Antisemitismus und Antiamerikanismus sind feste Bestandteile des politischen Diskurses in den europäischen Gesellschaften. Insbesondere seit den Anschlägen des 11.Septembers 2001 haben sich alte Stereotype und Feindbilder wieder verstärkt offenbart. Aufbauend auf begriffliche Eingrenzungen werden in der vorliegenden Arbeit die Diskurse der letzten Jahre untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 BEGRIFFLICHE DEFINITIONEN
2.1 Antiamerikanismus
2.2 Amerikahass und Antisemitismus – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
2.3 Sekundärer Antiamerikanismus und Antisemitismus
3 GESCHICHTSREVISIONISMUS
4 EUROPÄISCHE IDENTITÄT ALS NICHT-AMERIKA
5 DEUTSCHE ÖFFENTLICHKEIT NACH 9/11
5.1 Intellektuelle Reaktionen und die „Friedensbewegung“
5.2 Schröders Wahlkampf
5.3 Verschwörungstheorien als Bestseller
6 AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Antiamerikanismus als tief verwurzelten Bestandteil der deutschen politischen Kultur und analysiert dessen strukturelle Ähnlichkeiten zum Antisemitismus. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie antiamerikanische Ressentiments in der bürgerlichen und intellektuellen Öffentlichkeit instrumentalisiert werden, um eigene nationale Identitätsprozesse zu stärken oder historische Schuld zu relativieren.
- Historische Kontinuität und ideologische Funktionen von Antiamerikanismus
- Strukturelle Analogien zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus
- Geschichtsrevisionismus als Mittel der Projektion und Entlastung
- Die Rolle antiamerikanischer Narrative in der deutschen Öffentlichkeit nach 9/11
- Konstruktion einer europäischen Identität durch Abgrenzung („Nicht-Amerika“)
Auszug aus dem Buch
3 Geschichtsrevisionismus
„Die konsequenteste antisemitische Strategie nach 1945 ist zweifelsohne die Leugnung des Holocaust. Weitaus häufiger und erfolgsversprechender ist jedoch die Bagatellisierung und Relativierung der Judenvernichtung“
Traditionell war der Antiamerikanismus als ein gegen die Moderne gerichteter Reflex ein Phänomen der Konservativen. Das änderte sich mit dem Vietnamkrieg, der aus der studentischen Linken heraus als „faschistisch“ beschrieben wurde. In Deutschland wirkte diese Gleichsetzung als „projektive Entlastung“. Damit wurde „Amerika das auferlegt, was an der eigenen Geschichte auszuhalten so unerträglich war“.
An der Richtigkeit dieser Aussage hat sich nicht geändert, und doch sind NS-Vergleiche heute so populär wie wohl selten zuvor. Die politische Wirkung solcher NS-Analogien ist die Relativierung deutscher Schuld. Wenn angeblich überall Nazis am Werk sind, dann kann der NS doch nicht so einzigartig gewesen sein. Dabei sind diese Vergleiche speziell in Deutschland unter diesem Aspekt zu betrachten: „Sicher malen auch in anderen Ländern Friedensdemonstranten Hitlerbärte und Hakenkreuze auf Bush-Plakate – auch in den USA selbst – so unhistorisch das ist, es dient einer Dramatisierung vermeintlicher oder realer US-Kriegsverbrechen. In Deutschland ist das anders. Es ist eben ein Unterschied, ob die US-Außenministerin Slobodan Milosevic als einen „neuen Hitler“ bezeichnet oder ob Fischer und Scharping ein „neues Auschwitz“ in den Kosovo fantasieren“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die These, dass Antiamerikanismus ein historisch gewachsenes Feindbild ist, das als identitätsstiftendes Element innerhalb der europäischen Gesellschaft fungiert.
2 BEGRIFFLICHE DEFINITIONEN: Definition und Abgrenzung der Konzepte Antiamerikanismus, Antisemitismus sowie deren spezifisch sekundäre Ausprägungen.
3 GESCHICHTSREVISIONISMUS: Analyse, wie NS-Analogien und die Relativierung deutscher Schuld durch Antiamerikanismus zur „projektiven Entlastung“ genutzt werden.
4 EUROPÄISCHE IDENTITÄT ALS NICHT-AMERIKA: Untersuchung der Konstruktion einer neuen europäischen Identität durch die Abgrenzung von den USA, insbesondere im Kontext des Irak-Krieges 2003.
5 DEUTSCHE ÖFFENTLICHKEIT NACH 9/11: Erörterung der Reaktionen deutscher Intellektueller, der Rolle von Gerhard Schröders Wahlkampf und der Verbreitung von Verschwörungstheorien nach den Anschlägen.
6 AUSBLICK: Zusammenfassung der Kernthesen und Plädoyer für eine kritische Reflexion des Antiamerikanismus, um eine objektivere Auseinandersetzung mit deutschen und europäischen Problemen zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Antiamerikanismus, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus, politische Kultur, 9/11, Identitätsbildung, Schuldabwehr, Verschwörungstheorien, Deutschland, Europa, Ressentiments, Projektion, NS-Vergleiche, Friedensbewegung, Demokratie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Antiamerikanismus in Deutschland nicht als Reaktion auf konkrete US-Politik, sondern als ein fest verankertes, historisch gewachsenes Feindbild innerhalb der politischen Kultur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die strukturelle Nähe zum Antisemitismus, geschichtsrevisionistische Tendenzen in Deutschland, die Identitätsbildung Europas gegen die USA und diskursive Muster nach dem 11. September.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass Antiamerikanismus als spezifische Phobie fungiert, die zur psychologischen Entlastung und zur Stärkung nationaler sowie europäischer Identität instrumentalisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine diskursanalytische Herangehensweise unter Einbeziehung zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse, publizistischer Äußerungen und politikwissenschaftlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden begriffliche Grundlagen gelegt, der Geschichtsrevisionismus analysiert, die Konstruktion eines „Nicht-Amerika“ als europäische Identität untersucht und die deutsche Öffentlichkeit nach dem 11. September beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Antiamerikanismus, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus, Identitätsbildung und Schuldabwehr sind die zentralen Begriffe der Untersuchung.
Welche Rolle spielte der Wahlkampf von Gerhard Schröder im Jahr 2002?
Der Wahlkampf wird als Beispiel dafür angeführt, wie Politiker durch die bewusste Gegenüberstellung deutscher und amerikanischer Werte antiamerikanische Ressentiments zur Mobilisierung von Wählerstimmen nutzen konnten.
Wie werden Verschwörungstheorien im Kontext von 9/11 bewertet?
Der Autor zeigt auf, wie Bücher etwa von Andreas von Bülow antiamerikanische und antisemitische Narrative verbreiteten, indem sie angebliche „jüdische Macht“ oder eine Mitschuld des Mossad konstruierten.
Was meint der Begriff „projektive Entlastung“ in Bezug auf den Geschichtsrevisionismus?
Er beschreibt den Prozess, bei dem Deutschen ein Feindbild (Amerika) konstruieren, um von der eigenen, historisch belasteten Geschichte abzulenken und sich moralisch überlegen zu fühlen.
- Quote paper
- Felix Müller (Author), 2006, Antiamerikanismus als fester Bestandteil der politischen Kultur Deutschlands, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57900