog Ernst B zwischen Fiktionalität und Faktizität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57743