Wilhelm Tell, die Titelfigur von Schillers Drama, die Mythen, die ihn umgeben und seine Bedeutung für die Geschichte der Schweiz stehen im Mittelpunkt dieser Proseminararbeit. Zudem sollen intertextuelle Bezüge zwischen Schillers Tell, dem „echten“ Tell und der Geschichte hergestellt werden. Im Wesentlichen lässt sich die Legende von Wilhelm Tell wie folgt zusammenfassen: Wilhelm Tell, ein Schweizer Bauer und Jäger, ist unter seinen Landsgenossen als ehrbarer und hilfsbereiter Mensch bekannt. Als die Waldstätte durch die Tyrannei der Habsburger in ihrer Freiheit beschnitten werden, schließen sich Uri, Schwyz und Unterwalden zum Eidgenössischen Bund zusammen. Bei Nacht und Nebel schwören sie, sich im Kampf gegen die Tyrannen (Vögte) beizustehen. Tell beteiligt sich nicht an diesem Schwur, wird aber indirekt zum Auslöser für den Beginn der Schweizer Befreiungskämpfe. Als er dem am Marktplatz aufgestellten Hut, ein Symbol für die Macht der Vögte, nicht den nötigen Respekt erweist, wird er kurzerhand gefangen genommen. Der niederträchtige Landvogt Gessler zwingt Tell, einen Apfel vom Kopf seines Kindes zu schießen, andernfalls würde er den Jungen töten. Dem Schützen bleibt keine Wahl. Er nimmt zwei Pfeile, zielt mit einem auf die Frucht und schießt. Der Schuss gelingt, die beiden werden frei gelassen. Als Tell jedoch auf Gesslers Frage, was er denn mit dem zweiten Pfeil vor gehabt hätte, antwortet, er hätte den tyrannischen Vogt im Falle des Misslingens erschossen, wird er erneut gefesselt und auf Gesslers Schiff gebracht. Auf dem See kommt jedoch ein Sturm auf, Tell steuert das Boot durch das Unwetter und flüchtet an einer geeigneten Stelle von Bord. Daraufhin macht er sich auf dem Weg nach Küssnacht, wo er Gessler schließlich in der Hohlen Gasse aus dem Hinterhalt mit dem besagten zweiten Pfeil erschießt. Die Eidgenossen erobern - inspiriert durch Tells Mut - in der Folge zahlreiche Burgen, bis sie die Habsburger aus ihrem Land vertrieben haben.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Die Tell-Legende
2. Die Bedeutung des Namens „Wilhelm Tell“
3. Die Entstehung des Mythos vom heldenhaften Bogenschützen
3.1. Saxo Grammaticus: Gesta Danorum“ bzw. „Historia Danorum Regum Heroumque“
3.2. Die Legende von Egil
3.3. Olaf II. Haraldsson
3.4. Der griechische Sarpedon
3.5. Der englische William of Cloudesly
3.6. Resümee:
4. Die Quellen der Tell-Legende
4.1. Früheste Erscheinungen (ab 15. Jahrhundert)
4.2. Das „Weiße Buch“ von Sarnen (~1470)
4.3. Das „Alte Tellenlied“/ „Das Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft“ (1477)
4.4. Chronik von Melchior Russ von Luzern (1482)
4.5. Das Urner Tellenspiel (1511/ 1512)
4.6. Ägidius Tschudi: „Chronicon Helveticum“ (16. Jahrhundert)
4.7. Das „Entlebuecher Tellenlied“ (1653)
4.8. Johannes von Müller: „Geschichte schweizerischer Eidgenossenschaft“ (1786/ 1787)
5. Schillers „Wilhelm Tell“
5.1. Die Haupthandlungen
5.1.1. Das Individuum „Tell“
5.1.2. Das Bündniskollektiv
5.1.3. Der einheimische Adel
5.2. Die Bedeutung der Kernsszene
5.2.1. Das Symbol „Apfel“
5.2.2. Der „punctum saliens“
5.2.3. Resümee:
6. Intertextuelle Bezüge
6.1. Die Geschichte der Schweiz – Die Entstehung der Eidgenossenschaft
6.1.1. Die politische Situation ab dem 11. Jahrhundert
6.1.2. Der Bundesbrief 1291 und seine Verarbeitung im „Tell“
6.2. Die Französische Revolution
6.2.1. Der Verlauf der Französischen Revolution
6.2.2. Schillers Haltung gegenüber der Revolution
6.2.3. Der symbolträchtige „Hut“
6.3. Schillers „Tell“ im 19. Jahrhundert
7. Weitere intertextuelle Bezüge:
7.1. Der Bezug zur Bibel
7.2. Rousseaus Gesellschaftsvertrag
7.3. Wiederentdeckung „Tells“ für den Nationalsozialismus
7.4. Die Unterzeichnung des Staatsvertrages
7.5. Geographische Gegebenheiten der Schweiz und ihr Andenken bis heute
7.5.1. Die Teufelsbrücke und der Teufelsstein
7.5.2. Die Rütliwiese
7.5.3. Tell-Denkmäler
6.5.4. Die Tellskapelle
7.6. Beispiele für weitere Verarbeitungen der Tellsage
7.6.1. Tell in der Musik
7.6.2. Tell und Literatur
7.6.3. Amüsante Verarbeitungen
7.6.4. Traditionelles Rütlischießen
8. Bibliographie
8.1. Primärliteratur:
8.2. Internetquellen für Informationen und Bilder:
8.3. Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Mythos um Wilhelm Tell, wie er in Schillers Drama dargestellt wird, und beleuchtet dessen historische Bedeutung sowie die intertextuellen Bezüge, die den „echten“ Tell mit der Schweizer Geschichte verknüpfen. Ziel ist es, die Entwicklung der Legende und ihre Rezeption in verschiedenen historischen Kontexten kritisch zu hinterfragen.
- Analyse der historischen Herkunft und der Quellen der Tell-Legende
- Untersuchung der zentralen Handlungsstränge in Schillers Drama
- Vergleichende Analyse der Rolle von Tell und der Entstehung der Eidgenossenschaft
- Diskussion intertextueller Bezüge zu anderen historischen Ereignissen (z.B. Französische Revolution)
- Reflektion über die symbolische Aufladung und Instrumentalisierung der Figur
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung des Mythos vom heldenhaften Bogenschützen
Der Dänische Historiker Saxo Grammaticus (1150 - ~1216) verfasste Anfang des 13. Jahrhunderts auf Latein eine dänische Chronik, die „Gesta Danorum“ bzw. „Die Taten der Dänen“. Von den 16 Büchern dieses Werks wurden allerdings nur die ersten neun in andere Sprache übertragen, die Bücher 10 – 16 sind nur in Latein erhalten geblieben. In Buch 10 (Kapitel 7.1 – 7.3) spricht Saxo Grammaticus über den nordischen Helden Toko (von griech. „toxos“ = Pfeil), der dem Tell der Schweizer Befreiungsgeschichte verdächtig ähnlich ist.
Im 10. Jahrhundert war Toko ein Bogenschütze des Königs und saß eines Abends mit seinen Waffenbrüdern bei Tisch. Damals war es so Brauch, von seinen besonderen Fähigkeiten zu erzählen, um diese später unter Beweis zu stellen. Toko meinte angeheitert, er sei ein Experte im Bogenschießen und er könnte jeden Apfel, so klein er auch sein mag, aus jeder Distanz von einem Ast herunterschießen.
König Harald Harald Blauzahn (939 – 966 n. Chr.), ein bösartiger, verdorbener Mensch, der dies mit angehört hatte, befahl Toko unter Strafandrohung dies zu beweisen. Toko musste einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Er tat drei (nicht zwei wie Tell) Pfeile in seinen Köcher, schoss und traf. Auch er wurde wie Tell nach den anderen Pfeilen befragt und antwortete, dass er im Falle eines Fehlschusses, den König ermordet hätte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Tell-Legende: Zusammenfassende Darstellung der bekannten Sage über Wilhelm Tell, den Schuss auf den Apfel und den Aufstand gegen die Vögte.
2. Die Bedeutung des Namens „Wilhelm Tell“: Etymologische Untersuchung der Herkunft des Namens und dessen Bedeutung im historischen und sprachlichen Kontext.
3. Die Entstehung des Mythos vom heldenhaften Bogenschützen: Untersuchung nordischer und griechischer Sagen, die Ähnlichkeiten mit der Tell-Legende aufweisen, wie etwa die Geschichte von Toko.
4. Die Quellen der Tell-Legende: Historische Analyse der schriftlichen Überlieferungen und Chroniken, die maßgeblich zur Etablierung des Mythos beigetragen haben.
5. Schillers „Wilhelm Tell“: Analyse der Struktur und der zentralen Handlungsstränge sowie der symbolischen Bedeutung der Schlüsselszene in Schillers Drama.
6. Intertextuelle Bezüge: Untersuchung der historischen Kontexte, insbesondere der Entstehung der Eidgenossenschaft und der Französischen Revolution, sowie deren Spiegelung im Drama.
7. Weitere intertextuelle Bezüge: Betrachtung von Bezügen zur Bibel, zu Rousseaus Gesellschaftsvertrag und zur Rezeption während des Nationalsozialismus.
8. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der Internetquellen.
Schlüsselwörter
Wilhelm Tell, Friedrich Schiller, Schweizer Eidgenossenschaft, Apfelschuss, Mythos, Intertextualität, Rütlischwur, Französische Revolution, Nationalismus, Historizität, Legendenbildung, Literaturanalyse, Freiheitskampf, Gessler, Alpen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die historische Herkunft der Wilhelm-Tell-Legende, deren literarische Verarbeitung bei Friedrich Schiller sowie die mannigfaltigen intertextuellen Bezüge zu historischen Ereignissen und anderen kulturellen Kontexten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entstehung des Tell-Mythos, die Analyse des Dramas von Schiller, der Vergleich mit anderen Sagen und die politische Instrumentalisierung der Figur im Laufe der Geschichte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den „Mythos oder Realität“-Status der Tell-Legende zu hinterfragen und die Verbindungen zwischen Schillers Werk, der Schweizer Geschichte und anderen historischen Ideologien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine literatur- und quellenkritische Methode angewendet, bei der historische Chroniken, literarische Analysen und ein Vergleich mit anderen mythologischen Stoffen zurate gezogen wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Quellen des Mythos, eine detaillierte Analyse der Handlungsstränge bei Schiller sowie eine umfassende Betrachtung der intertextuellen Bezüge, insbesondere zur Französischen Revolution und zur Schweizer Nationalgeschichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Wilhelm Tell, Mythos, Intertextualität, Eidgenossenschaft und historische Rezeption charakterisiert.
Warum spielt die Französische Revolution eine Rolle in der Untersuchung?
Die Französische Revolution dient als zeitgeschichtlicher Vergleichspunkt, um Schillers Haltung zur gewaltsamen versus der „gerechtfertigten“ Befreiung des Volkes in seinem Drama zu erläutern.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit über die Existenz Tells?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass es sich bei Wilhelm Tell mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um eine reale historische Person handelt, sondern um eine literarische oder sagenhafte Bezeichnung, die nachträglich in die Geschichte der Schweiz integriert wurde.
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- Claudia Braito (Author), 2004, Friedrich Schiller "Wilhelm Tell" - Mythos oder Realität? Auf der Suche nach intertextuellen Bezügen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57819