Friedrich Schiller "Wilhelm Tell" - Mythos oder Realität? Auf der Suche nach intertextuellen Bezügen


Seminararbeit, 2004
63 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die Tell-Legende

2. Die Bedeutung des Namens „Wilhelm Tell“

3. Die Entstehung des Mythos vom heldenhaften Bogenschützen
3.1. Saxo Grammaticus: Gesta Danorum“ bzw. „Historia Danorum Regum Heroumque“
3.2. Die Legende von Egil
3.3. Olaf II. Haraldsson
3.4. Der griechische Sarpedon
3.5. Der englische William of Cloudesly
3.6. Resümee:

4. Die Quellen der Tell-Legende
4.1. Früheste Erscheinungen (ab 15. Jahrhundert)
4.2. Das „Weiße Buch“ von Sarnen (~1470)
4.3. Das „Alte Tellenlied“/ „Das Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft“ (1477)
4.4. Chronik von Melchior Russ von Luzern (1482)
4.5. Das Urner Tellenspiel (1511/ 1512)
4.6. Ägidius Tschudi: „Chronicon Helveticum“ (16. Jahrhundert)
4.7. Das „Entlebuecher Tellenlied“ (1653)
4.8. Johannes von Müller: „Geschichte schweizerischer Eidgenossenschaft“ (1786/ 1787)

5. Schillers „Wilhelm Tell“
5.1. Die Haupthandlungen
5.1.1. Das Individuum „Tell“
5.1.2. Das Bündniskollektiv
5.1.3. Der einheimische Adel
5.2. Die Bedeutung der Kernsszene
5.2.1. Das Symbol „Apfel“
5.2.2. Der „punctum saliens“
5.2.3. Resümee:

6. Intertextuelle Bezüge
6.1. Die Geschichte der Schweiz – Die Entstehung der Eidgenossenschaft
6.1.1. Die politische Situation ab dem 11. Jahrhundert
6.1.2. Der Bundesbrief 1291 und seine Verarbeitung im „Tell“
6.2. Die Französische Revolution
6.2.1. Der Verlauf der Französischen Revolution
6.2.2. Schillers Haltung gegenüber der Revolution
6.2.3. Der symbolträchtige „Hut“
6.3. Schillers „Tell“ im 19. Jahrhundert

7. Weitere intertextuelle Bezüge:
7.1. Der Bezug zur Bibel
7.2. Rousseaus Gesellschaftsvertrag
7.3. Wiederentdeckung „Tells“ für den Nationalsozialismus
7.4. Die Unterzeichnung des Staatsvertrages
7.5. Geographische Gegebenheiten der Schweiz und ihr Andenken bis heute
7.5.1. Die Teufelsbrücke und der Teufelsstein
7.5.2. Die Rütliwiese
7.5.3. Tell-Denkmäler
7.5.4. Die Tellskapelle
7.6. Beispiele für weitere Verarbeitungen der Tellsage
7.6.1. Tell in der Musik
7.6.2. Tell und Literatur
7.6.3. Amüsante Verarbeitungen
7.6.4. Traditionelles Rütlischießen

8. Bibliographie
8.1. Primärliteratur:
8.2. Internetquellen für Informationen und Bilder:
8.3. Sekundärliteratur:

Vorwort

Wilhelm Tell, die Titelfigur von Schillers Drama, die Mythen, die ihn umgeben und seine Bedeutung für die Geschichte der Schweiz stehen im Mittelpunkt dieser Proseminararbeit. Zudem sollen intertextuelle Bezüge zwischen Schillers Tell, dem „echten“ Tell und der Geschichte hergestellt werden.

1. Die Tell-Legende

Im Wesentlichen lässt sich die Legende von Wilhelm Tell wie folgt zusammenfassen:

Wilhelm Tell, ein Schweizer Bauer und Jäger, ist unter seinen Landsgenossen als ehrbarer und hilfsbereiter Mensch bekannt. Als die Waldstätte durch die Tyrannei der Habsburger in ihrer Freiheit beschnitten werden, schließen sich Uri, Schwyz und Unterwalden zum Eidgenössischen Bund zusammen. Bei Nacht und Nebel schwören sie, sich im Kampf gegen die Tyrannen (Vögte) beizustehen.

Tell beteiligt sich nicht an diesem Schwur, wird aber indirekt zum Auslöser für den Beginn der Schweizer Befreiungskämpfe.

Als er dem am Marktplatz aufgestellten Hut, ein Symbol für die Macht der Vögte, nicht den nötigen Respekt erweist, wird er kurzerhand gefangen genommen. Der niederträchtige Landvogt Gessler zwingt Tell, einen Apfel vom Kopf seines Kindes zu schießen, andernfalls würde er den Jungen töten. Dem Schützen bleibt keine Wahl. Er nimmt zwei Pfeile, zielt mit einem auf die Frucht und schießt. Der Schuss gelingt, die beiden werden frei gelassen. Als Tell jedoch auf Gesslers Frage, was er denn mit dem zweiten Pfeil vor gehabt hätte, antwortet, er hätte den tyrannischen Vogt im Falle des Misslingens erschossen, wird er erneut gefesselt und auf Gesslers Schiff gebracht. Auf dem See kommt jedoch ein Sturm auf, Tell steuert das Boot durch das Unwetter und flüchtet an einer geeigneten Stelle von Bord.

Daraufhin macht er sich auf dem Weg nach Küssnacht, wo er Gessler schließlich in der Hohlen Gasse aus dem Hinterhalt mit dem besagten zweiten Pfeil erschießt.

Die Eidgenossen erobern - inspiriert durch Tells Mut - in der Folge zahlreiche Burgen, bis sie die Habsburger aus ihrem Land vertrieben haben.

2. Die Bedeutung des Namens „Wilhelm Tell“

Im 19. Jahrhundert war Wilhelm einer der meist gewählten volkstümlichen Namen. Zudem war der Stoff vom Aufstand der Schweizer zu Schillers Zeiten sehr aktuell.

Der Name Wilhelm kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet „Wille“ für „willo“ und „Helm, Schutz“ für „-helm“.[1]

Der deutsche Sprachforscher Jakob Grimm leitete den Namen „Tell“ vom lateinischen „telum“, was soviel wie „Wurfgeschoss“ bedeutet und auf einen Schützen verweisen soll, ab. Das schweizerische Wort „Tillen“, eine dialektale Bezeichnung für die zur damaligen Zeit so verhassten Vögte, bzw. „Tillen-Willi“ macht laut dem Historiker Karl Meyer[2] hingegen deutlich, dass Tell als Bezwinger dieser Vögte galt. Weiters zeigt auch das mittelhochdeutsche Wort „telle“ bzw. „Schlucht“ auf, dass der Träger dieses Namens aus einer Schlucht stammte, was bei Tell ja mehr oder weniger der Fall war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor allem der oberdeutsche Begriff „dalen“ scheint nahe liegend als Ursprung für das Wort „Tell“. „dalen“ bedeutet soviel wie „sich kindisch benehmen“, „Unsinn reden“. Schiller lässt den Helden in seinem Stück - nach dem Vorbild von Ägidius Tschudi - ja deutlich sagen: „Wär ich besonnen, hieß’ ich nicht der Tell […]“ [3].

Bleibt die Frage, ob es sich bei der Namensgebung des Bauern und Jägers, des Nationalhelden der Schweiz Wilhelm Tell nur um Zufälle handelt?! Der aussagekräftige Name des schweizerischen Bogenschützen lässt vermuten, dass es sich dabei wohl um eine Bezeichnung, aber kaum um eine reale geschichtliche Person handelt.

3. Die Entstehung des Mythos vom heldenhaften Bogenschützen

Die Sage von dem vortrefflichen Schützen und dem Apfel war vor allem im Norden in vielen Variationen verbreitet.

3.1. Saxo Grammaticus: Gesta Danorum“ bzw. „Historia Danorum Regum Heroumque“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Dänische Historiker Saxo Grammaticus (1150 - ~1216) verfasste Anfang des 13. Jahrhunderts auf Latein eine dänische Chronik, die „Gesta Danorum“ bzw. „Die Taten der Dänen“. Von den 16 Büchern dieses Werks wurden allerdings nur die ersten neun in andere Sprache übertragen, die Bücher 10 – 16 sind nur in Latein erhalten geblieben. In Buch 10 (Kapitel 7.1 – 7.3) spricht Saxo Grammaticus über den nordischen Helden Toko (von griech. „toxos“ = Pfeil), der dem Tell der Schweizer Befreiungsgeschichte verdächtig ähnlich ist.

Im 10. Jahrhundert war Toko ein Bogenschütze des Königs und saß eines Abends mit seinen Waffenbrüdern bei Tisch. Damals war es so Brauch, von seinen besonderen Fähigkeiten zu erzählen, um diese später unter Beweis zu stellen. Toko meinte angeheitert, er sei ein Experte im Bogenschießen und er könnte jeden Apfel, so klein er auch sein mag, aus jeder Distanz von einem Ast herunterschießen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

König Harald Harald Blauzahn (939 – 966 n. Chr.), ein bösartiger, verdorbener Mensch, der dies mit angehört hatte, befahl Toko unter Strafandrohung dies zu beweisen. Toko musste einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Er tat drei (nicht zwei wie Tell) Pfeile in seinen Köcher, schoss und traf. Auch er wurde wie Tell nach den anderen Pfeilen befragt und antwortete, dass er im Falle eines Fehlschusses, den König ermordet hätte.

Hier teilen sich die erzählenden Überlieferungen. Die einen meinen, dass diese Antwort für Toko keine Konsequenzen hatte. Andere sagen, dass er sein Leben nur durch einen halsbrecherischen Sprung mit den Schiern über einen Felsen retten konnte[4].

Auf jeden Fall berichtet Saxo Grammaticus aber, dass auch Toko später zum Tyrannenmord griff und seinen König hinterrücks ermordete – sei es während einer Liebesnacht oder im Wald.[5]

3.2. Die Legende von Egil

Die Legende von Egil stammt ebenfalls aus der nordischen Mythologie und kann in der Edda nachgelesen werden.

Die Edda (wörtlich „Urgroßmutter“ à“Urahnin aller Dichtung“) wurde erstmals von dem isländischen Dichter, Historiker und Politiker Snorri Sturluson um 1220 n. Chr. verfasst. Bei dieser „Jüngeren Edda“ bzw. „Prosa-Edda“ handelt es sich um eine Sammlung von Mythen und Dichtkunst. Der Name „Edda“ ging dann allerdings auf eine im 17. Jahrhundert in Privatbesitz entdeckte Liedersammlung über, die um 1240 niedergeschrieben wurde, aber Dichtungen aus der Vikingerzeit enthält und damit erheblich älter ist als das Werk Snorris. Sie wird deshalb "Ältere Edda" oder "Poetische Edda" genannt. Sie enthält 16 Götter- und 24 Heldenlieder, die in Norwegen und Island entstanden sind. Die Sprache ist jedoch das Altnordisch-Altisländische um ~900 n. Chr.. Die Lieder wurden bis ins 13. Jahrhundert mündlich überliefert. [6]

Wie die Edda berichtet, musste sich auch der isländische Egil/ Egill/ Eigill der Apfelschussprobe stellen.

Eigill war der Sohn eines finnischen Königs und mit der Walküre Aelrun verheiratet. Gemeinsam mit seinen zwei Brüdern Wölund und Slagfid hatte er die Federkleider der drei Walküren und Schwanenfrauen Aelrun (got. „runa“ = Geheimnis; ahdt von edel und Zauber), Hiadgud Swanwit („Schwanweiß“) und Hervör Alawit („Allweiß“) gestohlen und diese so zur Ehe gezwungen[7].

Aelrun gebar Eigill einen Sohn (Isung) und verließ Mann und Kind nach acht Jahren, als sie und ihre Schwestern ihre Federkleider wieder fanden. Der Sage nach, suchten zwei Brüder ihre Frauen Jahr und Tag – doch vergeblich. Der dritte Bruder saß gefangen an Nidungs Hof.

Auf der Rückkehr kam Eigill an den Hof König Nidungs, befreite seinen Bruder und geriet mit dem König in Streit über seine Künste als Schütze. Um sein Talent zu beweisen, zwang ihn Nidung, einen Apfel vom Kopf seines einzigen Sohnes zu schießen. Eigill traf sofort, hatte aber noch zwei weitere Pfeile im Köcher. Nidung erkundigte sich nach dem Grund dafür und erhielt als Antwort, dass diese ihm gegolten hätten, wenn seinem Kind etwas zugestoßen wäre.[8]

Von weiteren Konsequenzen für den Schützen ist allerdings nichts überliefert.

3.3. Olaf II. Haraldsson

Olaf II Haraldsson wurde 995 n. Chr. in Norwegen geboren und schon mit 20 Jahren König über seine Heimat. Er gilt als Bahnbrecher des Christentums, da er zahlreiche Missionare ins Land holte, welche seine Untertanen zum christlichen Glauben bekehrten. Durch den Bau etlicher Kirchen und das Taufen seiner Landsleute, erreichte er bald eine völlige Christianisierung Norwegens. Er ging hart gegen alle vor, die an Sitten und Glauben der Ahnen festhielten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Seine Brutalität führte schlussendlich zu seiner Vertreibung 1028 n .Chr. aus Norwegen durch die Fürsten der eingesessenen Stämme. Als Olaf zwei Jahre später jedoch versuchte, die Macht wieder an sich zu reißen, wurde er bei einer Schlacht am 29.7.1030 tödlich verletzt.

Erhalten geblieben ist eine Legende von einem geglückten Bogenschuss. Jacob Grimm erzählt in seiner „Deutschen Mythologie“ von einem heidnischen Mann namens Eindridi, den Olaf bekehren wollte. Da dieser sich weigerte, seinem heidnischen Glauben abzusagen, schlug Olaf ihm einen Wettkampf vor. Würde Eindridi daraus als Sieger hervorgehen, so dürfte er seinen Glauben behalten, ansonsten musste er sich taufen lassen. Die beiden maßen sich erst im Schwimmen, wo kein Sieger hervorging. Anschließend versuchten sie sich im Bogenschießen. Nach einigen gelungenen Schüssen verlangte der König, Eindridis Knaben ans Ziel zu stellen, um ihm eine Schreibtafel vom Kopf zu schießen. Natürlich sollte das Kind dabei unverletzt bleiben. Eindridi willigte in das Vorhaben ein, drohte Olaf aber an, im Falle des Misslingens seinen Sohn zu rächen. Der König schoss als erster und traf dicht neben die Tafel. Eindridis Mutter und Schwester flehten ihn an, den Schuss zu unterlassen und sich besser taufen zu lassen, um das Kind nicht zu gefährden. Eindridi hatte daraufhin ein Einsehen und verweigerte den Schuss.[9]

Diese Legende ähnelt wie viele andere der schweizerischen Sage von Wilhelm Tell. Im Gegensatz zum unschuldig in Bedrängnis geratenen Tell, ist der Bogenschütze hier ein tyrannischer König. Der Vater des betroffenen Kindes verweigert den Schuss, was ihn deutlich von Tell unterscheidet.

3.4. Der griechische Sarpedon

In der griechischen Mythologie war Sarpedon der Sohn des Zeus und der Europa und ein Liebling der Götter. Sie schenkten ihm ein dreimal so langes Leben wie es jeder Normalsterbliche besitzte. Nach einem Streit mit seinem Stiefbruder Minos über die Regentschaft in Kreta, floh Sarpedon, ließ sich in Kleinasien nieder und wurde dort Herr über das Land Lykien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nachdem Sarpedon gestorben war, stellte sich die Frage nach dessen Nachfolge als Herrscher über das Land. Sein Enkel, der Sohn seines eigenen Kindes Evander und der Laodamia (Tochter des Bellerophon), wollte dieses Erbe antreten. Doch Laodamia hatte zwei Brüder, die ebenfalls nicht auf das Land verzichten wollten.

Es entbrannte ein Streit und sie vereinbarten, dass demjenigen die Nachfolge zustand, der es vermochte, einem Kind einen Pfeil durch einen auf dessen Brust liegenden Ring zu schießen, ohne dass dem Kind ein Leid zugefügt werden sollte.

Als keiner sein Kind durch eine solch gefährliche Übung gefährden wollte, bot Laodamia ihren Sohn zur Erfüllung dieses Kunststücks an. Das Volk war von diesem Großmut zu begeistert, dass es kurzerhand den Jungen zu seinem Herrscher wählte.

Diese Geschichte erinnert durch den Schuss eines auf einem Kind liegenden Gegenstandes ebenfalls an Wilhelm Tell.

3.5. Der englische William of Cloudesly

Die englische Ballade von William Cloudesly wurde 1536 von einem unbekannten Autor verfasst. Sie umfasst 170 vierzeilige, gereimte Strophen und ist heute noch als Kinderballade erhalten.

Drei Rechtlose (Adam Bell, Clim of the Clough und William of Cloudesly) wurden aus der Stadt vertreiben und haben ein neues Zuhause im Wald gefunden. Als William seine Frau in der Stadt besucht, wird er gefangen genommen und ins Gefängnis geworfen. Seine zwei Freunde Adam Bell und Clim of the Clough suchen beim König, dessen Frau ihn schließlich zur Barmherzigkeit überredet, um Gnade an. Um schlussendlich frei zu kommen, muss William aber einen Apfel vom Kopf seines Kindes schießen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I have a sonne is seven yere olde;

He is to me full deare;

I will hyrn tye to a stake,

All shall see that be here;

And lay an apple upon hys head

And go syxe score paces hyrn fro,

And I my selfe, with a brode arrow,

Shall cleve the apple in two.[10]

Das Vorhaben gelingt und William und seine Freunde werden schließlich wieder in die Dorfgemeinde eingegliedert.

3.6. Resümee:

Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei Wilhelm Tell um eine historische Persönlichkeit der Schweiz handelt, kann nahezu ausgeschlossen werden. Anzunehmen ist, dass nordische Handelsreisende den Mythos des Bogenschützen in die Schweiz gebracht haben.

Zudem sprechen einige Fakten ziemlich eindeutig gegen die Existenz Tells:

- Der Name „Wilhelm Tell“ erinnert, wie bereits erwähnt, eher an die Bezeichnung einer Person, denn an einen Namen.
- Tell gibt an, falls der Schuss misslingen und er sein Kind verletzen würde, der zweite Pfeil auf Gessler gerichtet wäre. Aus waffentechnischer Perspektive ist allerdings anzumerken, dass nur ein Bogenschütze in der Lage wäre, einen neuen Pfeil so schnell einzulegen und abzuschießen. Ein Armbrustschütze, wie Tell einer war, benötigt viel mehr Zeit und wäre in Anbetracht auf sein Vorhaben längst aus dem Verkehr gezogen worden, ehe er den Landvogt zur Strecke gebracht hätte.
- Eine Armbrust war zur Zeit Wilhelm Tells viel zu teuer, als dass ein Schweizer Bauer und Jäger sich eine solche leisten hätte können.
- In Schillers Stück, sowie in diversen Chroniken, wird vom Fall der Burgen Zwing-Uri, Schwanau, Landenberg und Rotzberg berichtet. Allerdings sind urkundlich keine Burgen außer Neu-Habsburg als habsburgerischer Besitz in der Schweiz deklariert. Auch archäologische Befunde von gewaltsamer Zerstörung der Schweizer Festungen auf den untersuchten Plätzen fehlen. Rotzberg und Schwanau waren zudem schon im 13. Jahrhundert verlassen.[11]
- Einen Landvogt mit Namen Gessler hat es nie gegeben. Im 13./ 14. Jahrhundert existierte aber ein Schweizer Feudalherr und Ritter mit Namen Tillendorf, der gewaltsam gestürzt worden ist. Der Name des Ritters könnte auch mit der anfangs erwähnten Beschreibung „Tillen-Willi“ zusammenhängen. Trotzdem sind solche Theorien nur sehr vage und unwahrscheinlich.

4. Die Quellen der Tell-Legende

4.1. Früheste Erscheinungen (ab 15. Jahrhundert)

Die früheste Fassung der Tellgeschichte ist in einer Volksballade von Bänkelsängern im 15. Jahrhundert überliefert.

Allerdings bestätigt kein Zeitdokument mit Sicherheit die Existenz Wilhelm Tells. „Alles weist jedoch darauf hin, dass sich tatsächlich etwas Einzigartiges ereignet hat, dass jemand ein Zeichen gesetzt hat zum Widerstand gegen fremde Einmischung. Ein Ereignis, das sich tief in die Erinnerung des Volkes festgesetzt hat.“ [12]

4.2. Das „Weiße Buch“ von Sarnen (~1470)

Die erste vollständige Tellgeschichte findet sich um ca. 1470 im „Weißen Buch von Sarnen“, benannt nach seinem weißen Pergamenteinband. Hierbei handelt es sich um ein Kompositum von einem schmalen chronikalischen Teil und einem Urkundenbuch, das der Landsschreiber Hans Schriber ca. zwischen 1470 – 1472 verfasst hatte. Er brachte dort die mündlichen Überlieferungen der Bevölkerung zu Papier. Schriber berichtet von den Ereignissen um Melchthal und Baumgarten, dem Geheimbund und vom Schützen Tell. Auch der berühmte Apfelschuss wird erwähnt.

Tell bzw. Tall, wie er dort heißt, tritt hier zwar nicht als der Befreier des Vaterlandes auf, wie später im „Tellenlied“, sein Schicksal führt jedoch zu einer derartigen Empörung und Erbitterung seiner Zeitgenossen gegen die Habsburger Tyrannen, dass dadurch indirekt der Aufstand der Eidgenossen ausgelöst wird.[13]

Den eidgenössischen Bund an sich schließen Walther Fürst, Werner Stauffacher und Arnold vom Melchthal: „der Stöupacher von Switz vnd einer der Fürsten von Vre vnd der vsser Melche vön Vnderwalden vnd klagt jek­licher dem andern sin nöt vnd sin kümber vnd wurden ze rat vnd swüren ze semmen“.[14]

Laut Dr. Karl Meyer stand dem Chronisten wahrscheinlich eine Art Protokoll von der Bundesgründung zur Verfügung. Solche Protokolle gab es auch in den Urschweizer Kantonshauptorten Altdorf, Schwyz und Stans, wobei die meisten wohl den Feuersbrünsten zum Opfer gefallen sind. So brannte es in Altdorf das erste Mal 1440. 1799 fiel die Kirche samt dem Archiv dem Feuer zum Opfer.

Laut Bruno Meyer verfasste der Beamte das Buch nach eine Vorlage, die bereits um 1420 entstanden sein musste.[15] Christoph Pfister gibt im Jahre 2003 an, dass das „Weiße Buch“ eindeutig von der Berner Chronik von Konrad Justinger beeinflusst wäre, welche schon um 1430 verfasst worden war. Die Ähnlichkeit der Befreiungsgeschichte Berns mit jener der Waldstätte sein unübersehbar. Diese Abhängigkeit scheint wissenschaftlich bewiesen zu sein.

Zudem verweist er darauf, dass es keinen Beweis dafür gäbe, dass das „Weiße Buch von Sarnen“ wirklich zu dieser Zeit geschrieben worden ist. Beinahe alle erzählenden Quellen zum Ursprung und zur älteren Geschichte der Eidgenossenschaft wurden in Bern geschrieben. Zweifelsfrei festzustellen war, dass Michael Stettler und sein Umkreis im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts alle wichtigen Chroniken zur Geschichte Berns und der Eidgenossenschaft verfasst haben. Allerdings jeweils unter verschiedenen Namen und in verschiedenen Fassungen.

Es liegt also nahe, dass auch die älteste, dem Chronisten Justinger zugeschriebene Berner Chronik eine solche Stettler’sche Schöpfung ist. Sollte dies stimmen, würden sich natürlich auch das Alter dieser Chronik und in der Folge auch das Alter des „Weißen Buchs“ verschieben. Es müsste dann ca. 150 Jahre später datiert werden, also um 1620/1630.

Ulrich Seiler berichtet in seinem Online-Buch "Aufsatz zur 150-Jahr-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft (1848-1998), Erbe, Ansatz zu einem neuen Verständnis der Europäer und Schweizer Geschichte“ [16] von der Abschrift einer des Sachsler Kirchenbuchs, welche jemand um 1492 im Umschlag des „Weißen Buches“ versteckt haben soll. Durch dieses Dokument – das Sachsler Kirchenbuch ging im 16. Jahrhundert verloren – kann angeblich bewiesen werden, dass es sich beim „Weißen Buch“ von Sarnen wörtlich um „eine großartig gelungene `Public Relation Aktion`“ [17] handelt.

4.3. Das „Alte Tellenlied“/ „Das Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft“ (1477)

Dieses Lied entstand nach dem Burgunderkrieg ungefähr im Jahre 1477. Es besingt das Werden und Wachsen der Eidgenossenschaft und Tells Apfelschuss.

Weiters handelt es auch von der Drohung des Vogts und der folgenreichen Antwort Tells.[18]

[...]


[1] Siehe www.ziffern.de/siegmar/vornamen/Wilhelm.html

[2] Der Schweizer Historiker und Patriot Dr. Karl Meyer war Professor für Geschichte an der Universität Zürich. Er lebte von 1885 – 1951 und tat sich zeitlebens in seinen Artikeln als Landesverteidiger hervorgetan. Ende 1951 wurde er in der „Neuen Zürcher Zeitung“ als Historiker gewürdigt.

[3] Schiller, Friedrich: Wilhelm Tell. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2000, durchgesehene Ausgabe. S.72, Vers 1872.

[4] Der ehemaligen Homepage von Michael Kunz und seinem Artikel „Der Tellmythos“ entnommen. Diese Quelle ist allerdings mittlerweile nicht mehr im Internet auffindbar.

[5] Der lateinische Originaltext der „Gesta Danorum“ von Saxo Grammaticus (10.7.1 – 10.7.3) ist unter http://www.kb.dk/elib/lit/dan/saxo/lat/or.dsr/10/7/index.htm mit erleichternden Vermerken nachzulesen.

[6] Siehe zur Entstehung der Edda auch http://www.geocities.com/odinicde/mythen.html

[7] Siehe auch bei der Online-Edda http://www.amanita.de/content/edda/

[8] Siehe http://www.sungaya.de/schwarz/griechen/sarpedon.htm

[9] Siehe Grimm, Jakob: Deutsche Mythologie. 3 Bände, Nachdruck der von Elard H. Meyer besorgten 4. Auflage, Berlin 1875 – 1878, Wiesbaden: Drei Lilien Verlag 1992. S. 316.

[10] Gefunden unter den Kinderballaden auf http://www.sacred-texts.com/neu/eng/child/ch116.htm

[11] Siehe im „Historischen Lexikon der Schweiz“ unter „Befreiungstradition“. Online auf http://www.dhs.ch/

[12] Siehe www.tellmuseum.ch

[13] Der ehemaligen Homepage von Michael Kunz und seinem Artikel „Der Tellmythos“ entnommen. Diese Quelle ist allerdings mittlerweile nicht mehr im Internet auffindbar.

[14] Aus dem „Weißen Buch“ von Sarnen. Zitiert von Schmidt, H.R. in: Vor der Helvetik. Politische Verfassung, kulturelle Ordnung und soziale Konflikte. 2001.

[15] Siehe Meyer, Bruno: „Weisses Buch und Wilhelm Tell“. 1985. 3. Auflage. S.21. in „Die Tellsgeschichte“ auf www.tellmuseum.ch

[16] Siehe http://ulseiler.ch/ERBE/

[17] Siehe http://ulseiler.ch/ERBE/ Die These kann auf dieser Homepage im Teil II, Kapitel „Die Entmystifizierung der Weiss-Buch-Saga“ nachgelesen werden.

[18] Diese Information stammt von der Homepage des Schweizer Tellmuseums www.tellmuseum.ch Nach Suche in meinen früheren Unterlagen stieß ich auf einen Ausschnitt des Liedtextes, konnte aber weiters keine Quellen dazu mehr erörtern.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Friedrich Schiller "Wilhelm Tell" - Mythos oder Realität? Auf der Suche nach intertextuellen Bezügen
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,00
Autor
Jahr
2004
Seiten
63
Katalognummer
V57819
ISBN (eBook)
9783638521505
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Schiller, Wilhelm, Tell, Mythos, Realität, Suche, Bezügen, Thema Friedrich von Schiller
Arbeit zitieren
Claudia Braito (Autor), 2004, Friedrich Schiller "Wilhelm Tell" - Mythos oder Realität? Auf der Suche nach intertextuellen Bezügen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57819

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Friedrich Schiller "Wilhelm Tell" - Mythos oder Realität? Auf der Suche nach intertextuellen Bezügen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden