Funktionale Erziehung in ausgewählten ethnopädagogischen Fallstudien


Hausarbeit, 2006
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

1. Einleitung

1.1 Thema, Eingrenzung und Fragestellung

Zu den Grundbegriffen der Erziehung zählen die intentionale, die funktionale und die extensionale Erziehung.[1] Die Umsetzung dieser Grundbegriffe, im Besonderen des Begriffs der funktionalen Erziehung, in traditionalen Kulturen soll Thema dieser Hausarbeit sein.

Aus der Fülle des vorhandenen Quellenmaterials werden vier verschiedene Völker ausgewählt und die von ihnen praktizierte funktionale Erziehung während der Kindheit und Jugendphase beschrieben. Ebenso beziehen sich die weiteren Ausführungen im wesentlichen auf die bei diesen Völkern feststellbaren Beobachtungen.

Aus den anfänglichen Reise- und Erlebnisberichten der frühen Forscher des 18. und 19. Jahrhunderts hat sich eine umfassende Wissenschaft etabliert; die Ethnologie. Heutzutage ist möglich auf eine Fülle von Berichten, Beschreibungen und Analysen zurückzugreifen, und es stellt sich die öffentliche Meinung ein, dass scheinbar alles erforscht wäre. Auch werden traditionalen Kulturen häufig als rückständig bezeichnet, und der westliche Kolonialisierungstrieb, der heute teilweise unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe auftritt, hat auch im 20. Jahrhundert viel dazu beigetragen, die ursprünglich unberührten und isolierten Kulturen zu verfremden. Dabei erfreut sich die Ethnologie als Hilfswissenschaft in anderen wissenschaftlichen Disziplinen neue Beliebtheit. In der Ethnopädagogik wird besonderes Augenmerk auf die facettenreiche Erziehung bei traditionalen Kulturen gelegt. Der Nutzen solcher wissenschaftlicher Bemühungen ergibt sich letztlich dadurch, dass erst durch die Analyse scheinbar fremdartiger Entziehungsverfahren eine völlig neue Sicht auf unserer eigenen Erziehungsmethoden ermöglicht wird. Welchen Einflussfaktoren Erziehung ausgesetzt ist und wie sich auch die individuelle Lebensweise in der Erziehung niederschlägt ist an Hand der Betrachtung fremder Kulturen gut nachvollziehbar und soll in dieser Hausarbeit dargestellt werden.

1.2 Methode

Um den teilweise umstrittenen Begriff der funktionalen Erziehung zumindest für den Umfang dieser Hausarbeit eindeutig festzulegen, wird dieser zunächst umfassend in seiner Bedeutung umschrieben und hinsichtlich seiner wesentlichen Merkmale klassifiziert.

Daran anschließend werden vier unterschiedliche traditionalen Kulturen hinsichtlich ihrer Lebensweise, insbesondere bezüglich ihrem Umgang mit Kindern und Heranwachsenden, beschrieben. Nachfolgend wird der Aspekt der funktionalen Erziehung dieser Völker an Hand von beobachtbaren Beispielen dargelegt. Dabei wurde besonderes Augenmerk auf die Herausstellung von Parallelen und Unterschieden zwischen den Kulturen gelegt. In einer anschließenden zusammenfassenden Darstellung werden die markantesten Feststellungen noch einmal beleuchtet und mögliche Ursachen für zunächst unverständliche Sachverhalte gesucht.

Abschließend wird in einem Fazit Stellung genommen und sowohl der wissenschaftliche Nutzen, als auch der Nutzen für die Allgemeinheit von ethnopädagogischer Forschung und der Vielschichtigkeit traditionaler Erziehung aufgezeigt.

1.3 Forschungstand und Quellenlage

Der langen Tradition der Ethnologie zufolge ist es möglich, aus einem schier unerschöpflichen Repertoire von Quellen auszuwählen. Dabei war es aber wichtig, einen wissenschaftlich möglichst unbelasteten Text auszuwählen, da sich nicht auf bereits vorhandene wissenschaftliche Arbeit bezogen werden sollte, sondern auf möglichst unverfälschte Fallstudien einzelner Völker. Für die Beschreibung der Erziehungsbegriffe ist ebenfalls eine reiche Auswahl an Literatur vorhanden. Hier hat sich angeboten Literatur von jenen Autoren auszuwählen, die sich ihrerseits bereits mit der Thematik der Ethnopädagogik auseinander gesetzt haben. Aufgrund der hohen Nachfrage und der Aktualität der wissenschaftlichen Diskussion ist es sowohl in der Ethnologie als auch in der Ethnopädagogik möglich, auf sehr aktuelle Literatur zurückzugreifen. Ebenso sind viele ältere Beschreibungen und Berichte wissenschaftlich überarbeitet und verfügbar.

2. Funktionale Erziehung

Neben dem Begriff der intentionalen und extensionalen Erziehung findet sich in pädagogischer Fachliteratur auch der funktionale Erziehungsbegriff.[2] Dieser wurde u. a. 1922 v Ernst Krieck angeführt und drückte damals bereits das Wesentliche aus: „Alle erziehen alle jederzeit“[3], womit er gerade die gesellschaftliche Dimension der Erziehung darlegen wollte. Besonders die ethnologische Literatur bietet ein breites Spektrum an Beispielen funktionaler Erziehung, da kulturelle Unterschiede eine sehr kontrastreiche Darstellung solcher Prozesse erlauben.[4] Die genauere Bedeutung dieser Erziehungsform, die durch fachliche Diskussion nicht homogen abgebildet und auch als beiläufige Erziehung oder Sozialisation[5] beschrieben wird, soll nun beleuchtet werden.

2.1 Grundverständnis funktionaler Erziehung

Der wesentliche Unterschied zu anderen Erziehungsbegriffen stellt sich durch die fehlende Absicht der Erziehungshandlung dar. Diese zunächst widersprüchliche Erklärung wird einleuchtend, wenn es zugelassen wird, die erzieherischen Scheuklappen abzunehmen und sich von der Dominanz des traditionell intentionalen Erziehungsverständnisses abzuwenden. Allein vom Begriff functio lässt sich auf den Kern der funktionalen Erziehung schließen; eine Tätigkeit, eine Ausübung.[6] Es wird der erzieherische Lerneffekt betrachtet, der durch eine Handlung eintritt, mit der der Handelnde keine erzieherischen Absichten verfolgt. Krieck beschreibt die besondere Art und Weise der Betrachtung funktionaler Erziehung als Erziehung vom Ende bzw. der Wirkung her betrachtet, nicht, wie bei der intentionalen Erziehung, vom Anfang bzw. der Absicht her.[7] Funktionale Erziehung ist also eine „latente Nebenfolge einer manifesten Handlung“[8], die Handlung selbst ist bewusst und beabsichtigt, der herbeigeführte Erziehungseffekt ist es nicht. In diesem Zusammenhang grenzt Krebs implizite Erziehung von funktionaler Erziehung ab.[9] Bei impliziter Erziehung tritt der erzieherische Effekt bereits während der Handlung ein, bei funktionaler Erziehung erst nach Abschluss der Handlung. Die Trennung der Begriffe in der Praxis ist aber aufgrund der retrospektiven Analyse der Beobachtungen schwer einzuhalten.

2.2 Aspekte funktionaler Erziehung

Grundvorrausetzung für das Gelingen funktionaler Erziehung ist die Anschaulichkeit des zu vermittelnden Lerninhaltes, da nur so eine Imitation der erlebten Handlung möglich wird. Hierbei ist die Entwicklungsstufe des Lernenden von Bedeutung, da die Handlung mit ihren Hintergründen, Zusammenhängen und Regeln sinnlich erfassbar und logisch nachvollziehbar sein müssen. Funktionale Erziehung erfordert daher ein überschaubares Umfeld und erkennbare Strukturen. Der hohe Abstraktionsgrad und fehlende Möglichkeiten zur sinnlichen Wahrnehmung sind Gründe für geringe Verbreitung funktionaler Erziehung in den spezifizierten Tätigkeitsfeldern moderner, technisierter Gesellschaften.[10]

Ungehinderte Teilnahme an der Handlung ist eine weitere Vorraussetzung. Der Zögling muss in der Lage sein an der Gesamtheit der Handlung teilzunehmen. In traditionalen Kulturen und auch in unserer eigenen kulturellen Vergangenheit ist und war dies möglich, da dort die Kinder ganztägig die relativ unspezifische Arbeit der Erwachsenen begleiten können. Die Spezialisierung unserer Arbeitswelt mit komplexen, abstrakten Arbeitsgängen macht dies unmöglich.

Funktionale Erziehung beruht auf der Gleichförmigkeit der Handlung. Für den Lernenden muss also eine Kontinuität des Prozesses erkennbar sein. Dies kann durch Wiederholung und Regelmäßigkeit erreicht werden. Das erfordert hohen zeitlichen Aufwand, führt aber zum Erkennen des Normalvorgangs der Handlung und möglichen Abweichungen, was wiederum Handlungs- und Wissenskompetenz entstehen lässt.[11]

Durch das Lernen und Erziehen anhand von quasi vorbildhaftem Verhalten wirkt die funktionale Erziehung auch reproduktiv, da sie durch konservative Übernahme dieses Verhaltens selbiges tradiert und weiterführt. Hierbei kann es aber zu unterschiedlichen Auffassungen des kontroversen Begriffes Funktional/Funktionieren kommen, da dies ja eine kritiklose Übernahme erlebten Verhaltens im Sinne im System funktionieren bedeuten könne. Der Begriff der funktionalen Erziehung muss aber zunächst inhaltsleer, also ohne Bewertung des eigentlich Vermittelten, betrachtet werden. „Im übrigen kann man ja auch kritisches Denken und Selbstbewusstsein funktional lernen (und vermutlich besser als durch intentionale Erziehung!)“[12]

Ein weiterer Aspekt funktionalen Erziehens ist die Zeitersparnis des Erziehenden, da er neben seiner eigentlichen Tätigkeit quasi parallel erzieht. Da dies keiner erzieherische Planung oder Kenntnisse bedarf, benötigt funktionale Erziehung keine Ausbildung und keinen Mehraufwand, ist also aus Sicht des Erziehers „praktisch geschenkt“[13].

Auf der anderen Seite kostet funktionale Erziehung aber auch Zeit, was sich nicht auf die Zeit des Einzelnen, sondern auf die Zeit des Lernprozesses selber bezieht. Durch das hohe Maß an Wiederholungen des gleichen Vorgangs, die nötig sind, um entsprechende Verhaltensänderungen beim zu Erziehenden hervorzurufen, können sich funktionale Erziehungsprozesse über lange Zeiträume erstrecken.

Der funktionale Erziehungsbegriff muss zudem recht weit gefasst werden, da nicht nur eine Handlung selber, sondern auch Dinge an sich sowie geographische und klimatische Erlebnisse als Nebenfolge eine erzieherische Wirkung herbeiführen können. Diese weite Begriffsfassung wird kontrovers diskutiert, wobei sich viele Argumentationen darauf beziehen, dass der weite Begriff der funktionalen Erziehung nicht dazu geeignet ist, Wissen zu vermehren und klare Aussagen im Bereich der Erziehungswissenschaften zu treffen, somit unwissenschaftlich sei. Dagegenzuhalten ist aber, dass Definitionen an sich prinzipiell keine Aussagen über empirische Wirklichkeit treffen, sondern vielmehr Ordnung in wissenschaftliche Denkprozesse bringen, wodurch dann erst Erkenntnisgewinn möglich wird. Es gibt folglich keine richtigen und falschen Definitionen, sondern mehr oder weniger fruchtbare.[14]

[...]


[1] Treml, Alfred K.: Allgemeine Pädagogik. Grundlagen, Handlungsfelder und Perspektiven der Erziehung. Stuttgart, Berlin, Köln, 2000. Seite 59 ff..

[2] Treml 2000. Seite 59.

[3] Krieck, Ernst: Philosophie der Erziehung. Jena, 1922.

[4] Treml 2000. Seite 74.

[5] Ebd. Seite 68.

[6] Ebd..

[7] Krieck 1922.

[8] Treml 2000. Seite 68.

[9] Krebs, Uwe: Erziehung in Traditionalen Kulturen. Quellen und Befunde aus Afrika, Amerika, Asien und Australien 1898-1983. Berlin, 2001. Seite 38.

[10] Treml 2000. Seite 69.

[11] Ebd. Seite 70.

[12] Treml 2000. Seite 71.

[13] Ebd..

[14] Treml 2000. Seite 72.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Funktionale Erziehung in ausgewählten ethnopädagogischen Fallstudien
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Professur für Allgemeine Pädagogik unter Berücksichtigung ihrer systematischen und philosophischen Grundlagen)
Veranstaltung
Ethnopädagogik als interkulturelle Pädagogik
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V57879
ISBN (eBook)
9783638522038
ISBN (Buch)
9783638665605
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zu den Grundbegriffen der Erziehung zählen die intentionale, die funktionale und die extensionale Erziehung. Die Umsetzung dieser Grundbegriffe, im Besonderen des Begriffs der funktionalen Erziehung, in traditionalen Kulturen soll Thema dieser Hausarbeit sein. Aus der Fülle des vorhandenen Quellenmaterials werden vier verschiedene Völker ausgewählt und die von ihnen praktizierte funktionale Erziehung während der Kindheit und Jugendphase beschrieben.
Schlagworte
Funktionale, Erziehung, Fallstudien, Ethnopädagogik, Pädagogik
Arbeit zitieren
Michael Witzel (Autor), 2006, Funktionale Erziehung in ausgewählten ethnopädagogischen Fallstudien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57879

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