Typologie und gattungshistorischer Ort der Drosteschen Ballade (Annette von Droste-Hülshoff)


Seminararbeit, 1997

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil

1. Theoretische Grundlagen der Literaturgattung Ballade
1.1 Forschungsüberblick zur Balladentypologie
1.2 Die wichtigsten Balladentypen im Überblick

2. Das Balladenwerk der Annette von Droste-Hülshoff
2.1 Allgemeine Vorbemerkungen zu den Grundstrukturen und zur Typologie des Balladenwerkes
2.2 Einzeluntersuchungen der Balladen
2.2.1 Die Droste-Balladen im Überblick (Kurzanalysen)
a) Der Graf von Thal
b) Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln
c) Das Fegefeuer des westphälischen Adels
d) Die Stiftung Cappenbergs
e) Der Fundator
f) Vorgeschichte (Second Sight)
g) Der Graue
h) Die Vendetta
i) Das Fräulein von Rodenschild
j) Der Geierpfiff
k) Die Schwestern
l) Meister Gerhard von Cöln. Ein Notturno
m) Die Vergeltung
n) Der Mutter Wiederkehr
o) Der Barmekiden Untergang und Bajazet
p) Der Schlosself
q) Kurt von Spiegel
2.2.2 Analyse inhaltlicher, formaler und sprachlich-stilistischer Besonderheiten der Droste-Balladen dargestellt am Beispiel Meister Gerhard von Cöln. Ein Notturno
2.3 Zusammenfassende Bemerkungen Abschlussbemerkung

Verzeichnis über benutze und zitierte Literatur

Einleitung

Am 10. Januar 1997 wurde der 200. Geburtstag der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff begangen. So spricht man in Literaturkreisen daher auch von einem Drostejahr. Nicht nur, aber gerade deshalb scheint es gewinnbringend, das Lebenswerk dieser Frau näher zu betrachten. Besondere Beachtung ist dabei ihren zahlreichen Balladen zu schenken.

Das Balladenwerk der Droste kann als ein Spiegel ihrer Seele bezeichnet werden. Sie war eine kleine, zarte und kränkliche Person. Dadurch war sie außergewöhnlich körperlich und seelisch empfindlich, was wiederum ihren ausgeprägten Sinn für Bilder und Gewalten des Lebens zur Folge hatte. In allen ihren Werken ringt und bemüht sie sich, die Fügungen Gottes zu verstehen und aufzuzeigen. Ihre Balladen sind dem heimatlichen, dem westfälischen Boden entwachsen, atmen Kraft und dramatische Wucht; manchmal sind die aber so gedrungen, dass Klarheit und erstes Verständnis darunter leiden. Viele Aspekte erschließen sich erst bei mehrmaligem Lesen.

Ziel dieser Abhandlung ist es, den typologischen und gattungshistorischen Ort des Balladenwerks der Annette von Droste-Hülshoff aufzuzeigen. Dabei werden in einem ersten literaturtheoretischen Abschnitt überblicksartig die zum Verständnis notwendigen Grundlagen zur Balladentheorie vorgestellt und in einem zweiten Teil die Balladen der Droste-Hülshoff zunächst einzeln, dann synoptisch untersucht. Daran anschließend soll in der Zusammenfassung bzw. im Ausblick noch kurz der Frage nachgegangen werden, welchen Stellenwert die Balladen innerhalb der Gattung sowie in der Restaurations- und Biedermeierzeit einnehmen.

1. Theoretische Grundlagen der Literaturgattung Ballade

1.1 Forschungsüberblick zur Balladentypologie

Nach den vorausgegangenen allgemeinen Vorbemerkungen folgt zunächst, bevor das Balladenwerk der Droste konkret untersucht werden soll, ein kleiner literaturtheoretischer Überblick zur Gattung Ballade.

So definiert Wolfgang Kayser[1] beispielsweise diese als eine Gattung, die sich im Lauf der Zeit als bestimmte epische Kunstform herausgebildet hat, die in strenger, meist strophischer Form und knappem Aufbau ein Geschehen als schicksalhafte Begegnung gestaltet, wobei sich der Stoffbereich von Geschichte, Sage und Mythos in letzter Zeit auch auf das Soziale ausgedehnt hat, woraus sich folgern lässt, dass eine gewisse künstlerische Verwandtschaft zur knappen epischen Prosaform der Novelle besteht. Von den zahlreichen Definitionsversuchen – hierzu ließen sich in der Literatur noch viele weitere Beispiele, wie Winfried Ulrich oder Ivo Braak, finden, doch dies ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung – seien nur noch Goethes Bemerkungen im Anschluss an seine Ballade vom vertriebenen Grafen zitiert:

Die Ballade hat etwas mysteriöses ohne mystisch zu sein; diese letzte Eigenschaft eines Gedichtes liegt im Stoff, jene in der Behandlung. Das Geheimnisvolle der Ballade entspringt der Vortragsweise. Der Sänger [...] bedient sich [...] aller drei Grundarten der Poesie, um zunächst auszudrücken was die Einbildungskraft erregen, den Geist beschäftigen soll; er kann lyrisch, episch, dramatisch beginnen, und, nach Belieben die Formen wechselnd, fortfahren, zum Ende hineilen, oder es weit hinausschieben. [...] Hat man sich mit ihr vollkommen befreundet, wie es bei uns Deutschen wohl der Fall ist, so sind die Balladen aller Völker verständlich.[...] Übrigens ließe sich an einer Auswahl solcher Gedichte die ganze Poetik gar wohl vortragen, weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern, wie in einem lebendigen Ur-Ei zusammen sind, das nur bebrütet werden darf, um, als herrlichstes Phänomen, auf Goldflügel in die Lüfte zu steigen.[2]

Diese Aussagen sind deshalb für die Problematik der eindeutigen Gattungsdefinition von großer Bedeutung, weil Goethe in dieser Literaturform das Ur-Ei[3] der Dichtung sieht, in der Dramatik, Epik und Lyrik noch nicht voneinander getrennt sind. Clemens Heselhaus vertritt jedoch die Ansicht, Goethe wollte, indem er alle Gattungen der Dichtkunst vereint sah, den Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, vor die sich andere Literaturtheoretiker gestellt sahen.[4] Weitaus schwieriger zeichnet sich die Antwort auf die Frage nach einer einheitlichen, definitorisch festgelegten Balladentypologie aus. Paul Lang schreibt hierzu: Weit wichtiger als die Definition der Ballade, welche beiläufig, niemand gelingt, ist die Unterscheidung ihrer Unterabteilungen.[5]

Im Laufe der Gattungsgeschichte der Ballade, deren Wortursprung dem Provenzalischen <<balar>> [= tanzen] und <<balada>> [= kleines Tanzlied] bzw. dem Englischen <<balad>> [=Ballade] entstammt, haben sich verschiedene Arten und Unterarten herausgebildet, die sich wiederum mit der Zeit verändert und modifiziert haben. Weißert stellt einige Systematiken verschiedener Literaturwissenschaftler vor, die in der folgenden Tabelle schematisch zusammengefasst und gegenübergestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Terminologie der Balladensystematik (eigener Entwurf, nach: Weißert, a.a.O., S.21 ff)

Anhand diese Übersicht lässt sich deutlich erkennen, dass – wie Weißert treffend schreibt – es nicht gelingen wird, eine geschlossene, allumfassende Systematik zu finden, schon allein deshalb nicht, weil sich viele Balladen unter verschiedenen Gesichtspunkten interpretieren lassen und deshalb auch unter mehrere Balladenarten eingeordnet werden können. Auch eine vollständige Systematik wird sich nicht finden lassen, da alle Vorgänge, sind sie nur zeitlich und inhaltlich begrenzt, Inhalte für Balladen sein können.[6]

Da an späterer Stelle von der typologischen Zuordnung der einzelnen Droste-Balladen zu lesen sein wird, erscheint aufgrund der vorgestellten terminologischen Vielfalt eine Begriffsdefinition einiger Balladenarten erforderlich.

1.2 Die wichtigsten Balladentypen im Überblick

Bei den folgenden Definitionsversuchen erfolgt eine Beschränkung rein auf die inhaltliche Komponente, die typisch für die jeweilige Balladengattung ist. Zunächst erfolgt die Definition der numinosen Ballade und einiger ihrer Unterarten. Thematisiert wird die Begegnung des Menschen mit übersinnlichen Wesen, Kräften, Mächten oder Erscheinungen, die in sein Schicksal spürbar eingreifen.

a) Die naturmagische Ballade

In der <<naturmagischen Ballade>> leben in der Natur Kräfte, die vom Menschen unerforschbar und unerklärlich sind, die ihrerseits den Menschen bedrohen oder aber ihm helfen können.

b) Die totenmagische Ballade

Die Begegnung mit Verstorbenen, den Toten oder gar direkt das Reich der Toten stehen im Vordergrund dieser Form. Das sogenannte Wiedergängermotiv ist hier in der volkstümlichen Überlieferung ein häufig auftretendes Motiv. Dabei lässt sich eine Beziehung zur Geister- und Gespensterballade feststellen.

c) Die Schicksalsballade

In dieser Art Ballade geht es um das für den Menschen unverstehbare Wirken außermenschlicher, übersinnlicher Kräfte, die aber im Gegensatz zur naturmagischen Ballade nicht konkret fassbar, sondern unpersönlich und abstrakt als Fatum zu begreifen sind.

Demgegenüber steht die Gruppe der historischen Ballade. Der Begriff <<historische Ballade>> gilt als problematisch, da sich hier bereits deutlich ein Überschneiden von Balladengattungen zeigt. Sowohl die heldische Ballade oder die Ideenballade als auch die numinose Ballade suchen ihre Stoffe in der Geschichte, in historischen Situationen. Als Exemplum sei Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln genannt, von dem an anderer Stelle noch die Rede sein wird. In dieser Gattungsunterart wird ein historisches Ereignis poetisch umgesetzt oder modifiziert.

2. Das Balladenwerk der Annette von Droste-Hülshoff

2.1 Allgemeine Vorbemerkungen zu den Grundstrukturen und zur Typolo- gie des Balladenwerkes

So verschieden die Balladen der Droste inhaltlich sind, so ist ihnen allen die Affinitiät zu geheimnisvoll-numinosen, schauerlichen und dramatischen Elementen gemeinsam. Als das zentrale Thema bzw. als ein zentrales Motiv der achtzehn Balladen formuliert Ronald Schneider die Verbindung von Schuld und Sühne. Erweist sich hier doch exemplarisch die Macht transzendenter Instanzen. Die Droste beschwört jedoch keineswegs naiv die Existenz jenseitiger Mächte – sie verlegt Ängste und Konflikte, Schauer und Grauen vielmehr in das Bewußtsein und die Erfahrungsperspektive ihrer Figuren.[7] Analog beschreibt Heinrich Kämmerer das Thema der Balladen als ein Gegenüber von Bürgerlich-Konventionellem und Gespenstisch-Dämonischem, in einer Mischung aus beschränkt-bürgerlicher Dichtungsausübung, abgründiger Tiefe und Bedeutsamkeit.

Die Droste-Balladen einer der oben dargelegten Möglichkeiten der Balladentypologie konkret zuzuordnen, das heißt bei einer Untersuchung vorher die möglichen Balladentypen festzulegen und davon ausgehend die Balladen einem Typ, quasi einem festgelegten Netz, zuzuordnen, scheint nicht für besonders sinnvoll. Deshalb soll zunächst kurz aufgezeigt werden, wie verschiedene Literaturwissenschaftler eine Einteilung vornahmen. Im Abschnitt 2.2 erfolgt eine individuelle Analyse jeder Ballade und vom Inhalt ausgehend eine gattungstypologische Zuordnung.

Schneider[8] gliedert, nachdem er die These voranstellt, es gibt die Hauptgruppen naturmagische bzw. Geisterballaden einerseits und historische, soziale (Schicksals-)Balladen andererseits, das Droste-Werk in Schicksalsballaden und Westphälische Balladen, wobei er letztere in Schauer- bzw. Geisterballaden und historische Schicksalsballaden unterteilt. Kämmerer[9] vertritt dagegen die Auffassung, die Droste vermenge die beiden Gattungen Gespensterballade und historische Ballade.

2.2 Einzeluntersuchung der Balladen

Im folgenden werden zunächst Entstehungsjahr, gattungstypologische Zuordnung und Thema aller achtzehn Balladen näher vorgestellt. Im Anschluss wird exemplarisch eine ausgewählte Ballade detailliert untersucht.[10]

2.2.1 Die Droste-Balladen im Überblick

a) Der Graf von Thal

Diese Ballade entstand neben einigen anderen Gedichten während des Aufenthalts der Droste bei ihrer Schwester Jenny von Laßberg in Eppishausen (Schweiz) vom 11. August 1835 bis 29. Oktober 1836.1 Es wird ein aus Rache motivierter Verwandtschaftsmord, den die Frau zu vereiteln weiß, indem die gegen ihren Eid zu schweigen, das Opfer warnt, dargestellt. Aufgrund der inhaltlichen Struktur lässt sich der Graf von Thal als Schicksalsballade bezeichnen.

b) Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln

Die Ballade DerTod des Erzbischofs Engelbert von Cöln entstand im Zusammenhang mit der Balladen-Produktion des Winters 1840/41 für Levin Schückings (1814-1883) `Das malerische und romantische Westphalen`. Die Entstehung wird auf die Zeit zwischen dem 22.April und dem 30.Mai 1841 datiert. Die Droste thematisiert hier den Konflikt eines aus den Fugen geratenen Adels mit der Obrigkeit. Wegen der Verarbeitung einer belegten geschichtlichen Begebenheit kann man von einer historischen Schicksalsballade sprechen.

[...]


[1] Vgl.: Wolfgang Kayser: Artikel Ballade in: Kleines literarisches Lexikon. Hrsg. von Wolfgang Kayser, Bd.1, Bern und München 1961, S.29.

[2] Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Schriften nach Epochen seines Schaffens. Hrsg. von Karl Richter. Bd. 13.1. (= Münchner Ausgabe), S. 505

[3] Ebd., S.505

[4] Vgl.: Weißert, Gottfried: Ballade. Stuttgart ²1993, S.5 . [=Sammlung Metzler]

[5] Lang, Paul in: Gottfried Weißert, a.a.O., S. 20

[6] Weißert, a.a.O., S. 22 f.

[7] vgl. Schneider, Ronald: Annette von Droste-Hülshoff. ²Stuttgart 1995, S. 81 [=Sammlung Metzler]

[8] vgl. Kämmerer, Heinrich: Zu den Ballade der Droste. In: Dichtung und Volkstum 36 (1935) S.231-240.

[9] vgl. Ebd. 231-240.

[10] Die Informationen zu Entstehungskontext und Interpretation in diesem Abschnitt folgen ausschließlich: Schneider, Thomas F.: Annette von Droste-Hülshoff. Die Balladen; Text/Dokumentation. Osnabrück 1995: vgl. S. 82, 177, 189-190, 202, 218, 221, 234-235, 240, 249, 254, 271, 284, 300, 310, 316, 332, 361, 367, 375, 378, 385, 393.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Typologie und gattungshistorischer Ort der Drosteschen Ballade (Annette von Droste-Hülshoff)
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar PS Annette von Droste-Hülshoff
Note
2
Autor
Jahr
1997
Seiten
20
Katalognummer
V5784
ISBN (eBook)
9783638135641
ISBN (Buch)
9783656229896
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überarbeitet 2002
Schlagworte
Typologie, Drosteschen, Ballade, Droste-Hülshoff), Proseminar, Annette, Droste-Hülshoff
Arbeit zitieren
Klaus Ludwig Hohn (Autor), 1997, Typologie und gattungshistorischer Ort der Drosteschen Ballade (Annette von Droste-Hülshoff), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5784

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