Das 'südliche Wort' im Gedicht 'Astern' von Gottfried Benn


Zwischenprüfungsarbeit, 2001
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Dichter und sein Verhältnis zu Nietzsche

3. Das „südliche Wort“ bei Gottfried Benn

4. Das Gedicht Astern- Versuch einer Deutung
4.1 Hintergrundinformationen zum Gedicht
4.2 Das „südliche Wort“ in Astern
4.2.1 Zu dem Wort „Astern“
4.2.2 Zu dem Blau
4.2.3 Zur Interpretation des Gedichts

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Semesterarbeit werde ich das „südliche Wort“ in Astern darstellen, das eine große Rolle für die Interpretation der Werke Benns spielt.

Diese Semesterarbeit gliedert sich in drei Teile, denen eine abschließende Schlussbemerkung folgt. Zunächst wird der Dichter Gottfried Benn und sein Verhältnis zu Nietzsche betrachtet, damit wir die zugrunde liegenden Gedanken des Dichters erfahren.

Im zweiten Teil werde ich das „südliche Wort“ bei Gottfried Benn im allgemeinen vorstellen, das in den Werken Benns als Leitmotiv anzutreffen ist. Im dritten Teil,

dem Kern der Arbeit, wird auf das Gedicht Astern eingegangen. Dieser Teil behandelt zuerst das Gedicht Astern nach formalen Aspekten und im epochengeschichtlichen Kontext. Dann wird das „südliche Wort“ in Astern analysiert. Vor der Analyse werde ich die Bedeutung von den „Astern“ und dem Blau kurz vorstellen. Obwohl das Blau im Gedicht namentlich nicht genannt, sondern durch andere Wörter impliziert wird, schaffen die „Astern“ und das Blau zusammen die Einheitlichkeit des Gedichts. Am Ende des dritten Teils wird das Gedicht hinsichtlich des „südlichen Wortes“ interpretiert.

2 Der Dichter und sein Verhältnis zu Nietzsche

Gottfried Benn ( 1886 –1956 )

Wenn wir über die Motive bei Benn sprechen, kann man den philosophischen Einfluss Nietzsches auf ihn kaum ignorieren. In Anlehnung an Nietzsche verarbeitet Benn nicht nur die Philosophie Nietzsches, sondern Nietzsche zeigt für Benn auch den Weg zu einer neuen Stilrichtung.

Nietzsche schien der erste europäische Nihilist zu sein. Der Grundzug der nihilistischen Philosophie besagt, Leben und Welt seien ohne Sinn. Da der Nihilist dem Leben jeden Sinn abspricht, erkennt er keine Lebenstragik. Er betrachtet alle Lebensbereiche sowie jede Geistes- und Willenshaltung als Illusion.

Was die nihilistische „Umwertung aller Werte“ betrifft, so hat sie Benn mit der ästhetischen Theorie betrachtet, die aussagt, dass „die Welt [...] nur als ästhetisches Phänomen angemessen zu deuten [sei]“1. Für Benn ermöglicht diese Theorie Nietzsches eine neue Stilrichtung, welche die Form und die Worte in den Mittelpunkt stellt.

Benn hat den Ersten und Zweiten Weltkrieg als Militärarzt erlebt. Als beamteter Arzt war er in einer merkwürdigen und unerklärlichen Weise erschöpft. Das wirkte auf sein philosophisches Denken. Seine Sicht des Menschen steht im Zeichen der Tragik, welche die Menschen als leidende Wesen kennzeichnet, die nur für einen kurzen Augenblick glücklich sein können. Sie selbst besitzen kein Selbstsein und verleugnen die Wirklichkeit, die sich bald in Tod und Nichtsein verwandelt.

Noch wichtiger ist, dass für Benn und Nietzsche Gott lediglich vom Menschen erschaffen worden ist. Deswegen ist die Vereinigung mit Gott, wie das ewige Dasein nach dem Tod, ein fernes unabsehbares Glück. Trotzdem glaubt Benn, dass Tod und Traum zu diesem glücklichen Zustand führen. Man trennt sich durch den Traum von der Wirklichkeit und dem Individuellen.

Beachtenswert ist, dass der kurze glückliche Traum auch bald ins „Nichts“ mündet, wie im Gedicht Astern: „Die Schwalben streifen die Fluten

Und trinken Fahrt und Nacht.“

Ich werde später erörtern, dass Benn selbst mit sich im Widerspruch steht; nämlich dass er die Kunst erschafft, aber inhaltlich gesehen nicht an sie glaubt.

Benn übernimmt die philosophischen Hauptgedanken Nietzsches, die Eröffnung neuer Perspektiven und neuer Horizonte; die Welt zu sehen und zu deuten nach dem Zusammenbruch aller Dinge. Benn stellt sie in seiner Poetik

dar. Das „südliche Wort“ hat eine Form, die als neue Möglichkeit der Weltsicht erscheint.

3. Das „südliche Wort“ bei Gottfried Benn

„Ich finde nämlich in mir selber keine Kunst, sondern nur in der gleichen biologisch gebundenen Gegenständlichkeit wie Schlaf oder Ekel die Auseinandersetzung mit den einzigen Problem, vor dem ich stehe, es ist das Problem des südlichen Worts2

Das „südliche Wort“ ist ein wesentlicher Bestandteil eines poetisch-lyrischen Verfahrens, das für Benns Lyrik charakteristisch ist.

Das „südliche Wort“ wird erstmals nach dem Ersten Weltkrieg von Benn erwähnt. Benn richtet seine Gedanken auf die geschichtsphilosophische Orientierung. Seine Werke werden von einer abendländischen Kulturkrise, die durch die Erschütterung des Ersten Weltkrieges beeinflusst wurde, bestimmt. Die europäische Geschichte verliert damals für ihn die Kontinuität und entfernt sich weiterhin immer mehr von den antiken Frühkulturen. Benn wendet sich deshalb zu den antiken Frühkulturen des Mittelmeerraums, wo er das Südmotiv zentriert sieht. Das Südmotiv stellt das Erlebnis vom Einssein zwischen Geist und Natur, Ich und Wirklichkeit dar.

Benn versucht das gegensätzliche Verhältnis zwischen Norden und Süden nachzuvollziehen, das für ihn die „Auseinandersetzung von Rationalität und dionysischer Entgrenzung“3 ist.

Der Süden besteht für Benn aus Träumen, Glück und Geborgenheit und hat außerdem die Eigenschaften des Mythischen, die für Benn nur in der Naturlyrik vorzukommen scheinen.

Es geht um die Sehnsucht nach einer Vereinigung mit dem vollkommenen Sein, die er mit dem Mittel des assoziativen Stils des südlichen Bildbereichs ausdrückt. Es überwiegt bei ihm ein Gefühl der Entfremdung, und der Blick auf das Südmotiv führt von einem ursprünglich schönen Harmonischen zu einer neuen Anschauung.

Das „südliche Wort“ bei Benn hat eine enge Beziehung zum schöpferischen Rausch, aus dem ein schöpferischer Prozess resultiert. Benn versucht die Gegenständlichkeit durch das „südliche Wort“ darzustellen. Das heißt, es ist für Benn ausschlaggebend, dass sich seine Erfahrung der Entfremdung auf der sprachlichen Ebene abspielt, die durch Bildmotive vermittelt wird.

Für Benn fordert die dichterische Sprache zuerst den Durchbruch durch die überlieferten Sprachformen. Und dieser Durchbruch geschieht nun in der Berührung mit einem imaginären Süden.

Der Süden ersetzt somit kein klassisches Bild, sondern sollte den Durchbruch vollenden. Ein solcher Durchbruch entsteht dann in einem südlichen Bildbereich, wo das Einssein der Frühkulturen noch existiert.

Häufig lässt sich durch wenige Worte, die einen gemeinsamen Bedeutungsträger haben, die gemeinte Vision erkennen, die verdeutlicht und noch verstärkt wird.

Durch diese Sprachlichkeit entsteht eine neue dichterische Form.

Benn hält das Wort, hier das „südliche Wort“, für bedeutungsvoll. Es wird in den Mittelpunkt des Vorgangs gestellt, da es die Wirklichkeit zertrümmert und durchstößt, und gleichzeitig die Freiheit des Gedichts schafft. Die Vermischung des distanzierten entfremdeten Ichs mit dem Südkomplex bedeutet die Aufhebung des Bewusstseins und die Verschmelzung mit der Welt.

Im Folgenden werde ich auf das „südliche Wort“ im Gedicht Astern eingehen.

Bei dem Versuch das Gedicht zu deuten werden wissenschaftliche Interpretationen mit einbezogen.

[...]


1 Bruno Hillebrand : Gottfried Benn und Friedrich Nietzsche, In : Gottfried Benn, Hrsg. von Bruno Hillebrand, Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1979, S. 412.

2 Gottfried Benn : zitiert nach Tribüne der Kunst und Zeit, Eine Schriftensammlung von Kasimir Edschmid, XIII. Schöpferische Konfession, 2. Aufl., Berlin 1920, S. 49.

3 Paul Requadt : Gottfried Benn und das „südliche Wort“, In : Gottfried Benn, Hrsg. von Bruno Hillebrand, Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1979, S. 165.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das 'südliche Wort' im Gedicht 'Astern' von Gottfried Benn
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V57863
ISBN (eBook)
9783638521888
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wort, Gedicht, Astern, Gottfried, Benn
Arbeit zitieren
Napawan Masaeng (Autor), 2001, Das 'südliche Wort' im Gedicht 'Astern' von Gottfried Benn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57863

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